Carsharing nach fast 30 Jahren vor dem Aus

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Stadt Hagen bemüht sich lieber um Tretroller-Spielzeuge

Greenwheels_de„Vielen Dank und auf Wiedersehen“ war in der Betreff-Zeile der E-Mail zu lesen, die am Freitag die Hagener Nutzer des Carsharings erreichte. Es war der Abschiedsgruß, mit dem nach fast 30 Jahren eine fortschrittliche Alternative zum eigenen Auto in dieser Stadt beerdigt wurde (Foto: InCollectVerse, CC BY-SA 4.0).

Von der Hagener Politik und Verwaltung nie geliebt, sondern eher behindert, ist Carsharing (wie der Autor dieser Zeilen aus langjähriger eigener Erfahrung weiß) eine ideale Ergänzung zum ÖPNV-Ticket. Einkäufe und Transporte sind problemlos möglich, ebenso wie gelegentliche Fahrten in Regionen, die nicht über ein adäquates öffentliches Verkehrsangebot verfügen.

Das hat sich jetzt erledigt. Die Verwaltungsetagen geben sich mit großer Beflissenheit der Etablierung von Tretrollern hin, sogar die Stellplatzschilder für Tausende von Euro stellt die Stadt den privaten Spielzeuganbietern kostenlos zur Verfügung. Alles abgenickt von unseren Politdarstellern, inklusive der Grünen.

Von einer Förderung des Carsharings ist aus diesen Etagen nichts zu hören. Obwohl Stadt-Pressesprecher Michael Kaub noch 2018 in der WPWR tönte: „Das Etablierung von Carsharing und speziell E-Carsharing – also elektrobetriebene Autos – wäre für Hagen wünschenswert.“ Und dabei auf den Masterplan „nachhaltige Mobilität“ verwies. Der liegt aber seit seiner Veröffentlichung zum größten Teil in der Schublade. Es war nur eines der vielen Lippenbekenntnisse aus dem Hagener Rathaus, denen bekanntlich nichts folgt.

Zuletzt stand nur noch ein (!) Carsharing-Fahrzeug in der 190.000-Einwohner-Stadt Hagen zur Verfügung. Jetzt ist auch damit Schluss, der Anbieter Greenwheels gibt sein Deutschland-Geschäft offiziell zum 30. September auf. Schon am gestrigen Freitagabend war keine Buchung mehr möglich. Ob der Dienst bereits abgeschaltet wurde oder es sich um eine der in letzter Zeit üblichen Softwareprobleme handelt, war nicht auszumachen.

Greenwheels wurde 2013 von VW und einem niederländischen VW-Importeur übernommen. Der VW-Konzern konzentriert sich laut eigener Aussage zukünftig nur noch auf das Free-Floating-Angebot von vollelektrischen Fahrzeugen über seine Marke WeShare im deutschen Markt.

WeShare ist nach Angaben auf seiner Homepage bisher nur in den Millionenstädten Berlin und Hamburg aktiv. Ein Angebot in Hagen erscheint daher unwahrscheinlich.

Wenn nicht noch ein anderer Anbieter in die sich auftuende Lücke springt, nimmt damit eine fast drei Jahrzehnte währende Geschichte einer Alternative zum überbordenen motorisierten Individualverkehr in der Volmestadt ein unrühmliches und bedauernswertes Ende.

1993 wurde auf Initiative des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) der Verein Stadtteilauto Hagen gegründet. Was mit einigen geschenkten Altfahrzeugen begann, entwickelte sich recht rasch zu einer alternativen Möglichkeit zum eigenen Pkw. Die Kombination ÖPNV für den Normalfall und Carsharing für die Ausnahme wurde immerhin so attraktiv, dass der Verein bereits 1999 mehr als 250 Fahrberechtigte zählte, die sich 17 Fahrzeuge teilten.

Vom Kleinwagen bis zum Transporter reichte die Palette für die unterschiedlichsten Einsatzmöglichkeiten. Der Wochenendausflug in die Pampa (ohne Bahnanbindung), der Einkaufstransport oder der Umzug – für alle Gelegenheiten stand ein passendes (Neu-)Fahrzeug zur Verfügung.

2002 kam die Hagener Straßenbahn AG auf die Idee, ebenfalls eine solche Dienstleistung anzubieten. Da klar war, dass der Hagener Markt für zwei Anbieter zu klein und die Straßenbahn kapitalstärker war, beschloss der Verein, den Geschäftsbetrieb an das städtische Verkehrsunternehmen zu verkaufen.

Viele Vereinsmitglieder bezweifelten allerdings, dass die Straßenbahn dieses für sie neue Geschäftsfeld erfolgreich bedienen kann. Sie sollten sich nicht getäuscht haben. Obwohl der Busbetreiber für den inzwischen komplett auf Ford-Fahrzeuge umgestellten Wagenpark sogar eine Lizenz als Vertragswerkstatt erhalten hatte und freie Kapazitäten im Betriebshof günstig für Wartungsarbeiten einsetzen konnte, erwies sich die Stadttochter als überfordert.

2005 wurde das Carsharing-Geschäft also an Shell Drive weitergereicht, eine Tochtergesellschaft des Mineralölkonzerns. Der gab bereits ein Jahr später diesen Geschäftsbereich auf. Seit 2006 betreibt das niederländisch-berlinerische Unternehmen Greenwheels das Carsharing in Hagen.

Vor Ort beworben wurde das Angebot von den neuen Betreibern nicht, und so ging Carsharing in Hagen langsam aber sicher immer weiter den Bach hinunter. Schon 2013 existierten nur noch vier Stationen mit insgesamt sechs Fahrzeugen, zuletzt war es noch eine Station mit einem Kleinwagen.

Die Stadt war all die Jahre nicht an einer Förderung des Carsharing interessiert und verhinderte sogar die Einrichtung von Stellplätzen im öffentlichen Raum. Vorgeschoben wurden angeblich vorhandene rechtliche Einschränkungen. Nur merkwürdig: Woanders schien es diese nicht zu geben. Zum Beispiel in Aachen. Dort herrschen bekanntlich dieselben Gesetze, die aber wohl anders gelesen werden.

Aachen stellte seit 2006 Carsharingplätze im öffentlichen Straßenraum zur Verfügung. Geregelt wurde das über die Sondernutzungssatzung. Die dortige Verwaltung begründete ihr Verhalten so: „Die Förderung von CarSharing-Unternehmen wird als ein generelles Interesse des öffentlichen Wohls angesehen. Es dient ökologischen Zielen, z.B. Verminderung des Kraftfahrzeugverkehrs in überlasteten Innenstädten und Wohngebieten, verminderter Verkehrslärm und verminderte Abgase.“ Der Beschluss im Rat der Stadt Aachen erfolgte einstimmig.

Sharing-Angebote sollten flächendeckend etabliert werden, fordert neuerdings der Sprecher der Hagener Grünen, Tobias Rödel. Jahrzehntelang war aus dieser Ecke zum Carsharing nichts zu hören, aber vielleicht ist ja in der aktuellen Situation eher das Teilen von gepanzerten Fahrzeugen gemeint.

Eine Antwort to “Carsharing nach fast 30 Jahren vor dem Aus”

  1. Jürgen Dute Says:

    Passt zu der Stadt. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

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