Erinnerung an etwas, das nie passiert ist

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FernUni-Professorin Aileen Oeberst ist Hauptautorin einer Studie zur Korrektur falscher Erinnerungen

Viele kennen solche Szenen aus dem Fernsehen: Ein Patient liegt auf einer Couch. Die Psychiaterin stellt ihm Fragen, gräbt in seinem Unterbewusstsein. Plötzlich löst sie etwas in ihm aus. Der Patient ist überwältigt von Bildern, die er lange verdrängt hatte.

Mit dem tatsächlichen Erkenntnisstand der Psychologie sind solche Fiktionen schwer in Einklang zu bringen. Längst ist bekannt: Das menschliche Gedächtnis funktioniert anders. Erinnerungen werden weder von einem inneren Recorder aufgenommen und bei Bedarf im Hirn abgespult, noch sind sie als unveränderliche Aufnahmen in einer Schublade des Unterbewusstseins versteckt. Vielmehr sind sie situative Rekonstruktionen, die sich sogar aus fremden Quellen speisen können.

Manche Kindheitserinnerungen setzen sich zum Beispiel allein aus anschaulichen Erzählungen der Eltern zusammen. So können sich unbemerkt auch falsche Erinnerungen ins Gedächtnis einschleichen. „Das ist höchst relevant für die psychologische Praxis“, erklärt Prof. Dr. Aileen Oeberst von der FernUniversität in Hagen.

Die Leiterin des Lehrgebiets Medienpsychologie hat unlängst eine Studie zu dem Thema veröffentlicht. Mitverfassende waren ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Merle Wachendörfer, Prof. Dr. Roland Imhoff (Mainz) und Dr. Hartmut Blank (Portsmouth, UK). Zudem wirkten einige Studierende bei der Studie mit.

Die Studie bildet eine wichtige Grundlage für die weitere Forschung. Mehr Erkenntnisse zu gewinnen, aufzuklären und die Sensibilität zu erhöhen, ist aus Sicht der FernUni-Psychologinnen von großer Bedeutung. Denn die suggestive Beeinflussbarkeit von Erinnerungen birgt handfeste Risiken – etwa, wenn es im juristischen Kontext zu Aussagen aufgrund falscher Erinnerungen kommt.

Aber auch in klassischen Therapie-Situationen: Sind Therapierende überzeugt von einer bestimmten Theorie, könnten sie den Patienten versehentlich die dazu passenden Erinnerungen einpflanzen. „Über die Hälfte unserer Versuchspersonen hat in nur zwei Wochen falsche Erinnerungen entwickelt. Was macht dann eine suggestive Therapie mit einem, die über Monate und Jahre geht?“, zeigt sich Oeberst besorgt. „Leuten, die erst nach vielen Jahren in der Therapie anfangen zu glauben, ihnen sei in der Kindheit dieses und jenes passiert, muss man also sagen: es ist nicht unwahrscheinlich, dass es sich dabei um falsche Erinnerungen handelt.“

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