„Totale Ökonomisierung“

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Pflegenotstand in Hagen: Mitarbeiterin steigt aus

Eine Krankenpflegerin hat nach 23 Berufsjahren ihre Beschäftigung in einer Hagener Klinik aufgegeben. Das berichtet die örtliche Ausgabe der WPWR. „Das, was ich zuletzt auf der Station erlebt habe, hat mich in diesem Entschluss bestärkt“, zitiert die Zeitung die 47-jährige.

Dabei habe sie auch die Monate der Corona-Pandemie im Auge, „aber im Grunde genommen war die Situation vorher auch nicht besser.“

„An eine vernünftige Übergabe zwischen den Schichten war nicht zu denken. Für Pausen war keine Zeit. Und trotzdem ist keine Zeit geblieben, sich mit der eigentlichen Pflege zu beschäftigen“, kritisiert die Aussteigerin laut Pressebericht. „Immer wieder sind Kräfte aus Leiharbeitsfirmen eingesprungen. Sie kannten die Stationen nicht, die Räumlichkeiten, die Abläufe, die Patienten – für die Kollegen, die fest im Haus angestellt sind, hat das erhebliche Mehrarbeit bedeutet. Von Entlastung keine Spur.“

Es gehe schon lange nicht mehr um Menschen und ihre Geschichten, ihre Schicksale. Es gehe um Zimmernummern, um Diagnosen, um Zahlen – darum, wie viel Geld Untersuchungen und Eingriffe für das Haus bringen. Qualität in der Pflege spiele keine Rolle mehr. „Wir reagieren nicht schnell genug, es passieren Fehler, wir arbeiten am Limit, und das Klima ist angespannt.“

Das sieht auch die Leiterin der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, Dorothea Voss, so: Der Personalmangel sei für die Beschäftigten seit langem ein drängendes Problem. Pflegekräfte wollen gute Arbeit machen und können das nicht, wenn die Personalbemessung nicht stimmt. Derzeit führe die Kombination aus Personalmangel und unzureichender Entlohnung dazu, dass zu viele Pflegekräfte wegen der Arbeitsbedingungen aussteigen.

Personalmangel und Stress prägen den Alltag. Grund ist vor allem die totale Ökonomisierung der Betriebe. „Dabei haben Krankenhäuser doch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt Regina Dickey, Betriebsrätin der Uniklinik Gießen und Mitglied im Aufsichtsrat des Rhön Klinikums.

Krankenhäuser sind heute vor allem auf Gewinn ausgerichtete Unternehmen. Deswegen tummeln sich hier viele Privatinvestoren. Dickey und ihre Kolleginnen und Kollegen befürchten, dass der Druck aus der Wirtschaftsabteilung steigt und die Tarifverträge in den Tochterunternehmen bald Geschichte sein werden.

“Was die Überlastung in der Pflege und beim Klinikpersonal angeht: Die Krise wird aktuell auf dem Rücken dieser Beschäftigten ausgetragen. Dass es hier einen Personalmangel gibt, war schon lange bekannt. Kaum etwas ist unternommen worden”, so Johanna Wenckebach, Wissenschaftliche Direktorin des Hugo Sinzheimer Instituts, mahnend in einem Interview mit dem MDR.

Im Pflegedienst deutscher Krankenhäuser fehlen mehr als 100.000 Vollzeitstellen. Diese Lücke sei „keine unvermeidbare quasi naturwüchsig entstandene Situation, sondern vor allem durch Regelungen der Krankenhausfinanzierung hervorgerufen, die Krankenhäuser zu Kostensenkungen zwangen und dadurch einen starken Anreiz zum Stellenabbau insbesondere im Pflegedienst setzten“, zeigt eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung von 2017.

Seitdem scheint sich die Lage weiter verschlechtert zu haben. Gesundheitssystemforscher Prof. Dr. Michael Simon, auch schon Autor der Studie von 2017, geht davon aus, dass in deutschen Allgemeinkrankenhäusern auch aktuell gut 100.000 Vollzeitstellen für Pflegerinnen und Pfleger fehlen.

Würde man die Personalbesetzung im Pflegedienst deutscher Krankenhäuser auf das Niveau anheben, das die Schweiz oder Dänemark pro 1.000 Einwohner schon haben, müssten sogar zwischen 160.000 und 260.000 Vollzeitkräfte zusätzlich eingestellt werden.

Simon sieht vor allem durch die DRG-Fallpauschalen, über die seit gut 15 Jahren Behandlungen in deutschen Krankenhäusern abgerechnet werden, eine sehr problematische Entwicklung. Sie erzeugen Kostendruck ohne eine systematische Berücksichtigung von Qualität sowie intransparente, rational nicht begründete Umverteilungseffekte in und zwischen Kliniken, so seine Analyse vom November 2020. Die Gesundheitspolitik solle jetzt konsequent umsteuern und das DRG-System vollständig abschaffen. Die Finanzierung der Kliniken durch sogenannte Fallpauschalen gefährde die Qualität der Behandlung.

2 Antworten to “„Totale Ökonomisierung“”

  1. Jürgen Dute Says:

    ein Thema, was die Menschen erst interessiert, wenn der Einschlag direkt passiert. Menschen sind da ignorant. Sie leugnen die Tatsachen und hoffen, dass es sie selbst nie betrifft. Die Praxis spricht da eine andere Sprache. Die Erkenntnisse des Herrn Professor sind nicht neu!
    Was kostet das für mich selbst, dies ist die Frage, die das „Volk“ umtreibt. Wenn der Schuss das eigene Klientel betrifft, dann sieht die Welt anders aus. Also im Grunde Perlen vor die Säue werfen, das ist die bittere Realität.

  2. KranichMuss Says:

    Wer nochmal den persönlichen Bericht der Krankenschwester gelesen hat, dem kann angst und bange vor einem Krankenhausaufenthalt werden, aber die Arbeitsbedinungen sind in der Tat seit Jahrzehnten bekannt. Jürgen Dute hat – mit anderen Worten – recht, daß sehr oft erst dann was geschieht, wenn Patienten gleichzeitg Angehörige oder Freunde von Leuten in Schlüsselstellungen in Politik, Verbänden, Behörden, Geschäftsführungen usw. sind. Wie es darüber hinaus auch bei sonstigen “ Anlässen “ ist und teilw. bekannt wurde.
    Da praktisch Jeder irgendwann im Leben in diese Situation kommt, erstaunt es und wirft Fragen auf, wenn sich am notorischen Personalmangel mit fatalen Folgen noch immer nichts wesentlich geändert hat, Corona setzt nur noch einen drauf.
    Klar ist, daß eine menschenverträgliche Aufstockung der Personalbesetzung ( beim ärztlichen Personal darf man ebenfalls fragen ) kostet und durch KK-Beiträge, staatliche Zuschüsse, Steuern finanziert werden muß. Fast Jeder – oder seine Nahestehenden ( natürlich geht´s um Alle ) – war schon betroffen oder/und wird es irgendwann sein, und Jeder kann siich fragen, ob es ihm nicht wert ist.
    Es geht eben nicht nur um Umwelt und entspr. Nachhaltigkeit, auch Krankheiten und vermeidbare Tode können sehr “ nachhaltig “ sein.

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