Neues aus dem Spielzeugparadies

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Hagen im Tretroller-Rausch – Stadtkasse bezahlt

YeesakonuSivasai Prasad Yeesakonu hat offenbar eine Vorliebe für Spielzeuge. Der Mann, der im Hagener Umweltamt mit dem Bereich „Nachhaltige Mobilität“ betraut ist, will diese erkennbar durch eine flächendeckende Bestückung des Stadtgebiets mit batteriebetriebenen Tretrollern verwirklichen (Foto: Umweltamt/Stadt Hagen).

Im November vergangenen Jahres waren nach einem Beschluss der gerne spaßorientierten Bezirksvertretung Haspe (Kirmes, Esel, Holzhackerbuam I – Voerder Str. und II – Markanapark) die ersten Tretroller in deren Beritt aufgestellt worden; weitere sind inzwischen dazugekommen. Nun soll diese Form angeblich „nachhaltiger Mobilität“ ausgeweitet werden.

Entgegen aller Bedenken ist geplant, als nächstes den mit Abstand größte Bezirk Hagen-Mitte mit den Spielzeugen zu fluten. Bis zu 75 Stellplätze mit 200 Tretrollern sollen nach Vorstellung der Verwaltung eingerichtet werden. Das Pilotprojekt in Haspe funktioniere ohne Probleme, wie z.B. wild und beliebig geparkte E-Tretroller auf Fußwegen, so die Verwaltung. Die Realität sieht allerdings ein wenig anders aus:

E-TretrollerDas Zeug liegt inzwischen durchaus in der Gegend herum und wird erst nach mehreren Tagen abgeräumt (Foto: DW).

Das Umweltamt, das federführend bei der Tretroller-Manie ist, räumt in seinem Mobilitäts-Steckbrief „Einführung von E-Tretroller-Verleihsystemen in Hagen“ ein, dass diese Spielzeuge – richtigerweise, weil nicht zielführend – noch nicht einmal im Masterplan „Nachhaltige Mobilität“ der Stadt Hagen enthalten sind; auch nicht im Kommunalen Elektromobilitätskonzept oder im Integrierten Klimaschutzkonzept.

Trotzdem behauptet die Verwaltung in ihrer Beschlussvorlage, E-Tretroller hätten „das Potential, einen Beitrag zur nachhaltigen Mobilität zu leisten“. Die Tretroller seien eine ideale Mobilitätsform, um die sogenannte erste/letzte Meile (zwischen ÖPNV-Haltepunkten und Zielen) zur Anbindung an den ÖPNV zu verbessern. Ihnen werde ein „großes Potential zur Verlagerung von kurzen Pkw-Fahren zugunsten des ÖPNV zugesprochen“.

Von wem wird ihnen das eigentlich zugesprochen? Wo doch die nächste Bushaltestelle meist viel näher liegt als die Abstellflächen für die Tretroller und der Bus wetterunabhängig zu nutzen ist.

Offenbar ist an dieser Stelle wieder einmal der Wunsch der Vater des Gedankens, denn – müssen die Tretroller-Enthusiasten im Rathaus zugeben – eine abschätzende Beurteilung der Vor- und Nachteile bei der Nutzung von E-Tretrollern könne noch nicht erfolgen, da „zu diesem Marktsegment noch keine umfangreichen und aussagekräftigen Forschungsergebnisse vorliegen“.

Auch die Verleiher von Spaßmobilen laufen der Verwaltung für deren Pläne in Hagen-Mitte keineswegs die Türen ein, denn nach einem positiven Entscheid der Bezirksvertretung soll erst einmal „ein sogenanntes Interessensbekundungsverfahren durchgeführt werden, um im Vorfeld eines späteren Vergabeverfahrens herauszufinden, wie viele Anbieter bereit wären, sich auf eine Ausschreibung zu bewerben“, wie es in der Vorlage beschrieben wird. Und ob es überhaupt welche gibt.

Trotzdem werden locker personelle und finanzielle Ressourcen zur Verfügung gestellt, während Bürger keine zeitnahen Termine in den Bürgerämtern bekommen und ständig die Sparkeule geschwungen wird.

Nutzlose Tretroller genießen dagegen Priorität. Personal für die Erstellung umfangreicher Beschlussvorlagen und die Akquisition von Roller-Verleihern ist offensichtlich in ausreichendem Maße vorhanden. Auch an Geld zur Ausrüstung der Stellplätze – für private Unternehmen! – mangelt es nicht. Die Stadt zeigt sich spendabel: Für die Aufstellung von Schildern sind allein in Hagen-Mitte 22.500 Euro eingeplant.

Auf Gebühren für die Sondernutzung öffentlichen Raums durch die Spaßvehikel, die in anderen Kommunen üblich sind und die in Hagen jeder Kneipenwirt, der im Sommer einen Tisch vor die Tür stellen will, zu entrichten hat, will die Verwaltung dagegen großzügig verzichten.

Letztlich verantwortlich für diesen im wahrsten Sinne des Wortes geplanten „Schildbürgerstreich“ sind – neben der Bezirksvertretung, wenn sie denn am Mittwoch (8.6.2022) zustimmt – die zuständigen Dezernenten Henning Keune und Sebastian Arlt.

Konsequent wäre es, im Rathaus künftig Lautsprecherdurchsagen nach dem Vorbild der bekannten blau-gelben Möbelhäuser einzuführen: „Der kleine Henning und der kleine Sebastian wollen aus dem Spielzeugparadies abgeholt werden.“ Hoffentlich werden die beiden Spielkameraden dann auch von einem Erziehungsberechtigten in Obhut genommen.

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