„Nur eine dauerhafte Lohnerhöhung hilft“

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Müssen mit steigenden Preisen die Löhne angehoben werden? Wen treffen die Preissteigerungen am härtesten? Und ist unser Wohlstand langfristig bedroht? Diese Fragen beantworten Prof. Dr. Joscha Beckmann (Makroökonomie) und Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer (Internationale Ökonomie) von der FernUniversität in Hagen

Schmerer-Beckmann-Aufzug4_RET (002)Gehen die Preise rauf oder runter? Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer (links) und Prof. Dr. Joscha Beckmann lehren und forschen zur Inflation und ergriffenen Maßnahmen. Foto: FernUniversität/Volker Wiciok

Lebensmittel, Rohstoffe, Energie und Mieten: Alles wird teurer. Immer mehr Menschen müssen wegen der Inflation jeden Cent zweimal umdrehen. In den 19 Ländern des Euro-Währungsraums liegt die Geldentwertung im Spätsommer 2022 mit rund acht Prozent auf Rekordniveau und beträgt das Vierfache des Zwei-Prozent-Ziels. Müssen mit steigenden Preisen die Löhne angehoben werden? Wen treffen die Preissteigerungen am härtesten? Und ist unser Wohlstand langfristig bedroht?

Prof. Dr. Joscha Beckmann (Makroökonomie) und Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer (Internationale Ökonomie) von der FernUniversität in Hagen beschäftigen sich in Forschung und Lehre mit der Inflation und ergriffenen Maßnahmen. „Eine dauerhafte Lohnerhöhung ist das Einzige, was hilft“, sind sich die Ökonomen einig. Einmalzahlungen könnten allenfalls kurzfristig die sozialen Folgen insbesondere für einkommensschwache Haushalte abfedern, die am härtesten getroffen sind.

Höhere Löhne würden den Druck auf Unternehmen steigern. Langfristig könnte dies durch wieder sinkende Energiekosten kompensiert werden. „Wenn die Löhne nicht an die Inflation angepasst werden, hätten wir einen viel verheerenderen Schock, nämlich einen massiven Rückgang der Nachfrage“, geben die Wissenschaftler zu bedenken. „Das würde weniger essentielle Wirtschaftsbereiche wie das Gast- und Kulturgewerbe besonders stark treffen.“

Kurzfristig seien Lohnsteigerungen jedoch nicht zu realisieren. Einkommensschwache und besonders von der Insolvenz gefährdete Betriebe müsse der Staat retten. „Finanziert werden könnten Hilfsprogramme durch eine Übergewinnsteuer“, so Beckmann und Schmerer. „Andere Länder haben gezeigt, dass dies funktioniert.“

Trotzdem gibt es bei jedem wirtschaftspolitischem Eingriff auch Verliererinnen und Verlierer. „Durch die Inflation und steigende Löhne werden Ersparnisse entwertet, was vermehrt ältere Menschen treffen könnte“, befürchten die Ökonomen.

Erst Corona-Pandemie, dann Angriffskrieg

Erst die Corona-Pandemie, dann der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und zusätzlich der fortschreitende Klimawandel: Gefühlt geht es von einer Krise in die nächste. Diese Sondersituation hat auch in Deutschland nach Jahrzehnten mit stabilen Inflationsraten um zwei Prozent die Preise nachhaltig in die Höhe schnellen lassen.

„Die Preisniveauveränderung ist konstant. Das bedeutet einen anhaltenden Kaufkraftverlust“, erklärt Beckmann. Und Schmerer ergänzt: „So schnell wird sich die Situation nicht verbessern. Die Inflation führt dazu, dass weniger konsumiert wird. Viele Menschen müssen aktuell ihre Ersparnisse aufwenden, um ihren Konsum zu finanzieren.“

Erwartungen und Prognosen

Sparzwang aus Angst vor der nächsten Nebenkostenabrechnung oder Kauflust trotz Krise? Wie kann die aktuelle Unsicherheit gemessen werden? Inwiefern haben sich die Erwartungen der Menschen verschlechtert? Wie schätzen Unternehmen die Lieferengpässe ein? Und welche Folgen haben diese auf unsere Volkswirtschaft? Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein Forschungsprojekt am Makroökonomie-Lehrstuhl.

„Wir wollen zeigen, wie sich Erwartungen durch Krisen verändern und wie die Wirtschaft darauf reagiert“, erklärt Joscha Beckmann. Bei der Analyse des aktuellen Negativ-Trends helfen Medienberichte und Kommentare in Sozialen Medien als „Stimmungsbarometer“. Zum Beispiel messen Beckmann und sein Team, wie intensiv über bestimmte Ereignisse, etwa über die Preisentwicklungen, berichtet wird und wie die Menschen auf derartige Informationen reagieren. „Diese Indikatoren helfen uns, gesamtwirtschaftliche Entwicklungen in Zukunft besser zu verstehen“, sagt er.

(Fehlende) Anreize zum Energiesparen

Entscheidender Faktor für die Inflationsdynamik sind also Erwartungen und Prognosen, die auch die Energiepreise massiv ansteigen lassen. Wie unter anderem der Gaspreis auf politische Maßnahmen reagiert, nimmt Hans-Jörg Schmerer im Wintersemester mit Studierenden in den Blick. Im Sommersemester hat sein Lehrstuhl für Internationale Ökonomie in einem Projekt Spritpreise in Hagen und Österreich verglichen und nachgewiesen, dass der Tankrabatt bei der Bevölkerung ankommt.

Den politischen Konsens aus der vorübergehenden Absenkung der Energiesteuer und dem Neun-Euro-Ticket stuft Schmerer trotz der Entlastung für die Konsumentinnen und Konsumenten weder als nachhaltig noch sinnvoll ein: „Der Tankrabatt hat die Menschen dazu animiert, noch mehr Energie zu verbrauchen. Das ist der falsche Weg, zumal gleichzeitig der Nahverkehr subventioniert wurde.“

Schmerer und Beckmann gehen davon aus, dass die Energiepreise in absehbarer Zeit wieder sinken, wenn sich Deutschland und andere Länder unabhängiger vom russischen Gas machen. Es sei jedoch nicht zwangsläufig der Fall, dass Unternehmen diese Kostensenkung wie beim Tankrabatt an die Bürgerinnen und Bürger weitergeben. „Nach unten sind Preise häufig wenig anpassungsfähig“, sagen die Wissenschaftler.

Steigende Zinsen

Da Preisentwicklungen auf globalen Märkten determiniert werden, sind die Einflussmöglichkeiten der Bundesregierung gering. „Staatliche Maßnahmen sind nicht in der Lage, die Inflation unmittelbar runterzufahren“, stellt Beckmann klar. „Auch mit einer erneuten Zinserhöhung kann die Geldentwertung nicht zurückgedrängt werden“, fügt Schmerer hinzu.

Die Europäische Zentralbank hatte im Juli 2022 bei ihrer ersten Zinserhöhung seit elf Jahren den Leitzins von 0 auf 0,50 Prozent heraufgesetzt, um die Rekordinflation in der Eurozone einzudämmen – das kam aus Sicht der FernUni-Ökonomen deutlich zu spät. Die Währungshüterinnen und Währungshalter halten sich weitere Schritte gegen die hohe Inflation offen, falls der Druck nicht sinkt.

Mit der Teuerung leben

Verstetigt sich die Inflation auf hohem Niveau? Wann geht sie wieder auf zwei Prozent zurück? Gerät Deutschland in die Rezession? Auch die Hagener Wissenschaftler können die Entwicklung nicht voraussagen. Absehbar ist jedoch, dass die Menschen längerfristig mit der Teuerung leben müssen.

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