Ein nicht nur kartografischer Blick zurück

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Hagen 1913 – Vorabend des Ersten Weltkriegs

Stadtplan Hagen 1913 teaser

Ausschnitt des Stadtplans Hagen 1913 (Quelle: Landesarchiv NRW). Eine höhere Auflösung des Gesamtplans in Originalgröße siehe hier.

Während des Deutschen Kaiserreiches von 1871 bis 1914 erlebte Hagen eine Blütezeit. Das galt natürlich nur für die auch damals schon existierenden „oberen Zehntausend“. Aber durch die Urbanisierung und Industrialisierung entwickelte sich die Stadt zum Oberzentrum für die gesamte Region südlich der Ruhr.

1876 waren Wehringhausen und Eilpe eingemeindet worden, 1901 folgten Delstern, Eckesey und Eppenhausen. 1913 hatte Hagen bereits 96.000 Einwohner, Oberbürgermeister war in dieser Zeit Willi Cuno, der der Freisinnigen Volkspartei angehörte. 1906 bis 1912 war er Mitglied des Reichstags. Im März und April 1920 beteiligte er sich am Widerstand gegen den Kapp-Putsch. Ende der 1920er Jahre wurde nach ihm die Cuno-Siedlung benannt.

Bei den Reichstagswahlen 1912 erzielte in Hagen die SPD mit 41,3 Prozent die meisten Stimmen, gefolgt von der Fortschrittlichen Volkspartei (Cunos Freisinnige nach dem Zusammenschluss mit den Linksliberalen) mit 30,4 Prozent und dem Nationalliberalen Zentrum und den Christlich Sozialen mit zusammen 27,8 Prozent.

In der darauffolgenden Stichwahl konnte sich der sozialdemokratische Kandidat im gesamten Wahlkreis Hagen-Schwelm zwar durchsetzen, im Bereich der Stadt Hagen erwiesen sich die vereinigten bürgerlichen Parteien mit einem Anteil von 51,4 Prozent allerdings stärker als die Sozialdemokraten, die sich mit 48,6 Prozent zufriedengeben mussten.

Der Stadtplan von 1913 enthält neben einem Straßenverzeichnis die Standorte öffentlicher Einrichtungen, von Industriebetrieben und geplanten Stadterweiterungen (gestrichelt).

Im Planquadrat K4 an der Eppenhauser Straße lag die Lokalität „Friedrichslust“, in der sich am 28. Juli 1914 etwa 1.000 SPD-Mitglieder zusammenfanden, die einstimmig eine Resolution verabschiedeten, in der „die tiefste Abscheu vor dem Krieg ausgesprochen und die Reichsregierung aufgefordert wurde, sich jeder Einmischung in einen Krieg zwischen Österreich und Serbien zu enthalten“ (Handakten Cuno nach Angaben des Polizeikommisars Becker).

Am Loxbaum befanden sich laut Stadtplan das „Städt. Armenhaus“ sowie eine „Baracke für ansteckende Kranke“ (F1). In diesem Bereich wurde während der Nazi-Zeit ein Lager des Reichsarbeitsdienstes für den Bau der Feithstraße errichtet, das nach dem Zweiten Weltkrieg von der Stadt als Obdachlosenunterkunft (im Volksmund: „D-Zug“) weiterbetrieben wurde.

Und – auch nicht zu verachten: Der Hügel oberhalb des Bordells Düppenbeckerstraße wurde damals ganz offiziell als „Puppenberg“ geführt (I6).

Eine Antwort to “Ein nicht nur kartografischer Blick zurück”

  1. Umleitung: Ballstädt-Prozess, Verfassungsschutz, Fussballreporter, Kunst, Fantasy, Fotografie, glückliche Arbeiter sowie ein Sauerländer in den USA und mehr. | zoom Says:

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