Eingekapselt und vergessen

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Könnte noch teuer werden: Die strahlende Altlast der Enervie

thtrFernab vom „Platz der Impulse“: Enervie-Beteiligung stillgelegtes THTR-Atomkraftwerk an der Autobahn 2 Richtung Bielefeld. Der eigentlich denkmalwürdige Trockenkühlturm wurde 1991 gesprengt. Fotoquelle: HKG

Der Mensch ist vergesslich. Was war vor einer Woche, was vor einem Monat, vor einem Jahr, vor zehn Jahren? Die Dichte der Nachrichten erhöht sich ständig, ein Skandal löst den anderen ab (manchmal bleibt auch nur ein Skandälchen übrig).

Zum Beispiel 1989: Wenigstens die Älteren werden mit diesem Jahrgang die Umwälzungen in Osteuropa und den Fall der Mauer in Verbindung bringen, die Jüngeren aufgrund regelmäßiger staatstragend inszenierter Nationalfeiertage eine Ahnung davon haben.

Aber wem sagt das Kürzel „THTR“ noch etwas und was hat es mit 1989 zu tun?

Die vier Buchstaben stehen für Thorium-Hoch-Temperatur-Reaktor, ein Atomkraftwerk der anderen Art in Hamm-Uentrop, das 1985 den Betrieb aufnahm und mit nur 423 Betriebstagen 1989 stillgelegt wurde.

„Die Befürworter der neuen Technologie sprachen so, als werde hier quasi Bio-Atomkraft aus regionalem Anbau produziert“, beschrieb einmal die Süddeutsche Zeitung die Stimmungslage der damaligen Zeit.

Seitdem ist mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen und der THTR aus dem Bewusstsein der Menschen weitgehend verschwunden. Genauso verblichen ist die Tatsache, dass der Meiler immer noch steht – samt seines strahlenden Inhalts; der Reaktor enthält noch ca. 390 Tonnen radioaktive Anlagenbauteile.

Was vermutlich auch kaum jemand auf dem Schirm hat: Unser maroder heimischer Stromverteiler Enervie ist über die Tochter Mark-E mit 26 Prozent an der THTR-Betreibergesellschaft HKG beteiligt. Und in der lauern enorme Risiken.

Die HKG, die Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH Hamm-Uentrop war Bauherr des THTR. Gegründet wurde das Unternehmen 1968 in Hagen (!), die Muttergesellschaften waren mittelgroße und kleinere regionale Elektrizitätsversorger, darunter die damalige Elektromark, eine der beiden Vorläufer der heutigen Mark-E.

Die Baukosten des THTR wurden 1968 auf 300 – 350 Millionen D-Mark taxiert, zum Zeitpunkt des Baubeginns 1971 waren es schon 690 Millionen und am Ende wurden es dann 4 Milliarden D-Mark, was etwa 2,045 Mrd. Euro entspricht.

Bereits während der Inbetriebnahmephase traten so viele Probleme auf, dass die Stadtwerke Bremen ihren Anteil am THTR zum symbolischen Preis von einer DM an den damaligen HKG-Hauptgesellschafter Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) abgaben, um dem Haftungsrisiko zu entgehen.

Während einer Stillstandsphase ab September 1988 wegen gebrochener Haltebolzen in der Heißgasleitung übermittelte die HKG Ende November 1988 ein „vorsorgliches Stilllegungsbegehren“ an Bundes- und NRW-Landesregierung, um auf ihre prekäre finanzielle Lage aufmerksam zu machen. Die Bremer hatten also noch rechtzeitig den Absprung geschafft, denn anders als prognostiziert hatte sich der Betrieb des THTR als hochdefizitär herausgestellt und die finanziellen Reserven der HKG waren weitgehend aufgebraucht.

Ohne dauerhafte Lösung dieser finanziellen Probleme sah die Aufsichtsbehörde die Voraussetzungen für einen THTR-Weiterbetrieb nicht mehr als gegeben an, und der Reaktor blieb abgeschaltet. Im Sommer 1989 geriet die HKG dann an den Rand der Insolvenz und musste, da die Muttergesellschaften der HKG ohne höhere staatliche Zuschüsse keine weiteren Zahlungen leisten wollten, durch die Bundesregierung mit 92 Mio. DM und das Land NRW mit 65 Mio. DM gestützt werden.

Der Reaktor selbst wurde bis 1997 in den sogenannten „sicheren Einschluss“ überführt und verursacht weiter Kosten in Höhe von 6,5 Mio. Euro jährlich. Die HKG (heute nur noch zwei Beschäftigte – aber drei Geschäftsführer!) beziffert die Kosten für Stillegung und „sicheren Einschluss“ bis Ende 2009 auf insgesamt 425 Millionen Euro.

Die Aufwendungen für Demontage und Entsorgung des strahlenden Schrotts werden inzwischen auf 1 Milliarde Euro taxiert. Ohne die Kosten der Endlagerung wohlgemerkt. In einer Studie der Hertie School of Governance von 2015 wird der THTR zu den grössten Fehlentwicklungen bei deutschen Projekten der vergangenen 55 Jahre gezählt.

Dank großzügiger Förderung durch Bund und Land mussten die Anteilseigner der Betreibergesellschaft nur gut 8 Prozent der Baukosten aufbringen. Bei Stillegung und Einschluss waren sie schon mit einem Drittel der Kosten beteiligt. Die Verteilung beim Abriss steht völlig in den Sternen.

Sollten die Kosten vollständig von der HKG getragen werden müssen, entfielen auf die Hagener Enervie gemäß ihres Anteils 260 Millionen Euro. In 2012 verfügte die HKG nur noch über Eigenmittel von 41,5 Mio €. Aber – es waren Cleverles am Werk: Wegen der Rechtsform als GmbH ist Durchgriffshaftung auf die HKG-Gesellschafter zur Deckung der Entsorgungskosten nicht möglich, sodass die Kostenübernahme ungeklärt ist.

Im Umfeld wurden bereits unbegrenzte Garantieerklärungen abgegeben, so von WSW (Wuppertal) gegenüber Gemeinschaftswerk Hattingen. Ungeklärt sind auch eventuelle Folgen einer Kostenübernahme für die beteiligten Stadtwerke und Kommunen, da einige dieser Kommunen – wie Hagen – finanziell schlecht gestellt sind.

Enervie spielt die Risiken im gewohnten Stil herunter: Im Geschäftsbericht 2013 firmiert die HKG nur als „Unternehmen (…) untergeordneter Bedeutung“ gemäß § 311 Absatz 2 HGB. Danach muss eine Beteiligung an einem assoziierten Unternehmen nicht in den Konzernabschluss einbezogen werden, „wenn die Beteiligung für die Vermittlung eines den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Bildes der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns von untergeordneter Bedeutung ist.“

Ein klassisches Schlupfloch für Bilanzakrobaten, denn der Absatz 1 desselben Paragraphen schreibt eigentlich die Miteinbeziehung bei „maßgeblichem Einfluss“ vor: „Ein maßgeblicher Einfluss wird vermutet, wenn ein Unternehmen bei einem anderen Unternehmen mindestens den fünften Teil der Stimmrechte der Gesellschafter innehat.“ Enervie hat mit 26 Prozent mehr als ein Viertel und überschreitet damit sogar die Sperrminorität von 25 Prozent.

Bei Enervie baut man offenbar darauf, das Problem einfach auszusitzen; die heutige Generation der Manager und politisch Verantwortlichen wird dann, wenn es zum (finanziellen) Schwur kommt, schon den Ruhestand genießen. Motto: Nach mir die Sintflut.

Denn frühestens 2027, nach teilweisem Abklingen der Radioaktivität, kann endgültig mit dem Abriss begonnen werden. Dafür werden etwa 20 Jahre veranschlagt. Die Endabrechnung erfolgt also 2047 – 58 Jahre nach der Stillegung.

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