„Ich wollte nichts Dekoratives schaffen“

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Zum 125. Geburtstag des Hagener Bildhauers Karel Niestrath

In diesen Tagen wäre er 125 Jahre alt geworden: Karel Niestrath (* 1896 in Salzuflen; † 1971 in Hagen) war der Hagener Bildhauer, der Relief und Skulpturen am Dortmunder Mahnmal Bittermark (Foto: mbdortmund) zum Gedenken an die Zwangsarbeiter und Widerstandskämpfer schuf, die an den Tagen vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Dortmund ermordet wurden.

Niestrath begann seine künstlerische Laufbahn mit einer Bildhauerlehre. Verletzt 1917 aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, studierte er an der Werkkunstschule Bielefeld. Später setzte er sein Studium an der Dresdner Kunstakademie fort. Niestraths Werk war geprägt von der Erfahrung des Ersten Weltkriegs, die er in Plastiken und Aquarellen darstellte.

Karl Niestrath, der seit 1924 bis zu seinem Tode vor 50 Jahren in Hagen lebte, war Gründungsmitglied des Künstlerbundes Hagenring. Er gehörte als junger Bildhauer Anfang der 20er Jahre zu den großen Talenten der aufbrechenden Moderne. Erste Preise im Studium an der Dresdner Akademie, Förderung durch Museumsdirektoren in Bielefeld, Dresden und Hagen, zahlreiche Zeitungsberichte und Aufträge geben davon noch heute ein beredtes Zeugnis.

Thematisch und formal weisen seine frühen Arbeiten Bezüge zu Käthe Kollwitz, der er freundschaftlich verbunden war, auf. Gemeinsamkeiten zeigen sich in dieser Phase auch mit Ernst Barlach.

Die meisten seiner Arbeiten, die auch heute noch in Hagen zu sehen sind, entstanden in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. So finden sich zahlreiche Skulpturen und Kleinplastiken in den damals entstandenen Siedlungen des städtischen und genossenschaftlichen Wohnungsbaus oder Einrichtungen der öffentlichen Versorgung wie am ehemaligen Wehringhauser Straßenbahndepot (nach dem Abriss im Depot Oberhagen wieder angebracht).

Für die Cunosiedlung schuf Niestrath in den Jahren 1927/28 beispielsweise neben Portalfiguren und Hauszeichen auch eine Gruppe von Musikern: einen Dudelsack-Spieler, einen Schalmeien-Bläser, einen Ziehharmoniker-Spieler und einen Trommler (Foto: Rainer Halama, CC BY-SA 3.0).

1933 wurde sein Werk Kriegskrüppel in der NS-Ausstellung Entartete Kunst als Foto gezeigt, seine Werke wurden in der Folgezeit aus Museen und der Öffentlichkeit verbannt. Das Westfälische Landesmuseum in Münster zeigte 2008 unter 44 Exponaten, welche während der NS-Diktatur als „entartete Kunst“ entfernt worden waren, Niestraths Skulptur Die Hungrige.

Erstaunlich ist, dass trotz der Restriktionen vom Landesmuseum noch Werke verfemter Künstler angekauft werden konnten: Provinzialkonservator Wilhelm Rave, der kommissarisch das Museum leitete, entschied sich 1943 für den Ankauf von zwei Büsten Karel Niestraths, die den verfemten Maler Christian Rohlfs und den als Mitverschwörer des Attentats vom 20. Juli 1944 hingerichteten Ferdinand von Lüninck, ehemals Oberpräsident der Provinz Westfalen, darstellten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Niestrath zunächst Lehrer an der von Hans Tombrock 1947 in Dortmund gegründeten Malerschule, später Dozent an der Werkkunstschule Dortmund.

In der Eingangshalle des Hagener DGB-Hauses steht neben dem Treppenaufgang auf einem 50 cm hohen Sockel eine Bronzefigur von Karel Niestrath. Das Werk – eines seiner ersten nach dem 2. Weltkrieg – ist im Auftrag des Gewerkschaftbundes hergestellt worden.

Die Figur ist lebens­groß und zeigt einen Metallarbeiter in der emphatischer Haltung eines Wortführers, der den Kampf gewerkschaftlich organisierter Arbeiter gegen Unterdrückung und Ausbeutung symbolisieren soll. Bei der Aufstellung der Plastik im Septenber 1951 sagte der Künstler: „Ich wollte nichts Dekoratives schaffen, sondern durch die Figur des Sprechers dem gewerkschaftlichen Gedanken sichtbaren Ausdruck geben.“

1960 gestaltete er die großflächigen Skulpturen und Reliefs für das Dortmunder Mahnmal in der Bittermark. Niestrath verwendet verschiedene Stile und Formen, um das Leid der brutal ermordeten Zwangsarbeiter und Widerstandskämpfer darzustellen. Fast kubistische, eckige Formen charakterisieren die NS-Mörder, vielfältige Skulpturen und Reliefs zeigen die Foltern der fast 300 ermordeten Opfer. Christliche Motive, der gekreuzigte Christus, stehen den heidnisch als Sonnenverehrer gezeichneten NS-Tätern gegenüber.

„Dabei bediente er sich gewagter, nicht einmal alltäglicher künstlerischer Mittel: die ausgemergelten, geschundenen Gestalten, die Opfer, sind mit realistischen Zügen versehen, in ausdrucksvolle organische Formen gemeißelt – die Mörder erscheinen im wahrsten Sinne des Wortes gesichts- und herzlos, als wesenlose Roboter in geometrisch-abstrahiertem Gewand.“ (Günther Ott: Der Bildhauer Karel Niestrath. S. 15)

Karel Niestrath war verheiratet mit der Bildhauerin Eva Niestrath-Berger (* 1914 in Wallerfangen, † 1993 in Hagen), mit der er die Bildhauerklasse der Werkkunstschule Dortmund gemeinsam geleitet hat. Die Grabstätte des Künstlerpaares befindet sich auf dem Friedhof Hagen-Delstern im Bereich der Ehrengrabstätten.

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