Archive for the ‘07 Wissenschaft Hagen’ Category

Spielfilme beeinflussen Blick auf den Zweiten Weltkrieg

13. November 2019

Mit einer Studie zu Kriegsfilmen habilitierte sich Jun.-Prof. Irina Gradinari an der FernUni. Nun erhielt sie ihre Lehrbefugnis

Seit jeher beeinflusste das Kino die Erinnerungskultur und damit auch das Selbstbild von Gesellschaften. Das Foto von 1930 zeigt Dreharbeiten eines Tonfilms über den Ersten Weltkrieg. Foto: Bundesarchiv, Bild 102-09557 / CC-BY-SA 3.0

Filme als Medien kollektiver Erinnerung, mit Fokus auf dem Zweiten Weltkrieg, waren das Thema der Habilitation von Prof. Dr. Irina Gradinari: „Ich habe sowjetische, ostdeutsche und bundesdeutsche Kriegsfilme verglichen – hauptsächlich aus dem Zeitraum von 1945 bis 1990.“

Aus Sicht der Forscherin bestimmen die Kriegsfilme maßgeblich, wie eine Gesellschaft ihre Vergangenheit wahrnimmt und ausdeutet. „Ohne dieses Medium, das so stereotyp und zitatenhaft ist, gäbe es das Phänomen des ‚kollektiven Gedächtnisses‘ gar nicht“, umreißt Gradinari die Ausgangsthese ihrer Habilitationsschrift.

Um ihre Annahme zu belegen, hat sie in über hundert Spielfilmen aus der DDR, UdSSR und BRD nach Strukturen gesucht, die auf die Erinnerung der Menschen in den jeweiligen Systemen eingewirkt haben. Dabei konzentrierte sie sich vor allem auf populäre Mainstream-Produktionen. Deren Stellenwert ist für sie unumstritten: Mit der Eingängigkeit und Reichweite von Kino und Fernsehen konnte es kein anderes zeitgenössisches Medium aufnehmen – auch nicht die Belletristik oder die wissenschaftliche Geschichtsschreibung.

Über die Jahre verfestigten die Filme in den drei Systemen bestimmte Konsensvorstellungen vom Zweiten Weltkrieg. Gewisse Muster wurden – mit kleinen Änderungen – immer wieder reproduziert. Egal ob in Russland, Ost- oder Westdeutschland: An die Kinokassen kam das Publikum stets mit vorgeformten Erwartungen, die es zu erfüllen galt. „Aufgrund der hohen Produktionskosten leistete man sich bei den Kriegsfilmen kaum Experimente. Die Regie schaute genau darauf, was bisher in den Ländern erfolgreich war.“

Gradinari betont jedoch, dass die Filme obwohl sie vom Zweiten Weltkrieg handeln, vor allem etwas über die Zeit aussagen, in der sie entstanden sind. „Was wir dort sehen, ist eigentlich nicht die Vergangenheit! Kriegsfilme werden immer in Bezug auf die aktuelle politische Ordnung produziert.“

Zwar ist im bundesdeutschen Kriegsfilm der Holocaust ein wiederkehrendes Thema, in sowjetischen Produktionen der „glorreiche Sieg“ über die Nazis und im DDR-Kriegsfilm die antifaschistische Idee. Eigentlich aber schreiben die Filme die vergangenen Ereignisse im „Dienst der Gegenwart“ um. So drehen sie sich im Grunde um Versöhnungsstrategien, verhandeln den Kalten Krieg, oder stellen die sowjetische Präsenz in der DDR in Frage.

Hegels Rechtsphilosophie im Kreuzverhör

12. November 2019

Elf Referentinnen und Referenten aus sieben Ländern diskutierten an der FernUni über die „Grundlinien der Philosophie des Rechts“

Georg Wilhelm Friedrich Hegels „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ gelten als Klassiker der Rechtsphilosophie. Das Werk feiert im kommenden Jahr seinen 200. Geburtstag und liefert nach wie vor Stoff für fächerübergreifende Diskussionen.

Die Tagung war Teil der Veranstaltungsreihe „Hagener Forschungsdialog“. Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftler sowie Philosophinnen und Philosophen sind fachübergreifend in den Dialog getreten, um sich über zentrale Thesen der Hegelschen Rechtsphilosophie auszutauschen. In Vorträgen schilderten sie ihre jeweiligen Positionen und schafften Anknüpfungspunkte für kontroverse Diskussionen.

Die Tagung eröffnet hat der französische Hegel-Experte Prof. Dr. Jean-François Kervégan von der Sorbonne in Paris mit seinem Vortrag „Sittlichkeit und sittliches Leben in Hegels Lehre des objektiven Geistes“. Damit machte er auf aktuelle Brennpunkte der internationalen Hegel-Debatte aufmerksam. Das Stichwort „Moralität“ nahm die Regensburger Juristin Prof. Dr. Katrin Gierhake auf, die die Rolle moralischer Selbstreflexion in der Strafrechtsbegründung bei Hegel untersuchte.

Unterschiede zwischen Hegel und Kant zeigte Prof. Dr. Markus Rothhaar in seinem Vortrag „Hegels Kritik der Moralität und die Alternative der Sittlichkeit“ auf. Die Hegel-Tagung in Hagen war für den Forscher nicht nur thematisch ein Heimspiel. Von 2010 bis 2013 war er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der FernUniversität tätig und ist nun nach einer Professur an der KU Eichstätt als Privatdozent wieder zurück in Hagen.

Die ostdeutsche Zeitenwende als biographischer Umbruch

3. November 2019

Das Beispiel des Obertrikotagen-Betriebs VEB „Ernst Lück“ und seiner Mitarbeiterinnen

06.11.2019, 17:00 Uhr, Kulturhaus Lüdenscheid, Freiherr-vom-Stein-Str. 9
Veranstalter: Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität und Kulturhaus Lüdenscheid

Edith Dahlke (Zeitzeugin) im Gespräch mit den Historikern Angelika Wolf und Arthur Schlegelmilch (FernUniversität in Hagen)

„Wittstock verändert sich“ lautete die Devise, als im Jahre 1973 der erste Film über die Frauen des neu entstehenden Obertrikotagenbetriebes „Ernst Lück“ in der kleinen Stadt Wittstock im nördlichen Brandenburg gedreht wurde. Sechs weitere sollten in den nächsten 25 Jahren folgen. Drei Frauen standen dabei stellvertretend für alle im Betrieb Beschäftigten: Edith, Elsbeth und Renate. Sie erlebten den Aufbau und auch den Niedergang ihres Betriebes, der einmal die große Hoffnung einer strukturschwachen Region war, am Ende aber als unwirtschaftlich und nicht mehr zeitgemäß abgewickelt wurde.

Für die betroffenen Frauen bedeutete dies nicht nur den Verlust des Arbeitsplatzes, sondern auch gravierende Einschnitte im sozialen und persönlichen Umfeld. Wenn sie nicht zu den Verliererinnen der „Wende“ gehören wollten, sahen sie sich gezwungen, ihr bisheriges Leben auf den Prüfstand zu stellen und nach neuen Lebensperspektiven Ausschau zu halten. Eine dieser Frauen ist Edith Dahlke, die den OTB nach zwanzigjähriger Tätigkeit im Jahr 1990 als Obermeisterin und Schichtleiterin verließ.

Der Eintritt ist frei.

Zwischen Ökonomie und Moral

30. Oktober 2019

FernUni: Lehrgebiet Geschichte der Europäischen Moderne erforscht der Motive und der Ausbreitung der Anti-Sklaverei-Bewegung

Postdoc Saskia Geisler und Prof. Alexandra Przyrembel. Foto: FernUni.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“, heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. In keinem Land der Welt ist Sklaverei heute noch gesetzlich legitimiert. Auf den ersten Blick erscheint die Anti-Sklaverei-Bewegung als eine große Erfolgsgeschichte. Genauer hinsehen möchte das Lehrgebiet Geschichte der Europäischen Moderne der FernUniversität in Hagen. Sein Forschungsprojekt „Zwischen Ökonomie und Moral: Die Anti-Sklaverei-Bewegungen als transnationales Netzwerk im ‚langen 19. Jahrhundert“ wird durch die Gerda Henkel Stiftung gefördert.

„Wir freuen uns sehr darüber, dass unser Antrag genehmigt wurde. Die Kooperation zweier Standorte und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sind bei der Stiftung sehr gut angekommen“, erklärt die Leiterin des Lehrgebiets Prof. Dr. Alexandra Przyrembel. Gemeinsam mit Prof. Dr. Stefan Berger vom Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum hatte sie den Antrag bei der Gerda Henkel Stiftung eingereicht. Für drei Jahre stehen nun Gelder für ein Doktorandenstipendium in Bochum und ein Postdocstipendium in Hagen zur Verfügung.

Die Postdoc-Position an der FernUniversität übernimmt Saskia Geisler. Dabei wird sie ihren Fokus insbesondere auf den transnationalen Aspekt legen. „Die Anti-Sklaverei-Bewegung ist zwar auf vielen Ebenen schon sehr gut erforscht, insbesondere im angelsächsischen Gebiet. Der räumliche Fokus ist hingegen neu.“ In Europa liegt der Anfang der Anti-Sklaverei-Bewegung in Großbritannien. „Ich möchte beispielsweise erforschen, wie Praktiken, die sich dort bewährt haben, in die anderen Länder gekommen sind.“

Das Promotionsprojekt in Bochum wird sich dem Zusammenhang zwischen Arbeiterbewegung und Sklaverei widmen. „Insgesamt möchten wir keine reine Erfolgsgeschichte erzählen, sondern auch die Widerstände in den Blick nehmen“, erläutert Alexandra Przyrembel.

„Stella“ – Erzwungener Verrat

22. Oktober 2019

Jüdische „Greifer“ im Dienst der Gestapo 1943–1945

23.10.2019, 18:00 Uhr
Kulturhaus Lüdenscheid, Freiherr-vom-Stein-Str. 9, 58511 Lüdenscheid

Im März 1943 lebten etwa 5.000 Juden versteckt in Berlin. Zu ihnen gehörte auch Stella Kübler-Isaaksohn, geb. Goldschlag. Nach ihrer wiederholten Verhaftung durch die Gestapo versuchte sie, ihrer Deportation durch Kollaboration zu entgehen. Dabei nutzte sie ihre Zugehörigkeit zur Gruppe der Verfolgten, um andere Juden aufzuspüren und der Gestapo auszuliefern.

Sie zählte damit zu rund 25 „jüdischen Fahndern“, den sogenannten „Greifern“.

Nach Kriegsende von den Alliierten verhaftet, verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal sie zu zehn Jahren Zwangsarbeit. Nach Ableistung dieser Strafe erfolgten weitere Anklagen vor dem Landgericht Berlin. Die Presse widmete den Verfahren mit zum Teil reißerischen Berichten über den „Schrecken des Kurfürstendamms“, den „Todesengel“ oder auch das „blonde Gift“ hohe Aufmerksamkeit.

Auch in den folgenden Jahrzehnten erschienen neben Fernsehinterviews und einem Theaterstück zahlreiche Publikationen über „Stella“, zuletzt 2019 das gleichnamige Buch des Spiegel-Journalisten Takis Würger.

Im Mittelpunkt des Vortrages stehen die Rekonstruktion der historischen Ereignisse und der Umgang der Nachkriegsjustiz mit den Fahndern.

Die Referentin Dr. Doris Tausendfreund ist Historikerin und promovierte 2005 mit der Arbeit „Erzwungener Verrat. Jüdische ‚Greifer‘ im Dienst der Gestapo 1943-1945“ am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Seit 2006 arbeitet sie an der Freien Universität Berlin mit lebensgeschichtlichen Erinnerungsberichten zum Nationalsozialismus und deren digitaler Aufbereitung.

Veranstalter: Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen

Aus aktueller Hagener Perspektive ist das Thema auch interessant vor dem Hintergrund des – nicht erzwungenen – Zusammenwirkens zwischen Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde Hagen und der örtlichen AfD (Siehe dazu: AfD – keine Alternative für Juden!).

Im historischen Kontext ist dazu der „Verband nationaldeutscher Juden“ (VnJ) in den 1920er und 3oer Jahren erwähnenswert, der zwar nie besonders bedeutsam war (ähnlich wie die Jüdische Gemeinde Hagen heute), aber die „provokanten Positionen und hetzerischen Äußerungen dieser extrem rechten Randgruppe erregten viel Aufsehen in der deutschjüdischen Öffentlichkeit“ (Siehe: Wikipedia).

In der Vereinssatzung schrieb der VnJ:

„Der Verband nationaldeutscher Juden bezweckt den Zusammenschluß aller derjenigen Deutschen jüdischen Stammes, die bei offenem Bekennen ihrer Abstammung sich mit deutschem Wesen und deutscher Kultur so unauflöslich verwachsen fühlen, dass sie nicht anders als deutsch empfinden und denken können. Er bekämpft alle Äußerungen und Betätigungen undeutschen Geistes, mögen sie von Juden oder Nichtjuden ausgehen, die das Wiedererstarken deutscher Volkskraft, deutscher Rechtlichkeit und deutschen Selbstgefühls beeinträchtigen und damit den Wiederaufstieg Deutschlands zu einer geachteten Stellung in der Welt gefährden.“

Das Programm der AfD beschreibt es ähnlich in zeitgemäßer Diktion:

„Die Ideologie des Multikulturalismus, die importierte kulturelle Strömungen auf geschichtsblinde Weise der einheimischen Kultur gleichstellt und deren Werte damit zutiefst relativiert, betrachtet die AfD als ernste Bedrohung für den sozialen Frieden und für den Fortbestand der Nation als kulturelle Einheit. Ihr gegenüber müssen der Staat und die Zivilgesellschaft die deutsche kulturelle Identität als Leitkultur selbstbewusst verteidigen.“

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hagen, Hagay Feldheim, bewegt(e) sich in seinen Aktivitäten in einem ähnlichen Spektrum, da er sich von der AfD einspannen liess (Siehe: Nicht ganz koscher) und sich bis heute in der Öffentlichkeit nicht deutlich von seinen Verbindungen distanziert hat.

Rückkehr nach Weimar?

20. Oktober 2019

Deutsche Verfassungsidentität 1919 – 2019 von außen gesehen

22.10.2019, 17:00 Uhr
Seminargebäude der FernUniversität (Gebäude 2), Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, Räume 4 und 5 (Obergeschoss)

Nach 100 Jahren ist die Weimarer Verfassung (1919) noch heute von großem Interesse für das Verständnis der Entwicklung demokratischer politischer Institutionen in Deutschland und in Europa.

Nach den Vorstellungen der Gründungsväter hätte die Weimarer Verfassung die demokratischste der Welt sein sollen, doch ihr Ende fiel mit dem Beginn des nationalsozialistischen Regimes zusammen. Trotz des dramatischen Epilogs der ersten deutschen Demokratie war die Weimarer Verfassung Ausdruck außergewöhnlich moderner Prinzipien und Werte, die die deutsche Verfassungsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Wiedervereinigung von 1990 prägten.

Die Weimarer Verfassung wird weitgehend überschattet von ihrem tragischen Ausgang. Der tiefe Wert der Weimarer Republik liegt in der Erkenntnis einer allgegenwärtigen Gefahr des Zusammenbruchs von Gesellschaft und demokratischer Institutionen ohne breiten gesellschaftlichen Konsens.

Der Vortrag wird die historische Bedeutung der Weimarer Verfassung für die Kontinuität und Gegenkontinuität der Entwicklung der Verfassungsidentität Deutschlands sowie für die Geschichte der deutschen Demokratie im 20. Jahrhundert schildern.

Der Referent, Dr. habil. Ubaldo Villani-Lubelli, ist Historiker für die Geschichte politischer Institutionen an der Università del Salento (Lecce). Schwerpunkte seiner Forschungstätigkeit sind die deutsche politische Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts sowie die Geschichte der europäischen Integration.

Veranstalter: Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften, FernUniversität in Hagen

Wie viel ist uns gute Kita-Qualität wert?

12. Oktober 2019

Das Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme der Bertelsmann Stiftung ist zum ersten Mal in Zusammenarbeit mit der FernUniversität in Hagen erschienen

Prof. Julia Schütz leitet das Lehrgebiet Empirische Bildungsforschung an der FernUniversität. Foto: FernUni.

Wie hat sich die Anzahl der pädagogischen Kita-Fachkräfte in Deutschland in den vergangenen Jahren entwickelt und wie sind diese qualifiziert? Für wie viele Kinder sind die Kita-Fachkräfte zuständig? Wie viel Zeit wird in Kindertageseinrichtungen für Leitungsarbeit zur Verfügung gestellt? Welche Unterschiede existieren zwischen den Bundesländern?

Antworten auf diese und eine Vielzahl weiterer zentraler gesellschafts- und bildungspolitischer Fragen bietet das Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme der Bertelsmann Stiftung. Dieses ist zum ersten Mal in Zusammenarbeit mit der FernUniversität in Hagen erschienen. Das Lehrgebiet Empirische Bildungsforschung kooperiert unter Leitung von Prof. Dr. Julia Schütz seit September 2018 mit der Bertelsmann Stiftung.

Die im Ländermonitor und -report Frühkindliche Bildungssysteme 2019 dargestellten Auswertungen der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik, die von der FernUniversität in Hagen durchgeführt wurden, zeigen: Es hat zwar eine quantitative Zunahme des pädagogischen Personals in Kitas stattgefunden. Jedoch ist weiterhin eine deutliche Verbesserung des Personalschlüssels erforderlich, um Qualität und eine kindgerechte Bildung, Erziehung und Betreuung gewährleisten zu können.

Ungünstige Personalschlüssel sorgen dafür, dass in zahlreichen Kitas nicht kindgerecht gearbeitet werden kann. Die aktuelle Personalsituation in den Einrichtungen belastet neben der Kita-Qualität zudem auch die Erzieherinnen und Erzieher. Darüber hinaus erschweren es die Arbeitssituation und die strukturellen Rahmenbedingungen der Fachkräfte, mehr Menschen für den Beruf zu begeistern.

Zentrales strukturelles Qualitätsmerkmal von Kitas ist der Personalschlüssel. Nach Empfehlung der Bertelsmann Stiftung sind für eine gute Kita auch bundeseinheitliche Standards für eine professionelle Leitungsausstattung, berufsbegleitende Beratung sowie Aus-, Fort- und Weiterbildung der Fachkräfte wichtig.

Seit 2008 berichtet das Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme der Bertelsmann Stiftung über den Status quo und die Entwicklung der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung in Deutschland. Grundlage des jährlich aktualisierten Monitorings sind Auswertungen unter anderem von Daten der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder aus der Kinder- und Jugendhilfestatistik.

Die diesjährigen Berechnungen wurden auf Grundlage des zwölf Jahre bestehenden Ländermonitorings Frühkindliche Bildungssysteme von Julia Schütz und ihren wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Jana Viola Frings und Felicitas Kempf vorgenommen.

„…wie im Mittelalter!“

10. Oktober 2019

Gewaltkonzeptionen zwischen Vormoderne und Gegenwart

10.10.2019, 18:15 Uhr (bis 19.45 Uhr)
Seminargebäude (Gebäude 2) der FernUniversität, Universitätsstr. 33., 58097 Hagen, Räume 1 bis 3

Das vielbeschworene Bild vom „finsteren Mittelalter“ ist nicht zuletzt mit der Vorstellung verknüpft, dass diese Epoche von exzessiver Gewaltausübung geprägt war, seien es durch Kriege, Hinrichtungen oder Fälle alltäglicher Kriminalität. Das derart als gewalttätig imaginierte Mittelalter übt dabei auf moderne Beobachter eine ambivalente Faszination aus: Es erscheint uns einerseits als Zeit durchsetzungsstarker Helden und andererseits als Ära einer blutigen Herrschaft des Stärkeren. Gerade beim Nachdenken über historische Gewalttaten übertragen wir dabei – beinahe unabdingbar – moderne Wertmaßstäbe, so dass mancher Held als tapfer und mutig erscheint, eine obrigkeitliche Hinrichtung jedoch als grausam.

Ausgehend von mittelalterlichen Fallbeispielen und ihrer modernen Rezeption möchte der Vortrag aufzeigen, welche Möglichkeiten historischer Gewaltforschung es heute gibt und wo möglicherweise die Vor- und Nachteile einzelner Zugänge liegen. Dabei wird auch danach gefragt, ob und wie sich abstrakte Konzepte wie „Gewalt“ oder moralische Wertungen wie „Grausamkeit“ überhaupt historisieren lassen.

Zu der Veranstaltung sind externe Interessierte willkommen.

Veranstalter: Historisches Institut der FernUniversität
Referent: Dr. Christoph Mauntel

200 Jahre Hegels „Grundlinien der Philosophie des Rechts”

9. Oktober 2019

Tagung der Zeitschrift für Rechtsphilosophie an der FernUni

Die „Zeitschrift für Rechtsphilosophie” widmet den vierten Jahrgang ihrer „Neuen Folge” der Hegelschen Rechtsphilosophie, deren 200-jähriges Jubiläum 2020/21 naht.

Von Donnerstag, 10. Oktober, bis Samstag, 12. Oktober, gibt eine Tagung an der FernUniversität in Hagen Anreize zum Austausch über die für die Publikation vorgesehenen Beiträge. Gemeinsam können hier Autorinnen und Autoren, der Wissenschaftliche Beirat der Zeitschrift und interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer vor Veröffentlichung der Texte miteinander ins Gespräch kommen.

Die Tagung ist öffentlich, die Teilnahme kostenlos.

Weitere Infos und Programm im Flyer der Tagung

„Der Frieden ist der Horizont“

8. Oktober 2019

Der Friedensprozess in Kolumbien im Vortrag an der FernUni

Prof. Juan Ramon Martínez Vargas, Richter für Sondergerichtsbarkeit, sprach an der FernUniversität über Menschenrechte, Verfassungs- und Völkerrecht.

Auf Einladung der FernUniversität hielt Prof. Juan Ramon Martínez Vargas von der Universidade del Rosario in Kolumbien einen Vortrag über die Rolle der Sondergerichtsbarkeit im Friedensprozess in Kolumbien: von den Anfängen des Konflikts hin bis zum Friedensvertrag 2016. Die eingerichtete Sondergerichtsbarkeit bildet dabei das Rückgrat des Friedensprozesses. Sie sieht für Verbrechen im Zusammenhang mit dem über 50 Jahre währenden bewaffneten Konflikt Strafminderung im Gegenzug gegen Aufklärung der Wahrheit, Reparation und bei Nichtwiederholung der Straftaten vor. Als Richter der Sondergerichtsbarkeit ging Martínez Vargas insbesondere auf diese drei grundlegenden Prinzipien ein.

Er schilderte einige Einzelschicksale, durch die deutlich wurde, wie wichtig für die Angehörigen der Opfer die komplette Aufklärung der Geschehnisse ist und dass Wiedergutmachung nicht nur darin besteht, die Täter zu inhaftieren. Dabei stellte er sowohl verfassungsrechtliche als auch völkerrechtliche Aspekte heraus. So ist die Sondergerichtsbarkeit durch eine Änderung der kolumbianischen Verfassung für 15 Jahre garantiert und unabhängig von einem möglicherweise eintretenden Regierungswechsel.

In der anschließenden Diskussion gab der Jurist seine Einschätzung dazu ab, ob der Frieden in Kolumbien erreicht werden könne: „Der Frieden ist der Horizont, auf den wir uns Schritt für Schritt zu bewegen.“ Mit der kolumbianischen Sondergerichtsbarkeit sei auch die Hoffnung verbunden, als „best practice“ für Ländern mit ähnlichen Konflikten zu dienen.

Der Vortrag fand in Kooperation des Instituts für Internationale Rechtsbeziehungen der Rechtswissenschaftlichen Fakultät sowie des Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften an der FernUniversität statt und wurde aufgezeichnet.

Tiere als Täter?

5. Oktober 2019

„Problemtiere“ der Kolonialgeschichte

08.10.2019, 18:15 Uhr (bis 19.45 Uhr), FernUni
Seminargebäude (Gebäude 2), Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, Räume 1 bis 3

Wenn es in der Geschichte der Tier-Mensch-Beziehungen um das Töten und Fressen geht, so sind damit zumeist Nutztierhaltung und Jagd angesprochen. Doch einzelne Raubtiere oder Tiergruppen sind in der Lage dies umzukehren, Menschen also zu töten und sogar zu verspeisen.

Waren gefährliche Tiere wie Bären in Europa im langen 19. Jahrhundert weitgehend ausgerottet, trafen Kolonialregierungen etwa in Afrika, Indien und Südamerika abermals auf potentielle „Menschenfresser“ wie Löwen, Leoparden, Krokodile oder große Primaten. Diese Tiere forderten den kolonialen Zivilisierungsanspruch infolgedessen gewaltsam heraus und lokale Aktivisten wussten diese Attacken politisch zu nutzen.

Der Vortrag wird sich diesen kolonialen „Problemtieren“ umwelt-, kolonial- und tiergeschichtlich widmen und die Fälle transkontinental vergleichen.

Veranstalter: Historisches Institut der FernUniversität in Hagen
Referentin: Jun.-Prof. Dr. Stefanie Zehnle (Kiel)

Repräsentationen der Gewalt und politische Ordnung

3. Oktober 2019

Podiumsdiskussion an der FernUni

07.10.2019, 18:15 Uhr (bis 19.45 Uhr)
Seminargebäude (Gebäude 2), Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, Räume 1 bis 3

Der Begriff Gewalt ist wie kaum ein anderes Wort dazu geeignet, um politische Debatten auszulösen bzw. auf die Spitze zu treiben. Wer Gewalt sagt, klagt an, oder muss sich verteidigen. Vor diesem Hintergrund ist es für die Geschichtswissenschaft von besonderem Interesse danach zu fragen, wie zu verschiedenen Zeiten mit diesem Thema umgegangen wurde. Wie sind historische (Um-)Deutungen und Leugnungen von Gewalt zu verstehen? Was können (Nicht-)Repräsentationen von Gewalt über den jeweiligen historischen Kontext aussagen?

Zum Auftakt der diesjährigen Geschichtswoche diskutiert Prof. Dr. Alexandra Przyrembel (FernUniversität) diese Fragen mit ihren Gästen: Prof. Dr. Christoph Marx (Universität Duisburg-Essen), Prof. Dr. Maren Lorenz (Ruhr-Universität Bochum) und Prof. Dr. Habbo Knoch (Universität zu Köln).

Interessierte sind zur Teilnahme eingeladen, Anmeldungen unter sekretariat.przyrembel@fernuni-hagen.de sind notwendig.

Dieselfahrverbote in deutschen Städten. Eine politikwissenschaftliche Ursachensuche

29. September 2019

01.10.2019, 18:00 Uhr (bis ca. 20 Uhr), FernUni, Seminargebäude (Gebäude 2), Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, Räume 1 bis 3

Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge sind aktuell in 34 deutschen Städten entweder beschlossen oder eingeführt worden, hätten eingeführt werden müssen, oder es ist – u. a. für Hagen und 13 weitere Städte in Nordrhein-Westfalen – mit ihrer Einführung in absehbarer Zeit zu rechnen. Wie konnte es zu dieser höchst unwahrscheinlichen Entwicklung kommen? Der Vortrag gibt auf diese Frage eine Antwort.

Mit Hilfe eines theoretischen Ansatzes aus der Politikfeldanalyse werden vier notwendige und eine hinreichende Bedingung identifiziert: Der Beschluss der Europäischen Luftqualitätsrichtlinie (1), das aus dem Aarhus-Protokoll stammende Klagerecht anerkannter Umweltverbände (2), die systematische Nutzung dieses Rechts durch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) für ihren „Kampf für saubere Luft“ (3) sowie das Versagen auf allen Ebenen, mit anderen Maßnahmen als Fahrverboten die Einhaltung der NO2-Immissionsgrenzwerte zu erreichen (4), sind allesamt notwendige Bedingungen.

Im Gegensatz zur weit verbreiteten Wahrnehmung hat der Abgasskandal keinen identifizierbaren kausalen Effekt auf die Fahrverbote. Hingegen erweist sich die Art und Weise, wie die deutschen Verwaltungsgerichte die Klagen der DUH entschieden haben – mit großem Interesse an Gesundheitsschutz und der Einhaltung des europäischen Rechts – als hinreichende Bedingung für die Situation, die erklärt werden soll.

Die Veranstaltung ist öffentlich und kostenfrei, alle Interessierten sind willkommen.

Siehe dazu auch:

„Ein Versagen auf allen Ebenen“
Interview mit der Referentin Prof. Annette Elisabeth Töller

Empowerment?

24. September 2019

Selbstbestimmung und bürgerschaftliches Engagement in der DDR

27.09.2019 — 28.09.2019, Seminargebäude der FernUniversität (Gebäude 2), Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, Räume 4 und 5

Das Institut für Geschichte und Biographie in Hagen (IGB) begeht in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen mit einem kleinen Festakt. Dieser wird von einer wissenschaftlichen Tagung eingerahmt, die sich – aus Anlass eines aktuellen Forschungsprojektes am IGB – mit kulturellen Gestaltungsräumen und Formen der Selbstermächtigung in der DDR auseinandersetzen wird.

Das Hauptanliegen besteht darin, Einblick in biographische Prozesse zu gewinnen, in denen Bürger der DDR sich mit dem Ziel zusammenfanden, einen Teil ihres persönlichen und sozialen Lebens selbst in die Hand zu nehmen und damit in Bereiche der öffentlichen Sphäre vorzudringen, deren Regelung nominell durch das Regime beansprucht wurde. Derartige Verhaltensweisen liegen einerseits deutlich über dem Niveau des nischengesellschaftlichen Rückzugs, lassen sich andererseits durch Begrifflichkeiten der politischen Dissidenz und Opposition wiederum nicht auf den Punkt bringen.

Im Gegensatz zur Vorverurteilung der ostdeutschen Lebenswelt als einer „durchherrschten Gesellschaft“ gehen wir davon aus, dass Phänomene von zivil- und bürgerschaftlich geprägtem „Eigen-Sinn“ in der DDR verbreitet waren, jedoch stellt sich die Frage, wie man sie auffindet und wissenschaftlich nachweist. Nur selten gibt es dazu eine institutionalisierte Erinnerungskultur und die einschlägigen Akten des Ministeriums für Staatssicherheit bilden naturgemäß nur einen unvollkommenen und gefärbten Ausschnitt der dort als deviantes Verhalten wahrgenommenen Wirklichkeit ab.

Die Veranstaltung ist öffentlich, alle Interessierten sind willkommen. Eine Anmeldung unter eva.engelhardt@fernuni-hagen.de oder Telefon 02331 987- 4010 ist notwendig.

Das Tagungsprogramm

Willkommen in Hagen?!

23. September 2019

Vier Jahre nach dem Sommer des Willkommens

24.09.2019, 16:00 Uhr, FernUni Gebäude 3, Universitätsstraße 11, 58097 Hagen

Im Rahmen der Interkulturellen Woche in Hagen diskutieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der FernUniversität in Hagen mit Betroffenen und Akteurinnen wie Akteuren der Stadt Hagen über die Ergebnisse einer Studie im Lehrgebiet Community Psychology der FernUniversität. Anfang 2019 wurden in Hagen lebende Syrerinnen und Syrer befragt, wie sie das Aufnahmeklima wahrnehmen. Welche Herausforderungen sehen sie für das Zusammenleben? Fühlen sie sich verbunden mit der Stadt? Wie sehen sie ihre Zukunftsperspektiven?

Kooperationspartner für die Studie und die Diskussion sind die Integrationsagenturen der Arbeiterwohlfahrt Hagen/Märkischer Kreis und der Dikaonie Mark-Ruhr sowie der Verein Freiwillige Hände.

Um Anmeldung wird gebeten.

CO2 an der Quelle besteuern

22. September 2019

Der Volkswirt Prof. Robert Schmidt (FernUniversität) spricht sich deutlich für eine CO2-Steuer aus: Sie schafft ideale Bedingungen für Investitionen in emissionsarme Technologien.

Im Gegensatz zur Bundesregierung präferiert Prof. Robert Schmidt statt eines Emissionshandels eine CO2-Steuer. Einstiegspreis: 80 Euro pro Tonne CO2. Foto: FernUni.

„Erstaunlich einfach und seit Langem bekannt“ ist nach den Worten von Prof. Dr. Robert Schmidt ein ökonomisches Instrument, das wirksam den Klimawandel bekämpfen kann. Damit meint der Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Mikroökonomie an der FernUniversität in Hagen die umfassende Festlegung von einheitlichen Preisen für alle Emissionen, insbesondere von Kohlendioxid („CO2-Steuer“).

Ein solcher Markteingriff ist seiner Ansicht nach berechtigt und unter Umständen sogar zwingend erforderlich. Darüber hinaus hält er eine gezielte Förderung grüner Technologien (z.B. erneuerbare Energien, Speichertechnologien) für sinnvoll. „Die Bereitstellung emissionsarmer Technologien hat – ähnlich wie die Senkung der Emissionen – z.T. Eigenschaften eines globalen öffentlichen Gutes!“ Wenn Deutschland eine umfassende CO2-Bepreisung einführe, könne es zudem andere Länder mit an Bord holen und so einen wichtigen Impuls in Richtung einer globalen Bepreisung geben.

Hinsichtlich der Bepreisung von CO2-Emissionen setzt Prof. Schmidt sich vehement für eine Quellenbesteuerung ein, also eine Kohlenstoffsteuer. Dabei würden die fossilen Brennstoffe direkt bei ihrer Förderung bzw. bei ihrem Import entsprechend ihrem Kohlenstoffgehalt besteuert. Schmidt: „Das ist einfacher und unbürokratischer, als riesige Zahlen von CO2-Emittenten einzeln zu erfassen. Ökonomisch ist es eigentlich egal, wo man die Steuer ansetzt. Pragmatisch ist es, wenn man wirklich an der Quelle, also bei oder möglichst direkt nach der Extraktion der fossilen Brennstoffe aus dem Erdreich sowie beim Import ansetzt. Damit kann man theoretisch eine hundertprozentige Abdeckung der CO2-Emissionen erreichen.“

Denn nicht nur Auto fahren, heizen oder Güter und Dienstleistungen verursachen durch Betrieb und Erzeugung CO2, sondern z.B. auch der energieaufwändige Bau eines Hauses („Graue Emissionen“). Hier müssten z.B. Zementgewinnung und Betonherstellung berücksichtigt werden.

Im Gegensatz zu einer solchen umfassenden CO2-Steuer sind im EU ETS, dem EU-Emissionshandel (European Union Emissions Trading System), nur die großen Emittenten wie Industrieunternehmen und Energieerzeuger erfasst und damit lediglich ca. 45 Prozent der Emissionen in der EU. Schmidt: „Wenn man nur den Energieverbrauch der Heizung besteuern würde, bliebe außer Acht, wie energieaufwändig das Gebäude hergestellt wurde. Bei einer umfassenden Kohlenstoffbesteuerung würde das alles berücksichtigt. Und wenn ein Produzent sieht, dass seine Produkte durch die Besteuerung teurer werden, wird er versuchen, kohlenstoffarm zu produzieren.“

Industrieunternehmen und Energieerzeuger könnten – und würden – die höheren Belastungen an ihre Kunden weitergeben. Schmidt: „Es ist egal, wo man die Steuer ansetzt; direkt beim Verbraucher oder in der Produktionskette. Es ist ja auch gewollt, dass das Preissignal sich entlang der Wertschöpfungskette fortpflanzt. Die Verbraucherin, der Verbraucher soll sehen: Dieses Produkt oder diese Dienstleistung ist jetzt teurer, weil da mehr CO2 ‚drinsteckt‘. Also weiche ich auf eine andere Dienstleistung oder ein anderes Produkt aus. Auf den Apfel, der nicht aus Argentinien eingeflogen wurde, sondern hier gewachsen ist.“

Und Produzenten emissionsärmerer Produkte können diese vergleichsweise billiger anbieten, und dadurch ihre Marktanteile steigern. Somit entstehen entsprechende Investitionsanreize in emissionsärmere Produktionsprozesse und Technologien. Um Wettbewerbsnachteile für die heimische Wirtschaft auszuschließen, sollte eine CO2-Bepreisung mit steuerlichem Grenzausgleich (sog. Border Carbon Adjustment – BCA) gekoppelt werden: Exporte würden vom heimischen CO2-Preis befreit und Importe damit belastet.

Da das EU ETS bereits existiert, plädiert Schmidt dafür, die CO2-Steuer zusätzlich einzuführen und die Kosten der Zertifikate an die beteiligten Firmen zurückzuerstatten, um eine Doppelbesteuerung zu vermeiden: „Die Steuer wirkt dann wie ein Mindestpreis für Emissionen und ergänzt das EU ETS.“

Prof. Schmidt spricht sich entschieden für die Steuer aus und gegen eine Ausweitung des Zertifikatehandels auf bisher nicht erfasste Sektoren. „Die Steuer setzt ein stabiles Preissignal und schafft somit ideale Bedingungen für Investitionen in emissionsarme Technologien, während der Preis im EU ETS schwankt. Dabei sind sowohl unerwartet geringe als auch sehr hohe Zertifikatepreise nicht wünschenswert. Bei geringen Preisen fehlen Anreize, die Emissionen weiter zu reduzieren, sehr hohe Preise bergen konjunkturelle Risiken.“

Prof. Schmidt schlägt einen Einstiegspreis von 80 Euro pro Tonne CO2 vor, was vergleichbar ist mit der Schweizer CO2-Steuer. Die CO2-Steuer sollte im Anschluss kontinuierlich über die Zeit ansteigen.

Ein Teil der Erlöse aus der CO2-Bepreisung sollte seiner Ansicht nach für Regenwald-Schutzprogramme verwendet werden. Das hält Schmidt für noch dringender als das Abschalten von Kohlekraftwerken oder die Entschädigung von Stromkonzernen, weil so neben der Emissionsminderung auch noch ein unermesslicher Beitrag für den Erhalt der globalen Artenvielfalt geleistet würde.

„Antworten auf zentrale Fragen zur Einführung von CO2-Preisen“ gibt Prof. Robert Schmidt zusammen mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen in „Diskussionsbeiträge der Scientists for Future 2, 2019, Version 1.1, doi:10.5281/zenodo.3371150“. In der Veröffentlichung geht es um „Gestaltungsoptionen und ihre Auswirkungen für den schnellen Übergang in die klimafreundliche Gesellschaft“.

„Ein Versagen auf allen Ebenen“

17. September 2019

Prof. Annette Elisabeth Töller (FernUniversität) hat untersucht, warum überhaupt mit Dieselfahrverboten zu rechnen ist. Am 1. Oktober hält sie hierzu einen öffentlichen Vortrag.

In Hamburg, Stuttgart und Darmstadt gibt es bereits Dieselfahrverbote, im Oktober folgt Berlin als Nummer 4. In 30 weiteren Städten drohen Fahrverbote, weil die Grenzwerte für Stickstoffdioxid-Emissionen nicht eingehalten werden. Nach einer Berechnung der Europäischen Umweltagentur von 2018 gab es in 2015 in Deutschland 13.000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von NO2-Immissionen.

Prof. Dr. Annette Elisabeth Töller von der FernUniversität in Hagen hat untersucht, warum überhaupt mit Dieselfahrverboten zu rechnen ist. Die Leiterin des Lehrgebiets Politikwissenschaft III: Politikfeldanalyse und Umweltpolitik wird hierzu am 1. Oktober einen öffentlichen Vortrag in der FernUniversität halten. Im Interview erläutert sie einige ihrer Untersuchungsergebnisse.

Frau Prof. Töller, kommen Dieselfahrverbote auf breiter Front?

Prof. Töller: Ich kenne zwar alle bisherigen Gerichtsurteile, aber ich habe keine Glaskugel. Ob weitere Fahrverbote kommen, kann ich wirklich nicht sagen – aber es ist jedenfalls nicht auszuschließen!

Die entsprechenden Klagen der Deutschen Umwelthilfe laufen schon seit 2011, und in allen Fällen haben die Gerichte festgestellt, dass der Luftreinhalteplan des Landes für die jeweilige Stadt nicht ausreicht. Es gibt aber große Unterschiede, wie konkret die Gerichte Fahrverbote als einzige Möglichkeit vorgeschrieben haben und ob diese flächendeckend oder nur streckenbezogen sein müssen.

Nach dem richtungsweisenden Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 2018 waren die Urteile klarer in Richtung Fahrverbot. Jedoch ist selbst bei einem so klaren Urteil – wie es jetzt für Köln ergangen ist – nicht sicher, dass auch bald ein Fahrverbot kommt. Erstens hat das OVG Münster die Revision zugelassen. Sollte das Land NRW Revision beim Bundesverwaltungsgericht einlegen, so hätte dies aufschiebende Wirkung. Zweitens kann man Fahrverbote nicht per Knopfdruck verhängen. Vielmehr muss dazu das Land den Luftreinhalteplan für Köln erneut fortschreiben und mit den Fahrverboten auch z.B. Ausnahmeregelungen prüfen, um die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Und drittens gibt es eine Reihe von Städten, darunter München und Düsseldorf, für die schon lange rechtsgültige Urteile vorliegen, die Fahrverbote für notwendig erklären, die gleichwohl immer noch kein Fahrverbot haben. Der Grund ist, dass sich einige Länder – trotz teilweise verhängter Zwangsgelder – bislang erfolgreich geweigert haben, die Gerichtsurteile zu befolgen.

Ist in den letzten Jahren zu wenig passiert?

Definitiv! Man hätte schon lange Maßnahmen beschließen müssen, die etwas bringen, um die Luftqualität zu verbessern. Die europäische Luftqualitätsrichtlinie ist bereits zum Januar 2010 in Kraft getreten. In Deutschland ist die Umsetzung von europäischem Recht aufgrund des Föderalismus immer schwierig.

Der Bund ist zwar verpflichtet, diese europäische Richtlinie umzusetzen, er ist ja auch 2018 zusammen mit anderen EU-Mitgliedern von der Europäischen Kommission verklagt worden, weil die Richtlinie nicht ordentlich umgesetzt wird. Der Bund hat die Grenzwerte in Bundesrecht umgesetzt, ist aber für die Implementation gar nicht zuständig. Hier sind die Länder gefragt, die wiederum unterschiedliche Zuständigkeitsstrukturen haben. In einigen Ländern wie Hessen und Bayern sind es die Umweltministerien, die die Luftreinhaltepläne zur Verbesserung der Luftqualität erarbeiten, in anderen wie in Niedersachsen die Kommunen. In NRW und Baden-Württemberg sind die Bezirksregierungen zuständig. Sie müssen zusammen mit den Städten die Luftreinhaltepläne erarbeiten und beraten, wie man mit sinnvollen Maßnahmen die Emissionen reduzieren kann.

Anfangs hat man das Problem gelinde gesagt ignoriert bzw. angenommen, dass es sich von selbst löst. Jetzt jedoch müssen die Kommunen die mitunter weitreichenden Maßnahmen umsetzen. Bei einigen Maßnahmen, die die Bürgerinnen und Bürger oder die lokale Wirtschaft einschränken, haben sie auch mit erheblichen Widerständen zu kämpfen. Erst 2017 hat der Bund im Rahmen des „Sofortprogramms saubere Luft“ viel Geld für Maßnahmen wie die Elektrifizierung des ÖPNV zur Verfügung gestellt, weil erste Fahrverbote drohten. Erst dann hat man das Problem ernst genommen.

Trotzdem sehen wir immer noch, wie problematisch es ist, vor allem weil die Kommunen einen bestimmten Anteil der Kosten selbst tragen müssen – 10 Prozent und mehr. Und das ist in Zeiten „klammer Haushalte“, gerade in NRW, immer noch „schwer zu stemmen“. Und letztlich brauchen diese Maßnahmen Zeit, um zu wirken, aber die haben wir jetzt nicht mehr.

Wir sehen also ein Versagen auf allen Ebenen!

Gibt es Zusammenhänge zwischen Fahrverboten und Dieselskandal?

Das ist in der Literatur umstritten. Ich sehe keinen direkten Einfluss. Man wusste schon vor dem Skandal sehr genau, dass die Emissionen der Dieselfahrzeuge die Hauptverursacher der Grenzwertüberschreitung bei den Stickstoffdioxid-Immissionen sind. Im Mahnschreiben der EU-Kommission vom Juni 2015 standen z.B. hierzu ganz klare Zahlen. Die ersten Gerichtsverfahren begannen schon 2011, der Dieselskandal erst im Herbst 2015.

Allerdings hat der Dieselskandal die Aufmerksamkeit auf das Problem gelenkt. Vor ihm wurden die nicht eingehaltenen Luftqualitätsgrenzwerte und die hochgradige Gesundheitsschädlichkeit als ein Problem der betroffenen Städte gesehen, seither als gesamtgesellschaftliches und nationales Problem. Und man versteht besser, warum diese Werte einfach nicht eingehalten werden können: Weil die Fahrzeuge eben viel mehr emittieren, als erlaubt ist.

Vortrag am 1. Oktober

Prof. Dr. Annette Elisabeth Töller gibt auf diese und weitere Fragen am Dienstag, 1. Oktober, von 18 bis 20 Uhr ausführliche Antworten. Ihr Vortrag „Dieselfahrverbote in deutschen Städten. Eine politikwissenschaftliche Ursachensuche“ findet in der Ringvorlesung Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit der FernUniversität im Seminargebäude (Gebäude 3), Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, statt. Die Veranstaltung ist öffentlich, alle Interessierten sind willkommen.

Hagener Geschichte(n) postkolonial erzählt

31. August 2019

Welche Spuren der Kolonialismus in der Stadtgeschichte und im Alltag hinterlässt, zeigt ein Forschungsprojekt der FernUni

Mitte der 1960er Jahre in Hagen: Der Brauereibesitzer Carl Horst Andreas schoss „auf großer Pirsch” auf allen Kontinenten exotische Jagdtrophäen für sein privates Museum, bis hin zum Elefantenfuß (Bildmitte). Für Werbezwecke setzte er Fotos von Menschen aus Afrika in diskriminierender Weise ein. Foto: Hagener Heimatbund.

Kolonialgeschichte streift ihre Nebenrolle ab: Klassischerweise wird sie als Geschichtsschreibung von oben angelegt, erzählt aus der Perspektive von Imperien, Kaisern, Ministerien. Mittlerweile etabliert sich eine Globalgeschichte „von unten“, drängt sich in die National- und insbesondere Lokalgeschichte. „Die historische Perspektive hat sich in den vergangenen Jahren verändert“, bestätigt Dr. Fabian Fechner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Geschichte Europas in der Welt an der FernUniversität in Hagen.

Mit Fokus auf die Stadt Hagen hat Fechner gemeinsam mit seiner Kollegin Barbara Schneider nach Verbindungen zwischen Kommune und Kolonialismus für die Zeit zwischen 1850 und 1960 gesucht, dabei Erstaunliches herausgefunden – und die Geschichte(n) in einem Seminar für Studierende verarbeitet. Nachlesbar sind sie in einer Publikation und einem Stadtplan.

Nach Bielefeld und Düsseldorf nun also Hagen: „Wir sind die dritte Uni bundesweit, die Spuren der Kolonialzeit vor Ort aufgespürt hat und dauerhaft dokumentiert“, sagt Fechner zu dem jungen Zweig der Lokalhistorie. „Deutschland war zur Zeit des Kolonialismus ein Auswanderungsland“, beschreibt der Historiker. „Die große Not, die in Deutschland herrschte, trieb überall Menschen dazu, nach Übersee zu gehen.“ Für Frauen etwa bedeutete die Missionsarbeit einen Sprung in der sozialen Hierarchie und mehr persönlichen Handlungsspielraum, wie Barbara Schneider erarbeitet hat.

Um in die lokale Geschichte einzutauchen, wühlten sich Barbara Schneider und Fabian Fechner durch Archive und sichteten Quellen, blätterten händisch alte Zeitungsausgaben durch und sortierten Fotos. Neben drei Hagener Archiven waren vor allem die Bestände der Archiv- und Museumsstiftung der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal ausschlaggebend.

Ansätze für Geschichten fanden Schneider und Fechner viele: Völkerschauen und palmengeschmückte Kolonialfeste als Unterhaltungsprogramm, revisionistische Heldenverehrung auf Straßenschildern, die Betrügereien durch den Hagener „Bund für Siedlung in Brasilien“, der zur Schau getragene Rassismus des Brauereibesitzers Carl Horst Andreas – und: Wie kam eigentlich der Kaffee nach Hagen?

Eine Anzeige in der Hagener Zeitung vom 15. Mai 1892 wirbt für eine Völkerschau, die damals das meist Bild des „Schwarzen” in der Öffentlichkeit verfestigte: wild, animalisch und kriegerisch zu sein. Foto: Stadtarchiv Hagen.

Hagens koloniale Spuren zeigen dabei einen Querschnitt durch die lokale Gesellschaft: vom Tagelöhner und der Zugehfrau bis zum Admiral und Millionenerben werden sie repräsentiert, ebenso wie durch Kolonialgesellschaften, Kriegervereine und Missionsorganisationen. „Letztere machten die Menschen mit dem kolonialen Gedankengut vertraut und sorgten für die koloniale Grundierung der Bevölkerung“, so Barbara Schneider. Denken und Handeln in dieser Kategorie war fest im Alltag verankert.

An dem Seminar, das das Lehrgebiet anbot, nahmen überdurchschnittlich viele Studierende teil. „Das Interesse an Lokalgeschichte und Zeithistorie ist offenkundig groß“, freut sich die Geschichtswissenschaftlerin über die Resonanz. Insgesamt 23 Bachelor- wie Promotionsstudierende zogen los, forschten ebenfalls in Archiven und Bibliotheken. Neben einigen Hausarbeiten schrieben alle einen Artikel zu ihrem Thema, die zu einer umfangreichen Broschüre mit Lokalkolorit zusammengefasst werden.

„Darin finden sich viele Aspekte, die so in Hagen noch nicht aufgearbeitet wurden und die vor allem das koloniale Erbe über Einzelpersonen, Institutionen, Kunstwerke, Sammlungen und symbolische Handlungen veranschaulichen“, so Schneider und Fechner.

Der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt werden die Forschungsergebnisse und das Buch „die welt in hagen – hagen in der welt“ am 17. September von 18 bis 20 Uhr im Kunstquartier Hagen, Museumsplatz 1.

Interdisziplinäres Symposium zur Lage Europas

5. Juli 2019

Das Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften befasste sich mit den Herausforderungen für die EU angesichts der Ergebnisse der Europawahl

Zu Gast war auch FernUni-Professor Peter Brandt (re.), von 2003 bis 2017 Direktor, seitdem Ehrendirektor des DTIEV. Foto: FernUni.

Im Mai 2019 wurden die politischen Weichen in der EU neu gestellt: Mit der Wahl des Europäischen Parlaments haben sich gewohnte Machtverhältnisse geändert, bestehende Gräben vertieft und neue Konfliktfelder aufgetan. Um eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme und Interpretation der Wahlergebnisse ging es bei einem Symposium an der FernUniversität in Hagen, ausgerichtet vom Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften (DTIEV). An zwei Tagen suchten Expertinnen und Experten aus Forschung, Politik und Wirtschaft den Austausch, diskutierten und zogen Bilanz zur übergeordneten Frage: „Europa bedroht von innen und von außen?“

Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Jürgen Nagel, Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, richtete sich Prof. Dr. Schiffauer an die Gäste. Der stellvertretende Direktor des DTIEV unterstrich die Brisanz der aktuellen Lage: „Im globalen ökonomischen Wettbewerb – insbesondere mit den Vereinigten Staaten und mit China – zeichnen sich neue Formen der Auseinandersetzung ab, in denen die europäischen Volkswirtschaften keineswegs sicher sein können, sich zu behaupten.“ Zudem generierten der Klimawandel und seine Folgen unwägbare Risiken. „Europa ist weit davon entfernt, solchen Gefahren geschlossen entgegentreten zu können.“

Rund ein Drittel der Wählerstimmen seien zudem für Parteien abgegeben worden, die die Grundordnung der EU ablehnen; viele Wählerinnen und Wähler seien von Europa enttäuscht. Mit Blick auf die politische Zukunft der EU betonte Prof. Schiffauer deshalb: „Die Frage, der dieses Symposium nachgehen soll, ist nicht, ob es wünschenswert ist, den europäischen Einigungsprozess fortzusetzen.“ Vielmehr sei darüber zu diskutieren, was sich ändern müsse, damit Europa sozial, sicher und wirtschaftlich gesund fortbestehen kann.

„Europa bedroht von innen und von außen?“

13. Juni 2019

Fachtagung an der FernUni, 14.06.2019 — 15.06.2019

Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften

Die Wahlen zum Europäischen Parlament des Jahres 2019 finden vor einem Horizont von tieferen Spaltungen in der Gesellschaft, von Ungewissheit über die Anerkennung gemeinsamer Werte und von gewachsener Unsicherheit in den globalen Macht- und Kräfteverhältnissen statt. Die Europawahlen und die darauf folgende Bildung einer neuen Europäischen Kommission sind jedes Mal eine Zäsur in den politischen Prozessen der Europäischen Union, Gelegenheit zu kritischer Bestandsaufnahme, zur Interpretation des Wählerwillens und seiner Hintergründe, zur Diskussion möglicher und notwendiger Neuanfänge.

In Kenntnis des Votums der Bürger der Union, seiner absehbaren Auswirkungen auf die Zusammensetzung der nächsten Unionsexekutive und die während der kommenden fünf Jahre zu erwartenden gesetzgeberischen Gestaltungsmehrheiten wird das Symposion eine Reihe zentraler Problemfelder der europäischen Integration diskutieren.

Die wissenschaftliche Veranstaltung dauert bis Samstag, 15. Juni, 13.30 Uhr. Sie richtet sich in erster Linie an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie an Studierende der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften und der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der FernUniversität in Hagen. Darüber hinaus sind die gesamte Hochschulöffentlichkeit, externe Fachleute und am Fach bzw. Thema interessierte Bürgerinnen und Bürger willkommen. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Weitere Informationen hier

Anmeldungen sind erforderlich (per Mail an dtiev@fernuni-hagen.de)

Schicksale von Verschleppten im Zweiten Weltkrieg

12. Juni 2019

Das Archiv des Instituts für Geschichte und Biographie der FernUniversität und die russische Checkov-Hochschule kooperieren bei der Aufarbeitung von Zwangsarbeiter-Interviews

Um die Schicksale russischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter geht es bei einem Projekt der Hochschule A.P. Checkov im südrussischen Taganrog, dem Ge-Denkzellen-Verein und der Friedensgruppe Lüdenscheid.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden aus Taganrog und Umgebung rund 27.000 meist sehr junge Menschen nach Deutschland verschleppt. Ihren Schicksalen spüren Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Geschichtsstudierende der Hochschule nach. In einer zweisprachigen Ausstellung soll 2021 in Taganrog und in seiner südwestfälischen Partnerstadt Lüdenscheid anhand 20 exemplarischer Schicksale gezeigt werden, was die Verschleppten erdulden mussten.

Im Rahmen ihrer Recherchereise nach Deutschland besuchte die Forschungsgruppe unter Leitung von Dr. Valentina Aggeeva und Dr. Viktor Kulikov auch das Institut für Geschichte und Biografie (IGB) der FernUniversität in Hagen. In dessen Archiv „Deutsches Gedächtnis“ befinden sich rund 600 Interviews mit ehemaligen russischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Darunter sind auch etwa 20 Interviews mit damals aus Taganrog Verschleppten, die 1993 Lüdenscheid besucht hatten.

Die russischsprachigen Dokumente sind jedoch kaum übersetzt. Im Rahmen des Besuchs vereinbarten das FernUni-Institut und die russischen Gäste daher, dass diese die Gesprächsaufnahmen übersetzen und die Übersetzungen dem IGB zur Verfügung stellen werden. Dafür erhielten sie Zugang zum IGB-Onlinearchiv und lernten, damit umzugehen. Das Hagener Institut und die russische Hochschule wollen die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit auf einer russischen Online-Plattform zugänglich machen.

Taganrog ist heute mit rund einer Viertelmillion Einwohnerinnen und Einwohnern ein bedeutendes Wirtschafts- und Kulturzentrum Südrusslands.

„Es hat immer Umbrüche gegeben“

5. Juni 2019

Interview mit dem FernUni-Philosophen Prof. Thomas Bedorf über die Folgen des medialen Wandels für gedruckte und digitale Medien

Nach 17 Jahren erscheint im Juni 2019 die letzte Ausgabe der Hochschulzeitung „FernUni Perspektive“. FernUni-Pressesprecher Stephan Düppe sprach aus diesem Anlass mit dem Sprecher des Forschungsschwerpunktes „digitale_kultur“, dem Philosophen Prof. Dr. Thomas Bedorf, über den medialen Wandel (Foto: FernUni).

Lieber Herr Professor Bedorf, Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“ Wie verhält es sich mit dem „Lesezeug“? Welche Bedeutung hat die Materialität eines Mediums für die Rezipientinnen und Rezipienten?

Prof. Thomas Bedorf: Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken. Sie sind von der Menschheit zu einem bestimmten Zeitpunkt erfunden, und danach von Menschen erworben, verfeinert und weitergegeben worden. Diese Kulturtechniken sind natürlich einem historischen Wandel unterworfen. Es hat immer verschiedene Weisen gegeben, wie wir geschrieben und gelesen haben. Es hat auch Zeiten gegeben, in denen wir gar nicht geschrieben haben, sondern Teil einer mündlichen Kultur waren. Die griechische Überlieferung bestand aus Epen, die gereimt waren, weil man sich Reime besser merken konnte – denn die Epen wurden mündlich weitergegeben. Das muss man spätestens seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks nicht mehr.

Die Materialität der Dinge, mit denen wir lesen und schreiben, beeinflusste immer schon die Art und Weise, wie wir das tun. Nur liegen solche historischen Wandlungsprozesse so lange zurück, dass wir uns in unserer Generation nicht daran erinnern können. Deswegen erscheint uns der heutige Wandel hin zum Digitalen als neu und einzigartig, obwohl es historisch gesehen immer Umbrüche gegeben hat. Was konkret das Lesen angeht, so sind wir durch die Materialität von Papier und Buchdruck sozialisiert und kulturalisiert worden. Diese haben den Nachteil der Lokalisiertheit: Bücher liegen oder stehen irgendwo, zum Beispiel auf einem Tisch oder in der Bibliothek, im Bücherschrank oder am Strand im Liegestuhl. Bücher haben ein bestimmtes Gewicht, sie transportieren sich nicht von selbst, sie haben gegenüber den neuen Medien den Nachteil der Lokalisiertheit und Immobilität.

Auch die Hochschulzeitung mussten wir verschicken, Leserinnen und Leser musste sie postalisch zugeschickt bekommen oder sich holen. Eine gedruckte Zeitung ist nicht zwangsläufig dort verfügbar, wo ich bin.

Bedorf: Genau. Und demgegenüber haben bildschirmorientierte Lesepraktiken den Vorteil, dass wir sie überall anwenden können. Das war sozusagen die Revolution des iPhone vor zehn Jahren. Insofern spielen Leseorte wie die Bibliothek, der Schreibtisch oder das Café nicht mehr eine so wichtige Rolle. Die beiden zentralen Vorteile digitaler Medien sind Geschwindigkeit und Verfügbarkeit. Wir haben mittlerweile auf viele Texte mehr Zugriff. Das erscheint uns trivial, weil es uns so selbstverständlich geworden ist. Aber wir könnten niemals eine ganze Bibliothek mitnehmen.

Printmedien gelten heutzutage für manche Menschen als höherwertig gegenüber den digitalen Medien. So sehen es bei unserer Universitätszeitung bisweilen auch diejenigen Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler, über die wir berichten: Es wird als etwas Besonderes empfunden, dass man „in der Zeitung steht“. Für die bedeutenden überregionalen Zeitungen gilt das auch. Woran liegt das? Denn die Botschaft ist ja dieselbe, ob sie in gedruckter Form oder digital verbreitet wird.

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Umweltfreundlicher entscheiden und leben

2. Juni 2019

Wie Lernen und Motivation hierbei helfen können, erläutert Prof. Robert Gaschler (FernUniversität) am 6. Juni aus umweltpsychologischer Sicht. Alle Interessierten sind willkommen.

Um „Entscheidungen, Gewohnheiten und Gelegenheiten sie zu ändern – Lernen und Motivation als Faktoren“ geht es am 6. Juni 2019 von 18 bis 20 Uhr. Referent ist Prof. Dr. Robert Gaschler, Leiter des Hagener Lehrgebiets Allgemeine Psychologie: Lernen, Motivation, Emotion (Foto: Hardy Welsch). Zu der Veranstaltung im Gebäude 3, Raum Ellipse (EG), Universitätsstr. 11, 58097 Hagen, sind alle Interessierten eingeladen, der Eintritt ist frei, Anmeldungen sind nicht notwendig.

Umweltpsychologie erforscht einerseits, wie unterschiedliche Umwelten auf Menschen wirken. Andererseits beeinflussen Menschen Umweltbedingungen. Neben technischen Lösungen ist das Verhalten von Menschen in beruflichen und privaten Kontexten für Umweltschutz und Nachhaltigkeit ausschlaggebend. Der Vortrag beleuchtet anhand empirischer Studien, wie Gewohnheiten und Entscheidungen umweltgerechtes Verhalten bedingen und wie Gelegenheiten zum Ändern von Gewohnheiten identifiziert und genutzt werden können.

Der Vortrag findet im Rahmen der Ringvorlesung „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ der FernUniversität statt.

Ausstoß von Treibhausgasen besser regulieren

28. Mai 2019

Die Politik streitet über die Klimapolitik. Der FernUni-Forscher Prof. Thomas Eichner bewertet das Thema aus ökonomischer Sicht und spricht über Emissionshandel und CO2-Steuern.

Die globale Erwärmung nimmt zu. Die Menschen blasen noch immer zu viele Treibhausgase in die Luft – auch in den Ländern der Europäischen Union. Vor allem CO2 gilt dabei als entscheidender „Klimakiller“. In der EU und ihren Mitgliedstaaten diskutieren Politik und Öffentlichkeit über Maßnahmen, um die Emissionen zu senken. Die Debatte verläuft hitzig. Auch weil in den Augen vieler die Zeit drängt. Damit überhaupt noch die Chance besteht, die weltweiten Klimaziele einzuhalten, muss sich schnell etwas ändern. Auf dem Tisch liegen eine Menge Vorschläge. Unter anderem ist die Rede vom Ausbau des europäischen Emissionshandels und einer deutschen CO2-Steuer.

Auch Forschende der FernUniversität in Hagen befassen sich mit dem Thema – einer von ihnen ist Prof. Dr. Thomas Eichner (Foto: FernUni). Der Ökonom leitet den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbes. Finanzwissenschaft. Zudem arbeitet er im interdisziplinären Forschungsschwerpunkt „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“, wo er Klimapolitiken mit ihren vielfältigen Stoßrichtungen analysiert: Manche Maßnahmen wirken auf die wirtschaftliche Nachfrage ein, andere hingegen sollen das Angebot regulieren. „Angebotsorientierte Politiken zielen zum Beispiel darauf ab, das Angebot an fossilen Brennstoffen zu reduzieren“, erklärt Prof. Eichner. „Momentan haben wir eher eine nachfrageseitige Klimapolitik.“

Europäischer Emissionshandel

Ein zentrales Element dieser aktuellen Klimaschutzpolitik ist seit 2005 das europäische Emissionshandelssystem – auch European Union Emissions Trading System, kurz EU ETS, genannt. Hierbei legt die Europäische Kommission eine Obergrenze (Deckel) dafür fest, wie viele CO2-Emissionen ausgestoßen werden dürfen. Dann geben die Mitgliedsstaaten eine entsprechende Menge an Emissionsberechtigungen (Zertifikate) teilweise kostenlos, teilweise über Versteigerungen an Unternehmen heraus. Durch den Handel der Zertifikate auf einem Markt bildet sich ein Preis für die Luftverschmutzung.

Entscheidend ist, dass die EU den Deckel für den erlaubten CO2-Ausstoß immer niedriger ansetzt. Thomas Eichner: „Die Gesamtmenge der Zertifikate wird sukzessive heruntergefahren, dafür gibt es einen Fahrplan.“ Nach Ansicht des Forschers ist dieser Weg grundsätzlich richtig. Ohne eine Verknappung verlagern sich die Emissionen nur zwischen den europäischen Ländern, reduzieren sich aber insgesamt nicht.

Allumfassend ist das ETS der Europäischen Union indes nicht, denn in der EU gibt es zwei verschiedene klimapolitische Handlungsbereiche: Der eine unterliegt dem Emissionshandel und schließt die Energiewirtschaft, energieintensive Industriezweige und die Luftfahrt ein. Der andere ist national zu regulieren und beinhaltet zum Beispiel den Gebäude- oder Straßenverkehrssektor. Für diesen zweiten, noch ungeregelten Bereich müsste die CO2-Steuer gelten, sagt Eichner angesichts des politischen Vakuums: „Rund 55 Prozent der Wirtschaftsaktivitäten, die CO2 verursachen, unterliegen nicht dem Emissionshandel.“

Steuern anstatt Klimaschäden zahlen

Die Grundidee ist einfach: „Wenn eine Steuer auf ein Gut erhoben wird, dann macht sie dieses teurer. Die Intention dahinter ist, dass weniger von ihm konsumiert wird.“ Dementsprechend ziele die CO2-Steuer darauf ab, die Emissionen zu reduzieren, indem ein Preis für jede Tonne des schädlichen Treibhausgases eingeführt wird. Dieser muss im Zeitablauf ansteigen. Aus ökonomischer Sicht sei das sinnvoll, betont der Forscher mit Blick auf die „externen Effekte“ – also auf die finanziellen Folgen, die anderenfalls drohen: „Die Klimaerwärmung führt in unterschiedlichen Regionen der Welt zu Schäden, die mit enormen Kosten verbunden sind. Das ist ein Ineffizienz-Problem!“

Maßnahmen richtig verteilen

Damit alle klimarelevanten Bereiche in der EU preislich abgedeckt sind, hält der Wissenschaftler ein Nebeneinander von CO2-Besteuerung und Emissionshandel für eine durchaus sinnvolle Option. Allerdings müssten die Instrumente dabei sorgfältig aufeinander abgestimmt sein; auf keinen Fall sollten sich ihre Anwendungsfelder überschneiden. „Es würde zum Beispiel keinen Sinn machen, die CO2-Steuer bei der Stromproduktion einzusetzen“, so Eichner. Durch das EU ETS seien die Emissionen in diesem Bereich ja bereits gedeckelt. Würde nun in Deutschland wegen einer Steuer weniger Strom produziert, gingen die CO2-Emissionen im Inland zwar schnell zurück, schössen aber dafür im Rest der EU in die Höhe. „Das wäre nur eine Hin- und Herschieberei“, sagt Eichner. „Das Ganze wäre noch ineffizienter, als es jetzt ist.“

Lassen sich bislang unregulierte Bereiche nicht einfach in den bestehenden Emissionshandel einbeziehen? Grundsätzlich wäre auch das möglich, bejaht Eichner. Allerdings würde dieses Vorgehen zu lange dauern: „Wenn wir Emissionen kurzfristig verteuern möchten, dann werden wir den Weg der Steuer gehen müssen.“ Und Eile sei durchaus geboten: „Die von der Bundesregierung zugesagten CO2-Ziele werden sonst verletzt, Deutschland muss etwas machen. Sonst drohen eventuell auch Strafen!“

Politischer Gestaltungsspielraum

Wie man die CO2-Steuer sozialverträglich ausgestaltet, sei hingegen eine politische Frage: „Es gibt zum Beispiel Menschen, die mit dem Auto zur Arbeit fahren müssen, und die nicht viel Geld haben. Für sie würde sich der Benzinpreis erhöhen.“ Solche Belastungen lassen sich möglicherweise durch eine Rückerstattung des CO2-Steueraufkommens abmildern. Derzeit sind unterschiedliche Steuermodelle in der Diskussion. „Das ist jedoch nicht so sehr das Problem der Ökonomie“, unterstreicht Eichner seine eigene Rolle als Wissenschaftler. Er halte eher die wirtschaftliche Ineffizienz der Klimaerwärmung im Blick.

Gleichwohl begrüßt der FernUni-Professor, dass sich in der europäischen Gesellschaft offenbar ein Bewusstseinswandel ankündigt. „Es kommt jetzt Druck aus der Bevölkerung. Insbesondere die jüngere Generation sagt: Wir haben ein Problem, das wir angehen müssen! Diese Begeisterung für die Umwelt finde ich gut.“

Was ist das Ziel der Einigung Europas?

18. Mai 2019

Für Prof. Andreas Haratsch von der FernUniversität ist das Ziel der Integration Europas nirgends festgelegt. Unbestritten ist aber ihr Erfolg als Friedensprojekt.

„Es gibt mit der fortschreitenden Entwicklung der EU immer neue Ziele. Es ist aber nirgends definiert, was das Endziel der Europäischen Integration sein soll.“ Klar ist nach den Worten von Prof. Dr. Andreas Haratsch (Foto: FernUni), Lehrstuhlinhaber für Deutsches und Europäisches Verfassungs- und Verwaltungsrecht sowie Völkerrecht an der FernUniversität in Hagen nur, mit welcher Absicht die Europäische Integration begann: „Dem Grunde nach war und ist sie ein Friedensprojekt, und zwar ein erfolgreiches. Dafür hat die EU ja auch den Friedensnobelpreis für das Jahr 2012 erhalten.“

„Auch wenn die Union immer enger wird“, ist für Andreas Haratsch das eigentliche Ziel der Integration „bis heute sehr undifferenziert“: „Sollen sich die Mitgliedsländer in einem Bundesstaat vereinigen? Oder einen Staatenbund bilden? Soll und kann die EU überhaupt ein Bundesstaat werden? Das weiß niemand.“ Nach Haratschs Meinung sind die Widerstände hierfür auch viel zu groß: „Vieles strebt derzeit auseinander.“

Auch das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) ist hier keine große Hilfe. Für das Gericht ist die EU ein Staatenverbund – mehr als ein Staatenbund, aber weniger als ein Bundesstaat. Die Bundesrepublik muss an der Verwirklichung der Integration Europas mitwirken, das steht im Grundgesetz. „Aber wie das konkret geschehen muss, ist ebenfalls nicht festgelegt“, so der Verfassungsrechtler. Ebenso wenig, welche Struktur angestrebt werden soll.

Vielleicht sind diese Unsicherheiten ein Grund für den augenblicklichen Stillstand bei der Integration: „Die EU hat schon Mühe, das Erreichte zu sichern.“ Besonders kritisch sieht es für Haratsch bei den gemeinsamen europäischen Grundwerten aus, „der Konsens erscheint brüchig und die Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa sowie in Italien sind besorgniserregend“.

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Marktmacht statt Staaten-Sammelsurium

15. Mai 2019

Sowohl den Staaten wie ihren Bevölkerungen ist oft gar nicht bewusst, welche Vorteile sie durch die EU haben, betont Prof. Susanne Lütz von der FernUniversität

Was wäre, wenn es die Europäische Union nicht gäbe? Für Prof. Dr. Susanne Lütz (Foto: FernUni) müssten die Mitgliedsstaaten und ihre Bevölkerungen über viele wirtschaftliche Errungenschaften hinaus auch auf zahlreiche Vorteile verzichten, die sie gar nicht so sehr mit der EU in Verbindung bringen. Die Leiterin des Lehrgebiets Politikwissenschaft II: Internationale Politik an der FernUniversität in Hagen sieht hier in erster Linie Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.

Die „europäischen Grundwerte“ – zu denen u.a. auch Anti-Diskriminierung, nachhaltige Entwicklung und Korruptionsbekämpfung gehören – vertritt die EU offensiv auf verschiedenen Ebenen: Staaten, die ihr beitreten wollen oder die ihre Hilfe benötigen, sollen sich zu ihrer Einhaltung verpflichten. „Das findet man eigentlich in allen Verträgen der EU, doch haben dies die Menschen wohl am wenigsten im Blick“, bedauert Prof. Lütz. Das gilt auch für die Freizügigkeit von Personen, Gütern, Dienstleistungen, Kapital und Geld im gesamten Binnenmarkt. Lütz: „Die Mobilität – freies Reisen, Wohnen, Arbeiten und Studieren – ist ein Riesenfortschritt!“

Allerdings fürchten viele, dass Arbeitskräfte aus Mittel- und Osteuropa durch Niedrigstlöhne einheimische Beschäftigte verdrängen. Da Handwerksbetriebe durch die Freizügigkeit ohne Meisterbrief geführt werden können, erwachse auch hier (Billig-)Konkurrenz.

Dabei hat der Binnenmarkt vielfältige Vorteile. Schon aufgrund seiner Größe ist er für Investoren aus aller Welt höchst attraktiv. 60 Prozent des deutschen Exports gehen in andere EU-Mitglieder. Deutsche Unternehmen – darunter viele mittelständische – haben Zulieferketten und Produktionsstätten in anderen EU-Ländern aufgebaut. Lütz: „Für den Güteraustausch gelten hier zumindest annähernd gleiche Regeln und Standards.“

Die mit der Größe und Homogenität des Binnenmarktes verbundene Marktmacht gibt der EU eine viel bessere Position bei Verhandlungen mit Wirtschaftsmächten, z.B. wenn es um Umwelt-, Arbeits- oder soziale Standards geht. „Man spricht darüber viel mehr als über Zölle. In einer globalisierten Welt ist es wichtig, dass die Europäische Kommission stark auftreten kann.“ Dagegen wunderte sich Großbritannien nach seinem Brexit-Beschluss, dass es bei 40 neuen Abkommen keine so günstigen Konditionen wie als EU-Mitglied mehr erhielt.

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„Brüssel ist an allem schuld“

14. Mai 2019

FernUni-Wissenschaftlerin Dr. Helen Landmann erklärt, woher Stimmungsmache gegen Europa und die Demokratie aus psychologischer Sicht rührt

„Brüssel ist an allem schuld.“ – „Die EU ist ein Bürokratie-Monster; die Politik abgehoben und elitär. Wir wehren uns.“ So machen EU-kritische und EU-feindliche Parteien im Vorfeld der Europawahl Stimmung gegen Europa. Die Sprache ist immer emotional, oft radikal und mitunter hasserfüllt. Nachrichten gelten gemeinhin als „Fake News“. Prognosen sagen voraus, dass rechtskonservative und -populistische im Mai Zugewinne verbuchen werden – und zwar quer durch die Mitgliedsstaaten.

Worauf Vorurteile oder Hass gedeihen und wieso die Stimmungsmache verfängt, untersucht Dr. Helen Landmann aus dem Lehrgebiet Community Psychology an der FernUniversität in Hagen (Foto: FernUni). Sie erklärt, welche psychologischen Mechanismen zu den Wahlerfolgen rechtsgerichteter Parteien führen. Auf einer Tagung in Hannover hat die Jungwissenschaftlerin ihre Erkenntnisse vorgestellt und diskutiert: „Feindbild Europa: Umgang mit antieuropäischer und antidemokratischer Stimmungsmache.“

Für die Einstellungen gegenüber europäischer Politik sind insbesondere Themen wie Flucht und Migration, Information respektive Desinformation und Radikalisierung relevant. Hier setzen Rechtskonservative an.

Was Menschen wahrnehmen und denken ist nicht immer objektiv, vielmehr ist es von ihren Wünschen und Bedürfnissen geprägt: „Motiviertes Denken“ nennt das die Psychologie. „Rechtspopulisten sprechen Bedürfnisse an“, zieht Landmann psychologische Wirkmechanismen heran. Seit 2016 forscht die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FernUniversität zur Rolle von Emotionen für das soziale Zusammenleben.

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Neue Psychologie-Professorin liebt Herausforderungen

25. April 2019

Aileen Oeberst ist eine der wenigen Professorinnen und Professoren in Deutschland, die Medien- und Forensische Psychologie kombinieren. Die FernUniversität fand dies interessant

Bei der Forensischen Psychologie geht es um Gerichtsverhandlungen und -urteile und psychologische Begutachtung in diesem Kontext (z.B. von Glaubhaftigkeit, Schuldfähigkeit und Kriminalprognosen). Dieses Feld mit der Medienpsychologie zu verbinden, ist schon eine Herausforderung an sich.

In ihrer Forschung zeigt sich jedoch ein gemeinsamer Kern: „Ich untersuche Verzerrungen in der Informationsverarbeitung“, erläutert Aileen Oeberst (Foto: FernUni). Diese finden sich in der richterlichen Urteilsbildung ebenso wie in Medien wieder. Der „Rückschaufehler“ etwa: Wer hat nicht schon vorausgesehen, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt? Allerdings nur in der eigenen Erinnerung: „Man blickt immer mit dem eigenen Wissen der Gegenwart in die Vergangenheit zurück.“ Als Beispiel nennt Oeberst die Duisburger „Love-Parade“-Katastrophe.

Sie plant, auch die wissenschaftliche Schnittstelle zwischen Medien- und Rechtspsychologie zu untersuchen: „Wie sehr beeinflusst eine ‚vernichtende Berichterstattung‘ in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen sowie in Sozialen Medien vor einem Prozess die Urteile? Das kann man sich mit Laien anschauen, aber auch mit professionellen Entscheiderinnen und Entscheidern.“ Hierfür möchte Prof. Oeberst bisherige Veröffentlichungen in einer Metaanalyse quantitativ zusammenfassen sowie – das wäre wohl neu – Studien mit Richterinnen und Richtern durchführen.

Ein weiteres Themenfeld betrifft die mediale Darstellung von Straftaten (z.B. Terroranschlägen, Amokläufen), Straftäterinnen und Straftätern (etwa aus der „eigenen“ Gruppe und „anderen“ Gruppen), Gerichtsprozessen und -urteilen (wie beim NSU-Prozess) – und natürlich deren Wahrnehmung. Was macht es beispielsweise mit Menschen, die nach einer Katastrophe wie einem Terroranschlag einseitige Details aus dem Leben der Täterinnen oder Täter erfahren, die suggerieren, eine jede Laiin und ein jeder Laie hätte die Gefahr vorhersehen können? Verlieren Menschen dadurch zu Unrecht das Vertrauen in Behörden? Fördert es Verschwörungstheorien?

Nach ihrem Psychologie-Studium in Leipzig und Cagliarí (Sardinien), das sie 2005 mit dem Diplom abschloss, war die 1980 geborene Rostockerin bis 2008 Promotionsstipendiatin im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduiertenkolleg „Integrative Kompetenzen und Wohlbefinden“ an der Universität Osnabrück tätig, anschließend dort bis 2010 Wissenschaftliche Mitarbeiterin. Von 2011 bis 2016 arbeitete sie am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. In dieser Zeit vertrat sie eine Professur für Sozialpsychologie in Osnabrück. Eine weitere Professurvertretung für Sozial- und Rechtspsychologie führte sie 2015 und 2016 zur Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Hier war Aileen Oeberst seit September 2016 Juniorprofessorin für Forensische Psychologie.

Wann wird der Kapitalismus zusammenbrechen?

16. April 2019

Gareth Stedman Jones trug im historischen Forschungskolloquium der FernUniversität über Karl Marx vor

Einen prominenten Historiker konnte das Historische Institut der FernUniversität in Hagen für einen Vortrag und für seine Lehrzwecke gewinnen: Gareth Stedman Jones (Foto: FernUni) ist Fellow des King’s College in Cambridge und Professor für Ideengeschichte an der Queen Mary University of London. Er zählt seit langem zu den international herausragenden Historikern des „langen 19. Jahrhunderts“, das den Weg in die Moderne von 1789 bis 1914 umfasst.

Seine Forschung gilt vor allem in der Geschichte der politischen und sozialen Ideen als Antwort auf die durch Industrialisierung und Französische Revolution ausgelösten Umbrüche. Bei einem Forschungskolloquium des Historischen Instituts hielt er einen tiefschürfenden Vortrag zum Thema „When did Marx think capitalism would fall?“

Stedman Jones‘ These: Marx selbst hat noch keine „Zusammenbruchstheorie“ des Kapitalismus vertreten und sich den Übergang zu einer sozialistischen Gesellschaft eher als langfristigen Strukturwandel vorgestellt – analog zu seinem Konzept der bürgerlichen Revolution, die er ebenfalls (und zwar bereits in seinen Frühschriften) als Prozess der langen Dauer dargestellt hat. Diese historische Verknüpfung von Marx‘ Früh- und Spätwerk wurde in der anschließenden Diskussion weiter vertieft, ebenso die Frage, inwieweit Marx den Kapitalismus im Rahmen einer parlamentarischen Demokratie für reformierbar hielt.

Zusätzlich zu seinem Vortrag fand sich Stedman Jones auch zu einem ausführlichen Interview bereit, das Prof. Dr. Wolfgang Kruse, Direktor des Historischen Instituts, und Prof. Dr. Thomas Sokoll führten. Darin ging es zum einen um seine neue Marx-Biographie, zum anderen um aktuelle Tendenzen in der Forschung zur Ideengeschichte des langen 19. Jahrhunderts. Ebenso wie Vortrag und Diskussion wurde auch dieses Interview auf Video aufgezeichnet. Das Material wird derzeit bearbeitet, um es für Lehrzwecke nutzen zu können.

Ursprünglich war der Besuch von Stedman Jones an der FernUniversität anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx im Jahr 2018 vorgesehen, doch verhinderten dies die zahlreichen Einladungen aus aller Welt an ihn. Im Marx-Jahr wurde er auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt – durch seine umfangreiche Biographie „Karl Marx. Greatness and Illusion“ (2016; dt. 2017), die international als herausragende Leistung gewürdigt wurde.

Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis

28. März 2019

Das Zentrum für pädagogische Berufsgruppen- und Organisationsforschung (ZeBO Hagen) an der FernUniversität nimmt seine Arbeit auf

Warum werden Erzieherinnen eigentlich so schlecht bezahlt? Was macht gute pädagogische Arbeit aus? Und wie wirken sich Fachkräftemangel und Digitalisierung in pädagogischen Berufen aus? Als ideelles Dach für den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis nimmt das Zentrum für pädagogische Berufsgruppen- und Organisationsforschung (ZeBO) an der FernUniversität in Hagen seine Arbeit auf.

„Unsere Forschung konzentriert sich auf pädagogische Berufsgruppen, Institutionen und Organisationen des Erziehungs- und Bildungssystems“, sagt Julia Schütz in ihrer Funktion als Sprecherin des ZeBOs Hagen. „Als Netzwerk fördert unser Zentrum den Dialog zwischen Bildungswissenschaft und beruflicher Praxis.“

Die Leiterin des Lehrgebiets Empirische Bildungsforschung hat das ZeBO Hagen gemeinsam mit ihrer ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr. Christina Buschle sowie ihren langjährigen Wegbegleitern Prof Dr. Rudolf Tippelt (Ludwig-Maximilians-Universität München) und Prof. Dr. Dieter Nittel (Goethe-Universität Frankfurt) auf den Weg gebracht.

Machtverteilung in der europäischen Finanzkrise

26. März 2019

Das Lehrgebiet Internationale Politik an der FernUniversität hat in einem DFG-Projekt die Interessenskonflikte zwischen Schuldner- und Gläubigerländern untersucht

Anfang 2010 galt Griechenland als zahlungsunfähig, die Eurostaaten schnürten ein finanzielles Hilfspaket, der Internationale Währungsfond (IWF) steuerte Finanzmittel bei. Was zunächst für den Notfall gedacht war, wurde zur Regel erklärt. Die nächsten Länder, die finanzielle Unterstützung bekamen, waren Irland und Portugal. Später hing auch Zypern am Tropf. Die Rettungspakete waren milliardenschwer.

Die Troika – Europäische Kommission, Europäische Zentralbank (EZB) und IWF – reiste an, redete, argumentierte, drohte und reiste mitunter unverrichteter Dinge wieder ab. Insbesondere Griechenland wand sich unter den verlangten Reformen, hier war die Lage am kompliziertesten.

„Darüber wurde in den Medien plakativ berichtet“, erinnert Prof. Dr. Susanne Lütz, Politikwissenschaftlerin an der FernUniversität in Hagen. Gemeinsam mit zwei Promovenden ihres Lehrgebiets Internationale Politik hat sie in einem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt untersucht, wie sich die Interessens- und Machtkonstellationen zwischen der EU Kommission, dem IWF und der EZB gegenüber Schuldnerländern bei der Vergabe von Hilfskrediten nach der Finanzkrise von 2009 darstellen.

Wer hat die Macht?

„Wer bestimmt die Bedingungen der Kreditvergabe – die Gläubigerstaaten, internationale Organisationen oder auch die Schuldnerländer?“, umreißt Lütz die grundlegende Forschungsfrage. In den Fokus genommen haben die Wissenschaftlerin und ihre Mitarbeiter Sven Hilgers sowie Sebastian Schneider die Länder Griechenland, Irland, Portugal und Zypern.

Die gegensätzlichen Ausgangsthesen lauteten: „Die Gläubiger bestimmen, wo es langgeht. Sie haben die Stabilität der Eurozone im Blick und pochen auf harte Konditionalitäten“, nennt Lütz – oder: „Die Schuldnerländer versuchen, möglichst wenige Auflagen umzusetzen.“ Das Fazit der Forschenden: Beide Aussagen stimmen so nicht.

Denn allein die involvierten internationalen Institutionen handeln nach eigenen, teils einander widersprechenden Logiken. Während der IWF als „Wirtschaftsprüfer“ auf die Zahlen guckt und erwartet, dass die verschuldeten Länder ihre desolate Finanzlage zielstrebig ausgleichen, schlüpft die Zentralbank in die Rolle als Hüterin der Währungsstabilität. Die Europäische Kommission wiederum fühlt sich nicht nur der Stabilität verpflichtet, sondern auch dem Wachstum und will das Regelwerk zur Vertiefung des europäischen Binnenmarktes in den Programmen umsetzen.

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Mode als Strukturprinzip der Moderne

19. März 2019

Aus der Vortragsreihe „Wissenschaftsgespräche“ der FernUni

20.03.2019, 16:00 Uhr
FernUniversität, Gebäude 2 (Seminargebäude), Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, Räume 4 und 5

Referent: Prof. Dr. Hubertus Busche, Institut für Philosophie der FernUniversität

Seit dem 17. Jahrhundert verfestigt sich der Eindruck, dass nahezu alle Bereiche der Gesellschaft zunehmend von einer Herrschaft des Modischen ergriffen werden. „Die Dinge haben ihre Periode, und sogar die höchsten Eigenschaften sind der Mode unterworfen“, schreibt Gracián 1647. „Alles wird von der Mode geregelt“, ergänzt La Bruyère 1688.

Wenn es aber Moden nicht nur der Kleidung, der Frisur oder des Wohnens gibt, sondern auch Moden in den Wissenschaften, in der Kunst, in der Politik, in der Philosophie oder sogar in der Religion – d.h. gerade in Bereichen, die doch eigentlich ‚feste Prinzipien‘ gegen den periodischen Wechsel des Zeitgeistes verteidigen -, scheint Mode einerseits ein temporal strukturierendes Prinzip moderner Gesellschaften zu sein, das einen ähnlich hohen Stellenwert hat wie die funktionale Differenzierung, zumal es durch die Kommerzialisierung vorangetrieben wird.

Andererseits scheint durch die Herrschaft der Moden die autonome Sachlogik der geistigen Bereiche gefährdet zu werden; denn während es etwa bei der Kleidung erlaubt bzw. geboten ist, mit der Mode zu gehen, ist das Modische nicht nur in den Wissenschaften zu Recht verpönt.

Aus dieser Sachlage ergeben sich zahlreiche Fragen, von denen der Vortrag einige entwickelt und zu beantworten sucht.

Die wissenschaftliche Veranstaltung ist öffentlich, alle Interessierten sind willkommen.

Stärkt Bürgerbeteiligung die Ökologie?

23. Januar 2019

Jens Newig, Professor für Governance und Nachhaltigkeit in Lüneburg, hielt hierzu in der FernUniversität einen Vortrag

Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Autobahnen zur CO2-Reduktion, neue Windkraftanlagen, Bahnstrecken oder – im Zuge der Energiewende – neue Stromtrassen: Bei immer mehr ökologischen Entscheidungen sollen Bürgerinnen und Bürger „mitgenommen werden“.

Doch stärkt Bürgerbeteiligung die Ökologie? Die wissenschaftliche Literatur bejaht das überwiegend. Jens Newig sieht das nicht so eindeutig. Für den Professor für Governance und Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität Lüneburg kommt es auf die Umstände des Einzelfalls, den „Kontext“, an.

In seinem Vortrag „Mehr Bürgerbeteiligung = mehr Ökologie?“ stellte er in der FernUniversität in Hagen Ergebnisse der Lüneburger Partizipations-Studie vor. Diese Studie untersucht als weltweit größte ihrer Art 307 umweltbezogene Entscheidungsprozesse in 22 westlichen Demokratien. Die Vortragsveranstaltung fand im Rahmen der Ringvorlesung „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ des gleichnamigen neuen Forschungsschwerpunktes der FernUniversität statt.

Prof. Newig zeigte, dass und wie der Kontext Partizipationsergebnisse beeinflussen kann. Geht es um Vorgänge in einem europäischen Zusammenhang, sind sie eventuell ganz anders als solche, die direkten Einfluss auf das persönliche Leben haben und bei denen dann gerne das „Sankt-Florians-Prinzip“ gilt.

Auch, wie die Partizipation stattfindet, hat Einfluss: durch Kommunikation, durch Abgabe von Macht, durch Repräsentation der Bereiche Ökologie, Nutzung, Gesellschaft oder Wirtschaft. So kann ein Weniger an staatlicher Macht durchaus zu mehr Ökologie führen. Werden jedoch Nutzungsinteressen in den Vordergrund gestellt, könnte das Gegenteil eintreten.

Kommunikation ist zwar grundsätzlich gut, aber nicht immer wirksam: Je mehr man sich selbst – z.B. von Verkehrslärm vor der Haustür – betroffen fühlt, desto weniger ist man Argumenten zugänglich. Der Klimawandel dagegen wird in Deutschland oft noch als ein eher „entferntes“ Thema wahrgenommen. Hier können Umweltverbände größeren Einfluss nehmen. Ganz unterschiedlich sind trotz identischer Einflussfaktoren die Partizipationsergebnisse, wenn es nicht um Ökologie geht, sondern um Gesundheit.

Ein angesichts des Schlagwortes von der „Mitnahme der betroffenen Bürgerinnen und Bürger“ überraschendes Ergebnis.

Mehr Bürgerbeteiligung = mehr Ökologie?

15. Januar 2019

Ergebnisse der Lüneburger Partizipations-Studie

16.01.2019, 18:00 Uhr
FernUniversität in Hagen, Universitätsstr. 11, 58097 Hagen, Gebäude 3, Raum Ellipse

Sei es die Energiewende oder nachhaltige Gewässerschutzpolitik: Stets hört man, ohne Bürgerbeteiligung und Stakeholder-Partizipation sei eine ökologisch nachhaltige Entwicklung kaum zu erreichen. Die Literatur dazu füllt ganze Bibliotheken. Indes: Unser Wissen, inwieweit Partizipation tatsächlich zu stärker ökologischer Politik beiträgt, bleibt bruchstückhaft, denn die akademische Literatur ist dominiert von Einzelfallstudien mit teils widersprüchlichen Ergebnissen.

Die Lüneburger Partizipationsstudie – die weltweit größte ihrer Art – untersucht 307 umweltbezogene Entscheidungsprozesse in 22 westlichen Demokratien, über die bereits wissenschaftliche Publikationen vorliegen. Diese wurden mittels einer Metastudie im Rahmen des Forschungsprojekts „EDGE“ mit einem einheitlichen analytischen Raster kodiert und vergleichend analysiert, was eine quantitativ-statistische Auswertung des qualitativen Fallstudien-Materials erlaubt.

Damit werden erstmals robuste Aussagen über die Wirkungsweise von Partizipation im internationalen Vergleich möglich. Die Frage lautet: Inwiefern und unter welchen Bedingungen ist Partizipation förderlich – oder etwa hinderlich – für ökologisch nachhaltige Politik- und Verwaltungsentscheidungen?

Die Ergebnisse zeigen, dass ‚Partizipation‘ grundsätzlich durchaus ökologisch nachhaltige Entscheidungen fördert; allerdings kommt es sehr auf die betrachteten Dimensionen von Partizipation an: So stellt sich der Grad der Mitbestimmungsmöglichkeit nichtstaatlicher Akteure als förderlich für ökologisch nachhaltige Entscheidungen heraus; daneben die Intensität der Kommunikation zwischen den Beteiligten sowie die umweltbezogenen Interessen der beteiligten Akteure.

Keinen Einfluss dagegen konnten wir für den Grad der Einbeziehung individueller Bürger/innen bzw. organisierter gesellschaftlicher Sektoren (Zivilgesellschaft, Privatwirtschaft) finden. Dagegen macht es einen Unterschied, ob klassische Ökologiethemen (Biodiversität, nachhaltiger Ressourcenschutz) oder gesundheitsrelevante Themen wie Luft- oder Trinkwasserverschmutzung verhandelt werden.

Nicht zuletzt erweisen sich die Umstände als relevant: So stellt sich zum Beispiel heraus, dass in sogenannten „NIMBY“-Situationen (in denen z.B. eine lokale Infrastrukturmaßnahme zwar allgemein erwünscht, aber von den unmittelbaren Anliegern als störend empfunden wird) der Einbezug individueller Bürger/innen durchaus zu ökologisch nachhaltigen Entscheidungen beiträgt.

Die Ringvorlesung wird vom Forschungsschwerpunkt „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ der FernUniversität veranstaltet. Konzeption und Organisation: Prof. Dr. Alfred Endres. Der Besuch der Veranstaltung ist kostenfrei.

Neoliberale Ideen im digitalisierten Klassenzimmer

8. Januar 2019

FernUni-Forscher Dr. Maik Wunder hat die Debatte um die Digitalisierung an Schulen untersucht. Er wollte wissen, was den Einsatz digitaler Bildungsmedien eigentlich legitimiert.

„Tafelbild, Karteikarten und Atlas sind out, der Schulunterricht soll sich verstärkt auf digitale Bildungsmedien stützen!“ Das ist eine weit verbreitete Meinung, wenn es um die Situation in deutschen Klassenräumen geht. Aus pädagogischer Sicht offenbart sich hierbei jedoch ein Problem: Anders als für traditionelles Unterrichtsmaterial – beispielsweise gedruckte Schulbücher – gibt es für digitale Lernmedien keine staatlichen Zulassungsverfahren.

Wer garantiert also, dass entsprechende Angebote wirklich sinnvoll sind? Wer bestimmt den Diskurs rund ums digitalisierte Klassenzimmer? Und argumentieren die Befürworterinnen und Befürworter von digitalen Lernmedien wirklich auf Grundlage objektiver pädagogischer Erkenntnisse?

Mit diesen Fragen hat sich ein Bildungsforscher an der FernUniversität in Hagen auseinandergesetzt: Dr. Maik Wunder (Foto: FernUni) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Bildung und Differenz von Prof. Dr. Katharina Walgenbach. Er hat das Buch „Diskursive Praxis der Legitimierung und Delegitimierung von digitalen Bildungsmedien“ geschrieben.

Seine Arbeit kommt mithilfe der Diskurstheorie und praktischen Untersuchungen an einer Schule zu der Erkenntnis, dass forcierte Digitalisierung im Bildungsbereich zu großen Teilen auf neoliberalen Denkfiguren fußt, anstatt einer didaktischen Linie zu folgen, die Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften wirklich zuträglich ist.

„Für digitale Bildungsmedien gibt es keine staatlichen Zulassungsverfahren. Dennoch tauchen diese Medien massiv in den Schulen auf“, erklärt Maik Wunder. Ihr Einsatz werde verstärkt gefordert – nicht zuletzt vonseiten der Politik: „Ich habe mich daher gefragt, was diesen Prozess eigentlich steuert, wenn es keine staatliche Instanz tut.“ Unter dem Begriff „digitale Bildungsmedien“ versteht Wunder die ganze Bandbreite digitaler Lehr- und Lehrmittel, egal ob Hardware oder Software – also Tablets und Smartphones, aber auch spezielle Online-Plattformen oder Lern-Apps.

„Das Verblüffende ist, dass sich der pädagogische Diskurs dem neoliberalen Diskurs angeglichen hat“, benennt der Bildungsforscher einen wesentlichen Befund seiner Arbeit. „Hierbei werden Figuren des Neoliberalismus wie ‚Selbstverantwortlichkeit‘, ‚Innovation‘ oder ‚Wettbewerb‘ aufgegriffen.“

Zudem werde der Fortschritt im digitalen Bereich nahezu als eine Art alternativloses Naturgesetz stilisiert. Überspitzt formuliert herrsche das Diktum: „Digitaler Erfolg muss sein, sonst droht der evolutionäre Untergang“. Der Unterton solcher Aussagen sei ökonomischer Natur: Deutschland soll als zukunftsträchtiger Bildungsstandort im internationalen Vergleich „wettbewerbsfähig“ bleiben.

Dem unbedingten Appell zur Digitalisierung gegenüber stehen vereinzelte Stimmen, die eine „Entfremdung“ oder gar eine „Versklavung“ des Menschen durch die Technik befürchten. Auch dieser Standpunkt erscheint Wunder fragwürdig, da hier von einer zweifelhaften Trennung zwischen Natur und Kultur beziehungsweise Gesellschaft ausgegangen werde. Fest stehe jedoch, dass die intensive Nutzung digitaler Medien nicht ohne Folgen bleibe.

Bestimmte Zwangsmechanismen haben sich tatsächlich bereits in Bewusstsein und Körper der jungen Lernenden eingeschrieben, so der Bildungsforscher: „Es bedarf keiner normierenden Gewalt von Lehrkräften mehr, damit sich Schülerinnen und Schüler an Zeitstrukturen anpassen – das Gerät gibt den Rhythmus vor!“ Schon heute sei nachweisbar, dass bei häufiger Smartphone-Nutzung neuronale Veränderungen vonstattengehen: „Gehirnareale, die den Daumen steuern, sind zum Beispiel deutlich ausgeprägter.“

Doch worin besteht die Anziehungskraft digitaler Bildungsmedien für die Verantwortlichen in den Klassenzimmern? „Lehrkräfte versprechen sich von der Digitalisierung, dass sie der Beschleunigungszwänge, unter denen sie stehen, Herr werden“, erörtert Wunder. Vorteile sehen sie demnach in der Zeitersparnis: Digitale Materialen sind leichter vorzubereiten, zu reproduzieren oder zu verteilen.

„Gleichermaßen werden aber auch die Schülerinnen und Schüler in diese Logik miteingebunden“, gibt der Bildungsforscher zu Bedenken. Vordergründig erscheine die Individualisierung als didaktischer Pluspunkt; in Wahrheit jedoch, treten die überlasteten Lehrkräfte einen Teil ihrer Verantwortung an die Schülerinnen und Schüler ab. Der Stress werde somit weitergereicht, seine wahren Ursachen nicht ausgeräumt.

Trotz aller Risiken, die mit einer unreflektierten Herangehensweise verbunden sind, wirke das Thema Digitalisierung als eine Art „Gravitationsfeld“ im gesellschaftlichen Diskurs. Wunder: „An Schulen wird nicht mehr wie früher kritisiert, dass die Toiletten kaputt sind. Eher wird danach gefragt, warum es keine Tablets gibt.“

Viele Stolpersteine für neue Verkehrskonzepte

22. Dezember 2018

Der Verkehrsexperte Prof. Michael Schreckenberg hielt in der Ringvorlesung „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ der FernUniversität einen Vortrag über die Zukunft der Mobilität

„Die Zukunft wird so schnell nicht besser werden“. Am Ende seines Vortrags „Die Zukunft der Mobilität – wie wir uns bewegen werden“ an der FernUniversität in Hagen zog Prof. Dr. Michael Schreckenberg Bilanz. Sie ernüchterte diejenigen der fast 80 Interessierten, die sich einen konkreten Ausblick erhofft hatten. Der Vortrag des Professors für die Physik von Transport und Verkehr an der Universität Duisburg-Essen fand im Rahmen der Ringvorlesung „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ des gleichnamigen neuen Forschungsschwerpunktes der FernUniversität statt.

Angesichts der immer weiter zunehmenden Verkehrs(stau)lagen sind neue Konzepte für die zukünftige Mobilität gefragt. Mit automatisierten Fahrzeugen, besserem öffentlichen Verkehr, Fahrradschnellwegen, Flugautos, Drohnen oder sogar Robotern versucht man, dem drohenden Verkehrskollaps zu entgehen. Die Anforderungen von Verkehrslenkung und Umweltschutz können sich jedoch ebenso widersprechen wie wirtschaftliche und individuelle Interessen. Nicht zu vergessen sind Steine, die Gesetzgebung und Politik in den Weg legen oder auf dem Weg liegen lassen.

Der zunehmende Verkehr verursacht Umweltprobleme, Lärm, Staus, Verspätungen… Aus dieser Sackgasse kommt man nur mit einer Verkehrswende heraus. Schlüssel hierfür sind die Digitalisierung und Vernetzung von Mobilität. Im Verkehrssystem der Zukunft müssen emissionsarme Verkehrsmittel alle am Verkehr Teilnehmenden schnell, sicher und klimaschonend an ihr Ziel bringen.

Ein höchst aktuelles Thema ist die E-Mobilität, um den Kohlendioxidausstoß zu vermindern. „Doch auch E-Autos verursachen massiv Feinstaub“, so Schreckenberg zum für ihn nächsten Ausgangspunkt einer breit angelegten Diskussion. Für diese Technologie fehlen, wenn sie sich weit verbreitet, zudem die Rohstoffe. Die Zukunft liegt für den Professor daher antriebsseitig eher in der Wasserstofftechnologie.

Ein Alternative zum heutigen Individualverkehr könnte ein kostenloser öffentlicher Personenverkehr sein. Dem stehen aber unter anderem hohe Fahrpreise, ein chaotisches Tarif- und Ticketsystem, Unpünktlichkeit und der Widerstand von Bürgerinnen und Bürgern gegen neue Bahntrassen und Ähnliches entgegen: Vor 2030 rechnet der Experte daher nicht mit einer Verbesserung in diesem Bereich.

Die Zukunft der Mobilität – wie wir uns bewegen werden

5. Dezember 2018

05.12.2018,  18:00 Uhr,  Seminargebäude der FernUniversität (Gebäude 2), Raum 1 bis 3, Universitätsstr. 33, 58097 Hagen

Referent: Prof. Dr. Michael Schreckenberg, Universität Duisburg-Essen

Seit über 60 Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft ernsthaft mit dem Thema „Stau“. Ob Fahrzeuge, Menschen, Tiere oder Mikroben, überall wo sich viele ähnliche Objekte zur selben Zeit am selben Ort in dieselbe Richtung bewegen wollen, tritt er auf. Oft ohne erkennbaren Grund und plötzlich („Stau aus dem Nichts“). In der Zwischenzeit sind manche Rätsel gelöst, anderes aber bleibt trotz großer Anstrengungen auch weiterhin mysteriös und unerklärlich.

Zudem hat jeder Verkehrsteilnehmer seine eigenen Theorien und Strategien zur Bewältigung von Staus, was am Ende oft zu überraschenden Ergebnissen führt. Mit Informationen, Telematik und Navigation versucht die Technik dem Stau zu entrinnen – oft verbunden mit neuem Ungemach.

Daher sind neue Konzepte für die zukünftige Mobilität gefragt. Mit automatisierten Fahrzeugen, besserem öffentlichen Verkehr, Fahrradschnellwegen, Flugautos, Drohnen oder sogar Robotern versucht man, dem drohenden Verkehrskollaps zu entgehen, wahrscheinlich vergebens.

Der Vortrag versucht, den heutigen Stand der Erkenntnisse rund um Verkehr, Mobilität und Stau zu vermitteln und daraus mögliche Zukunftsszenarien zu entwerfen.

Aufwind für FernUni-Verbraucherforschung

30. November 2018

Das Land NRW unterstützt verbraucherrelevante Forschungsvorhaben – Auch ein Projekt am Lehrstuhl des FernUni-Wirtschaftswissenschaftlers Prof. Rainer Baule wird gefördert

Mit einer Fördersumme von knapp 140.000 Euro plant das Ministerium für Kultur und Wissenschaft Nordrhein-Westfalen, die Verbraucherforschung im Land voranzutreiben. Das bei der Verbraucherzentrale angesiedelte Kompetenzzentrum „Verbraucherforschung NRW“ gab nun die Ergebnisse der landesweiten Ausschreibung der Drittmittel bekannt.

Durchgesetzt hat sich unter anderem ein Projekt, das im Januar 2019 an der FernUniversität in Hagen startet: „Kosten strukturierter Finanzprodukte im Lichte des Anlegerschutzes zehn Jahre nach der Finanzkrise – Wie verstehen und berücksichtigen Kleinanleger Bankinformationen in Verkaufsprospekten?“ Durchgeführt wird es von Patrick Münchhalfen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Bank- und Finanzwirtschaft von Prof. Dr. Rainer Baule.

Wer privat Geld anlegen will, sieht sich mit einem Überangebot verschiedener Investitionsmöglichkeiten konfrontiert. Da Bankmitarbeitende zumeist nicht unabhängig beraten, sind Verbraucherinnen und Verbraucher auf verlässliche Infos über die Funktionsweise von Anlageprodukten angewiesen. Für sie ist es entscheidend, im Vorfeld Chancen, Risiken und Kosten einer Investition abwägen zu können.

Hier setzt das Projekt an und nimmt unter die Lupe, wie sie in Verkaufsprospekten, Broschüren und Informationsblättern von Banken unterrichtet werden. Im Mittelpunkt steht dabei das Marktsegment der strukturierten Finanzprodukte, sogenannter „Zertifikate“. Hierbei handelt es sich um spezielle Investitionsobjekte, deren Rückzahlung von der Wertentwicklung bestimmter Basiswerte abhängt – also etwa von Aktien, Währungen oder Rohstoffen.

Das Kompetenzzentrum „Verbraucherforschung NRW“ ist ein Kooperationsprojekt des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft, des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz sowie der Verbraucherzentrale des Landes. Ziel des Förderprogramms ist es, unabhängige verbraucherrelevante Forschung zu stärken. Dabei werden alle Fachrichtungen angesprochen – von der Psychologie über die Informatik bis zur Wirtschaftswissenschaft. Insgesamt überzeugten vier Forschungsteams und zwei Nachwuchswissenschaftlerinnen die Drittmittelgebenden vom Potential ihrer Vorhaben.

Klimaexpertin las Politik die Leviten

17. Oktober 2018

Verkehrswende und Kohleausstieg haben die höchste Priorität

Mit einer Vortragsveranstaltung stellte sich der neue FernUni-Forschungsschwerpunkt „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ der Öffentlichkeit vor. Referentin war Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Foto: FernUni

Das Sondergutachten des Weltklimarats mit dem dringenden Appell, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, die Braunkohle-Diskussion, der Wirtschaftsnobelpreis 2018 für zwei US-Ökonomen, die unter anderem die Folgen von Wirtschaftswachstum für die Umwelt erforschen: Als hätten „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ Regie geführt, passte zu den aktuellen Meldungen die Vortragsveranstaltung, mit der sich der neue gleichnamige Forschungsschwerpunkt der FernUniversität in Hagen der Öffentlichkeit vorstellte.

In der Auftaktveranstaltung am 10. Oktober befasste sich Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) mit den „Wirtschaftlichen Chancen einer klugen Energiewende“. Die Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance leitet die DIW-Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt. Zu ihrem Vortrag kamen 80 Zuhörerinnen und Zuhörer.

Bezugnehmend auf die Mahnung des Weltklimarats unterstrich Prof. Dr. Claudia Kemfert: „Wir haben keine Zeit, höchstens zehn Jahre, dann ist unser CO2-Budget aufgebraucht! Wir müssen den Ausstoß bis 2050 um mindestens 80 Prozent mindern.“ Doch die Emissionen steigen, statt zu sinken.

Dagegen gibt es, so Kemfert, in ganz vielen Bereichen sehr viel zu tun. Vordringlich sei zum einen ein schneller Ausstieg aus der Braun- und Steinkohleverstromung. Dabei komme NRW eine Schlüsselstellung zu. Die erneuerbaren Energien müssten ausgebaut werden.

Höchste Priorität habe auch die Verkehrswende: Verkehr müsse verringert, gebündelt und verlagert, die Energieeffizienz gesteigert und regenerative Kraftstoffe entwickelt werden. Am effektivsten sei der batterieelektrische Antrieb. 2050 ist, so die Energieökonomin, ein Treibhausgas-neutraler Verkehr möglich. Doch sei „sauberer“ Strom am höchsten mit Abgaben belastet, die umweltschädlichen Benzin und Diesel viel zu gering. Und: „Viele Vorschriften passen nicht zur Energiewende!“

Durch die Digitalisierung können erneuerbare Energien gefördert werden: „Echtzeitpreise“ fördern versorgungssicheren umweltfreundlichen Strom, eine kluge Steuerung von Angebot und Nachfrage wird möglich, Dezentralität und Intelligenz steigen. Kemfert: „Die Energiewende schafft enorme wirtschaftliche Chancen!“

Weil in vielen Bereichen noch viel mehr Forschung nötig sei, freut sie sich über den neuen FernUni-Forschungsschwerpunkt. Kemfert ist überzeugt: „Die Gesellschaft – und nicht die Politik – bringt die Energiewende!“

FernUniversität in Hagen gründet Fakultät für Psychologie

14. Oktober 2018

Seit dem 1. Oktober 2018 hat die FernUniversität in Hagen eine fünfte Fakultät: die Fakultät für Psychologie. In diesem neuen institutionellen Rahmen können sich die international anerkannten Forschungsaktivitäten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dieses Fachgebiets noch besser entfalten als bisher.

Bereits vor 40 Jahren wurde der erste Lehrstuhl für Psychologie eingerichtet. Im Jahr 2008 startete mit dem B.Sc.-Psychologie der erste universitäre Fernstudiengang in Psychologie in Deutschland, 2012 folgte der Master-Studiengang. Heute forschen und lehren zehn Professorinnen und Professoren der Psychologie mit ihren Teams im Spektrum der nicht-klinischen Psychologie. Sie gehörten bisher zur Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften.

Über 15.000 Studierende sind im Bachelor- und Masterstudium Psychologie an der FernUniversität eingeschrieben – mehr als an jeder anderen Universität im deutschen Sprachraum. Viele der Studierenden sind berufstätig oder nutzen die zeitliche und räumliche Flexibilität, die ihnen das Fernstudium bietet, weil sie Freiräume für ihre persönliche Lebenssituation brauchen – beispielsweise für die Betreuung von Familienangehörigen oder weil sie als Spitzensportlerinnen und -sportler aktiv sind. Darum ist die Studierendenschaft der Fakultät für Psychologie so vielfältig wie an keiner anderen Hochschule in Deutschland.


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