Carsharing: Vorzeitiges Ende

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Greenwheels hat den Betrieb eingestellt – Hagen ohne Plan

Eigentlich sollte erst am 30. September Schluss sein, jetzt hat der Carsharing-Anbieter Greenwheels, eine Tochtergesellschaft des Volkswagen-Konzerns, seine Dienste schon zwei Monate vor dem geplanten Ende deutschlandweit, darunter auch in Hagen, eingestellt (siehe auch hier: Carsharing nach fast 30 Jahren vor dem Aus).

Da der Carsharing-Anbieter in Hagen zu keinem Zeitpunkt Initiativen ergriffen hat, um neue Nutzer zu gewinnen, sondern stattdessen sukzessive Fahrzeuge und Standorte abgebaut hat, spekulieren Kritiker nach der jetzt erfolgten Einstellung des Betriebs bereits darüber, ob VW schon mit seinem Einstieg bei Greenwheels das Ziel verfolgt hätte, das Carsharing abzuwickeln, um sich eine mögliche Konkurrenz vom Hals zu schaffen.

Für eine solche Unternehmensstrategie gäbe es ein historisches Vorbild: In den frühen 1900er Jahren begann der langjährige Präsident des US-Autokonzerns General Motors, Alfred P. Sloan, mit der Umsetzung eines Plans zur Erhöhung der Autoverkäufe durch die Beseitigung der Straßenbahnen. Die Verkehrsunternehmen wurden aufgekauft, um anschließend eine Stilllegung der Straßenbahnstrecken zu Gunsten des Automobilverkehrs zu erreichen, damit Fahrzeuge und Betriebsstoffe aus eigener Produktion abgesetzt werden konnten.

Schlüssig erscheint die Vermutung jedenfalls, denn Carsharing ist eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Alternative zum eigenen Auto. Im Bedarfsfall kann man so neben dem ÖPNV ein Fahrzeug nutzen. Für größere Einkäufe, Transporte oder Fahrten in Regionen ohne zumutbaren Bahnverkehr.

In benachbarten Kommunen wird im politischen Raum bereits auf den Wegfall des Carsharings reagiert, in Hagen herrscht – wie so oft – Stille.

In Bochum hat das Carsharing-Aus die örtliche SPD auf den Plan gerufen, die einen umfangreichen Fragenkatalog für die nächste Sitzung des dortigen Mobilitätsausschusses formuliert hat. Die Fraktion sieht u.a. sogar „Potentiale durch Carsharing in direkter Nähe zum Rathaus, (…) so dass die städtische Flotte nicht mehr in der bisherigen Größe aufrechterhalten werden“ müsse.

In Dortmund fordern die Grünen die Verwaltung zum Handeln auf. Ingrid Reuter, Fraktionssprecherin der Dortmunder Ratsfraktion, stellt dazu fest: „Statt einer Verringerung der Angebote brauchen wir mehr davon. Das hat auch die Verwaltung im November 2020 in ihrer Vorlage zur Förderung von Carsharing in Dortmund festgehalten. Dazu sollte längst ein stadtweites Carsharing-Konzept entwickelt und der Politik vorgelegt werden. Das ist bis jetzt nicht passiert.“

Hagen hält derweil Sommerschlaf. Und das ganzjährig.

Diverse Vorstöße, Carsharing in Hagen voranzubringen, sind immer wieder ins Leere gelaufen. Beliebt waren rechtliche Bedenken seitens der Verwaltung. Schon im Februar 2005 hätte die Bezirksvertretung Nord gerne einen Stellplatz vor dem Amtshaus Boele eingerichtet.

Der einstimmige Beschluss wurde von der Verwaltung mit der Begründung niedergebügelt, ein Carsharing-Standort dürfe sich nur auf privater Fläche befinden. Anderenorts war der Apparat kreativer: Aachen und andere Städte gingen den Weg über Sondernutzungen zu einem mehr oder weniger symbolischen Preis und stellten öffentliche Parkplätze zur Verfügung.

Auch weitere Initiativen versandeten im Nirwana. So beschloss der Hagener Rat im März 2007 einstimmig: „Die Verwaltung erarbeitet Maßnahmen, um den kommunalen Fuhrpark umweltfreundlicher zu gestalten. Sie prüft hierbei, ob eine Ausweitung des bisher betriebenen Carsharing möglich ist.“

Von einem Ergebnis der beschlossenen Prüfung war danach nichts mehr zu hören. Es vergingen mehr als 10 Jahre, bis das Thema Carsharing wieder die Gremien erreichte.

Im Oktober 2018 hatte Michael Kaub, das Sprachrohr des Oberbürgermeisters, gegeüber der WPWR verlauten lassen, die Stadt wolle nun reagieren. „Zum einen sollen die Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es Anbietern ermöglichen, ihr Modell zu etablieren.“ Flächen sollten bereit gestellt werden und es solle Unterstützung beim Marketing geben. „Zum anderen will die Stadt Hagen aktiv auf (E-)Carsharing Anbieter zugehen.“

“Eine genaue Ausarbeitung der Maßnahmen zum Carsharing von Seiten der Stadt steht allerdings noch aus“, schränkte Kaub aber sogleich ein. Der Umweltausschuss begrüßte laut Protokoll die Ankündigung der Verwaltung, Maßnahmen zur Förderung des Carsharing in Hagen auflegen zu wollen.

Seitdem hat man seitens der Verwaltung auch dazu nichts mehr gehört – aus den Reihen der Politik hat aber auch niemand nachgefragt. Während die Schnarchnasen aus Politik und Verwaltung also auch nach vier weiteren Jahren nicht zu Potte gekommen sind, hat sich das einstmals erfolgreiche Carsharing stillschweigend aus Hagen verabschiedet.

Das war’s dann. Wieder eine Chance für die Stadt vertan.

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