Das Selbstbespiegelungsblatt

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Eigeninszenierungen und persönliche Befindlichkeiten der WPWR-Schreiber prägen zunehmend den Inhalt der Hagener Lokalseiten

Kürzlich im Blatt, Lokalseite 1: „Gestern Morgen beim Einkauf hab’ ich bestimmt vier oder fünf Mal mitbekommen, dass sich Leute beim Personal erkundigt haben, wann der Lebensmittel-Discounter an der Eppenhauser Straße dicht macht“, berichtet WPWR-Shoppingqueen Yvonne Hinz über ihre neuesten Abenteuer in der Welt der Händler und Brater.

„Aufgrund des Abstands zu den Kunden konnte ich die Antworten allerdings nicht verstehen.“ Das ist sicherlich äußerst bedauerlich, aber Mitleid wäre fehl am Platze, denn Hinz weiß sich ja zu helfen: „Und hab’ natürlich prompt selbst nachgefragt.“ Da lehnt sich der Leser erleichtert zurück und dankt der großen Gnade, eine Textverfasserin in seiner Lieblingsgazette zu haben, die selbst nachfragen kann.

Angesichts stetig sinkender Verkaufszahlen verfällt das heimische Blatt zunehmend in selbstreferentielle Attitüden. Die hält man im Hagener Pressehaus offenbar für den Königsweg heraus aus dem seit Jahren fortschreitenden Auflagenschwund.

Neben selbst inszenierten Wettbewerben wie der Wahl einer quasi WPWR-eigenen Schützenkönigin setzen sich vermehrt die eigenen Schreiber ins Licht der veröffentlichten Meinung. Damit sind beileibe nicht Kommentare zu merkwürdigen Vorgängen in dieser Stadt gemeint – Letztere gibt es mehr als genug. Die werden allerdings hauptsächlich aufs Korn genommen, wenn es in den Kram passt.

Nein, es sind die Selbstbespiegelungen von Redakteuren, die ihre eigene Maßgeblichkeit weit überschätzen. Wen von den (leider nur noch wenigen) Interessierten in dieser Stadt sollen eigentlich die persönlichen Befindlichkeiten der Zeitungsdichter in ihrem Homeoffice tangieren? Oder die privaten Misslichkeiten einer hauptsächlich auf Eröffnungen (oder Schließungen) von Boutiquen und Burgerbratern spezialisierten Redakteuse?

Die neueste Masche dieses unterkomplexen „Journalismus“ ist es, Mitleid zu erheischen, indem der Schreiber seine eigene vermeintliche Unvollkommenheit ins Schaufenster stellt. So wie der WPWR-Autor Mike Fiebig, der sich in seinen Hymnen an Sylvester Stallone anlässlich dessen Bilderschau im Osthaus-Museum erst als „Einfaltspinsel“ outete und anschließend einräumte: „Ich habe keinen Kunstverstand.“

Da kann man ihm nur beipflichten. Und Fiebig entblättert sich in ungewollter Offenheit weiter:

„Nun ja, aus Sicht jener Kollegen meiner Zunft (…) bin ich vermutlich sowas wie der Provinzschreiberling. Der, der über Karnickelzuchtschauen und Grünkohlessen schreibt und Gefahr läuft, die Orientierung zu verlieren, sobald er das Hagener Stadtgebiet verlässt. Vermutlich sogar Angst hat, herunterzufallen, weil die Welt hinter dem Ortsausgangsschild zu Ende sein könnte.“

Sehr treffend. Auch über mangelnde Aufmerksamkeit mokiert er sich:

„Bundeskanzleramt und die NRW-Staatskanzlei (…) müssen die Lokalpresse wohl irgendwie vergessen haben. Sie war nicht vorgesehen.“

Bei solchem Personal und ihrem journalistischen (?) Selbstverständnis ist das auch nicht verwunderlich.

Erst gestern präsentierte sich Fiebig als Einkäufer im Supermarkt, in der Printausgabe mit prominent angelegtem Selbstbildnis inklusive Einkaufskorb. Der Artikel beginnt mit Fiebig („Meine Frau schickt mich nicht einkaufen. Das hat Gründe.“) und endet mit ihm („Das nächste Abholfenster werde so gelegt, dass ich den Einkauf nach der Arbeit einfach einsammele.“).

Restbestände von Journalismus, Unternehmens-PR und eitle Selbstbespiegelung gehen immer mehr fließend ineinander über.

Mitte des Monats werden die neuesten Auflagenzahlen veröffentlicht werden. Es dürfte nicht vermessen sein, schon jetzt einen weiteren Rückgang zu prophezeien.

3 Antworten to “Das Selbstbespiegelungsblatt”

  1. Zeitungsleser Says:

    Und heute darf dann, mit unverhohlen rassistischem Ton, sogar eine Ruhestörung durch ein paar musikhörende Jugendliche zum „Artikel“ werden. Das hat eigentlich nicht einmal Meldungswert. Dieses Blatt ist endgültig selbst zur Provinz-Posse geworden. Der weitere Auflagenverlust bleibt zu erhoffen.

  2. Jürgen Dute Says:

    Dieses Blatt ist nur noch ein Hohn. Wenn es etwas zu Berichtendendes gibt, dann zeihen sie den Schwanz ein. Nicht von ungefähr ist der Lokalredakteur Herr Stubbe zum Chef des Einheitsblattes geworden. Die ärmliche Darstellung, wie die Redakteure sich im Homeoffice abmühen müssen, ist völlig daneben. Nur meine Mutter glaubt diesen Schmarren noch. Die Hagener WP gehört abgeschafft. Hoffentlich bekommen dann die Nutzniser nicht auch noch ein entsprechendes Salär. Ich kotze täglich, wenn ich den Schmarren der WP/WR lese. Es tut mir um die Abonetten leid, die diesen Schmarren noch glauben. Aber die sterben so langsa aus.

  3. Rose mit Dornen Says:

    Sogenannter „Qualitätsjournalismus“ mit sehr starkem Boulevardblatt-Einfluss wird hier jeden Tag vom „Einheitsblatt“ verbreitet. Heute wird z.B. versucht, mit einem Artikel über KRÄTZE zu punkten. Einfach nur noch lächerlich und völlig unseriös. Moderation findet auch nicht mehr statt, im Gegenteil, es werden unfassbare und auch justiziable Kommentare stehen gelassen. Wenn das Volkes Stimme ist, dann Prösterchen. In der Papierausgabe kann man noch nicht einmal mehr Heringe einwickeln, diese würden vergiftet. Alles sehr unbefriedigend und nicht verwunderlich, dass die Zahlen nach unten gehen. Dies allerdings mit Recht!

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