Auch Kaugummis beseitigen

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Die Hochwasservorsorge in Hagen wurde verschleppt – Beispiel Holthausen

Seit mehr als 30 Jahren warnen Forscher vor den Folgen des Klimawandels, vor Ort ist davon lange nichts angekommen. Bestimmend bei den verantwortlichen Politikern in den lokalen Gremien waren Abwehrreflexe. So wie in Hagen.

Mögliche Bedrohungen durch Hochwasser war in den Rathaus-Gremien eigentlich so gut wie nie ein Thema – mit einer Ausnahme: Holthausen. Und da ging es gewaltig schief, wie man heute weiß.

Nachdem es bereits 1972, 1985 und 1986 in dem Hagener Stadtteil zu Überschwemmungen mit Schäden gekommen war, entstand 1992 der Plan, etwa einen Kilometer oberhalb der geschlossenen Bebauung ein sogenanntes „Einlaufbauwerk“, also einen Damm mit kontrollierem Wasserablass, zu errichten.

Obwohl es zwei Jahre später erneut zu Hochwasser mit Überflutungen kam, passierte erst einmal nicht weiter. Dann beschloss die für Holthausen zuständige Bezirksvertretung Hohenlimburg im Juni 2002, es sollten „Alternativlösungen zu dem geplanten Damm“ gefunden werden – 10 Jahre nach dem Plan von 1992 (!).

Weitere Jahre vergingen. 2005 schlug das Umweltamt vor, „dass die Feuerwehr im Rahmen der Gefahrenabwehr die Rechen von Treibsel- und Geröll reinigt. Voraussetzung hierfür ist ein automatisches Warnsystem und ein geeignetes Fahrzeug“.

Im Dezember 2006 berief sich die Verwaltung auf ein Gutachten und stellte fest: „Absperrdamm ist nicht gerechtfertigt; eine Drosselung des Abflusses ist unnötig.“ Im März 2007 beschloss der Verwaltungsvorstand (!), einen „polit. Beschluss durch UWA und BV Hohenlimburg herbeizuführen, der die Errichtung einer autom. Meldeanlage im Gewässer und die Beschaffung eines Sonderfahrzeuges für die Feuerwehr vorsieht; Der Bau eines Treibsel- und Geröllfanges wird dadurch entbehrlich.“

Ein bezeichnendes Beispiel dafür, wie in Hagen Politik funktioniert: Der Verwaltungsvorstand, also der Oberbürgermeister und seine Dezernenten, geben vor, wie die gewählten Gremien zu entscheiden haben – und die ordnen sich dem bereitwillig unter. Ein Stück wie aus einer Bananenrepublik.

Der Umweltausschuss (UWA) nickte am 23.08.2007 weisungsgemäß einstimmig ab. Das Protokoll vermerkt: „Frau Kuschel-Eisermann nimmt mit Freude zur Kenntnis, dass der Damm vom Tisch ist.“ Die Dame ist die Gattin des heutigen Hohenlimburger Bezirksvorstehers (beide CDU).

Im Februar 2008 kam dann im Haupt- und Finanzausschuss (HFA) die angesprochene Beschaffung eines Feuerwehrfahrzeugs auf den Tisch. Claus Thielmann (FDP) und Wolfgang Röspel (CDU) brachten, wie nicht anders zu erwarten, eine privatwirtschaftliche Lösung ins Gespräch, die aber schon daran scheiterte, dass der ins Auge gefasste Unternehmer nicht sicherstellen konnte, schnell genug an Ort und Stelle zu sein.

Ein Highlight der besonderen Art lieferte Jochen Weber (SPD) ab. Der ehemalige Hasper Bezirksvorsteher und vergebliche OB-Kandidat nahm den Hochwasserschutz zum Anlass, sich nach einem ganz speziellen, aber von Flutwellen reichlich weit entfernten Anliegen zu erkundigen. Ein von der Feuerwehr beschafftes Fahrzeug sollte auch in der Lage sein, Kaugummis zu beseitigen. Hierzu bittet er um nähere Auskünfte.

Die fast 30-jährige Debatte hat letztendlich nicht zu dem Ergebnis geführt, dass für Holthausen ein wirksamer Hochwasserschutz realisiert wurde, wie die Ereignisse in der vergangenen Woche gezeigt haben.

Immerhin hat es Holthausen auf diesem Weg bis in einen griechischen Fernsehsender geschafft. Chrisa Alikati, eine Griechin aus Holthausen, berichtet von einer „biblischen Katastrophe innerhalb von zwei Stunden“ (Video hier, in griechischer Sprache).

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