Archive for the ‘10 Rösners Hagen-Glosse’ Category

Haus Rosa und Hagen im Zeugnis

30. Januar 2015

von Christoph Rösner

Jetzt schlägt´s doch wohl 13! Die einen wollen unbedingt drin bleiben, die anderen wollen es raus haben.

Ja, was ist denn bloß los in dieser Stadt? Gut, dass das eine rhetorische Frage ist, weiß ich selbst – weil jeder die Antwort kennt. Ein Tollhaus eben, diese Stadt, voll mit Toren zum Sauerland und frechen Mietern, die nicht gehen wollen und dafür Anwälte anheuern (heißt in der Regel: bezahlen.)

Diese halten nicht nur unseren Rechtsdezernenten Thomas Huyeng zum Narren, sondern all jene, denen die Zwangsräumung droht und deren Nerven nicht derart gestählt sind wie diejenigen der Bewohner des Hauses Rosa. „Darüber diskutiere ich nicht einmal mehr“, soll Huyeng gesagt haben.

Selten gebe ich ihm Recht, dem Herrn, der auch als Hagener Kulturverweser sein Unwesen treibt. Doch diesmal kann ich nicht anders. Ich muss ihm Recht geben.

Über diese Posse – ach wenn´s doch nur eine wäre, dann könnten wir schmunzeln und uns wieder unserem Tagwerk widmen – nein, über dieses widerliche Katz- und Mausspiel zwischen gewieften Winkeladvokaten und hilfloser Justiz und Verwaltung kann man nur noch Tränen vergießen oder die Wutfaust irgendwie in der Tasche behalten. Einen „traurigen Legendenstatus“ prophezeit Martin Weiske dem Haus Rosa in seinem Artikel auf Der Westen. Auch wohl richtig, und leider auch wohl dazu geeignet, das Bild dieser Stadt weiter ins Unreine zu verpixeln.

Allerdings, und das stimmt mich dann wieder etwas milder, gibt es auch noch Lichtblicke in dieser merkwürdigen Stadt.

Ingo Graumann ist so ein Lichtblick. Er ist vom „Focus“ empfohlener Experte für Arbeitsrecht, na, wenn das kein Ausweis ist, und, und das ist noch besser, er hat mit einem gewissen Gerhard Schröder in einer WG gehaust und duzt den heute noch!

Und dieser pfiffige Anwalt vertritt nun die Mitarbeiterin eines Hagener Möbeldiscounters, die, und das lassen wir uns alle auf der Zunge zergehen, vor allem jene durch nichts zu irritierenden Zeitgenossen, die sich so gerne auf der FB-Seite „Du bist Hagener, wenn …“ tummeln, Hagen als Geburtsort aus ihrem Arbeitszeugnis gestrichen sehen will.

Ja geht’s denn noch? Dafür einen Anwalt? Wieso erscheint Hagen überhaupt in einem Arbeitszeugnis? Ist es nicht schon schlimm genug, sein Berufsleben in einem Hagener Möbeldiscounter zu fristen? Muss da auch noch drinstehen, dass die Arme es nicht geschafft hat, wenigstens kurz nach der Geburt – meinetwegen bei Poco in Castrop-Rauxel – unterzukommen?

Ich will mal so sagen: Hannover ist jetzt auch nicht der Knaller, aber immerhin wohnt da der ehemalige WG-Kumpel von Ingo Graumann. Vielleicht sollten die beiden mal für sechs Wochen, der alten Zeiten wegen, ins Haus Rosa einziehen, ordentlichen Rotwein saufen („Bring mir mal ne Flasche Wein…“), ihre alte Duzfreundschaft pflegen und sich Möbel von der Dame mit dem Geburtsortmakel liefern lassen. Dann wird der Rest der beharrlichen Mieterschaft ob der Prominenz im ´eigenen` Hause und ihres Edelmobiliars sicher ganz schnell den Umzugswagen bestellen.

Und ich überlege derweil, ob ich eine neue FB-Gruppe gründe: „Du bleibst Hagener, wenn…“ – die wird bestimmt einschlagen wie eine Bombe ins Haus Rosa, nachdem Ingo und Gerhard und die Umzugswagen vom Hoff getorkelt sind … also: macht jemand mit?

Ein frohes 2015!

12. Januar 2015

von Christoph Rösner

Da sieht man mal wieder, was gute Wünsche bewirken. Nichts nämlich! Was für ein Start ins Jahr 2015!

Am zehnten Tag des Jahres steigt die Zahl der brutal Getöteten weltweit bereits in die Tausende.

Zehntausende Demokratieermüdete marschieren in deutschen Städten auf, Rassisten, Demokratiehasser und anderes Gesocks dominieren die Presse und auch die Hagener Stammtische, und zu guter Letzt – oh mein Gott! – tritt das gesamte Administratorenteam der Facebook-Seite „Du bist Hagener, wenn …“ zurück. Eine damen- und herrenlose Facebook-Seite! Welch ein Unglück zu Beginn dieses Jahres!

Jetzt muss völlig unmoderiert geklärt werden, ob ein neu Zugezogener (wieso bloß) seinen Sperrmüll bei Rossmann stapeln darf, oder wo der beste Hagener Gynäkologe sein Wesen treibt, oder was es mit dem merkwürdigen Klappern hinter der Holzvertäfelung im Hagener Reihenhäuschen auf sich hat. Wie soll das noch enden?!

Es wird enden. Spätestens am 31. Dezember wird dieses Jahr, das, so steht zu befürchten, wieder ein Grauenvolles werden wird, sein Leben aushauchen. Wenn’s aber für uns doch irgendwie noch gut gegangen sein wird, werden wir ganz viel deflationär billiges Fleisch in uns reingeschaufelt haben, werden wir stolz viele überflüssige Kilometer mit spottbilligem Sprit runtergerissen und zu allen möglichen und absurden Anlässen unsere fantastischen Shopping-Malls mit unserem Geld und unserer Gier geflutet haben.

Also doch ein gutes 2015, klar! Und dann, zum Ende hin, werden wir Hagener schlussendlich erfahren, woher dieses merkwürdige Klappern hinter der Holzvertäfelung in unserem Reihenhäuschen rührt. Es sind die vorauseilenden Vibrationen der herannahenden Angriffswellen auf unser kleinbürgerliches Ruhebedürfnis …

Noch ist es ein langer Weg bis Silvester. Bis dahin werden weiterhin verblendete Dreckschweine in Menschengestalt – und ich schreibe das genauso hierhin!, während ich alle Haus-, Mast- und Wildschweine dieser Welt um Verzeihung bitte und mich tief vor ihnen verneige – die Kunst, die Pressefreiheit und das selbständige, freie Denken auszulöschen versuchen. Und vielleicht verdient sich gerade ein pfiffiger Hagener ein paar Euros beim Pressen von Je suis Charlie-Buttons dazu … wer weiß?

Alles steht auf der Kippe. Alles, was wir so lieben und brauchen, alles, wovon wir dachten, es sei für uns gemacht und selbstverständlich – für uns natürlich – steht auf der Kippe.

Seit Paris ist jetzt schon nichts mehr wie es war.

Denn seit dem 9. Januar muss allen klar sein, dass die Demokratie ums Überleben wird kämpfen müssen – was war doch gleich noch mal am 9. Januar…?

Ach ja, am 9. Januar vor 125 Jahren wurde Kurt Tucholsky geboren. Er, der große Satiriker und Kämpfer für Freiheit und Demokratie, soll in diesem Text das letzte Wort haben:

Steh einmal auf! Schlag mit der Faust darein!
Schlaf nicht nach vierzehn Tagen wieder ein! …
Vier Jahre Mord – das sind, weiß Gott, genug
Du stehst jetzt vor dem letzten Atemzug.
Zeig, was du bist. Halt mit dir selbst Gericht.
Stirb oder kämpfe. Drittes gibt es nicht.

Ein frohes neues Jahr!

Über 20 Grad, Sonnenschein und herzhaft lachend in den Tag – danach kann nichts mehr kommen!

14. Oktober 2014

von Christoph Rösner

800 bis 1000 Kunden standen zwischen fünf und sechs Uhr morgens vor den Toren der neuen Rathausgalerie – und durften nicht rein! „Dichtes Gedränge und teilweise gereizte Stimmung, als sich um kurz nach sechs Uhr immer noch nichts tat. Ein Wartender kollabierte in der Menge.“

Was war geschehen? Saß Helene Fischer, die alte Henne, atemlos nach durchzechter Nacht hinter den Glastüren und musste sich erst zurecht machen? Hatten Salafisten ihren Bücherstand noch nicht aufgebaut? Müsst Ihr übrigens mal drauf achten, wenn Ihr dieses Pack wieder irgendwo rumstehen seht – LIES! Steht da immer drauf auf den Büchern und den Plakaten. Soll ein Imperativ sein, ich lese das immer englisch: LIES = Lügen … aber das nur am Rande, oder wollte die Hagener SPD mit einer unglaublich provozierenden Aktion den Hagenern ihren letzten und einzigen Spaß verderben?

Nein! Viel besser!! „Wir sind stundenlang wirklich alles durchgegangen“, sagte Erik O. Schulz in einer ersten Stellungnahme am Dienstagmorgen, „aber den Funktionstest hat ein Großteil der Brandmeldeanlagen im Gebäude einfach nicht bestanden. Wir haben auch überlegt, Brandwachen einzusetzen. Aber selbst damit hätten wir die Vielzahl der Mängel einfach nicht ausgleichen können.“

Ich habe die Wochen und Monate vor der großartigen Nichteröffnung so lange hin und her überlegt, wie sich diese zweite Shopping-Mall, die so überflüssig ist wie ein Kropf, verhindern lässt. Auf das Naheliegende bin ich einfach nicht gekommen – die Unfähigkeit der Hagener Behörden und Verantwortlichen! Ich hätte tatsächlich darauf kommen müssen, denn worauf ist in Hagen mehr Verlass als darauf?

Na, wenigstens Saturn durfte eröffnen, endlich, und „Tausende Artikel wurden gegriffen. Waschmaschinen, Tablets, Kopfhörer, Zahnbürsten, Flachbildfernseher. Eine Atmosphäre, als wenn es das alles geschenkt geben würde“, zitiert Mike Fiebig von Der Westen einen Kunden.

Gut, endgültig verhindern wird sie sich nicht lassen, die Eröffnung. Aber wenigstens lässt sich auch nicht mehr verhindern, dass mit der Historie dieses 22.000 Quadratmeter großen Blödsinns in einer sterbenden Stadt einfürallemal dieses kleine Geburtsschmankerl in einem Atemzug genannt werden wird – und keiner weiß, wie lange die Historie überhaupt geschrieben werden wird …

Am Samstag gings im Kunstquartier wohl gesitteter zu, keine kollabierenden Kunden, viel Lob und, was noch viel wichtiger ist – rund 200 Besucher mehr als zur Nichteröffnung der Rathausgalerie! Ist das nichts?! Also: lieber Kunst kucken als kollabieren vor verschlossenen Konsumtempeltüren! Und: endlich mal wieder herzhaft lachen!

Endlich ein Job für Euren Glossenschreiber!

18. August 2014

Hagen-Glosse von Christoph Rösner

„Die interessanteste Stellenausschreibung der Stadt“ – schwadroniert Moritz Padberg vom Festkomitee Hagener Karneval.

Ja das ist doch mal ne Nachricht! Euer Schreiber musste sich mehrmals die Augen reiben, bis er begriff, was er da las. Mike Fiebig wieder, der hat aber auch den (zweit-)interessantesten Job in Hagen. Denn der darf sich mit den wirklich wichtigen Themen beschäftigen und kriegt auch noch Geld dafür.

Anders als beim interessantesten Job in Hagen. Karnevalsprinz!!! Es gibt nur einen kleinen, unwesentlichen Unterschied. Der Prinz muss Kohle mitbringen! 4000 €!

Jetzt hat Euer Glossenschreiber leider keine 4000 übrig, wiewohl er die sofort für diesen Job raushauen würde, aber dann kam ihm eine Idee, die er Euch nicht vorenthalten will. Damit dieser allerwichtigste Job in Hagen auch vergeben werden kann – denn Gott bewahre, was passiert, wenn das nicht passiert! – ruft er ein Startup ins Leben, sprich, startet eine Crowd-Funding-Aktion.

In den USA verkündete kürzlich Zack „Danger“ Brown aus Columbus in Ohio, er liebe Kartoffelsalat, auf dem Crowdfunding-Portal Kickstarter.com. Da er aber selbst noch nie einen zubereitet habe, brauche er zehn Dollar, für die er sich an Kickstarter wendete. Dass Zack Brown innerhalb weniger Stunden 46.000 Dollar zusammen hatte, ist KEIN Witz!

Da sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn Euer Glossenschreiber für sein hehres Projekt „Karnevalsprinz“ nicht wenigstens die schlappen 4000 € zusammenkriegte, oder? Kartoffelsalat oder Karnevalsprinz? Was ist wichtiger?

Man könnte ganz sicher, der Wichtigkeit angemessen, von einem Erlös von, sagen wir, 120.000 € ausgehen, oder? Also, Euer Schreiber wird jetzt Prinz und verbindet sein Vorgehen mit einem heiligen Versprechen. Alle €s, die über die geforderten 4000 reinkommen, spendet er im Zuge seiner Inthronisierung … nein! Nicht Gerbersmann und Schulz! Die „haben ihre Hausaufgaben ja gemacht.“ Und was ist schon eine drohende Haushaltssperre gegen eine 5. Jahreszeit in der Karnevalshochburg Hagen ohne Prinzen!

Nein, alle überschüssigen €s spendet Euer Schreiber gerecht allen in Hagen (über-)lebenden, freischaffenden Künstlern, wobei er selbst dann auch ein paar davon abkriegen würde. Und als Dank wird er dann in Unterhose, nüchtern und mit Uniformjacke an der Bahnhofshinterfahrung den Verkehr regeln und sich danach gemeinsam mit den Ordnungskräften die Kante geben, auf einen gelungenen Start in die Session 14/15!

Also! Spenden und weiter lächeln! Hagau!

„Hagen ist gespannt“ – Komisch, Euer Autor so gar nicht

15. August 2014

Hagen-Glosse von Christoph Rösner

Nun wird es doch endlich wieder Zeit, dass sich Euer Glossenschreiber mal wieder zu Wort meldet. Er hatte noch so viel Material nach der Hagener Bürgermeisterwahl, aber das ist ja jetzt gegelter Würzburger Schnee von gestern.

Denn „Hagen ist gespannt“, so Mike Fiebig in „Der Westen“ am 13. August. Warum ist laut Fiebig eine ganze Stadt gespannt? Weil die Eröffnung der Rathausgalerie ins sanierungsbedürftige Haus Hagen steht! Ist das nicht toll?!

Weitere 22.000 Quadratmeter und ganze 70 Shops und, und das ist das Beste überhaupt, mindestens 100.000 Besucher zur Eröffnung am 14. Oktober! Das wissen die jetzt schon! Haben die sich alle in einem bisher geheim gehaltenen Rekrutierungsbüro angemeldet? Wie werden die das hinkriegen, so logistisch, denn immerhin muss dann die neue Attraktion pro Stunde bei einer Öffnungszeit von 8 bis 20 Uhr rund 8333 Periode Besucher verkraften. Was, wenn einige von denen länger als eine Stunde bleiben und sich die Auslagen der nagelneuen Handy-, 1€- und Krempelshops angucken wollen.

Fragen über Fragen …also, weil das viel zu viele wichtige Fragen für Euren Glossenschreiber sind, ist er auch nicht gespannt auf den 14. Oktober. Und auch nicht auf die Weihnachtsdeko, die auf keinen Fall „von der Stange“ kommt. Denn das Management hat „für Hagen eigens eine besondere Deko konzipiert“, schwadroniert Center-Manager Christoph Höptner. Wann fangen die endlich an, für die Schrumpfstadt Hagen eigens Identität stiftende und Zukunft sichernde Konzepte zu konzipieren, fragt da Euer Schreiber.

Aber vielleicht wird ja doch noch alles gut, und wir kriegen einen dieser außergewöhnlich warmen Oktober, wie schon in den vergangenen Jahren, und dann werden am Eröffnungstag 100.000 Besucher schwitzend und so gar nicht nach Lebkuchen duftend durch die neue Attraktion flanieren, und alle werden frische Scheine ziehen bei der Märkischen Bank, watend in Bächen klebriger Schokolade und noch klebrigerem Zimtsternbrei, vorbei an den vom Management eigens dekorierten 70 Läden und dem verpassten Sommer im August nachtrauern.

Wird das ein Spaß werden, freut sich schon jetzt Euer Glossenschreiber und setzt sich vorsorglich schon mal ab auf die „Varta-Insel“, denn da soll demnächst ja die Wiege von Hagens neuer Leuchtturmwirkung aufgestellt werden. Ja!

Denn Michael Ellinghaus, Geschäftsführer der für Wirtschaftsförderung zuständigen Hagen-Agentur, hat die Studie der Beratungsgesellschaft PwC aufmerksam studiert, die bis zum Jahr 2030 den Verlust von 16,9 der Erwerbstätigen in Hagen prognostiziert, soviel wie nirgends sonst. Und nach Ellinghaus´ intensivem Studium der Studie kommt er zu dem markanten Schluss: „Das ist keine Tiefen-Analyse der Hagener Situation. Es wird rein mathematisch ein Zusammenhang zwischen Bevölkerungsrückgang und Beschäftigtenzahl errechnet. Das sagt aber nichts darüber aus, wie produktiv die Hagener Unternehmen auch im Jahr 2030 arbeiten werden.“ Wie soll denn solch ein Zusammenhang anders hergestellt werden? Sexuell etwa oder pathologisch?

Aber dann zieht Ellinghaus seinen Trumpf aus dem Ärmel: Die Varta-Insel! DAS neue Alleinstellungsmerkmal! Euer Glossenschreiber kann Euch gar nicht mehr sagen, wie ihm dieses Wort inzwischen auf den Senkel geht! Oder auch der schöne Begriff ´Leuchtturmprojekt´!

Auf der Varta-Insel liegt so unendlich viel Baumaterial herum, da könnten wir doch alle gemeinsam einen richtig großen, rot-weißen Leuchtturm bauen und ihn mitten auf der Insel platzieren. Das wäre mal ein Alleinstellungsmerkmal! Und dann kämen bestimmt auch mehr als 100.000 Leute, um sich den Schwachsinn anzugucken.

Also! Material sammeln und Leuchtturm bauen!

Bunkerschreck und Heftzwecke

26. Mai 2014

Hagen-Glosse von Christoph Rösner

Selbstverständlich zog es am Sonntag auch Euren Glossenschreiber ins Hagener Rathaus zwecks Wahlbeiwohnung und echtem Hagener OB-Wahlpartyfeeling.

Allerdings, und das muss sich der Verfasser selbst zuschreiben, war er nicht auf den Schreck gefasst, der ihn vor dem Betreten des Rathauses heimsuchte, nachdem er nach langer Zeit seine Tücking-Einsiedelei verlassen hatte, um in der Potthoffstraße sein Auto zu parken.

In Hagen wird ein neuer Bunker gebaut! Ja, steht denn ein neuer Krieg bevor? Ist es denn schon wieder soweit? Doch dann, welche Freude, fiel ihm noch rechtzeitig ein, dass er mal etwas von einer neuen Shopping-Mall gelesen hatte. Und dass nicht genügend Geld vorhanden sei, die 22,4 mal 5,6 Meter große „galaktische Stahlwand“ von Prof. Fritz Kühn dort an ihrer Rückseite zu installieren. Aber ein Bunker stattdessen?

Auch keine Lösung, und da fiel ihm noch etwas ein, dass nämlich die Horten-Kacheln sich dort wunderbar machen würden. Recycling ist doch das Gebot der Stunde… Aber im Großen Ratssaal wollte niemand etwas von seinem genialen Einfall wissen, weil alle bei lauwarmem Bier und schrillem Radio-Hagen-Geplärre auf bewegungslose Grafiken starrten.

Dass der Front National in Frankreich als stärkste französische Partei ins Eu-Parlament einzieht, schien nicht wirklich jemanden zu kümmern – also doch lieber den neuen Bunker? – und auch sonst das übliche Geplänkel, der oft zu laute Austausch von Westfalenpost- oder Radio-Hagenwissen und natürlich die üblichen Verdächtigen. Und Euer Verfasser hatte tatsächlich den Eindruck, dass die meisten der Anwesenden wirklich glaubten, mit dem Ausgang der OB-Wahl würde sich in Hagen irgendetwas ändern. Kurz fiel ihm Gerd Bollermann in Arnsberg ein, und dann ging er nach draußen auf die Empore, eine rauchen.

Und auch hier so eine merkwürdig angespannte, nikotinvernebelte Ausgelassenheit, die er nicht wirklich nachvollziehen konnte. Da standen sie alle, Sympathisanten der einen oder der anderen Partei, des einen oder anderen Kandidaten, gestikulierten wild herum, tranken lauwarmes Bier und rauchten, was das Zeug hielt. Auch Euer Verfasser kann rauchen, was das Zeig hält, aber irgendwie war es ihm draußen zu eng, und die Luft war zu schlecht. Also wieder rein, an den Stehtisch im ausgeräumten Ratssaal und weiter Menschen beobachten.

Dann die ersten ausgezählten Hagener Wahlbezirke zur OB-Wahl, und tatsächlich schaffte es die Menge kurzfristig, das Radio-Hagen-Geplärre mit lauten Jubelrufen zu übertreffen, was Cordula Assmann stante pede veranlasste, das Musikgekreische lauter drehen zu lassen. Und kurz drauf – ein seltener Moment im Wahltrubel – begrüßt der Stichzuwählende Erik O. ein Pärchen am Nachbarstehtisch. Wie es ihm ginge, fragt sie, und er, ich bin sauer, um kurz drauf bei der offiziellen Bekanntgabe der ersten Zahlen durch einen Radio-Hagen Moderator, die ja an der Wand standen, mit Schröderscher Siegesgeste sich seinem Wahlvolk zu zeigen. Wenn Euer Verfasser sauer ist, reckt er die Faust oder den Mittelfinger … nun denn, so läuft nun mal das Politikgeschäft, auch wenn es in Hagen dabei nicht mehr viel zu verdienen gibt außer ein paar Pöstchen vielleicht, womit wir schon wieder bei der SPD wären.

Sind die kleinen Strolche doch tatsächlich stärkste Kraft im Rat geworden, obwohl der Verfasser in seiner letzten Glosse doch dringend aufgerufen hat, die kleinen Strolche zu wählen! Dass er von der SPD noch ein kleines Geschenk erhalten würde, konnte er zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen. Als er der Zahlen überdrüssig wieder Rauchdrang verspürte und sich zur Empore aufmachte, traf er auf eine nette, offensichtlich extra zur Wahl angereiste Genossin, die zu dem Zeitpunkt wohl noch Genossin war.

Hannelore Stückradt, die kommende OB-Kandidatin der SPD, Ihr erinnert Euch, traf auf Euern Verfasser und erzählte ihm, dass sie nach der Wahl ein Parteiausschussverfahren erwarte und dass der Spendenaufruf für die Anwaltskosten bereits gut angenommen worden sei. Und wie es ihr sonst so ginge, mit ihrer Partei, fragte der Verfasser die unbeugsame Genossin, worauf sie ihm ein kleines Geschenk überreichte, das hier als Original-Zitat auf ewig festgehalten werde. „Und wenn sie mich nicht rausschmeißen, bleibe ich die Heftzwecke im Hintern der Partei.“

Die erste Amtshandlung Euers Glossenschreibers am Montag? Wieder runter vom Tücking und ein Schächtelchen Heftzwecken gekauft. Die haben nun einen Ehrenplatz auf seinem Schreibtisch, an dem er bereits die nächsten Glossen ausbrütet, sofern … ach, was! Der Stoff wird ihm in dieser Stadt wohl niemals ausgehen.

Strolche wählen !!!

13. Mai 2014

Hagen-Glosse von Christoph Rösner

Etwas ganz Wichtiges vorab: Hagen hat es nicht in das 230 Seiten starke Jahresprogramm des RVR geschafft, das Der Westen-Autor Hubertus Heuel als „Broschüre“ bezeichnet. Darüber regen sich jetzt Einige sehr auf, was der Verfasser überhaupt nicht verstehen kann.

Der nämlich regt sich nur darüber auf, dass es sich laut Goethe-Wörterbuch bei einer Broschüre nämlich um „eine broschierte, kleine, schnelllebige Druckschrift geringen Umfangs“ handelt, was Hubertus Heuel natürlich nicht wissen kann. Und Wikipedia ordnet eine Broschüre ein bei den „Gebrauchsanweisungen“ und „werblichen Produktinformationen“. Und tatsächlich gibt es laut Wikipedia eine UNSECO-Statistik, die „Werke unabhängig von der Verarbeitung mit maximal 48 Seiten“ als Broschüren definiert.

Wäre „Natur erleben“ des RVR also tatsächlich eine Broschüre, dann allerdings würde der Verfasser darauf bestehen, dass Hagen hier aufgenommen würde, so hätte er endlich mal eine zwar schnelllebige Gebrauchsanweisung für diese Stadt in der Hand … die im Übrigen für jeden, der hier noch nachdenkt, äußerst hilfreich sein könnte. Denn was sonst hier noch so passiert, kann der halbwegs normal funktionierende Menschenverstand, so es ihn hier überhaupt noch gibt, längst nicht mehr bewältigen, geschweige verstehen.

Da ruft Ratskandidat Peter Jauert von den Bürgern für Hagen öffentlich dazu auf, ihn bei der Kommunalwahl NICHT zu wählen, weil er sich vom „großen“ Hans-Otto über den Tisch gezogen fühlt. Da hat Freund Jauert wohl etwas falsch verstanden: wenn Hans-Otto jemanden über den Tisch zieht, ist das seine ganz individuelle Art, die dabei entstehende Reibungshitze dem gezogenen Freund als Nestwärme erscheinen zu lassen. Das hätten Sie doch wissen müssen, Herr Jauert!

Tja, dumm gelaufen, zumal Sie Herrn Marscheider auch noch wirklich Ungeheuerliches unterstellen: „Ihm geht es sowieso nicht mehr um Politik. Er will nur wegen des Geldes in den Rat“, haben Sie gesagt, und Ihr großer Enttäuscher hat aber auch gleich jedes noch so kleine Verdachtsmoment mit der Wurzel ausgerissen und dementiert, was ja zu den wichtigsten Politikereigenschaften schlechthin gehört. „Und ich will auch nicht nur wegen des Geldes in den Rat, sondern um Politik zu machen.“ Wir lassen Marscheiders finalen Aufklärungssatz jetzt so stehen und ergehen uns für zwei Sekunden in tiefem Bedauern für den naiven Formblattunterschreiber.

Wenden wir uns lieber unserer neuen Dezernentin für Soziales, Jugend, Bildung, Sport und Umwelt, Margarita Kaufmann zu, die sich „auf die Menschen, auf die Themen und die Verwaltung freut.“ (Das können wohl nur Zugereiste. Böse Anm. des Verfassers), und die auch gleich ein öffentliches Wohnungsinserat aufgegeben hat: „Gerne in ein gewachsenes Quartier, gerne ein Altbau, gerne im oberen Wehringhausen.“

Zu alt ist sie nun offenbar doch nicht, aber der Verfasser fragt sich ernsthaft, ob diese mutige Frau, die maßgeblich die Aufarbeitung der Skandale an der Odenwaldschule, deren Leiterin sie bis September 2012 war, angeschoben hat, nun ausgerechnet in Hagen sich verdingen will. Sie war übrigens auch die Erste, die öffentlich die Betroffenen um Entschuldigung bat und einen wirkungsvollen Maßnahmenkatalog zur Prävention zu Papier brachte, der aus der Odenwaldschule dauerhaft einen sicheren Ort für Kinder machen sollte.

„Die 56-Jährige werde sich künftig ganz der Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe widmen“, zitiert die Frankfurter Rundschau am 8. Juni 2011 die Leitung der Odenwaldschule. Ist denn die Aufarbeitung dort bereits abgeschlossen, fragt sich der Verfasser und fragt sich dann auch, warum eigentlich in Hagen so viele leitende Posten mit Zugereisten besetzt werden, zumal mit solchen, die woanders noch so viel zu tun hätten.

Was soll´s: Viel Glück Ihnen, Frau Kaufmann, und ein ebenso gutes Händchen für diese Stadt! Sie werden es brauchen! Und seien Sie beruhigt, die Missbrauchsskandale in Hagen sind lange nicht so ekelig wie die in Heppenheim, aber schön sind sie auch nicht.

Und noch eine Frage quält den Verfasser: Wann endlich ist Schluss damit, die geliebten Fernsehhelden seiner Kindheit in derart penetranter Weise zu diffamieren? „Die kleinen Strolche“ waren in seiner Kinderzeit die einzigen Idole, an denen aufzuschauen er bereit war. Diese witzigen, frechen, intelligenten und offensichtlich früh in Satire geschulten kleinen Racker aus den Labors der US-Filmindustrie der 60er haben des Verfassers Kindheit sehr geprägt.

Dass heutzutage in Hagen diese kleinen, zu kaum etwas, außer zur schnellen Selbstversorgung taugenden Emporkömmlinge mit den gegelten Haaren und den gestriegelten Hirnen, die überall in der Stadt und auf den Wahlplakaten als Würzburger ihr Unwesen treiben und von vielen inzwischen völlig unreflektiert, als hätte es die „wahren“ Kleinen Strolche nie gegeben! – ebenfalls gerne als „kleine Strolche“ tituliert werden, geht dem Verfasser eindeutig zu weit!

Und deshalb ruft er alle Wahlberechtigten auf, am 25. Mai diese Truppe zu wählen! Ja! Wählt die Würzburger! Wählt den großen Vorsitzenden und seine kleine, wackere Truppe, auf dass sie schnell nach der Wahl ihre erste und einzige Unterlassungserklärung unterzeichnen mögen, in der es dann heißen wird: „Wir, die Hagener SPD, verpflichten uns, künftig in Hagen erst dann wieder öffentlich Politik zu machen, wenn sich unsere Genossin Hannelore Stückradt auf Facebook bereit erklärt, für den Posten der Oberbürgermeisterin zu kandidieren. Bis dahin werden wir uns zurückhalten, keine öffentlichen Statements abgeben und uns ansonsten in Bruck an der Mur (Österreich) oder auf lustigen Zwetschgenfahrten die Zeit vertreiben.“

Mit diesem Ergebnis aus dem kommenden Wahlergebnis wäre der Verfasser dann hoch zufrieden und könnte seine satirische Aufmerksamkeit sehr genau den anderen Strolchen in Hagen widmen. Also! Strolche wählen!

„Das geht seinen geordneten Gang“

28. April 2014

Hagen wird psychisch kränker

Hagen-Glosse von Christoph Rösner

Peter Demnitz sieht nach 38 Jahren seinem Rausschmiss aus der SPD scheint´s recht gelassen entgegen, das Große Mausohr fühlt sich wieder wohl in Hagen, und die Hagener und ihre Sanitäter? Die werden psychisch immer kränker und onanieren in ihren Dienstwagen, während Fernreisebusse nur noch am wunderbaren Loxbaum ihre Reisenden aufsammeln dürfen. Wie hängt das alles zusammen und überhaupt, was ist bloß los in dieser Stadt? Gemach, die Aufklärung naht. Doch eins nach dem anderen.

Etwas Wichtiges vorab: Immerhin hat es Hagen mal wieder in ein überregionales Medium geschafft. In diesem Fall berichtet das Hamburger Magazin Der STERN am 26. April über einen Hagener Sanitäter, dem sein Triebstau ausgerechnet im Dienstwagen zum Verhängnis wurde und der sich nun, laut höchst richterlichem Beschluss, auf Arbeitssuche begeben muss. Vielleicht sollte er sich zum Fledermausschützer ausbilden lassen, denn die, laut Ralf Blauscheck, Leiter der Biologischen Station im Haus Busch im Lennetal, fühlen sich offensichtlich wieder pudelwohl in Hagen und verlieren auch bei absoluter Finsternis nicht die Orientierung, und ein onanierender Fledermausschützer in absoluter Finsternis stellt ja nun wirklich keine große Gefahr dar, oder?

Apropos absolute Finsternis. Die Hagener SPD hat gegen Alt-OB Peter Demnitz ein Parteiordnungsverfahren eingeleitet, weil der sich erdreistet hatte, gegen seinen Genossen Claus Rudel in Wehringhausen-West als Einzelbewerber zu kandidieren. Und da das viel schlimmer ist als Onanieren im Rettungswagen, droht Demnitz nun der Rausschmiss aus seiner geliebten SPD, was wir hier nicht ganz so wörtlich nehmen wollen, denn Demnitz hat auch gesagt (Zitat) „Ich stelle die Ideale der SPD nicht in Gänze infrage. Aber auf lokaler Ebene kann ich mich nicht mehr identifizieren.“ Und weiter: „Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis das Schreiben kommt, das überrascht mich nicht. Was mich überrascht, ist der schlechte Stil.“

Aber gerade den hätte er doch kennen müssen, denn wenn die Hagener SPD heute noch etwas auszeichnet, ist es doch der schlechte Stil, den sie nicht nur im Umgang untereinander pflegt, und weshalb sie ja so ungeheuer beliebt ist bei den Hagener Wahlbürgern. Es geht eben alles seinen geordneten Gang bei der SPD, hat Demnitz auch gesagt, womit er wohl den geordneten Gang in die Bedeutungslosigkeit meint.

Womit wir bei den Fledermäusen angekommen wären, die ja früher, laut Ralf Blauscheck von der biologischen Station, in der Menge eher bedeutungslos und zudem noch als „Ekeltiere“ diffamiert wurden, heute aber von vielen Immobilienbesitzern willkommen geheißen würden. Nun, der Ekelfaktor scheint sich signifikant verlagert zu haben, weg von den nachtaktiven Flugsäugern hin zu den ganztagsaktiven Spezialdemokraten, denen, so steht es zu vermuten, nicht mehr ganz so viele Immobilienbesitzer einen Unterschlupf gewähren, geschweige sich freuen würden, wenn diese Brut sich unter ihrem Dach auch noch vermehren würde, worüber Ralf Blauscheck bei seinen Pergamentflüglern hoch erfreut ist.

Und wenn man das alles weiter spinnt, gerät man unweigerlich eine Tür weiter in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Boele. Hier wirkt ihr Leiter Dr. Nikolaus Grünherz – welch ein Name in dieser Stadt! – der nach 22 Jahren Berufspraxis in Hagen Erschreckendes konstatiert, nämlich, dass es zwar „keinen kausalen Zusammenhang zwischen der höheren Inanspruchnahme seiner Klinik und dem psychischen Gesundheitszustand der Hagener Bürger gebe.“ Na Gott sei Dank aber auch!

Allerdings könne er sagen „dass Hagen in gewisser Weise kränker wird, dass die Psyche vieler Volmestädter kränker wird.“ Also doch! Als hätten wir es nicht geahnt! Aber Nikolaus Grünherz wäre nicht Psychiater, wenn er nicht auch gleich Beruhigendes, ja geradezu Sedierendes zu vermelden hätte. „Der Standort Boele brummt und wächst. 1800 Patienten werden jährlich stationär hier behandelt. Und es werden mehr.“

Hagens Aufschwung findet also in der Psychiatrischen Klinik in Boele statt! Na immerhin!

„Es gibt einen großen Unterschied“, beruhigt Grünherz weiter und warnt davor, „gleich jede Niedergeschlagenheit als Depression zu interpretieren.“ Und Westen-Redakteur Mike Fiebig beruhigt schlussendlich alle in Grund und Boden: „Dieser Satz gibt dem Thema Hoffnung. Wir haben alle mal das Recht, uns ausgelaugt zu fühlen. Kraftlos. Ohne Antrieb.“

So isses! Und weil es so ist, machen wir uns auch weiterhin keine Sorgen um diese wunderschöne, harmonische, lebenswerte Stadt mit dem grünen Herzen, die sich in guten Händen sorgender Psychiater, Vertrauen einflößender Parteien und Politiker weiß, und deren finsterste Nächte noch voll von prallem, flatterndem Leben sind. Na Gott sei Dank!

Und was hat das jetzt alles mit den Reisebussen auf dem Loxbaum zu tun? Nichts, außer, dass eben Wahnsinn, Feinstaub und grassierende Kraft- und Antriebslosigkeit paritätisch auf alle Stadtteile verteilt werden, damit sich niemand beschweren oder übervorteilt fühlen kann.

Neu in diesem Theater: Rösners Hagen-Glosse

8. April 2014

roesnerDer Hagener Autor und Kabarettist Christoph Rösner wird zukünftig an dieser Stelle mit regelmäßiger Unregelmäßigkeit (oder war es die unregelmäßige Regelmäßigkeit?) Glossen zu Hagener Zuständen in Politik, Kultur und Gesellschaft veröffentlichen.

Rösners Bühnenprogramme decken ein breites Spektrum ab: Literarisches von François Villon bis Charles Bukowski, satirische Krisenrezepte, Kulinarisches vom Wein bis zur musikalisch-literarischen Rezeptsammlung.

Infos und Termine: Homepage Christoph Rösner

AUSSCHALTEN!!!

Hagen-Glosse von Christoph Rösner

Werner Schneyder, einer der spitzfindigsten und klügsten Wortjongleure deutscher Zunge, sagte vor vielen Jahren in einem Fernsehinterview, befragt zur Qualität des deutschen Fernsehens: „Was ich da vorgesetzt bekomme, ist grauenhaft, ist niveaulos und purer Unflat.“ Recht hatte der große österreichische Kabarettist. Doch immerhin, der mündige Bürger hat bei sich daheim zumindest die theoretische Möglichkeit, seine rechteckige Dreckschleuder auszuschalten. Wer die „Macht“ – sprich die Fernbedienung – besitzt, ist Herr, seltener Frau, über das verabreichte Unterhaltungsgrauen, das sich da in unsere Wohnstuben ergießt.

Doch was, wenn der TV-verstrahlte Hagener Mensch beschließt, sich seiner privaten Strahlenquelle zu entziehen, um in eine der zahlreichen Kneipen von der Stange in seiner Stadt zu gehen?

Oder Menschengrüppchen, die das gastronomische Angebot Hagens nutzen wollen, um sich – ja, man glaubt es kaum – selbständig zu unterhalten, mit Freunden und anderen Verstrahlten? Es soll sie noch geben.

Das wird aber kaum möglich sein, denn sie werden nur ganz selten noch einen Laden finden, in dem nicht eine dieser bildzeitungsflachen Giftschleudern ihren Unflat in die heiteren Runden verspritzt.

Gut, für all die einsamen Mannis und Kalles, die Nicoles und Yvonnes, die suchenden zu kurz Gekommenen und leidenden zu dick Geratenen, ist der Kneipenschirm sicher das, was er ihnen zuhause auch ist: ein Fenster in die verlogene, schillernde und unerreichbare Welt der Schönen und Blöden, der Dumpfen und Stumpfen. Denn wo gibt es schon die Kneipe, in der die Nischenprogramme von arte oder 3sat von der Wand rieseln. Nein! Unerträgliches Teeniegeplärre und noch unerträglicheres X. Naidoo-Gereime und -Geschleime, dusselige Klingeltöne und zappelnde Vidioten sickern da ungehindert und widerspruchslos in die waidwunden Hirnwindungen ein.

Doch das alles ist Programm, verehrte Hagener Auswärtstrinker! Denn der Mensch kann sich kaum gegen bewegte bunte Bilder zur Wehr zu setzen. Das Menschenauge hat sein Eigenleben. Es wandert immer in Richtung bunt und Bild und bewegt. Und wenn das alles noch gespickt ist mit viel Haut und glitzernden Schraubzwingen im Bauchnabel, alles zusammen gehalten von einem gestählten, braun gebrannten Jungmädchenkörper, der unbedingt zu singen oder zu sprechen versucht, haben Manni und Kalle nicht den Hauch einer Chance. Und für Yvonne und Nicole gibt’s dasselbe natürlich in männlich – mit Champagnerrinne in den muskulösen Lenden und blöden Kappen auf den leeren Hirnschalen.

Und wie man zuhause, geradezu hypnotisiert, Chipssäcke oder Gummitierherden in sich reinstopft, so machen das Yvonne und Kalle und Manni und Nicole – nur eben nicht gemeinsam – in der Kneipe, und zwar in flüssig und in Alkohol.

Da träumen die sehnsüchtigen Singles, in der Masse allein vor sich hinlallend, von einem trauten Fernsehabend zu zweit, Grüppchen und Freundeskreise spüren, dass irgendwie kein richtiges Gespräch zustande kommt, weil ständig einer an die Wand glotzt, und dabei flößen sich alle zusammen viel mehr Stoff ein als nötig wäre, was in Hagen ganz besonders nötig zu sein scheint …

Und der Wirt oder die Wirtin? Lächelnd liebkosen sie ihre Fernbedienung unter der Theke. Ganz aufgeschlossene Gastronomen drehen den Ton ihrer Dreckschleuder ab. Doch das ist perfide! Denn sie geben vor, die Unterhaltung nicht stören zu wollen und bauen dabei insgeheim auf den paralysierenden Zauber ihres stummen Umsatzgehilfen an der Wand.

Die Welt ist bereits voll von Unkultur, liebe Hagener Kneiper und Gastronomen! Und man kann wahrlich nicht behaupten, eure Läden seien heute politische Widerstandsnester oder Keimzellen einer kulturellen Avantgarde – wenn’s doch nur so wäre! – nein, lasst sie wenigstens wieder sein, was sie einmal waren: Treffpunkt für kommunikationswillige und –fähige Menschen, Ruheort für Jobgestresste, Kontaktbörse für all die, na, Ihr wisst schon.

Ich gehe schon lange in keine Kneipe mehr, in der mich ein Fernseher von der Wand anglotzt, was in Hagen konkret bedeutet, ich gehe überhaupt nicht mehr in die City. Mir wären ein röhrender Hirsch oder ein Kunstdruck von Aldi wesentlich lieber, denn die könnte ich wunderbar ignorieren. Deshalb verbringe ich meine Abende auch fast nur noch zuhause – vor dem Fernseher – die Macht zur Linken, ein guter Wein zur Rechten.

Also! Ausschalten!!!


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