Archive for the ‘07 Wissenschaft Hagen’ Category

„Ein Versagen auf allen Ebenen“

17. September 2019

Prof. Annette Elisabeth Töller (FernUniversität) hat untersucht, warum überhaupt mit Dieselfahrverboten zu rechnen ist. Am 1. Oktober hält sie hierzu einen öffentlichen Vortrag.

In Hamburg, Stuttgart und Darmstadt gibt es bereits Dieselfahrverbote, im Oktober folgt Berlin als Nummer 4. In 30 weiteren Städten drohen Fahrverbote, weil die Grenzwerte für Stickstoffdioxid-Emissionen nicht eingehalten werden. Nach einer Berechnung der Europäischen Umweltagentur von 2018 gab es in 2015 in Deutschland 13.000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von NO2-Immissionen.

Prof. Dr. Annette Elisabeth Töller von der FernUniversität in Hagen hat untersucht, warum überhaupt mit Dieselfahrverboten zu rechnen ist. Die Leiterin des Lehrgebiets Politikwissenschaft III: Politikfeldanalyse und Umweltpolitik wird hierzu am 1. Oktober einen öffentlichen Vortrag in der FernUniversität halten. Im Interview erläutert sie einige ihrer Untersuchungsergebnisse.

Frau Prof. Töller, kommen Dieselfahrverbote auf breiter Front?

Prof. Töller: Ich kenne zwar alle bisherigen Gerichtsurteile, aber ich habe keine Glaskugel. Ob weitere Fahrverbote kommen, kann ich wirklich nicht sagen – aber es ist jedenfalls nicht auszuschließen!

Die entsprechenden Klagen der Deutschen Umwelthilfe laufen schon seit 2011, und in allen Fällen haben die Gerichte festgestellt, dass der Luftreinhalteplan des Landes für die jeweilige Stadt nicht ausreicht. Es gibt aber große Unterschiede, wie konkret die Gerichte Fahrverbote als einzige Möglichkeit vorgeschrieben haben und ob diese flächendeckend oder nur streckenbezogen sein müssen.

Nach dem richtungsweisenden Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 2018 waren die Urteile klarer in Richtung Fahrverbot. Jedoch ist selbst bei einem so klaren Urteil – wie es jetzt für Köln ergangen ist – nicht sicher, dass auch bald ein Fahrverbot kommt. Erstens hat das OVG Münster die Revision zugelassen. Sollte das Land NRW Revision beim Bundesverwaltungsgericht einlegen, so hätte dies aufschiebende Wirkung. Zweitens kann man Fahrverbote nicht per Knopfdruck verhängen. Vielmehr muss dazu das Land den Luftreinhalteplan für Köln erneut fortschreiben und mit den Fahrverboten auch z.B. Ausnahmeregelungen prüfen, um die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Und drittens gibt es eine Reihe von Städten, darunter München und Düsseldorf, für die schon lange rechtsgültige Urteile vorliegen, die Fahrverbote für notwendig erklären, die gleichwohl immer noch kein Fahrverbot haben. Der Grund ist, dass sich einige Länder – trotz teilweise verhängter Zwangsgelder – bislang erfolgreich geweigert haben, die Gerichtsurteile zu befolgen.

Ist in den letzten Jahren zu wenig passiert?

Definitiv! Man hätte schon lange Maßnahmen beschließen müssen, die etwas bringen, um die Luftqualität zu verbessern. Die europäische Luftqualitätsrichtlinie ist bereits zum Januar 2010 in Kraft getreten. In Deutschland ist die Umsetzung von europäischem Recht aufgrund des Föderalismus immer schwierig.

Der Bund ist zwar verpflichtet, diese europäische Richtlinie umzusetzen, er ist ja auch 2018 zusammen mit anderen EU-Mitgliedern von der Europäischen Kommission verklagt worden, weil die Richtlinie nicht ordentlich umgesetzt wird. Der Bund hat die Grenzwerte in Bundesrecht umgesetzt, ist aber für die Implementation gar nicht zuständig. Hier sind die Länder gefragt, die wiederum unterschiedliche Zuständigkeitsstrukturen haben. In einigen Ländern wie Hessen und Bayern sind es die Umweltministerien, die die Luftreinhaltepläne zur Verbesserung der Luftqualität erarbeiten, in anderen wie in Niedersachsen die Kommunen. In NRW und Baden-Württemberg sind die Bezirksregierungen zuständig. Sie müssen zusammen mit den Städten die Luftreinhaltepläne erarbeiten und beraten, wie man mit sinnvollen Maßnahmen die Emissionen reduzieren kann.

Anfangs hat man das Problem gelinde gesagt ignoriert bzw. angenommen, dass es sich von selbst löst. Jetzt jedoch müssen die Kommunen die mitunter weitreichenden Maßnahmen umsetzen. Bei einigen Maßnahmen, die die Bürgerinnen und Bürger oder die lokale Wirtschaft einschränken, haben sie auch mit erheblichen Widerständen zu kämpfen. Erst 2017 hat der Bund im Rahmen des „Sofortprogramms saubere Luft“ viel Geld für Maßnahmen wie die Elektrifizierung des ÖPNV zur Verfügung gestellt, weil erste Fahrverbote drohten. Erst dann hat man das Problem ernst genommen.

Trotzdem sehen wir immer noch, wie problematisch es ist, vor allem weil die Kommunen einen bestimmten Anteil der Kosten selbst tragen müssen – 10 Prozent und mehr. Und das ist in Zeiten „klammer Haushalte“, gerade in NRW, immer noch „schwer zu stemmen“. Und letztlich brauchen diese Maßnahmen Zeit, um zu wirken, aber die haben wir jetzt nicht mehr.

Wir sehen also ein Versagen auf allen Ebenen!

Gibt es Zusammenhänge zwischen Fahrverboten und Dieselskandal?

Das ist in der Literatur umstritten. Ich sehe keinen direkten Einfluss. Man wusste schon vor dem Skandal sehr genau, dass die Emissionen der Dieselfahrzeuge die Hauptverursacher der Grenzwertüberschreitung bei den Stickstoffdioxid-Immissionen sind. Im Mahnschreiben der EU-Kommission vom Juni 2015 standen z.B. hierzu ganz klare Zahlen. Die ersten Gerichtsverfahren begannen schon 2011, der Dieselskandal erst im Herbst 2015.

Allerdings hat der Dieselskandal die Aufmerksamkeit auf das Problem gelenkt. Vor ihm wurden die nicht eingehaltenen Luftqualitätsgrenzwerte und die hochgradige Gesundheitsschädlichkeit als ein Problem der betroffenen Städte gesehen, seither als gesamtgesellschaftliches und nationales Problem. Und man versteht besser, warum diese Werte einfach nicht eingehalten werden können: Weil die Fahrzeuge eben viel mehr emittieren, als erlaubt ist.

Vortrag am 1. Oktober

Prof. Dr. Annette Elisabeth Töller gibt auf diese und weitere Fragen am Dienstag, 1. Oktober, von 18 bis 20 Uhr ausführliche Antworten. Ihr Vortrag „Dieselfahrverbote in deutschen Städten. Eine politikwissenschaftliche Ursachensuche“ findet in der Ringvorlesung Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit der FernUniversität im Seminargebäude (Gebäude 3), Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, statt. Die Veranstaltung ist öffentlich, alle Interessierten sind willkommen.

Hagener Geschichte(n) postkolonial erzählt

31. August 2019

Welche Spuren der Kolonialismus in der Stadtgeschichte und im Alltag hinterlässt, zeigt ein Forschungsprojekt der FernUni

Mitte der 1960er Jahre in Hagen: Der Brauereibesitzer Carl Horst Andreas schoss „auf großer Pirsch” auf allen Kontinenten exotische Jagdtrophäen für sein privates Museum, bis hin zum Elefantenfuß (Bildmitte). Für Werbezwecke setzte er Fotos von Menschen aus Afrika in diskriminierender Weise ein. Foto: Hagener Heimatbund.

Kolonialgeschichte streift ihre Nebenrolle ab: Klassischerweise wird sie als Geschichtsschreibung von oben angelegt, erzählt aus der Perspektive von Imperien, Kaisern, Ministerien. Mittlerweile etabliert sich eine Globalgeschichte „von unten“, drängt sich in die National- und insbesondere Lokalgeschichte. „Die historische Perspektive hat sich in den vergangenen Jahren verändert“, bestätigt Dr. Fabian Fechner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Geschichte Europas in der Welt an der FernUniversität in Hagen.

Mit Fokus auf die Stadt Hagen hat Fechner gemeinsam mit seiner Kollegin Barbara Schneider nach Verbindungen zwischen Kommune und Kolonialismus für die Zeit zwischen 1850 und 1960 gesucht, dabei Erstaunliches herausgefunden – und die Geschichte(n) in einem Seminar für Studierende verarbeitet. Nachlesbar sind sie in einer Publikation und einem Stadtplan.

Nach Bielefeld und Düsseldorf nun also Hagen: „Wir sind die dritte Uni bundesweit, die Spuren der Kolonialzeit vor Ort aufgespürt hat und dauerhaft dokumentiert“, sagt Fechner zu dem jungen Zweig der Lokalhistorie. „Deutschland war zur Zeit des Kolonialismus ein Auswanderungsland“, beschreibt der Historiker. „Die große Not, die in Deutschland herrschte, trieb überall Menschen dazu, nach Übersee zu gehen.“ Für Frauen etwa bedeutete die Missionsarbeit einen Sprung in der sozialen Hierarchie und mehr persönlichen Handlungsspielraum, wie Barbara Schneider erarbeitet hat.

Um in die lokale Geschichte einzutauchen, wühlten sich Barbara Schneider und Fabian Fechner durch Archive und sichteten Quellen, blätterten händisch alte Zeitungsausgaben durch und sortierten Fotos. Neben drei Hagener Archiven waren vor allem die Bestände der Archiv- und Museumsstiftung der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal ausschlaggebend.

Ansätze für Geschichten fanden Schneider und Fechner viele: Völkerschauen und palmengeschmückte Kolonialfeste als Unterhaltungsprogramm, revisionistische Heldenverehrung auf Straßenschildern, die Betrügereien durch den Hagener „Bund für Siedlung in Brasilien“, der zur Schau getragene Rassismus des Brauereibesitzers Carl Horst Andreas – und: Wie kam eigentlich der Kaffee nach Hagen?

Eine Anzeige in der Hagener Zeitung vom 15. Mai 1892 wirbt für eine Völkerschau, die damals das meist Bild des „Schwarzen” in der Öffentlichkeit verfestigte: wild, animalisch und kriegerisch zu sein. Foto: Stadtarchiv Hagen.

Hagens koloniale Spuren zeigen dabei einen Querschnitt durch die lokale Gesellschaft: vom Tagelöhner und der Zugehfrau bis zum Admiral und Millionenerben werden sie repräsentiert, ebenso wie durch Kolonialgesellschaften, Kriegervereine und Missionsorganisationen. „Letztere machten die Menschen mit dem kolonialen Gedankengut vertraut und sorgten für die koloniale Grundierung der Bevölkerung“, so Barbara Schneider. Denken und Handeln in dieser Kategorie war fest im Alltag verankert.

An dem Seminar, das das Lehrgebiet anbot, nahmen überdurchschnittlich viele Studierende teil. „Das Interesse an Lokalgeschichte und Zeithistorie ist offenkundig groß“, freut sich die Geschichtswissenschaftlerin über die Resonanz. Insgesamt 23 Bachelor- wie Promotionsstudierende zogen los, forschten ebenfalls in Archiven und Bibliotheken. Neben einigen Hausarbeiten schrieben alle einen Artikel zu ihrem Thema, die zu einer umfangreichen Broschüre mit Lokalkolorit zusammengefasst werden.

„Darin finden sich viele Aspekte, die so in Hagen noch nicht aufgearbeitet wurden und die vor allem das koloniale Erbe über Einzelpersonen, Institutionen, Kunstwerke, Sammlungen und symbolische Handlungen veranschaulichen“, so Schneider und Fechner.

Der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt werden die Forschungsergebnisse und das Buch „die welt in hagen – hagen in der welt“ am 17. September von 18 bis 20 Uhr im Kunstquartier Hagen, Museumsplatz 1.

Interdisziplinäres Symposium zur Lage Europas

5. Juli 2019

Das Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften befasste sich mit den Herausforderungen für die EU angesichts der Ergebnisse der Europawahl

Zu Gast war auch FernUni-Professor Peter Brandt (re.), von 2003 bis 2017 Direktor, seitdem Ehrendirektor des DTIEV. Foto: FernUni.

Im Mai 2019 wurden die politischen Weichen in der EU neu gestellt: Mit der Wahl des Europäischen Parlaments haben sich gewohnte Machtverhältnisse geändert, bestehende Gräben vertieft und neue Konfliktfelder aufgetan. Um eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme und Interpretation der Wahlergebnisse ging es bei einem Symposium an der FernUniversität in Hagen, ausgerichtet vom Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften (DTIEV). An zwei Tagen suchten Expertinnen und Experten aus Forschung, Politik und Wirtschaft den Austausch, diskutierten und zogen Bilanz zur übergeordneten Frage: „Europa bedroht von innen und von außen?“

Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Jürgen Nagel, Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, richtete sich Prof. Dr. Schiffauer an die Gäste. Der stellvertretende Direktor des DTIEV unterstrich die Brisanz der aktuellen Lage: „Im globalen ökonomischen Wettbewerb – insbesondere mit den Vereinigten Staaten und mit China – zeichnen sich neue Formen der Auseinandersetzung ab, in denen die europäischen Volkswirtschaften keineswegs sicher sein können, sich zu behaupten.“ Zudem generierten der Klimawandel und seine Folgen unwägbare Risiken. „Europa ist weit davon entfernt, solchen Gefahren geschlossen entgegentreten zu können.“

Rund ein Drittel der Wählerstimmen seien zudem für Parteien abgegeben worden, die die Grundordnung der EU ablehnen; viele Wählerinnen und Wähler seien von Europa enttäuscht. Mit Blick auf die politische Zukunft der EU betonte Prof. Schiffauer deshalb: „Die Frage, der dieses Symposium nachgehen soll, ist nicht, ob es wünschenswert ist, den europäischen Einigungsprozess fortzusetzen.“ Vielmehr sei darüber zu diskutieren, was sich ändern müsse, damit Europa sozial, sicher und wirtschaftlich gesund fortbestehen kann.

„Europa bedroht von innen und von außen?“

13. Juni 2019

Fachtagung an der FernUni, 14.06.2019 — 15.06.2019

Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften

Die Wahlen zum Europäischen Parlament des Jahres 2019 finden vor einem Horizont von tieferen Spaltungen in der Gesellschaft, von Ungewissheit über die Anerkennung gemeinsamer Werte und von gewachsener Unsicherheit in den globalen Macht- und Kräfteverhältnissen statt. Die Europawahlen und die darauf folgende Bildung einer neuen Europäischen Kommission sind jedes Mal eine Zäsur in den politischen Prozessen der Europäischen Union, Gelegenheit zu kritischer Bestandsaufnahme, zur Interpretation des Wählerwillens und seiner Hintergründe, zur Diskussion möglicher und notwendiger Neuanfänge.

In Kenntnis des Votums der Bürger der Union, seiner absehbaren Auswirkungen auf die Zusammensetzung der nächsten Unionsexekutive und die während der kommenden fünf Jahre zu erwartenden gesetzgeberischen Gestaltungsmehrheiten wird das Symposion eine Reihe zentraler Problemfelder der europäischen Integration diskutieren.

Die wissenschaftliche Veranstaltung dauert bis Samstag, 15. Juni, 13.30 Uhr. Sie richtet sich in erster Linie an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie an Studierende der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften und der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der FernUniversität in Hagen. Darüber hinaus sind die gesamte Hochschulöffentlichkeit, externe Fachleute und am Fach bzw. Thema interessierte Bürgerinnen und Bürger willkommen. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Weitere Informationen hier

Anmeldungen sind erforderlich (per Mail an dtiev@fernuni-hagen.de)

Schicksale von Verschleppten im Zweiten Weltkrieg

12. Juni 2019

Das Archiv des Instituts für Geschichte und Biographie der FernUniversität und die russische Checkov-Hochschule kooperieren bei der Aufarbeitung von Zwangsarbeiter-Interviews

Um die Schicksale russischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter geht es bei einem Projekt der Hochschule A.P. Checkov im südrussischen Taganrog, dem Ge-Denkzellen-Verein und der Friedensgruppe Lüdenscheid.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden aus Taganrog und Umgebung rund 27.000 meist sehr junge Menschen nach Deutschland verschleppt. Ihren Schicksalen spüren Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Geschichtsstudierende der Hochschule nach. In einer zweisprachigen Ausstellung soll 2021 in Taganrog und in seiner südwestfälischen Partnerstadt Lüdenscheid anhand 20 exemplarischer Schicksale gezeigt werden, was die Verschleppten erdulden mussten.

Im Rahmen ihrer Recherchereise nach Deutschland besuchte die Forschungsgruppe unter Leitung von Dr. Valentina Aggeeva und Dr. Viktor Kulikov auch das Institut für Geschichte und Biografie (IGB) der FernUniversität in Hagen. In dessen Archiv „Deutsches Gedächtnis“ befinden sich rund 600 Interviews mit ehemaligen russischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Darunter sind auch etwa 20 Interviews mit damals aus Taganrog Verschleppten, die 1993 Lüdenscheid besucht hatten.

Die russischsprachigen Dokumente sind jedoch kaum übersetzt. Im Rahmen des Besuchs vereinbarten das FernUni-Institut und die russischen Gäste daher, dass diese die Gesprächsaufnahmen übersetzen und die Übersetzungen dem IGB zur Verfügung stellen werden. Dafür erhielten sie Zugang zum IGB-Onlinearchiv und lernten, damit umzugehen. Das Hagener Institut und die russische Hochschule wollen die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit auf einer russischen Online-Plattform zugänglich machen.

Taganrog ist heute mit rund einer Viertelmillion Einwohnerinnen und Einwohnern ein bedeutendes Wirtschafts- und Kulturzentrum Südrusslands.

„Es hat immer Umbrüche gegeben“

5. Juni 2019

Interview mit dem FernUni-Philosophen Prof. Thomas Bedorf über die Folgen des medialen Wandels für gedruckte und digitale Medien

Nach 17 Jahren erscheint im Juni 2019 die letzte Ausgabe der Hochschulzeitung „FernUni Perspektive“. FernUni-Pressesprecher Stephan Düppe sprach aus diesem Anlass mit dem Sprecher des Forschungsschwerpunktes „digitale_kultur“, dem Philosophen Prof. Dr. Thomas Bedorf, über den medialen Wandel (Foto: FernUni).

Lieber Herr Professor Bedorf, Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“ Wie verhält es sich mit dem „Lesezeug“? Welche Bedeutung hat die Materialität eines Mediums für die Rezipientinnen und Rezipienten?

Prof. Thomas Bedorf: Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken. Sie sind von der Menschheit zu einem bestimmten Zeitpunkt erfunden, und danach von Menschen erworben, verfeinert und weitergegeben worden. Diese Kulturtechniken sind natürlich einem historischen Wandel unterworfen. Es hat immer verschiedene Weisen gegeben, wie wir geschrieben und gelesen haben. Es hat auch Zeiten gegeben, in denen wir gar nicht geschrieben haben, sondern Teil einer mündlichen Kultur waren. Die griechische Überlieferung bestand aus Epen, die gereimt waren, weil man sich Reime besser merken konnte – denn die Epen wurden mündlich weitergegeben. Das muss man spätestens seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks nicht mehr.

Die Materialität der Dinge, mit denen wir lesen und schreiben, beeinflusste immer schon die Art und Weise, wie wir das tun. Nur liegen solche historischen Wandlungsprozesse so lange zurück, dass wir uns in unserer Generation nicht daran erinnern können. Deswegen erscheint uns der heutige Wandel hin zum Digitalen als neu und einzigartig, obwohl es historisch gesehen immer Umbrüche gegeben hat. Was konkret das Lesen angeht, so sind wir durch die Materialität von Papier und Buchdruck sozialisiert und kulturalisiert worden. Diese haben den Nachteil der Lokalisiertheit: Bücher liegen oder stehen irgendwo, zum Beispiel auf einem Tisch oder in der Bibliothek, im Bücherschrank oder am Strand im Liegestuhl. Bücher haben ein bestimmtes Gewicht, sie transportieren sich nicht von selbst, sie haben gegenüber den neuen Medien den Nachteil der Lokalisiertheit und Immobilität.

Auch die Hochschulzeitung mussten wir verschicken, Leserinnen und Leser musste sie postalisch zugeschickt bekommen oder sich holen. Eine gedruckte Zeitung ist nicht zwangsläufig dort verfügbar, wo ich bin.

Bedorf: Genau. Und demgegenüber haben bildschirmorientierte Lesepraktiken den Vorteil, dass wir sie überall anwenden können. Das war sozusagen die Revolution des iPhone vor zehn Jahren. Insofern spielen Leseorte wie die Bibliothek, der Schreibtisch oder das Café nicht mehr eine so wichtige Rolle. Die beiden zentralen Vorteile digitaler Medien sind Geschwindigkeit und Verfügbarkeit. Wir haben mittlerweile auf viele Texte mehr Zugriff. Das erscheint uns trivial, weil es uns so selbstverständlich geworden ist. Aber wir könnten niemals eine ganze Bibliothek mitnehmen.

Printmedien gelten heutzutage für manche Menschen als höherwertig gegenüber den digitalen Medien. So sehen es bei unserer Universitätszeitung bisweilen auch diejenigen Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler, über die wir berichten: Es wird als etwas Besonderes empfunden, dass man „in der Zeitung steht“. Für die bedeutenden überregionalen Zeitungen gilt das auch. Woran liegt das? Denn die Botschaft ist ja dieselbe, ob sie in gedruckter Form oder digital verbreitet wird.

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Umweltfreundlicher entscheiden und leben

2. Juni 2019

Wie Lernen und Motivation hierbei helfen können, erläutert Prof. Robert Gaschler (FernUniversität) am 6. Juni aus umweltpsychologischer Sicht. Alle Interessierten sind willkommen.

Um „Entscheidungen, Gewohnheiten und Gelegenheiten sie zu ändern – Lernen und Motivation als Faktoren“ geht es am 6. Juni 2019 von 18 bis 20 Uhr. Referent ist Prof. Dr. Robert Gaschler, Leiter des Hagener Lehrgebiets Allgemeine Psychologie: Lernen, Motivation, Emotion (Foto: Hardy Welsch). Zu der Veranstaltung im Gebäude 3, Raum Ellipse (EG), Universitätsstr. 11, 58097 Hagen, sind alle Interessierten eingeladen, der Eintritt ist frei, Anmeldungen sind nicht notwendig.

Umweltpsychologie erforscht einerseits, wie unterschiedliche Umwelten auf Menschen wirken. Andererseits beeinflussen Menschen Umweltbedingungen. Neben technischen Lösungen ist das Verhalten von Menschen in beruflichen und privaten Kontexten für Umweltschutz und Nachhaltigkeit ausschlaggebend. Der Vortrag beleuchtet anhand empirischer Studien, wie Gewohnheiten und Entscheidungen umweltgerechtes Verhalten bedingen und wie Gelegenheiten zum Ändern von Gewohnheiten identifiziert und genutzt werden können.

Der Vortrag findet im Rahmen der Ringvorlesung „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ der FernUniversität statt.

Ausstoß von Treibhausgasen besser regulieren

28. Mai 2019

Die Politik streitet über die Klimapolitik. Der FernUni-Forscher Prof. Thomas Eichner bewertet das Thema aus ökonomischer Sicht und spricht über Emissionshandel und CO2-Steuern.

Die globale Erwärmung nimmt zu. Die Menschen blasen noch immer zu viele Treibhausgase in die Luft – auch in den Ländern der Europäischen Union. Vor allem CO2 gilt dabei als entscheidender „Klimakiller“. In der EU und ihren Mitgliedstaaten diskutieren Politik und Öffentlichkeit über Maßnahmen, um die Emissionen zu senken. Die Debatte verläuft hitzig. Auch weil in den Augen vieler die Zeit drängt. Damit überhaupt noch die Chance besteht, die weltweiten Klimaziele einzuhalten, muss sich schnell etwas ändern. Auf dem Tisch liegen eine Menge Vorschläge. Unter anderem ist die Rede vom Ausbau des europäischen Emissionshandels und einer deutschen CO2-Steuer.

Auch Forschende der FernUniversität in Hagen befassen sich mit dem Thema – einer von ihnen ist Prof. Dr. Thomas Eichner (Foto: FernUni). Der Ökonom leitet den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbes. Finanzwissenschaft. Zudem arbeitet er im interdisziplinären Forschungsschwerpunkt „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“, wo er Klimapolitiken mit ihren vielfältigen Stoßrichtungen analysiert: Manche Maßnahmen wirken auf die wirtschaftliche Nachfrage ein, andere hingegen sollen das Angebot regulieren. „Angebotsorientierte Politiken zielen zum Beispiel darauf ab, das Angebot an fossilen Brennstoffen zu reduzieren“, erklärt Prof. Eichner. „Momentan haben wir eher eine nachfrageseitige Klimapolitik.“

Europäischer Emissionshandel

Ein zentrales Element dieser aktuellen Klimaschutzpolitik ist seit 2005 das europäische Emissionshandelssystem – auch European Union Emissions Trading System, kurz EU ETS, genannt. Hierbei legt die Europäische Kommission eine Obergrenze (Deckel) dafür fest, wie viele CO2-Emissionen ausgestoßen werden dürfen. Dann geben die Mitgliedsstaaten eine entsprechende Menge an Emissionsberechtigungen (Zertifikate) teilweise kostenlos, teilweise über Versteigerungen an Unternehmen heraus. Durch den Handel der Zertifikate auf einem Markt bildet sich ein Preis für die Luftverschmutzung.

Entscheidend ist, dass die EU den Deckel für den erlaubten CO2-Ausstoß immer niedriger ansetzt. Thomas Eichner: „Die Gesamtmenge der Zertifikate wird sukzessive heruntergefahren, dafür gibt es einen Fahrplan.“ Nach Ansicht des Forschers ist dieser Weg grundsätzlich richtig. Ohne eine Verknappung verlagern sich die Emissionen nur zwischen den europäischen Ländern, reduzieren sich aber insgesamt nicht.

Allumfassend ist das ETS der Europäischen Union indes nicht, denn in der EU gibt es zwei verschiedene klimapolitische Handlungsbereiche: Der eine unterliegt dem Emissionshandel und schließt die Energiewirtschaft, energieintensive Industriezweige und die Luftfahrt ein. Der andere ist national zu regulieren und beinhaltet zum Beispiel den Gebäude- oder Straßenverkehrssektor. Für diesen zweiten, noch ungeregelten Bereich müsste die CO2-Steuer gelten, sagt Eichner angesichts des politischen Vakuums: „Rund 55 Prozent der Wirtschaftsaktivitäten, die CO2 verursachen, unterliegen nicht dem Emissionshandel.“

Steuern anstatt Klimaschäden zahlen

Die Grundidee ist einfach: „Wenn eine Steuer auf ein Gut erhoben wird, dann macht sie dieses teurer. Die Intention dahinter ist, dass weniger von ihm konsumiert wird.“ Dementsprechend ziele die CO2-Steuer darauf ab, die Emissionen zu reduzieren, indem ein Preis für jede Tonne des schädlichen Treibhausgases eingeführt wird. Dieser muss im Zeitablauf ansteigen. Aus ökonomischer Sicht sei das sinnvoll, betont der Forscher mit Blick auf die „externen Effekte“ – also auf die finanziellen Folgen, die anderenfalls drohen: „Die Klimaerwärmung führt in unterschiedlichen Regionen der Welt zu Schäden, die mit enormen Kosten verbunden sind. Das ist ein Ineffizienz-Problem!“

Maßnahmen richtig verteilen

Damit alle klimarelevanten Bereiche in der EU preislich abgedeckt sind, hält der Wissenschaftler ein Nebeneinander von CO2-Besteuerung und Emissionshandel für eine durchaus sinnvolle Option. Allerdings müssten die Instrumente dabei sorgfältig aufeinander abgestimmt sein; auf keinen Fall sollten sich ihre Anwendungsfelder überschneiden. „Es würde zum Beispiel keinen Sinn machen, die CO2-Steuer bei der Stromproduktion einzusetzen“, so Eichner. Durch das EU ETS seien die Emissionen in diesem Bereich ja bereits gedeckelt. Würde nun in Deutschland wegen einer Steuer weniger Strom produziert, gingen die CO2-Emissionen im Inland zwar schnell zurück, schössen aber dafür im Rest der EU in die Höhe. „Das wäre nur eine Hin- und Herschieberei“, sagt Eichner. „Das Ganze wäre noch ineffizienter, als es jetzt ist.“

Lassen sich bislang unregulierte Bereiche nicht einfach in den bestehenden Emissionshandel einbeziehen? Grundsätzlich wäre auch das möglich, bejaht Eichner. Allerdings würde dieses Vorgehen zu lange dauern: „Wenn wir Emissionen kurzfristig verteuern möchten, dann werden wir den Weg der Steuer gehen müssen.“ Und Eile sei durchaus geboten: „Die von der Bundesregierung zugesagten CO2-Ziele werden sonst verletzt, Deutschland muss etwas machen. Sonst drohen eventuell auch Strafen!“

Politischer Gestaltungsspielraum

Wie man die CO2-Steuer sozialverträglich ausgestaltet, sei hingegen eine politische Frage: „Es gibt zum Beispiel Menschen, die mit dem Auto zur Arbeit fahren müssen, und die nicht viel Geld haben. Für sie würde sich der Benzinpreis erhöhen.“ Solche Belastungen lassen sich möglicherweise durch eine Rückerstattung des CO2-Steueraufkommens abmildern. Derzeit sind unterschiedliche Steuermodelle in der Diskussion. „Das ist jedoch nicht so sehr das Problem der Ökonomie“, unterstreicht Eichner seine eigene Rolle als Wissenschaftler. Er halte eher die wirtschaftliche Ineffizienz der Klimaerwärmung im Blick.

Gleichwohl begrüßt der FernUni-Professor, dass sich in der europäischen Gesellschaft offenbar ein Bewusstseinswandel ankündigt. „Es kommt jetzt Druck aus der Bevölkerung. Insbesondere die jüngere Generation sagt: Wir haben ein Problem, das wir angehen müssen! Diese Begeisterung für die Umwelt finde ich gut.“

Was ist das Ziel der Einigung Europas?

18. Mai 2019

Für Prof. Andreas Haratsch von der FernUniversität ist das Ziel der Integration Europas nirgends festgelegt. Unbestritten ist aber ihr Erfolg als Friedensprojekt.

„Es gibt mit der fortschreitenden Entwicklung der EU immer neue Ziele. Es ist aber nirgends definiert, was das Endziel der Europäischen Integration sein soll.“ Klar ist nach den Worten von Prof. Dr. Andreas Haratsch (Foto: FernUni), Lehrstuhlinhaber für Deutsches und Europäisches Verfassungs- und Verwaltungsrecht sowie Völkerrecht an der FernUniversität in Hagen nur, mit welcher Absicht die Europäische Integration begann: „Dem Grunde nach war und ist sie ein Friedensprojekt, und zwar ein erfolgreiches. Dafür hat die EU ja auch den Friedensnobelpreis für das Jahr 2012 erhalten.“

„Auch wenn die Union immer enger wird“, ist für Andreas Haratsch das eigentliche Ziel der Integration „bis heute sehr undifferenziert“: „Sollen sich die Mitgliedsländer in einem Bundesstaat vereinigen? Oder einen Staatenbund bilden? Soll und kann die EU überhaupt ein Bundesstaat werden? Das weiß niemand.“ Nach Haratschs Meinung sind die Widerstände hierfür auch viel zu groß: „Vieles strebt derzeit auseinander.“

Auch das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) ist hier keine große Hilfe. Für das Gericht ist die EU ein Staatenverbund – mehr als ein Staatenbund, aber weniger als ein Bundesstaat. Die Bundesrepublik muss an der Verwirklichung der Integration Europas mitwirken, das steht im Grundgesetz. „Aber wie das konkret geschehen muss, ist ebenfalls nicht festgelegt“, so der Verfassungsrechtler. Ebenso wenig, welche Struktur angestrebt werden soll.

Vielleicht sind diese Unsicherheiten ein Grund für den augenblicklichen Stillstand bei der Integration: „Die EU hat schon Mühe, das Erreichte zu sichern.“ Besonders kritisch sieht es für Haratsch bei den gemeinsamen europäischen Grundwerten aus, „der Konsens erscheint brüchig und die Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa sowie in Italien sind besorgniserregend“.

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Marktmacht statt Staaten-Sammelsurium

15. Mai 2019

Sowohl den Staaten wie ihren Bevölkerungen ist oft gar nicht bewusst, welche Vorteile sie durch die EU haben, betont Prof. Susanne Lütz von der FernUniversität

Was wäre, wenn es die Europäische Union nicht gäbe? Für Prof. Dr. Susanne Lütz (Foto: FernUni) müssten die Mitgliedsstaaten und ihre Bevölkerungen über viele wirtschaftliche Errungenschaften hinaus auch auf zahlreiche Vorteile verzichten, die sie gar nicht so sehr mit der EU in Verbindung bringen. Die Leiterin des Lehrgebiets Politikwissenschaft II: Internationale Politik an der FernUniversität in Hagen sieht hier in erster Linie Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.

Die „europäischen Grundwerte“ – zu denen u.a. auch Anti-Diskriminierung, nachhaltige Entwicklung und Korruptionsbekämpfung gehören – vertritt die EU offensiv auf verschiedenen Ebenen: Staaten, die ihr beitreten wollen oder die ihre Hilfe benötigen, sollen sich zu ihrer Einhaltung verpflichten. „Das findet man eigentlich in allen Verträgen der EU, doch haben dies die Menschen wohl am wenigsten im Blick“, bedauert Prof. Lütz. Das gilt auch für die Freizügigkeit von Personen, Gütern, Dienstleistungen, Kapital und Geld im gesamten Binnenmarkt. Lütz: „Die Mobilität – freies Reisen, Wohnen, Arbeiten und Studieren – ist ein Riesenfortschritt!“

Allerdings fürchten viele, dass Arbeitskräfte aus Mittel- und Osteuropa durch Niedrigstlöhne einheimische Beschäftigte verdrängen. Da Handwerksbetriebe durch die Freizügigkeit ohne Meisterbrief geführt werden können, erwachse auch hier (Billig-)Konkurrenz.

Dabei hat der Binnenmarkt vielfältige Vorteile. Schon aufgrund seiner Größe ist er für Investoren aus aller Welt höchst attraktiv. 60 Prozent des deutschen Exports gehen in andere EU-Mitglieder. Deutsche Unternehmen – darunter viele mittelständische – haben Zulieferketten und Produktionsstätten in anderen EU-Ländern aufgebaut. Lütz: „Für den Güteraustausch gelten hier zumindest annähernd gleiche Regeln und Standards.“

Die mit der Größe und Homogenität des Binnenmarktes verbundene Marktmacht gibt der EU eine viel bessere Position bei Verhandlungen mit Wirtschaftsmächten, z.B. wenn es um Umwelt-, Arbeits- oder soziale Standards geht. „Man spricht darüber viel mehr als über Zölle. In einer globalisierten Welt ist es wichtig, dass die Europäische Kommission stark auftreten kann.“ Dagegen wunderte sich Großbritannien nach seinem Brexit-Beschluss, dass es bei 40 neuen Abkommen keine so günstigen Konditionen wie als EU-Mitglied mehr erhielt.

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„Brüssel ist an allem schuld“

14. Mai 2019

FernUni-Wissenschaftlerin Dr. Helen Landmann erklärt, woher Stimmungsmache gegen Europa und die Demokratie aus psychologischer Sicht rührt

„Brüssel ist an allem schuld.“ – „Die EU ist ein Bürokratie-Monster; die Politik abgehoben und elitär. Wir wehren uns.“ So machen EU-kritische und EU-feindliche Parteien im Vorfeld der Europawahl Stimmung gegen Europa. Die Sprache ist immer emotional, oft radikal und mitunter hasserfüllt. Nachrichten gelten gemeinhin als „Fake News“. Prognosen sagen voraus, dass rechtskonservative und -populistische im Mai Zugewinne verbuchen werden – und zwar quer durch die Mitgliedsstaaten.

Worauf Vorurteile oder Hass gedeihen und wieso die Stimmungsmache verfängt, untersucht Dr. Helen Landmann aus dem Lehrgebiet Community Psychology an der FernUniversität in Hagen (Foto: FernUni). Sie erklärt, welche psychologischen Mechanismen zu den Wahlerfolgen rechtsgerichteter Parteien führen. Auf einer Tagung in Hannover hat die Jungwissenschaftlerin ihre Erkenntnisse vorgestellt und diskutiert: „Feindbild Europa: Umgang mit antieuropäischer und antidemokratischer Stimmungsmache.“

Für die Einstellungen gegenüber europäischer Politik sind insbesondere Themen wie Flucht und Migration, Information respektive Desinformation und Radikalisierung relevant. Hier setzen Rechtskonservative an.

Was Menschen wahrnehmen und denken ist nicht immer objektiv, vielmehr ist es von ihren Wünschen und Bedürfnissen geprägt: „Motiviertes Denken“ nennt das die Psychologie. „Rechtspopulisten sprechen Bedürfnisse an“, zieht Landmann psychologische Wirkmechanismen heran. Seit 2016 forscht die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FernUniversität zur Rolle von Emotionen für das soziale Zusammenleben.

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Neue Psychologie-Professorin liebt Herausforderungen

25. April 2019

Aileen Oeberst ist eine der wenigen Professorinnen und Professoren in Deutschland, die Medien- und Forensische Psychologie kombinieren. Die FernUniversität fand dies interessant

Bei der Forensischen Psychologie geht es um Gerichtsverhandlungen und -urteile und psychologische Begutachtung in diesem Kontext (z.B. von Glaubhaftigkeit, Schuldfähigkeit und Kriminalprognosen). Dieses Feld mit der Medienpsychologie zu verbinden, ist schon eine Herausforderung an sich.

In ihrer Forschung zeigt sich jedoch ein gemeinsamer Kern: „Ich untersuche Verzerrungen in der Informationsverarbeitung“, erläutert Aileen Oeberst (Foto: FernUni). Diese finden sich in der richterlichen Urteilsbildung ebenso wie in Medien wieder. Der „Rückschaufehler“ etwa: Wer hat nicht schon vorausgesehen, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt? Allerdings nur in der eigenen Erinnerung: „Man blickt immer mit dem eigenen Wissen der Gegenwart in die Vergangenheit zurück.“ Als Beispiel nennt Oeberst die Duisburger „Love-Parade“-Katastrophe.

Sie plant, auch die wissenschaftliche Schnittstelle zwischen Medien- und Rechtspsychologie zu untersuchen: „Wie sehr beeinflusst eine ‚vernichtende Berichterstattung‘ in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen sowie in Sozialen Medien vor einem Prozess die Urteile? Das kann man sich mit Laien anschauen, aber auch mit professionellen Entscheiderinnen und Entscheidern.“ Hierfür möchte Prof. Oeberst bisherige Veröffentlichungen in einer Metaanalyse quantitativ zusammenfassen sowie – das wäre wohl neu – Studien mit Richterinnen und Richtern durchführen.

Ein weiteres Themenfeld betrifft die mediale Darstellung von Straftaten (z.B. Terroranschlägen, Amokläufen), Straftäterinnen und Straftätern (etwa aus der „eigenen“ Gruppe und „anderen“ Gruppen), Gerichtsprozessen und -urteilen (wie beim NSU-Prozess) – und natürlich deren Wahrnehmung. Was macht es beispielsweise mit Menschen, die nach einer Katastrophe wie einem Terroranschlag einseitige Details aus dem Leben der Täterinnen oder Täter erfahren, die suggerieren, eine jede Laiin und ein jeder Laie hätte die Gefahr vorhersehen können? Verlieren Menschen dadurch zu Unrecht das Vertrauen in Behörden? Fördert es Verschwörungstheorien?

Nach ihrem Psychologie-Studium in Leipzig und Cagliarí (Sardinien), das sie 2005 mit dem Diplom abschloss, war die 1980 geborene Rostockerin bis 2008 Promotionsstipendiatin im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduiertenkolleg „Integrative Kompetenzen und Wohlbefinden“ an der Universität Osnabrück tätig, anschließend dort bis 2010 Wissenschaftliche Mitarbeiterin. Von 2011 bis 2016 arbeitete sie am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. In dieser Zeit vertrat sie eine Professur für Sozialpsychologie in Osnabrück. Eine weitere Professurvertretung für Sozial- und Rechtspsychologie führte sie 2015 und 2016 zur Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Hier war Aileen Oeberst seit September 2016 Juniorprofessorin für Forensische Psychologie.

Wann wird der Kapitalismus zusammenbrechen?

16. April 2019

Gareth Stedman Jones trug im historischen Forschungskolloquium der FernUniversität über Karl Marx vor

Einen prominenten Historiker konnte das Historische Institut der FernUniversität in Hagen für einen Vortrag und für seine Lehrzwecke gewinnen: Gareth Stedman Jones (Foto: FernUni) ist Fellow des King’s College in Cambridge und Professor für Ideengeschichte an der Queen Mary University of London. Er zählt seit langem zu den international herausragenden Historikern des „langen 19. Jahrhunderts“, das den Weg in die Moderne von 1789 bis 1914 umfasst.

Seine Forschung gilt vor allem in der Geschichte der politischen und sozialen Ideen als Antwort auf die durch Industrialisierung und Französische Revolution ausgelösten Umbrüche. Bei einem Forschungskolloquium des Historischen Instituts hielt er einen tiefschürfenden Vortrag zum Thema „When did Marx think capitalism would fall?“

Stedman Jones‘ These: Marx selbst hat noch keine „Zusammenbruchstheorie“ des Kapitalismus vertreten und sich den Übergang zu einer sozialistischen Gesellschaft eher als langfristigen Strukturwandel vorgestellt – analog zu seinem Konzept der bürgerlichen Revolution, die er ebenfalls (und zwar bereits in seinen Frühschriften) als Prozess der langen Dauer dargestellt hat. Diese historische Verknüpfung von Marx‘ Früh- und Spätwerk wurde in der anschließenden Diskussion weiter vertieft, ebenso die Frage, inwieweit Marx den Kapitalismus im Rahmen einer parlamentarischen Demokratie für reformierbar hielt.

Zusätzlich zu seinem Vortrag fand sich Stedman Jones auch zu einem ausführlichen Interview bereit, das Prof. Dr. Wolfgang Kruse, Direktor des Historischen Instituts, und Prof. Dr. Thomas Sokoll führten. Darin ging es zum einen um seine neue Marx-Biographie, zum anderen um aktuelle Tendenzen in der Forschung zur Ideengeschichte des langen 19. Jahrhunderts. Ebenso wie Vortrag und Diskussion wurde auch dieses Interview auf Video aufgezeichnet. Das Material wird derzeit bearbeitet, um es für Lehrzwecke nutzen zu können.

Ursprünglich war der Besuch von Stedman Jones an der FernUniversität anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx im Jahr 2018 vorgesehen, doch verhinderten dies die zahlreichen Einladungen aus aller Welt an ihn. Im Marx-Jahr wurde er auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt – durch seine umfangreiche Biographie „Karl Marx. Greatness and Illusion“ (2016; dt. 2017), die international als herausragende Leistung gewürdigt wurde.

Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis

28. März 2019

Das Zentrum für pädagogische Berufsgruppen- und Organisationsforschung (ZeBO Hagen) an der FernUniversität nimmt seine Arbeit auf

Warum werden Erzieherinnen eigentlich so schlecht bezahlt? Was macht gute pädagogische Arbeit aus? Und wie wirken sich Fachkräftemangel und Digitalisierung in pädagogischen Berufen aus? Als ideelles Dach für den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis nimmt das Zentrum für pädagogische Berufsgruppen- und Organisationsforschung (ZeBO) an der FernUniversität in Hagen seine Arbeit auf.

„Unsere Forschung konzentriert sich auf pädagogische Berufsgruppen, Institutionen und Organisationen des Erziehungs- und Bildungssystems“, sagt Julia Schütz in ihrer Funktion als Sprecherin des ZeBOs Hagen. „Als Netzwerk fördert unser Zentrum den Dialog zwischen Bildungswissenschaft und beruflicher Praxis.“

Die Leiterin des Lehrgebiets Empirische Bildungsforschung hat das ZeBO Hagen gemeinsam mit ihrer ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr. Christina Buschle sowie ihren langjährigen Wegbegleitern Prof Dr. Rudolf Tippelt (Ludwig-Maximilians-Universität München) und Prof. Dr. Dieter Nittel (Goethe-Universität Frankfurt) auf den Weg gebracht.

Machtverteilung in der europäischen Finanzkrise

26. März 2019

Das Lehrgebiet Internationale Politik an der FernUniversität hat in einem DFG-Projekt die Interessenskonflikte zwischen Schuldner- und Gläubigerländern untersucht

Anfang 2010 galt Griechenland als zahlungsunfähig, die Eurostaaten schnürten ein finanzielles Hilfspaket, der Internationale Währungsfond (IWF) steuerte Finanzmittel bei. Was zunächst für den Notfall gedacht war, wurde zur Regel erklärt. Die nächsten Länder, die finanzielle Unterstützung bekamen, waren Irland und Portugal. Später hing auch Zypern am Tropf. Die Rettungspakete waren milliardenschwer.

Die Troika – Europäische Kommission, Europäische Zentralbank (EZB) und IWF – reiste an, redete, argumentierte, drohte und reiste mitunter unverrichteter Dinge wieder ab. Insbesondere Griechenland wand sich unter den verlangten Reformen, hier war die Lage am kompliziertesten.

„Darüber wurde in den Medien plakativ berichtet“, erinnert Prof. Dr. Susanne Lütz, Politikwissenschaftlerin an der FernUniversität in Hagen. Gemeinsam mit zwei Promovenden ihres Lehrgebiets Internationale Politik hat sie in einem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt untersucht, wie sich die Interessens- und Machtkonstellationen zwischen der EU Kommission, dem IWF und der EZB gegenüber Schuldnerländern bei der Vergabe von Hilfskrediten nach der Finanzkrise von 2009 darstellen.

Wer hat die Macht?

„Wer bestimmt die Bedingungen der Kreditvergabe – die Gläubigerstaaten, internationale Organisationen oder auch die Schuldnerländer?“, umreißt Lütz die grundlegende Forschungsfrage. In den Fokus genommen haben die Wissenschaftlerin und ihre Mitarbeiter Sven Hilgers sowie Sebastian Schneider die Länder Griechenland, Irland, Portugal und Zypern.

Die gegensätzlichen Ausgangsthesen lauteten: „Die Gläubiger bestimmen, wo es langgeht. Sie haben die Stabilität der Eurozone im Blick und pochen auf harte Konditionalitäten“, nennt Lütz – oder: „Die Schuldnerländer versuchen, möglichst wenige Auflagen umzusetzen.“ Das Fazit der Forschenden: Beide Aussagen stimmen so nicht.

Denn allein die involvierten internationalen Institutionen handeln nach eigenen, teils einander widersprechenden Logiken. Während der IWF als „Wirtschaftsprüfer“ auf die Zahlen guckt und erwartet, dass die verschuldeten Länder ihre desolate Finanzlage zielstrebig ausgleichen, schlüpft die Zentralbank in die Rolle als Hüterin der Währungsstabilität. Die Europäische Kommission wiederum fühlt sich nicht nur der Stabilität verpflichtet, sondern auch dem Wachstum und will das Regelwerk zur Vertiefung des europäischen Binnenmarktes in den Programmen umsetzen.

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Mode als Strukturprinzip der Moderne

19. März 2019

Aus der Vortragsreihe „Wissenschaftsgespräche“ der FernUni

20.03.2019, 16:00 Uhr
FernUniversität, Gebäude 2 (Seminargebäude), Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, Räume 4 und 5

Referent: Prof. Dr. Hubertus Busche, Institut für Philosophie der FernUniversität

Seit dem 17. Jahrhundert verfestigt sich der Eindruck, dass nahezu alle Bereiche der Gesellschaft zunehmend von einer Herrschaft des Modischen ergriffen werden. „Die Dinge haben ihre Periode, und sogar die höchsten Eigenschaften sind der Mode unterworfen“, schreibt Gracián 1647. „Alles wird von der Mode geregelt“, ergänzt La Bruyère 1688.

Wenn es aber Moden nicht nur der Kleidung, der Frisur oder des Wohnens gibt, sondern auch Moden in den Wissenschaften, in der Kunst, in der Politik, in der Philosophie oder sogar in der Religion – d.h. gerade in Bereichen, die doch eigentlich ‚feste Prinzipien‘ gegen den periodischen Wechsel des Zeitgeistes verteidigen -, scheint Mode einerseits ein temporal strukturierendes Prinzip moderner Gesellschaften zu sein, das einen ähnlich hohen Stellenwert hat wie die funktionale Differenzierung, zumal es durch die Kommerzialisierung vorangetrieben wird.

Andererseits scheint durch die Herrschaft der Moden die autonome Sachlogik der geistigen Bereiche gefährdet zu werden; denn während es etwa bei der Kleidung erlaubt bzw. geboten ist, mit der Mode zu gehen, ist das Modische nicht nur in den Wissenschaften zu Recht verpönt.

Aus dieser Sachlage ergeben sich zahlreiche Fragen, von denen der Vortrag einige entwickelt und zu beantworten sucht.

Die wissenschaftliche Veranstaltung ist öffentlich, alle Interessierten sind willkommen.

Stärkt Bürgerbeteiligung die Ökologie?

23. Januar 2019

Jens Newig, Professor für Governance und Nachhaltigkeit in Lüneburg, hielt hierzu in der FernUniversität einen Vortrag

Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Autobahnen zur CO2-Reduktion, neue Windkraftanlagen, Bahnstrecken oder – im Zuge der Energiewende – neue Stromtrassen: Bei immer mehr ökologischen Entscheidungen sollen Bürgerinnen und Bürger „mitgenommen werden“.

Doch stärkt Bürgerbeteiligung die Ökologie? Die wissenschaftliche Literatur bejaht das überwiegend. Jens Newig sieht das nicht so eindeutig. Für den Professor für Governance und Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität Lüneburg kommt es auf die Umstände des Einzelfalls, den „Kontext“, an.

In seinem Vortrag „Mehr Bürgerbeteiligung = mehr Ökologie?“ stellte er in der FernUniversität in Hagen Ergebnisse der Lüneburger Partizipations-Studie vor. Diese Studie untersucht als weltweit größte ihrer Art 307 umweltbezogene Entscheidungsprozesse in 22 westlichen Demokratien. Die Vortragsveranstaltung fand im Rahmen der Ringvorlesung „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ des gleichnamigen neuen Forschungsschwerpunktes der FernUniversität statt.

Prof. Newig zeigte, dass und wie der Kontext Partizipationsergebnisse beeinflussen kann. Geht es um Vorgänge in einem europäischen Zusammenhang, sind sie eventuell ganz anders als solche, die direkten Einfluss auf das persönliche Leben haben und bei denen dann gerne das „Sankt-Florians-Prinzip“ gilt.

Auch, wie die Partizipation stattfindet, hat Einfluss: durch Kommunikation, durch Abgabe von Macht, durch Repräsentation der Bereiche Ökologie, Nutzung, Gesellschaft oder Wirtschaft. So kann ein Weniger an staatlicher Macht durchaus zu mehr Ökologie führen. Werden jedoch Nutzungsinteressen in den Vordergrund gestellt, könnte das Gegenteil eintreten.

Kommunikation ist zwar grundsätzlich gut, aber nicht immer wirksam: Je mehr man sich selbst – z.B. von Verkehrslärm vor der Haustür – betroffen fühlt, desto weniger ist man Argumenten zugänglich. Der Klimawandel dagegen wird in Deutschland oft noch als ein eher „entferntes“ Thema wahrgenommen. Hier können Umweltverbände größeren Einfluss nehmen. Ganz unterschiedlich sind trotz identischer Einflussfaktoren die Partizipationsergebnisse, wenn es nicht um Ökologie geht, sondern um Gesundheit.

Ein angesichts des Schlagwortes von der „Mitnahme der betroffenen Bürgerinnen und Bürger“ überraschendes Ergebnis.

Mehr Bürgerbeteiligung = mehr Ökologie?

15. Januar 2019

Ergebnisse der Lüneburger Partizipations-Studie

16.01.2019, 18:00 Uhr
FernUniversität in Hagen, Universitätsstr. 11, 58097 Hagen, Gebäude 3, Raum Ellipse

Sei es die Energiewende oder nachhaltige Gewässerschutzpolitik: Stets hört man, ohne Bürgerbeteiligung und Stakeholder-Partizipation sei eine ökologisch nachhaltige Entwicklung kaum zu erreichen. Die Literatur dazu füllt ganze Bibliotheken. Indes: Unser Wissen, inwieweit Partizipation tatsächlich zu stärker ökologischer Politik beiträgt, bleibt bruchstückhaft, denn die akademische Literatur ist dominiert von Einzelfallstudien mit teils widersprüchlichen Ergebnissen.

Die Lüneburger Partizipationsstudie – die weltweit größte ihrer Art – untersucht 307 umweltbezogene Entscheidungsprozesse in 22 westlichen Demokratien, über die bereits wissenschaftliche Publikationen vorliegen. Diese wurden mittels einer Metastudie im Rahmen des Forschungsprojekts „EDGE“ mit einem einheitlichen analytischen Raster kodiert und vergleichend analysiert, was eine quantitativ-statistische Auswertung des qualitativen Fallstudien-Materials erlaubt.

Damit werden erstmals robuste Aussagen über die Wirkungsweise von Partizipation im internationalen Vergleich möglich. Die Frage lautet: Inwiefern und unter welchen Bedingungen ist Partizipation förderlich – oder etwa hinderlich – für ökologisch nachhaltige Politik- und Verwaltungsentscheidungen?

Die Ergebnisse zeigen, dass ‚Partizipation‘ grundsätzlich durchaus ökologisch nachhaltige Entscheidungen fördert; allerdings kommt es sehr auf die betrachteten Dimensionen von Partizipation an: So stellt sich der Grad der Mitbestimmungsmöglichkeit nichtstaatlicher Akteure als förderlich für ökologisch nachhaltige Entscheidungen heraus; daneben die Intensität der Kommunikation zwischen den Beteiligten sowie die umweltbezogenen Interessen der beteiligten Akteure.

Keinen Einfluss dagegen konnten wir für den Grad der Einbeziehung individueller Bürger/innen bzw. organisierter gesellschaftlicher Sektoren (Zivilgesellschaft, Privatwirtschaft) finden. Dagegen macht es einen Unterschied, ob klassische Ökologiethemen (Biodiversität, nachhaltiger Ressourcenschutz) oder gesundheitsrelevante Themen wie Luft- oder Trinkwasserverschmutzung verhandelt werden.

Nicht zuletzt erweisen sich die Umstände als relevant: So stellt sich zum Beispiel heraus, dass in sogenannten „NIMBY“-Situationen (in denen z.B. eine lokale Infrastrukturmaßnahme zwar allgemein erwünscht, aber von den unmittelbaren Anliegern als störend empfunden wird) der Einbezug individueller Bürger/innen durchaus zu ökologisch nachhaltigen Entscheidungen beiträgt.

Die Ringvorlesung wird vom Forschungsschwerpunkt „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ der FernUniversität veranstaltet. Konzeption und Organisation: Prof. Dr. Alfred Endres. Der Besuch der Veranstaltung ist kostenfrei.

Neoliberale Ideen im digitalisierten Klassenzimmer

8. Januar 2019

FernUni-Forscher Dr. Maik Wunder hat die Debatte um die Digitalisierung an Schulen untersucht. Er wollte wissen, was den Einsatz digitaler Bildungsmedien eigentlich legitimiert.

„Tafelbild, Karteikarten und Atlas sind out, der Schulunterricht soll sich verstärkt auf digitale Bildungsmedien stützen!“ Das ist eine weit verbreitete Meinung, wenn es um die Situation in deutschen Klassenräumen geht. Aus pädagogischer Sicht offenbart sich hierbei jedoch ein Problem: Anders als für traditionelles Unterrichtsmaterial – beispielsweise gedruckte Schulbücher – gibt es für digitale Lernmedien keine staatlichen Zulassungsverfahren.

Wer garantiert also, dass entsprechende Angebote wirklich sinnvoll sind? Wer bestimmt den Diskurs rund ums digitalisierte Klassenzimmer? Und argumentieren die Befürworterinnen und Befürworter von digitalen Lernmedien wirklich auf Grundlage objektiver pädagogischer Erkenntnisse?

Mit diesen Fragen hat sich ein Bildungsforscher an der FernUniversität in Hagen auseinandergesetzt: Dr. Maik Wunder (Foto: FernUni) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Bildung und Differenz von Prof. Dr. Katharina Walgenbach. Er hat das Buch „Diskursive Praxis der Legitimierung und Delegitimierung von digitalen Bildungsmedien“ geschrieben.

Seine Arbeit kommt mithilfe der Diskurstheorie und praktischen Untersuchungen an einer Schule zu der Erkenntnis, dass forcierte Digitalisierung im Bildungsbereich zu großen Teilen auf neoliberalen Denkfiguren fußt, anstatt einer didaktischen Linie zu folgen, die Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften wirklich zuträglich ist.

„Für digitale Bildungsmedien gibt es keine staatlichen Zulassungsverfahren. Dennoch tauchen diese Medien massiv in den Schulen auf“, erklärt Maik Wunder. Ihr Einsatz werde verstärkt gefordert – nicht zuletzt vonseiten der Politik: „Ich habe mich daher gefragt, was diesen Prozess eigentlich steuert, wenn es keine staatliche Instanz tut.“ Unter dem Begriff „digitale Bildungsmedien“ versteht Wunder die ganze Bandbreite digitaler Lehr- und Lehrmittel, egal ob Hardware oder Software – also Tablets und Smartphones, aber auch spezielle Online-Plattformen oder Lern-Apps.

„Das Verblüffende ist, dass sich der pädagogische Diskurs dem neoliberalen Diskurs angeglichen hat“, benennt der Bildungsforscher einen wesentlichen Befund seiner Arbeit. „Hierbei werden Figuren des Neoliberalismus wie ‚Selbstverantwortlichkeit‘, ‚Innovation‘ oder ‚Wettbewerb‘ aufgegriffen.“

Zudem werde der Fortschritt im digitalen Bereich nahezu als eine Art alternativloses Naturgesetz stilisiert. Überspitzt formuliert herrsche das Diktum: „Digitaler Erfolg muss sein, sonst droht der evolutionäre Untergang“. Der Unterton solcher Aussagen sei ökonomischer Natur: Deutschland soll als zukunftsträchtiger Bildungsstandort im internationalen Vergleich „wettbewerbsfähig“ bleiben.

Dem unbedingten Appell zur Digitalisierung gegenüber stehen vereinzelte Stimmen, die eine „Entfremdung“ oder gar eine „Versklavung“ des Menschen durch die Technik befürchten. Auch dieser Standpunkt erscheint Wunder fragwürdig, da hier von einer zweifelhaften Trennung zwischen Natur und Kultur beziehungsweise Gesellschaft ausgegangen werde. Fest stehe jedoch, dass die intensive Nutzung digitaler Medien nicht ohne Folgen bleibe.

Bestimmte Zwangsmechanismen haben sich tatsächlich bereits in Bewusstsein und Körper der jungen Lernenden eingeschrieben, so der Bildungsforscher: „Es bedarf keiner normierenden Gewalt von Lehrkräften mehr, damit sich Schülerinnen und Schüler an Zeitstrukturen anpassen – das Gerät gibt den Rhythmus vor!“ Schon heute sei nachweisbar, dass bei häufiger Smartphone-Nutzung neuronale Veränderungen vonstattengehen: „Gehirnareale, die den Daumen steuern, sind zum Beispiel deutlich ausgeprägter.“

Doch worin besteht die Anziehungskraft digitaler Bildungsmedien für die Verantwortlichen in den Klassenzimmern? „Lehrkräfte versprechen sich von der Digitalisierung, dass sie der Beschleunigungszwänge, unter denen sie stehen, Herr werden“, erörtert Wunder. Vorteile sehen sie demnach in der Zeitersparnis: Digitale Materialen sind leichter vorzubereiten, zu reproduzieren oder zu verteilen.

„Gleichermaßen werden aber auch die Schülerinnen und Schüler in diese Logik miteingebunden“, gibt der Bildungsforscher zu Bedenken. Vordergründig erscheine die Individualisierung als didaktischer Pluspunkt; in Wahrheit jedoch, treten die überlasteten Lehrkräfte einen Teil ihrer Verantwortung an die Schülerinnen und Schüler ab. Der Stress werde somit weitergereicht, seine wahren Ursachen nicht ausgeräumt.

Trotz aller Risiken, die mit einer unreflektierten Herangehensweise verbunden sind, wirke das Thema Digitalisierung als eine Art „Gravitationsfeld“ im gesellschaftlichen Diskurs. Wunder: „An Schulen wird nicht mehr wie früher kritisiert, dass die Toiletten kaputt sind. Eher wird danach gefragt, warum es keine Tablets gibt.“

Viele Stolpersteine für neue Verkehrskonzepte

22. Dezember 2018

Der Verkehrsexperte Prof. Michael Schreckenberg hielt in der Ringvorlesung „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ der FernUniversität einen Vortrag über die Zukunft der Mobilität

„Die Zukunft wird so schnell nicht besser werden“. Am Ende seines Vortrags „Die Zukunft der Mobilität – wie wir uns bewegen werden“ an der FernUniversität in Hagen zog Prof. Dr. Michael Schreckenberg Bilanz. Sie ernüchterte diejenigen der fast 80 Interessierten, die sich einen konkreten Ausblick erhofft hatten. Der Vortrag des Professors für die Physik von Transport und Verkehr an der Universität Duisburg-Essen fand im Rahmen der Ringvorlesung „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ des gleichnamigen neuen Forschungsschwerpunktes der FernUniversität statt.

Angesichts der immer weiter zunehmenden Verkehrs(stau)lagen sind neue Konzepte für die zukünftige Mobilität gefragt. Mit automatisierten Fahrzeugen, besserem öffentlichen Verkehr, Fahrradschnellwegen, Flugautos, Drohnen oder sogar Robotern versucht man, dem drohenden Verkehrskollaps zu entgehen. Die Anforderungen von Verkehrslenkung und Umweltschutz können sich jedoch ebenso widersprechen wie wirtschaftliche und individuelle Interessen. Nicht zu vergessen sind Steine, die Gesetzgebung und Politik in den Weg legen oder auf dem Weg liegen lassen.

Der zunehmende Verkehr verursacht Umweltprobleme, Lärm, Staus, Verspätungen… Aus dieser Sackgasse kommt man nur mit einer Verkehrswende heraus. Schlüssel hierfür sind die Digitalisierung und Vernetzung von Mobilität. Im Verkehrssystem der Zukunft müssen emissionsarme Verkehrsmittel alle am Verkehr Teilnehmenden schnell, sicher und klimaschonend an ihr Ziel bringen.

Ein höchst aktuelles Thema ist die E-Mobilität, um den Kohlendioxidausstoß zu vermindern. „Doch auch E-Autos verursachen massiv Feinstaub“, so Schreckenberg zum für ihn nächsten Ausgangspunkt einer breit angelegten Diskussion. Für diese Technologie fehlen, wenn sie sich weit verbreitet, zudem die Rohstoffe. Die Zukunft liegt für den Professor daher antriebsseitig eher in der Wasserstofftechnologie.

Ein Alternative zum heutigen Individualverkehr könnte ein kostenloser öffentlicher Personenverkehr sein. Dem stehen aber unter anderem hohe Fahrpreise, ein chaotisches Tarif- und Ticketsystem, Unpünktlichkeit und der Widerstand von Bürgerinnen und Bürgern gegen neue Bahntrassen und Ähnliches entgegen: Vor 2030 rechnet der Experte daher nicht mit einer Verbesserung in diesem Bereich.

Die Zukunft der Mobilität – wie wir uns bewegen werden

5. Dezember 2018

05.12.2018,  18:00 Uhr,  Seminargebäude der FernUniversität (Gebäude 2), Raum 1 bis 3, Universitätsstr. 33, 58097 Hagen

Referent: Prof. Dr. Michael Schreckenberg, Universität Duisburg-Essen

Seit über 60 Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft ernsthaft mit dem Thema „Stau“. Ob Fahrzeuge, Menschen, Tiere oder Mikroben, überall wo sich viele ähnliche Objekte zur selben Zeit am selben Ort in dieselbe Richtung bewegen wollen, tritt er auf. Oft ohne erkennbaren Grund und plötzlich („Stau aus dem Nichts“). In der Zwischenzeit sind manche Rätsel gelöst, anderes aber bleibt trotz großer Anstrengungen auch weiterhin mysteriös und unerklärlich.

Zudem hat jeder Verkehrsteilnehmer seine eigenen Theorien und Strategien zur Bewältigung von Staus, was am Ende oft zu überraschenden Ergebnissen führt. Mit Informationen, Telematik und Navigation versucht die Technik dem Stau zu entrinnen – oft verbunden mit neuem Ungemach.

Daher sind neue Konzepte für die zukünftige Mobilität gefragt. Mit automatisierten Fahrzeugen, besserem öffentlichen Verkehr, Fahrradschnellwegen, Flugautos, Drohnen oder sogar Robotern versucht man, dem drohenden Verkehrskollaps zu entgehen, wahrscheinlich vergebens.

Der Vortrag versucht, den heutigen Stand der Erkenntnisse rund um Verkehr, Mobilität und Stau zu vermitteln und daraus mögliche Zukunftsszenarien zu entwerfen.

Aufwind für FernUni-Verbraucherforschung

30. November 2018

Das Land NRW unterstützt verbraucherrelevante Forschungsvorhaben – Auch ein Projekt am Lehrstuhl des FernUni-Wirtschaftswissenschaftlers Prof. Rainer Baule wird gefördert

Mit einer Fördersumme von knapp 140.000 Euro plant das Ministerium für Kultur und Wissenschaft Nordrhein-Westfalen, die Verbraucherforschung im Land voranzutreiben. Das bei der Verbraucherzentrale angesiedelte Kompetenzzentrum „Verbraucherforschung NRW“ gab nun die Ergebnisse der landesweiten Ausschreibung der Drittmittel bekannt.

Durchgesetzt hat sich unter anderem ein Projekt, das im Januar 2019 an der FernUniversität in Hagen startet: „Kosten strukturierter Finanzprodukte im Lichte des Anlegerschutzes zehn Jahre nach der Finanzkrise – Wie verstehen und berücksichtigen Kleinanleger Bankinformationen in Verkaufsprospekten?“ Durchgeführt wird es von Patrick Münchhalfen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Bank- und Finanzwirtschaft von Prof. Dr. Rainer Baule.

Wer privat Geld anlegen will, sieht sich mit einem Überangebot verschiedener Investitionsmöglichkeiten konfrontiert. Da Bankmitarbeitende zumeist nicht unabhängig beraten, sind Verbraucherinnen und Verbraucher auf verlässliche Infos über die Funktionsweise von Anlageprodukten angewiesen. Für sie ist es entscheidend, im Vorfeld Chancen, Risiken und Kosten einer Investition abwägen zu können.

Hier setzt das Projekt an und nimmt unter die Lupe, wie sie in Verkaufsprospekten, Broschüren und Informationsblättern von Banken unterrichtet werden. Im Mittelpunkt steht dabei das Marktsegment der strukturierten Finanzprodukte, sogenannter „Zertifikate“. Hierbei handelt es sich um spezielle Investitionsobjekte, deren Rückzahlung von der Wertentwicklung bestimmter Basiswerte abhängt – also etwa von Aktien, Währungen oder Rohstoffen.

Das Kompetenzzentrum „Verbraucherforschung NRW“ ist ein Kooperationsprojekt des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft, des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz sowie der Verbraucherzentrale des Landes. Ziel des Förderprogramms ist es, unabhängige verbraucherrelevante Forschung zu stärken. Dabei werden alle Fachrichtungen angesprochen – von der Psychologie über die Informatik bis zur Wirtschaftswissenschaft. Insgesamt überzeugten vier Forschungsteams und zwei Nachwuchswissenschaftlerinnen die Drittmittelgebenden vom Potential ihrer Vorhaben.

Klimaexpertin las Politik die Leviten

17. Oktober 2018

Verkehrswende und Kohleausstieg haben die höchste Priorität

Mit einer Vortragsveranstaltung stellte sich der neue FernUni-Forschungsschwerpunkt „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ der Öffentlichkeit vor. Referentin war Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Foto: FernUni

Das Sondergutachten des Weltklimarats mit dem dringenden Appell, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, die Braunkohle-Diskussion, der Wirtschaftsnobelpreis 2018 für zwei US-Ökonomen, die unter anderem die Folgen von Wirtschaftswachstum für die Umwelt erforschen: Als hätten „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ Regie geführt, passte zu den aktuellen Meldungen die Vortragsveranstaltung, mit der sich der neue gleichnamige Forschungsschwerpunkt der FernUniversität in Hagen der Öffentlichkeit vorstellte.

In der Auftaktveranstaltung am 10. Oktober befasste sich Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) mit den „Wirtschaftlichen Chancen einer klugen Energiewende“. Die Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance leitet die DIW-Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt. Zu ihrem Vortrag kamen 80 Zuhörerinnen und Zuhörer.

Bezugnehmend auf die Mahnung des Weltklimarats unterstrich Prof. Dr. Claudia Kemfert: „Wir haben keine Zeit, höchstens zehn Jahre, dann ist unser CO2-Budget aufgebraucht! Wir müssen den Ausstoß bis 2050 um mindestens 80 Prozent mindern.“ Doch die Emissionen steigen, statt zu sinken.

Dagegen gibt es, so Kemfert, in ganz vielen Bereichen sehr viel zu tun. Vordringlich sei zum einen ein schneller Ausstieg aus der Braun- und Steinkohleverstromung. Dabei komme NRW eine Schlüsselstellung zu. Die erneuerbaren Energien müssten ausgebaut werden.

Höchste Priorität habe auch die Verkehrswende: Verkehr müsse verringert, gebündelt und verlagert, die Energieeffizienz gesteigert und regenerative Kraftstoffe entwickelt werden. Am effektivsten sei der batterieelektrische Antrieb. 2050 ist, so die Energieökonomin, ein Treibhausgas-neutraler Verkehr möglich. Doch sei „sauberer“ Strom am höchsten mit Abgaben belastet, die umweltschädlichen Benzin und Diesel viel zu gering. Und: „Viele Vorschriften passen nicht zur Energiewende!“

Durch die Digitalisierung können erneuerbare Energien gefördert werden: „Echtzeitpreise“ fördern versorgungssicheren umweltfreundlichen Strom, eine kluge Steuerung von Angebot und Nachfrage wird möglich, Dezentralität und Intelligenz steigen. Kemfert: „Die Energiewende schafft enorme wirtschaftliche Chancen!“

Weil in vielen Bereichen noch viel mehr Forschung nötig sei, freut sie sich über den neuen FernUni-Forschungsschwerpunkt. Kemfert ist überzeugt: „Die Gesellschaft – und nicht die Politik – bringt die Energiewende!“

FernUniversität in Hagen gründet Fakultät für Psychologie

14. Oktober 2018

Seit dem 1. Oktober 2018 hat die FernUniversität in Hagen eine fünfte Fakultät: die Fakultät für Psychologie. In diesem neuen institutionellen Rahmen können sich die international anerkannten Forschungsaktivitäten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dieses Fachgebiets noch besser entfalten als bisher.

Bereits vor 40 Jahren wurde der erste Lehrstuhl für Psychologie eingerichtet. Im Jahr 2008 startete mit dem B.Sc.-Psychologie der erste universitäre Fernstudiengang in Psychologie in Deutschland, 2012 folgte der Master-Studiengang. Heute forschen und lehren zehn Professorinnen und Professoren der Psychologie mit ihren Teams im Spektrum der nicht-klinischen Psychologie. Sie gehörten bisher zur Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften.

Über 15.000 Studierende sind im Bachelor- und Masterstudium Psychologie an der FernUniversität eingeschrieben – mehr als an jeder anderen Universität im deutschen Sprachraum. Viele der Studierenden sind berufstätig oder nutzen die zeitliche und räumliche Flexibilität, die ihnen das Fernstudium bietet, weil sie Freiräume für ihre persönliche Lebenssituation brauchen – beispielsweise für die Betreuung von Familienangehörigen oder weil sie als Spitzensportlerinnen und -sportler aktiv sind. Darum ist die Studierendenschaft der Fakultät für Psychologie so vielfältig wie an keiner anderen Hochschule in Deutschland.

„Das fossile Imperium schlägt zurück“

5. Oktober 2018

Ringvorlesung „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ an der FernUni Hagen

Ist die Energiewende tatsächlich ökonomisch unsinnig? Isoliert sich Deutschland? Drohen De-Industrialisierung, Blackouts und Strompreisexplosionen? Das behaupten ihre Gegnerinnen und Gegner. Mit ihren Argumenten setzt sich Prof. Claudia Kemfert auseinander, ihr geht es um „Die wirtschaftlichen Chancen einer klugen Energiewende“. Foto: FernUni.

Mit seiner Ringvorlesung „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ stellt sich der neue gleichnamige Forschungsschwerpunkt der FernUniversität in Hagen der Öffentlichkeit an drei Terminen vor. Die renommierten Vortragenden aus der Wissenschaft wollen mit dem Publikum nach ihren Referaten ins Gespräch kommen. Alle Interessierten sind willkommen, der Eintritt zu allen drei Veranstaltungsterminen ist frei.

Den Anfang macht am Mittwoch, 10. Oktober, Prof. Dr. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Sie spricht ab 17.30 Uhr über „Die wirtschaftlichen Chancen einer klugen Energiewende“. Veranstaltungsort ist die FernUniversität, Gebäude 3 (Informatikzentrum), Universitätsstraße 11, 58097 Hagen, Raum Ellipse.

Alles schien auf einem guten Weg. Die Energiewende schafft Wohlstand, macht unabhängig von geopolitischen Konflikten, schützt das Klima und stärkt die Demokratie. Und sie ist erfolgreich. Zu erfolgreich. Die „alten“ Energien und die Klimaskeptiker gehen nicht kampflos vom Platz. Anstelle von Rückzugsgefechten schalten die Lobbyisten der Kohleindustrie und Atomenergie auf Frontalangriff. Sie nutzen keine Armee, sondern Propaganda und „Fake News“. Mit bislang unbekannter Aggressivität werden Behauptungen, Mythen und Fehlinformationen vorgetragen und der Klimawandel wird geleugnet. Unerwartet befinden wir uns mitten im Krieg der Energiewelten zwischen fossiler Energie und den erneuerbaren Energien. Besonders sichtbar in den USA. Doch auch in Deutschland und Europa ist nicht alles rosig. Das fossile Imperium schlägt zurück. Auch hierzulande.

Was steckt wirklich hinter den Mythen: ist die Energiewende tatsächlich ökonomisch unsinnig? Isoliert sich Deutschland nicht dabei völlig? Droht eine Deindustrialisierung, müssen wir mit Blackouts und mit Strompreisexplosionen leben? Und: Wer zahlt diese Energiewende? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Claudia Kemfert im Rahmen ihres Vortrags und unterstreicht die wirtschaftlichen Chancen, die in einer klugen Energiewende liegen.

Die Referentin Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW Berlin und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Sie ist Wirtschaftsexpertin auf den Gebieten Energieforschung und Klimaschutz. 2016 wurde sie in den Sachverständigenrat für Umweltfragen SRU berufen und erhielt den Deutschen Solarpreis sowie den Adam-Smith-Preis für Marktwirtschaftliche Umweltpolitik. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin und gefragte Expertin für Politik und Medien. 2013 erschien ihr Buch „Kampf um Strom“, in dem sie die Mythen in der energiepolitischen Debatte beschreibt. Im April 2017 folgte ihr neustes Buch „Das fossile Imperium schlägt zurück“.

Zwei weitere Veranstaltungen

Am 5. Dezember 2018 und am 16. Januar 2019 finden zwei weitere öffentliche Vorträge in der Ringvorlesung statt. Zunächst referiert Prof. Dr. Michael Schreckenberg (Universität Duisburg-Essen) über „Die Zukunft der Mobilität – wie wir uns bewegen werden“ . Dann präsentiert Prof. Dr. Jens Newig (Leuphana Universität Lüneburg) in seinem Vortrag „Mehr Bürgerbeteiligung = mehr Ökologie?“ Ergebnisse der Lüneburger Partizipations-Studie.

Klima oder bloß Wetter?

17. September 2018

VHS Hagen eröffnet neues Semester mit Klimapolitik

Klimapolitisch geht es beim Start ins neue Semester an der Volkshochschule Hagen am Donnerstag, 4. Oktober, um 18.30 Uhr in der Villa Post, Wehringhauser Straße 38, zu. Informativ, aber ebenso unterhaltsam ist der Abend bei Wein und Snacks mit Vortrag und Musik geplant.

Um 19 Uhr stellt Prof. Dr. Alfred Endres, FernUniversität Hagen, in seinem Eröffnungsvortrag „Wirkungsvolle Klimapolitik“ die spannende Frage: Warum (zum Donnerwetter) ist das so schwierig? Dabei schaut er aus umweltökonomischer Perspektive auf das Zusammenwirken von Ökonomie und Ökologie. Bei Hunger essen Menschen, bei Kälte heizen sie, so die erforderlichen Ressourcen vorhanden sind.

Warum können diese äußerst unspektakulären Erwartungen über das Verhalten eines Menschen nicht einfach auf die Staaten im Kontext der globalen Erwärmung übertragen werden? Wenn die Staaten den Klimawandel als äußerst bedrohlich ansehen, wie sie immer behaupten, warum leiten sie dann nicht einfach die erforderlichen Gegenmaßnahmen ein? Beim abendlichen Vortrag werden Gegenstand und Methode der Umweltökonomie als wirtschaftswissenschaftliche Disziplin deutlich.

Nach dem informativen Input wird aus dem Professor ein Rocker, der gemeinsam mit dem Trio Rockato die Villa zum Rockpalast werden lässt. Mit seiner markanten Stimme interpretiert Endres Hits wie „Black Magic Woman“ (Santana) oder „Nights in White Satin“ (The Moody Blues) völlig neu. Diese Musik wird auf einzigartige Weise auf das Trio-Format destilliert, wobei die üppige Orchestrierung auf die essentielle musikalische Substanz reduziert wird. So entsteht ein kristallklarer Sound bei dem nichts im Lärm untergeht. Bei dem Bandprojekt „Trio Rockato“ wirken zwei fulminante Gitarristen mit dem Leadsänger zusammen: Der Hagener Gitarrist Wilfried Zoermer, Dozent an der Max-Reger-Musikschule, und das sauerländische Rock-Urgestein Wilfried Lübeck.

Der Eintritt ist frei, daher lohnt wie in den Vorjahren eine frühzeitige Anmeldung beim Serviceteam der VHS unter Telefon 02331/207-3622 oder www.vhs-hagen.de/anmeldung.

Deutschlands unbewältigte Niederlage

4. September 2018

Wissenschaftlicher Vortrag zum Kriegsende 1918

Ein Vortrag zum Thema „Kriegsende 1918: Deutschlands unbewältigte Niederlage“ von Prof. Dr. Gerd Krumeich von der Heinrich Heine Universität Düsseldorf findet am Donnerstag, 13. September, um 18.30 Uhr im Auditorium des Kunstquartiers Hagen statt.

Am Tag des Waffenstillstands vom 11. November 1918 feierten die Menschen in Paris , London, New York – in Deutschland hingegen blieb das Ereignis fast unbemerkt, so sehr war man mit der überall ausbrechenden Revolution beschäftigt. Als dann die Waffenstillstandsbedingungen bekannt wurden, war das Entsetzen groß, denn niemand hatte sich vorstellen können, dass auf vier Jahre ununterbrochener Siegesnachrichten plötzlich eine nahezu bedingungslose Kapitulation unterzeichnet werden musste.

Der Vertrag von Versailles, der Deutschland verpflichtete, als Schuldiger am Krieg für alle Unkosten aufzukommen, war dann noch unerträglicher. Viele suchten eine Erklärung und fanden sie auch: Dem siegreichen Heer war die Heimat in den Rücken gefallen.

Die „Dolchstoß“-Legende war und blieb dann das Haupthindernis eines friedlichen Zusammenlebens in der neuen Republik. Eine Republik, die nicht einmal fähig war, den heimkehrenden Soldaten die versprochene Ehrung zu erweisen und auch kein gemeinsames Gedenken der 2 Millionen Kriegstoten zu Wege brachte.

Prof. Dr. Gerd Krumeich ist weltweit einer der führenden Historiker zum Ersten Weltkrieg, seinen Ursachen und den Verlauf sowie zu den sich nach 1918 ergebenen Folgen. Der Eintritt an der Abendkasse beträgt 3 Euro. Die Veranstaltung wird unterstützt vom Museums- und Archivverein Geschichtsfreunde Hagen e. V. und dem Karl-Ernst-Osthaus-Bund e. V.

Wohlhabende wollen einen starken Führer

2. September 2018

FernUni-Wissenschaftler befürchten: Demokratie enttäuschte Erwartungen

Einfluss zeigt sich ja nicht nur durch Regierungsmacht, sondern auch darin, dass „Mainstream-Politikerinnen und -Politiker“ populistische Argumentationsmuster übernehmen

Prof. Viktoria Kaina

Die Demokratie scheint in vielen ihrer Stammländer wie auch in Staaten, die sie sich hart erkämpft haben, schleichend zu erodieren. Großen Zulauf haben vorwiegend rechte populistische Parteien.

Gründe und Unterschiede diskutierten Prof. Dr. Viktoria Kaina, Leiterin des Lehrgebiets Politikwissenschaft I: Staat und Regieren an der FernUniversität in Hagen, und Prof. Dr. Ireneusz Pawel Karolewski vom Willy Brandt Zentrum für Deutschland- und Europastudien der polnischen Universität Wroclaw (Breslau) im gemeinsamen Interview (Foto: FernUniversität).

Was sind die Gründe für den „schleichenden Demokratieabbau“?

Karolewski: Zunächst müssen wir unterscheiden zwischen einem Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit, mit dem wir es vor allem in Europa zu tun haben, und einem Abbau der Demokratie wie in der Türkei und in Russland. In der Türkei sitzen unter anderem mehr als 1.000 Journalistinnen und Journalisten im Gefängnis, in Russland werden Wahlen gefälscht. Auch Angriffe auf die Rechtstaatlichkeit tangieren demokratische Prozesse, führen aber nicht sofort zur kompletten Abschaffung von Demokratie. Was in Polen und Ungarn stattfindet, geschieht durch demokratisch gewählte Regierungen, was die Sache etwas komplizierter macht.

Nach Ansicht verschiedener Autorinnen und Autoren führt der Abbau von Rechtsstaatlichkeit zu einer „defekten“ Demokratie oder einer „semi-konsolidierten Demokratie“, wie es die internationale Nichtregierungsorganisation Freedom House bezeichnen würde (sie fördert weltweit liberale Demokratien). Dort können die Bürgerinnen und Bürger immer noch eine andere Regierung wählen, wobei die Regierungsparteien das politische System soweit modifizieren, dass ihre Wiederwahlchancen deutlich verbessert werden. Doch irgendwann kann es in „defekten Demokratien“ gefälschte Wahlen geben – und dies führt dann zum Autoritarismus.

Kaina: Das Wort „Demokratieabbau“ ist für mich eigentlich zu undifferenziert. Was wird abgebaut? Das liberale Element? Die Verfassungsstaatlichkeit? Der Minderheitenschutz? Von einem Abbau der Mitwirkungsrechte der Bürgerinnen und Bürger kann nämlich angesichts der Mobilisierung von Wählerinnen und Wählern durch Populistinnen und Populisten nicht unbedingt die Rede sein.

Allerdings dürften die Ursachen für den Abbau von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zum Teil recht ähnlich sein. Etwa bei der Mobilisierung der Unzufriedenen und Wütenden: Fast überall auf der Welt begehren die „Have nots“, die Zurückgelassenen und Enttäuschten, auf. Auch gegen die Heuchelei liberaler Eliten. Demokratie ist ein Versprechen auf Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen. Aber viele Menschen verstehen Demokratie auch als ein Versprechen auf Wohlstand und sind enttäuscht. Auf existentielle Verunsicherung und einen Mangel an Orientierung reagieren Menschen oft mit einer Sehnsucht in eine vermeintlich sichere Vergangenheit. Zygmunt Bauman nannte das die nostalgische Sehnsucht nach Retrotopia, die Rückbesinnung auf das wärmende Stammesfeuer.

Karolewski: Das glaube ich auch. Es sind auch Reaktionen auf Ausschlussprozesse, das Versprechen auf Wohlstand, die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Für die amerikanische Soziologin Liah Greenfeld ist der Nationalismus die erfolgreichste Ideologie der Moderne, weil er „Würde“ verspricht – die Würde der Vorstellung, ein gleichberechtigtes Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, unabhängig von sozio-ökonomischen Unterschieden. Der Nationalismus ist als Ideologie extrem wirksam, weil er so stark ist, dass Menschen im Namen der Nation bereit sind, ihr Leben zu gestalten oder sogar zu opfern. Dies kennen wir sonst nur noch aus der Religionsforschung. Deswegen wird der Nationalismus oft als „säkulare Religion“ bezeichnet.

Kaina: Sich zu opfern ist in gewisser Weise eine Gratifikation – du hast etwas davon, weil du „dazu gehörst“ und aufgewertet wirst. Das ist auch einer der Gründe für die aktuelle „Weltbewegung der Zornigen“. Das hat viel mit der Einforderung von Respekt, Wertschätzung und Anerkennung zu tun.

Müssen andere europäische Staaten ähnliche Entwicklungen wie in Mittel- und Osteuropa befürchten?

Karolewski: Die Frage ist, ob die Populisten in den westlicheren EU-Staaten in Zukunft genügend Macht erreichen und damit das Regierungsgeschäft beeinflussen können. Da würde ich zunächst abwarten. Die skandinavischen Länder gelten als Paradebeispiele der demokratischen Konsolidierung. Dennoch gibt es dort sehr starke populistische Bewegungen bzw. nationalistisch-populistische Parteien in Parlamenten. Wir ignorieren das einfach, weil sie nicht an der Macht sind. Allerdings hat die Dänische Volkspartei 2001 bis 2011 als Mehrheitsbeschafferin der damaligen Minderheitenregierung in Kopenhagen erheblichen politischen Einfluss ausgeübt. Sie war sehr nahe daran, permanente Grenzkontrollen an der dänisch-deutschen Grenze zu erzwingen, was das Scheitern von Schengen zur Folge hätte.

Kaina: Einfluss zeigt sich ja nicht nur durch Regierungsmacht, sondern auch darin, dass „Mainstream-Politikerinnen und -Politiker“ populistische Argumentationsmuster übernehmen – wie der niederländische Ministerpräsident Rutte, Frankreichs Staatspräsident Macron und die britische Ministerpräsidentin May. Man sieht, wie Populismus wirkt: „Mainstream-Politik“ muss sich inzwischen zum Teil seiner Argumentationsmuster bedienen, um Wahlen gewinnen zu können. (more…)

Gegen Vater und Partei?

10. Juli 2018

Zwischen Studentenbewegung und traditionellem Sozialismus

Nach dem Ende des Historikergesprächs stellte sich Prof. Peter Brandt gerne den zahlreichen interessierten Fragen von Besucherinnen und Besuchern der Veranstaltung. Foto: FernUniversität.

Die politisch aufregenden 1960er Jahre erlebte der FernUni-Historiker Prof. Peter Brandt, Sohn von Willy Brandt, aktiv mit.

Aus dem eigenen Leben berichten und es gleichzeitig von außen betrachten, einerseits als Teil der „68er Bewegung“, andererseits mit dem distanzierten Blick des Wissenschaftlers auf die Geschehnisse damals: Dieser Herausforderung stellte sich Prof. Dr. Peter Brandt, bis zu seinem Ruhestand 2014 Professor an der FernUniversität in Hagen, in einem „Lüdenscheider Gespräch“ des Instituts für Geschichte und Biographie.

1948 geboren erlebte der Historiker die politisch und gesellschaftlich unruhigen Zeiten in West-Berlin ab Dezember 1964 mit – als politisch interessierter und aktiver Schüler und Student, als Mitglied der linkssozialdemokratischen „Falken“ und Mitbegründer einer trotzkistischen Organisation. Und als Sohn der sozialdemokratischen Ikone Willy Brandt, der 1957 bis 1966 Regierender Bürgermeister in Berlin war, anschließend Bundesaußenminister und ab 1969 Bundeskanzler.

Unter dem Veranstaltungstitel „Protest und Revolte in West-Berlin 1964/69. Betrachtungen aus der Perspektive des Zeitzeugen und Wissenschaftlers“ antwortete Peter Brandt auf Fragen seiner FernUni-Kollegen Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch und Edgar Liebermann M.A. Gleich zu Beginn betonte er hierzu: „Ich bin hier vor allem als Zeitzeuge. Als Wissenschaftler bin ich aber auch gehalten, mich von dem zu distanzieren, was ich selbst gemacht habe – jedenfalls analytisch.“

Studenten- versus Arbeiterbewegung

Mit 14 Jahren trat Peter Brandt, der aufgrund seines Alters kein SPD-Mitglied sein konnte, in deren Jugendorganisation „Die Falken“ ein, die in der Tradition der Arbeiterbewegung stand. Den darin vertretenen Parteien und Organisationen ging es um die politischen und sozialen Interessen der Arbeiterschaft und um die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Position – letztlich also um irgendeine Art von demokratischem Sozialismus.

Noch als Schüler kam Peter Brandt auch mit der „Vierten Internationalen“ in Berührung, einer 1938 von trotzkistischen Gruppen gegründeten linken Opposition gegen Stalin. Er wurde Ende 1966 für die „deutsche Sektion“ dieser halbkonspirativen Gruppe „rekrutiert“ und blieb einige Jahre Mitglied. Sie versuchte, die SPD, die „Falken“ und die Gewerkschaften zu beeinflussen und zu unterwandern.

Damit stand er im Widerspruch zur Politik seines in Berlin „ungemein populären“ Vaters: „Ich wollte ihm nie politisch schaden, wir hatten trotz politischer Differenzen ein ganz gutes Verhältnis.“ Willy Brandt akzeptierte, dass sein Sohn seinen eigenen politische Weg ging, hatte er doch selbst als junger Mann weit links von der SPD gestanden: „Erfahrungen muss man selbst machen.“

„Als Willy Brandt noch im Schöneberger Rathaus residierte, stand Peter, der Marx wie Marcuse verehrt und sich Trotzkist nennt, bereits gegen Papa und Partei“, schrieb der SPIEGEL in seiner Ausgabe 24/1968. Brandt korrigiert: „Mit Marcuse hatte ich nie etwas im Sinn.“

Politisierte Gesellschaft

West-Berlin sah sich damals als Bollwerk des Westens gegen den Kommunismus, auch den in der „Zone“ (der DDR). Das galt nicht nur für die Springer-Zeitungen, sondern ebenso für die SPD. Laut Peter Brandt hielten sie viele für „die CDU der Bundes-SPD“. Der Mauerbau und die ständige Gefahr, dass weltpolitische Spannungen wie die Kuba-Krise vom Oktober 1962 sich auf die Stadt auswirkten, schufen eine politische Optik, die alles durch den Filter „Ost-West-Konflikt“ wahrnehmen ließ.

Insgesamt waren die Menschen, auch die jungen, damals sehr viel stärker politisiert als heute. In der „Studentenbewegung“ gab es daher verschiedene Richtungen. Eine davon vertraten „Die Falken“, eine andere der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“ (SDS), bis zu seinem Ausschluss aus der SPD 1961 deren Hochschulverband. Der SDS hatte großen Einfluss auf die „Studentenbewegung“ und verstand sich als Teil der deutschen Außerparlamentarischen Opposition.

„Im SDS fand sich vor 1968 ein wachsender Kern von kritischer Intelligenz zusammen. Man konnte hier markante Leute links vom Mainstream persönlich kennenlernen.“ Besonders faszinierte das „hohe Niveau der Redeschlachten mit und gegen Rudi Dutschke“, erinnerte sich Brandt.

War Peter Brandt Teil der 68er-Bewegung? wollte Prof. Schlegelmilch wissen. „Jein“, antwortete dieser. Seine damalige Position ist nicht einfach zu definieren. Er war politisch aktiv, aber nicht in seiner Eigenschaft als Student. Brandt und Dutschke schätzten sich, doch unterstützte Brandt nicht alle Positionen Dutschkes. Vielmehr stand er von den Falken – einem der Stränge der „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) – kommend geistig in der Tradition der Arbeiterbewegung. Der SDS war ein anderer Strang. Das in die APO mündende Rinnsal der alten Arbeiterbewegung und der SDS hatten aber auch Überschneidungen, sie waren antikapitalistisch und antistalinistisch, „gegen Ulbricht und gegen Adenauer bzw. dessen Nachfolger“, so Brandt.

„Meine Gruppe hat nicht, wie manche frisch politisierten Studierenden, gedacht, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb kurzer Zeit geändert werden könnten – ich habe eher mit Jahrzehnten gerechnet.“ Sie versuchte, ihre Ziele auf dem Weg langfristig angelegter Aufklärungs-, Organisierungs- und Mobilisierungsarbeit zu erreichen.

Nach dem Ende der 68er Bewegung gingen die Protagonisten verschiedene Wege: Manche gingen zu den Sowjet-Kommunisten oder gründeten maoistische Kleinparteien, andere ein Vierteiljahrhundert später zu den Grünen. Einige wurden Linksterroristen. Viele wurden SPD-Mitglieder. 1994 auch der Sohn von Willy Brandt.

FernUni gründet eigene Fakultät für Psychologie

29. Juni 2018

Der Weg ist frei für eine Fakultät für Psychologie. Damit schafft die FernUniversität für das Fach neue Entwicklungsmöglichkeiten in Studium, Lehre und Forschung.

Neue Entwicklungsmöglichkeiten in den Studien-, Lehr- und Forschungsbedingungen im Fach Psychologie erreichen, das ist das Ziel der Psychologie an der FernUniversität in Hagen. Nach einer breiten Diskussion in der Universität hat das Rektorat die Gründung einer Fakultät für Psychologie beschlossen und damit den Weg frei gemacht, dass das große Institut künftig eigene Wege geht.

Der Bachelor Sc. / Master Sc.-Psychologie der FernUniversität ist mit aktuell über 14.000 Studierenden der größte universitäre Studiengang in Psychologie im deutschen Sprachraum. Bislang ist das Institut für Psychologie Teil der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften. Die zukünftige Fakultät für Psychologie ermöglicht es, die Organisations- und Arbeitsabläufe passgenauer auf die Besonderheiten des Fachs in Studium, Lehre und Forschung anzupassen und damit den hohen Standards noch besser gerecht zu werden.

40-jährige Geschichte

Das Fach Psychologie hat an der FernUniversität eine 40-jährige Geschichte. Der erste Lehrstuhl für Psychologie wurde bereits kurz nach der Gründung der Universität im Jahr 1978 eingerichtet, zwei weitere Lehrstühle folgten 1983 und 1991. Angeboten wurde ein Haupt- oder Nebenfachstudium im Rahmen eines sozialwissenschaftlich orientierten Magisterstudiengangs.

Der Ausbau zur heutigen Größe mit zehn Lehrstühlen und zwei befristeten Professuren erfolgte erst mit der Einführung des Bachelorstudiengangs Psychologie, der 2008 akkreditiert wurde. Heute bietet das Institut mit den B.Sc.-/M.Sc.-Studiengängen in Psychologie die einzigen universitären Fernstudiengänge dieses Faches an, und den einzigen Bachelor-Fernstudiengang, der mit dem Qualitätssiegel der Deutschen Gesellschaft für Psychologie ausgezeichnet worden ist.

Das Curriculum vereint eine bundesweit einzigartige Kombination traditioneller und innovativer Grundlagen- und Anwendungsfächer im nicht-klinischen Spektrum der Psychologie. Damit übernimmt das Institut eine Vorreiterrolle in Deutschland. Denn auch das an der FernUniversität praktizierte Blended-Learning-Konzept mit einer Kombination von gedruckten Lehrmaterialien, einem großen Portfolio von Online-Angeboten und umfangreichem kommunikativem Austausch wurde für die Psychologie weiter entwickelt und weist bereits heute Perspektiven für eine Psychologie-Didaktik der Zukunft auf.

Für Diversität sensibilisieren

Die FernUniversität in Hagen zeigt seit ihrer Gründung eine große Heterogenität ihrer Studierenden, die auch im Psychologiestudium deutlich wird. Neben der Enkulturation der Studierenden in den wissenschaftlichen Studienalltag erfordert eine zunehmende sozio-demografische Vielfalt der Gesellschaft auch einen Blick auf die Herausforderungen, denen die Absolventinnen und Absolventen in ihrem beruflichen Alltag begegnen werden.

Die Hagener Psychologie hat Studienangebote entwickelt, um die Studierenden für studien- und berufsrelevante Aspekte sozialer und kultureller Diversität zu sensibilisieren. Durch das besondere, zumeist berufstätige Studierendenklientel der FernUniversität, sein Eingebunden-Sein in das persönliche berufliche Umfeld, entwickelt sich in der Regel bereits während des Studiums ein reger Austausch zwischen Wissenschaft und beruflicher Praxis. Es entsteht ein einzigartiges Forum für Praxistransfer und Dialog.

Prof. Dr. Stefan Stürmer, Rektoratsbeauftragter für die Fakultätsgründung und zukünftiger Gründungsdekan ergänzt: „Das Hagener Institut für Psychologie ist forschungs- und drittmittelstark, und mit überwiegend englischsprachigen Publikationen international präsent. Mit der Fakultätsgründung erhöht die FernUniversität nicht nur ihre Sichtbarkeit als bundesweit erste Adresse für ein Fernstudium in Psychologie, sondern auch ihre Sichtbarkeit als forschende Universität.“

Fakultätsgründung

Als formales Gründungsdatum für die neue Fakultät ist der 1. Oktober 2018 geplant. In der Zwischenzeit wird der „Umzug“ der Studierenden und Lehrenden in die neue Fakultät vorbereitet. Zur Gründungsfeier im November soll zugleich das 20-jährige Gründungsjubiläum des Psychologiegeschichtlichen Forschungsarchivs der FernUniversität gefeiert werden.

Das Forschungsarchiv archiviert psychologiegeschichtliche Dokumente, wie Nachlässe von wissenschaftlich und praktisch arbeitenden Psychologinnen und Psychologen, Briefwechsel, Apparate, Tests, Vorlesungsmitschriften, Manuskripte und Dokumente zur Verbands- und Öffentlichkeitsarbeit. Im Rahmen der Gründungsfeier der Fakultät ist eine kleine Sonderausstellung von Exponaten geplant.

Vorsatz oder Fahrlässigkeit?

22. Juni 2018

Raser töteten 2016 in Berlin einen Unbeteiligten. Handelten sie vorsätzlich? Die Rechtswissenschaft ist sich uneins. Zwei Strafrechtler der FernUniversität diskutieren den Fall.

Im Februar 2016 jagten zwei Männer mit ihren Autos durch Berlin, lieferten sich ein Straßenrennen mit Geschwindigkeiten bis zu 170 Kilometern pro Stunde. Dabei donnerten sie über Kreuzungen und rote Ampeln, bis eines der Fahrzeuge schließlich den Geländewagen eines 69-Jährigen rammte. Das Unfallopfer starb noch vor Ort. Das Landgericht Berlin verurteilte die beiden Fahrer im vorigen Jahr zu lebenslangen Haftstrafen. Doch das deutschlandweit erste Mordurteil dieser Art wurde Anfang 2018 vom Bundesgerichtshof (BGH) zurückgewiesen.

In der Rechtswissenschaft sorgte die Entscheidung für Aufsehen. Auch zwei Lehrstuhlinhaber der FernUniversität beschäftigen sich mit dem Fall: Prof. Dr. Osman Isfen (Strafrecht, Strafprozessrecht, Wirtschaftsstrafrecht und Internationales Strafrecht) und Prof. Dr. Stephan Stübinger (Strafrecht, Strafrechtsgeschichte und Rechtsphilosophie) diskutierten das Thema zuletzt in einem öffentlichen Vortrag auf dem Hagener Campus.

Für die beiden Experten liegt die entscheidende Frage in der Abgrenzung zwischen vorsätzlicher und fahrlässiger Tötung. Denn um überhaupt zum Urteil „Mord“ zu gelangen, muss ein Gericht zuerst eine „vorsätzliche Tötung“ feststellen. Hier bleibt Spielraum für abweichende Wertungen. So widersprach der BGH dem Berliner Gericht unter anderem, weil es dessen Annahme einer vorsätzlichen Tat nicht plausibel fand. „Es ist ein Problem, den Rasern einen Fremdtötungsvorsatz zu unterstellen, denn diese nähmen damit ja gleichzeitig eine Eigengefährdung in Kauf“, erklärt Prof. Stübinger. „Man schreibt den Rasern somit quasi eine Selbstmordabsicht zu.“ Die Vorstellung, die Temposünder hätten sich selbst schaden wollen, findet Stübinger abwegig und teilt damit die Einschätzung des BGH.

„Russisches Roulette“ auf der Straße

Prof. Isfen zeigt sich offener gegenüber der Vorsatzannahme. Seiner Meinung nach billigten die Berliner Raser, bei ihrem Rennen Menschenleben zu gefährden. Ihr grob ignorantes Verhalten ließe sich durchaus als vorsätzliches Handeln deuten. „Man könnte sagen: Wer so viele Kreuzungen überquert und rote Ampeln missachtet, der musste einfach damit rechnen, dass es irgendwann tödlich ausgeht“, so der Strafrechtler. „Die Fahrer haben Russisch-Roulette gespielt, und am Ende hat es tatsächlich geknallt.“ Das Urteil „Mord“ findet Isfen jedoch ebenfalls unangemessen.

Neue Gesetzeslage als Reaktion

Das Rennen in der Hauptstadt ist kein Einzelfall. „Es ist leider ein trauriges Phänomen, dass sich in vielen deutschen Städten eine Raser-Szene ausgebildet hat“, klagt Stephan Stübinger. Der Bundestag reagierte 2017 mit einem strengeren Gesetz, wonach illegales Rasen mit bis zu zehn Jahren Haft, der Beschlagnahme des Fahrzeugs und Führerscheinentzug geahndet werden kann. Die neuen Regeln verfeinern das strafrechtliche Instrumentarium. Gerichte können nun genauer zwischen absichtlicher und unabsichtlicher Tötung skalieren. Gerade mit Blick auf die Unstimmigkeiten im Berliner Fall begrüßen die beiden Rechtswissenschaftler die Sondervorschrift. „Eine Raserei mit Todesfolge ist eben kein Mord. Sie ist aber auch keine bloße fahrlässige Tötung – sondern mehr“, urteilt Osman Isfen. Eine Meinung, die auch sein Kollege teilt: „Die neue Vorschrift hat sicherlich ihre Schwächen. Aber dennoch schließt das Gesetz eine große Lücke.“

Bezug zum Hagener Raser-Fall

So wie die Berliner Raserfahrt fiel auch die in Hagen von 2016 noch unter die alte Gesetzeslage. Isfen hat die beiden Prozesse miteinander verglichen, weist jedoch auf erhebliche Unterschiede hin: „Auch in Hagen waren verantwortungslose Menschen unterwegs. Sie haben sich auf der Feithstraße zum Rasen verleiten lassen. Aber in Berlin war es qualitativ noch einmal eine andere Stufe. In Hagen stand zu keinem Zeitpunkt die Frage im Raum, ob sich die Raser der vorsätzlichen Tötung strafbar gemacht haben könnten.“ Der Jurist hatte der Verhandlung im Hagener Landgericht als Beobachter beigewohnt und auf seinem strafrechtlichen Blog „audiatur et altera pars“ davon berichtet.

Das Hagener Landgericht verurteilte die beiden Täter damals wegen fahrlässiger Körperverletzung. Während der ältere Fahrer mit einem Jahr auf Bewährung davonkam, muss der jüngere ein Jahr und zehn Monate im Gefängnis verbringen. Lesen Sie hier mehr zur damaligen Einschätzung von Prof. Isfen.

Engagement für Geflüchtete

18. Mai 2018

Psychologinnen der FernUni setzen sich dafür ein, dass das Wissen aus der Forschung in der Praxis und somit bei Menschen ankommt, die mit Geflüchteten arbeiten

Dr. Laura Froehlich (li.) und Dr. Helen Landmann engagieren sich im Fachnetzwerk Sozialpsychologie zu Flucht und Integration. Foto: FernUni

In den vergangenen Jahren sind über eine Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, politischer Verfolgung, Diskriminierung oder Armut nach Deutschland gekommen. Sowohl für die Geflüchteten als auch für die Gesellschaft bringt dies zahlreiche neuer Herausforderungen mit sich. Wie kann Integration gelingen? Wie lassen sich Ängste und Vorurteile sowohl bei den Einheimischen als auch bei den Geflüchteten reduzieren? Wie motiviere ich Ehrenamtliche?

An der FernUniversität in Hagen befassen sich gleich mehrere psychologische Lehrgebiete mit Gruppensituationen. Für die Wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Dr. Laura Froehlich (Sozialpsychologie), Dr. Helen Landmann (Community Psychology) und Sarina Schäfer (Psychologische Methodenlehre und Evaluation) lag es daher nahe, sich bei der Gründung des Fachnetzwerks Sozialpsychologie zu Flucht und Integration zu engagieren.

Seit wenigen Wochen ist die Webseite des Netzwerks online. „Da es inhaltlich so gut passt, sehen wir uns in der Pflicht, uns einzubringen. Unser Ziel ist ein Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis. Wir setzen uns dafür ein, dass das Wissen aus der Forschung auch bei denjenigen ankommt, die mit den geflüchteten Menschen arbeiten“, sagt Helen Landmann. Sie ist die Sprecherin des im April 2016 gegründeten Netzwerks. An ihm beteiligen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler acht verschiedener Forschungseinrichtungen, unterstützt wird es von der Fachgruppe Sozialpsychologie in der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Die Psychologinnen und Psychologen möchten Fragen aus der Praxis wissenschaftlich fundiert und dennoch praxisnah beantworten. „Dafür haben wir gezielt Praktikerinnen und Praktiker kontaktiert und einen Fragenkatalog erstellt. Anschließend haben Forschende die Fragen allgemeinverständlich beantwortet“, erklärt Laura Froehlich. Die Ergebnisse stehen jetzt auf der Webseite des Fachnetzwerks. Das erste Feedback darauf war bereits sehr positiv.

Zukünftig möchte das Netzwerk seine Aktivitäten noch weiter ausbauen und den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis fördern. So sind beispielsweise Treffen zwischen Forschenden und Menschen, die mit Geflüchteten arbeiten, geplant. Helen Landmann: „Davon profitieren letztlich beide Seiten. Denn die Ergebnisse haben wiederum Einfluss auf unsere Forschung.“ Laura Froehlich forscht an der FernUniversität zu Stereotypen über verschiedene kulturelle Gruppen im Bildungssystem, Helen Landmann zur Rolle von Emotionen für das soziale Zusammenleben und Sarina Schäfer zu positivem und negativem Intergruppenkontakt.

Rückhalt für ihr Engagement finden die drei Wissenschaftlerinnen auch in ihren jeweiligen Lehrgebieten. „Das Fachnetzwerk ist eine sehr gute Initiative zur Förderung des Austausches zwischen Wissenschaft und Praxis“, unterstützt Prof. Dr. Anette Rohmann, Leiterin des Lehrgebiets Community Psychology, ihre Mitarbeiterin.

Fachhochschule möchte auf den Campus der Fernuni ziehen

20. April 2018

Die Fachhochschule ist zu eng geworden und hat in ihrem Gebäude einen argen Sanierungsstau. Daher soll auf dem Fernuni-Campus investiert werden. (…)

Quelle: wp.de

„Nationalstaat nicht unausweichliches Schicksal“

19. April 2018

FernUni: Auszeichnung für zukunftsgewandten Historiker

Preisträger Wolfgang Reinhard sprach über Europa und seine eigene wissenschaftliche Biographie. Foto: FernUni.

An der FernUniversität in Hagen wurde jetzt der „Dimitris Tsatsos-Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Europäischen Verfassungswissenschaften“ verliehen. In diesem Jahr ging er an den Historiker Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Reinhard.

Der 81-Jährige ist Professor emeritus für neuere Geschichte am Historischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und assoziierter Fellow des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt.

„Ich fühle mich außerordentlich geehrt“, sagte Prof. Reinhard nach der Überreichung des Preises durch Prof. Dr. Andreas Haratsch, Direktor des Tsatsos-Instituts der FernUniversität, und Prof. Dr. Spyros Tsantinis, Vorstandsmitglied des Centre for European Constitutional Law. Obwohl Reinhards wissenschaftliches Werk schon mehrfach mit Auszeichnungen – darunter auch dem sogenannten „Historikerpreis“ – gewürdigt wurde, habe ihn der „Dimitris Tsatsos-Preis“ besonders gefreut: „Der europäische Charakter des Preises macht es für mich aus. Das ist der Punkt.“

Prof. Reinhard thematisierte in seiner Rede die Expansivität Europas, indem er die Frage stellte: „Wieviel Zukunft hat Europas Vergangenheit?“ Zum Ende seines Vortrags plädierte er für den „Europäischen Bundesstaat“ – nicht zuletzt weil verschiedene Aspekte wie die öffentliche Sicherheit, eine umfassende Daseinsvorsorge oder die Organisation des Gemeinwesens mittlerweile einer Regelung auf überstaatlicher Ebene bedürften. „Der Nationalstaat mag zwar dominant sein, aber er muss deswegen nicht unser unausweichliches Schicksal bleiben.“

Der „Dimitris Tsatsos-Preis“ ist nach dem Rechtswissenschaftler und Europa-Parlamentarier Prof. Dr. Dimitris Th. Tsatsos (1933 bis 2010) benannt. Verliehen wird er vom Centre for European Constitutional Law (CECL, Themistokles und Dimitris Tsatsos-Stiftung) in Athen und dem Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften (DTIEV) der FernUniversität. Im zweijährigen Rhythmus soll der Preis abwechselnd in Athen und Hagen vergeben werden und das Gesamtwerk von Forschenden würdigen, die sich mit der Verfassungsentwicklung auf nationaler und europäischer Ebene befassen.

FernUni: Forschung zur Bioökonomie

26. März 2018

Ein wissenschaftliches Team aus Hagen und Magdeburg untersucht politische Prozesse zur Gestaltung einer Bioökonomie in Deutschland im Spannungsfeld von Ökonomie und Ökologie

Die Weltbevölkerung wächst, gleichzeitig werden Ressourcen knapper und das Klima wandelt sich. Die Herausforderungen können nur bewältigt werden, wenn vorhandene Ressourcen effizienter genutzt und gleichzeitig der Ausstoß klimaschädigender Emissionen von der Wirtschaftsleistung entkoppelt wird.

„Hierzu kann die Bioökonomie einen entscheidenden Beitrag leisten, wenn es um die Weiterentwicklung der mineralölbasierten zu einer biobasierten Wirtschaft und Gesellschaft abzielt“, betont Prof. Dr. Annette Elisabeth Töller von der FernUniversität in Hagen. Jedoch gibt es nach ihren Worten noch großen Forschungsbedarf, etwa zur Produktion ausreichender Biomassemengen, mit denen die stofflichen und energetischen Bedarfe gedeckt werden können.

Auch die Implementierung ressourceneffizienter Prozessabläufe sowie die Bewertung sozio-ökologischer Auswirkungen einer biobasierten Wirtschaftsweise müssten weiter untersucht werden. Darüber hinaus fehle es bislang an empirisch fundierten theoriegeleiteten Studien über politische Prozesse zur Initiierung, Förderung oder Regulierung bioökonomischer Techniken, Verfahren und Produkte.

Zusammen mit Prof. Dr. Michael Böcher will sie diese politikwissenschaftliche Forschungslücke ein Stück weit füllen: Ihr gemeinsames Projekt „Politische Prozesse der Bioökonomie zwischen Ökonomie und Ökologie – Bio-Ökopoli“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) drei Jahre lang gefördert. Die Leiterin des Lehrgebiets Politikwissenschaft III: Politikfeldanalyse & Umweltpolitik an der FernUniversität in Hagen ist Projektkoordinatorin, ihr Kooperationspartner hat den Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Nachhaltige Entwicklung der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg inne.

Anbetung der „schwarzen Null“ ein Irrweg

24. März 2018

Volkswirtschaftslehre für alle an der VHS

Am Montag, 9. April, beginnt an der Volkshochschule Hagen in der Villa Post, Wehringhauser Straße 38, ein Seminar zum Thema „Wirtschaftspolitik – Volkswirtschaftslehre (VWL) für alle“. Der Kurs findet insgesamt 13 Mal montags von 19.30 bis 21 Uhr statt.

Wer an Wirtschaftspolitik interessiert ist, muss auch wissen, wie eine Volkswirtschaft funktioniert! Nur dann kann man die wahren Ursachen für Fehlentwicklungen wie Arbeitslosigkeit oder Inflation erkennen und geeignete Gegenmaßnahmen auswählen.

Genau dieses Wissen zu vermitteln, ist das Ziel dieses Kurses. Außer der Kenntnis der Grundrechenarten gibt es keine weiteren Anforderungen. Alle Fachbegriffe und Zusammenhänge, die für das Verständnis der wirtschaftspolitischen Diskussionsbeiträge in Zeitungen, Talkshows und Parlamenten relevant sind, werden ausführlich und anschaulich mit Hilfe einfacher Zahlen-Beispiele und Grafiken vermittelt.

Am Ende dieses Kurses werden die Teilnehmer bedeutend mehr von Volkswirtschaft verstehen. Sie werden unter anderem erfahren, warum aus wissenschaftlicher Sicht, eine Umverteilung „von unten nach oben“ schlecht ist für die Wirtschaft, eine Erhöhung des Mindestlohns die Beschäftigung fördert, die Anbetung der „schwarzen Null“ ein Irrweg ist und warum Trump das deutsche Recht auf seiner Seite hat, wenn er die deutschen Export-Überschüsse bekämpfen will.

Kursleiter Fritz Helms ist von Beruf Diplom-Volkswirt und war 30 Jahre lang an der FernUniversität Hagen als Wirtschaftsdidaktiker beschäftigt. Nähere Informationen: unter fritz.helms@gmx.net.

Das Serviceteam der Volkshochschule bittet um Anmeldung unter Kursnummer 1963. Informationen hierzu erhalten Interessierte online unter www.vhs-hagen.de/anmeldung oder beim Serviceteam unter Telefon 02331/2073622.

FernUniversität Hagen erleichtert Studienzugang für Flüchtlinge

21. März 2018

Die FernUniversität Hagen hat eine Kooperation mit der gemeinnützigen Organisation „Kiron Open Higher Education“ geschlossen. Ziel ist es, Flüchtlingen den nahtlosen Übergang in ein Fernstudium zu erleichtern. Ein erster Schwerpunkt liegt dabei auf dem Studiengang Informatik.

Die Bildungsplattform Kiron ermöglicht es Menschen, online ohne sprachliche, finanzielle oder bürokratische Hürden ins Studium einsteigen – unabhängig von ihrem jeweiligen Aufenthaltsort. Künftig können Kiron-Module fließend in die Studieneingangsphase an der Hagener Fakultät für Mathematik und Informatik eingebracht werden.

Mehr zum Angebot der FernUniversität für Geflüchtete

Röspel in den Senat der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen berufen

29. Dezember 2017

Der Hagener SPD-Bundestagsabgeordnete René Röspel ist in den Senat der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „Otto von Guericke“ e.V (AiF) berufen worden.

Die Arbeitsgemeinschaft ist eine von der Industrie getragene Organisation mit dem Ziel, Forschung für den Mittelstand anzustoßen, den wissenschaftlichen Nachwuchs und Fachkräfte auf innovativen Gebieten zu qualifizieren sowie den Austausch über die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung zu organisieren.

Neben vier Politikern sitzen im Senat Unternehmer und Vertreter der Wissenschaft, führender Wirtschaftsverbände sowie von Fördermittelgebern. Der Senat berät den Vorstand der AiF in strategischen und forschungspolitischen Fragen und bringt sich in die Diskussion von langfristigen Zielen und Leitsätzen für die Arbeit der AiF ein.

„Ich freue mich sehr über die Berufung in den Senat der AiF“, sagt Röspel, „nicht zuletzt, weil ich die industrielle Gemeinschaftsforschung und Programme wie das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) für wichtige Forschungsförderinstrumente halte.“ Gerade im Bereich des Transfers wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Wirtschaft und insbesondere den Mittelstand spiele die AiF eine herausragende Rolle.

Bereits seit vielen Jahren ist René Röspel Senator der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren sowie Mitglied in den Kuratorien des Max Planck Instituts (MPI) für Molekulare Physiologie Dortmund und des MPI für Chemische Energiekonversion Mülheim an der Ruhr.

Der Abgeordnete legt Wert auf die Feststellung, dass es sich bei all diesen Engagements um rein ehrenamtliche Tätigkeiten ohne Vergütung handelt.

Denkerin, die nicht leicht in ein Raster passt

14. Dezember 2017

Namhafte Forschende stellten Grundbegriffe und -phänomene Edith Steins bei einer Fachtagung der FernUniversität vor

Der Titel der Tagung „Grundbegriffe und -phänomene Edith Steins“ zeigte den 75 Teilnehmenden bereits, dass Philosophie „Arbeit am Begriff“ ist und den Phänomenen gerecht werden muss. Motto der Veranstaltung könnte daher, so Dr. Marcus Knaup, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der FernUniversität, Edith Steins Aussage „Es gibt ein Ziel, auf das alle philosophische Einzelforschungen hinarbeiten und zu dessen Erreichung sie zusammenwirken: das Ziel, die Welt zu verstehen“ sein.

Namhafte europäische Forschende stellten unterschiedliche Grundbegriffe und -phänomene Edith Steins vor. Es gab Vorträge zur Phänomenologie, zur Anthropologie, zur Religionsphilosophie und zur Frage, „wie wir heute Stein lesen können“, so Knaup weiter.

Aus FernUni-Sicht war gerade auch die Anknüpfung an den Schwerpunkt „Phänomenologie“ des Hagener Instituts für Philosophie interessant: „Wir konnten das bisherige Spektrum durch die religionsphilosophischen Fragen einer Denkerin, die nicht leicht in ein Raster zu stecken ist, erweitern“, resümiert Knaup. „Insofern war die Veranstaltung in mehrfacher Hinsicht wegweisend.“

Prof. Dr. Andreas Kleine, Prorektor der FernUniversität für Forschung und wissenschaftliche Nachwuchsförderung, stellte in seinem Grußwort einen Bezug zu dem Leben und Wirken Edith Steins und der Veranstaltung her: „Für ihre religiösen, philosophischen und ethischen Überzeugungen trat Edith Stein mit Leidenschaft ein. Schließlich wurde sie von den Nationalsozialisten ermordet. Auch mit Blick auf dieses Schicksal ist Ihre Teilnahme an der heute beginnenden Tagung so wichtig: Indem Sie Edith Steins Werk Aufmerksamkeit schenken, es analysieren, diskutieren und ins rechte Licht rücken, zeigen sie nicht nur vor großen Ideen, sondern auch vor einer beeindruckenden Persönlichkeit Achtung.“

Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch das „Edith Stein-Lexikon“ vorgestellt. Im Anschluss an die 27-bändige Edith Stein-Gesamtausgabe soll es das denkerische Erbe Steins und ihre philosophiegeschichtliche wie ihre systematisch-phänomenologische Bedeutung weiter erschließen. Mehr als 40 Stein-Forscherinnen und -Forscher aus verschiedenen Ländern und Generationen haben daran gearbeitet. Herausgegeben wird es von Dr. Marcus Knaup und Prof. Dr. Harald Seubert (432 Seiten, Verlag Herder, ISBN 978-3-451-34550-0)

Eine öffentliche Wanderausstellung über das Leben der Philosophin, Frauenrechtlerin und späteren Ordensfrau in der Universitätsbibliothek wurde in der Universitätsbibliothek eröffnet.

Gibt es eine Krise der sozialen Marktwirtschaft, wie gerecht ist das Wirtschaftssystem?

23. November 2017

28. Hagener Hochschulgespräche 2017/18
Montag, 27.11.2017 von 17:30 Uhr – 20:00 Uhr
Fachhochschule, Haldener Str. 182, 58095 Hagen

Die Zielsetzung der sozialen Marktwirtschaft ist, »die Vorteile einer freien Marktwirtschaft wie wirtschaftliche Leistungsfähigkeit oder hohe Güterversorgung zu verwirklichen, gleichzeitig aber deren Nachteile wie zerstörerischer Wettbewerb, Ballung wirtschaftlicher Macht oder unsoziale Auswirkungen von Marktprozessen (z.B. Arbeitslosigkeit) zu vermeiden« (Bundeszentrale für politische Bildung).

In den vergangenen Jahren ist die Aktualität und tatsächliche Wirksamkeit der sozialen Marktwirtschaft jedoch vermehrt in Frage gestellt worden. Ein zentraler Kritikpunkt ist dabei, dass die fortschreitende gesellschaftliche Spaltung einer sozialen Gestaltung des Wirtschaftssystems gegenübersteht. Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer, der Mittelstand bröckelt und immer mehr Menschen fürchten den sozialen Abstieg, der vom Staat nicht mehr aufgefangen werden kann.

Kommt das Soziale in der sozialen Marktwirtschaft zu kurz? Sind wir auf dem Weg in einen ungebremsten Kapitalismus?


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