Made in Germany 21 – die einzige Pointe in diesen Zeiten

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von Christoph Rösner

Ich fürchte, liebe FreundInnen und LeserInnen, angesichts der Situation in unserem Land wird, nein, muss der folgende Text wohl so gut wie pointenfrei daherkommen, einzig aus dem Grund, weil mir tatsächlich mit Blick auf unsere gesellschaftliche und politische Realität keine Pointen mehr einfallen.

Fakt ist, dass der Säuregehalt der Bürgerseele ebenso rapide wie bedenklich ansteigt. Gründe hierfür gibt es zuhauf. Zuforderst ist hier ein monströses Versagen der Politik und der Verwaltung zu nennen, die mit abstrusen und nicht mehr nachvollziehbaren Regelungen und Verboten die BürgerInnen systematisch in den Wahnsinn treibt.

Beispiel gefällig? “… der vor drei Tagen vorgestellte 5-Stufen-Plan der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/fuenf-oeffnungsschritte-1872120

In Sachen Öffnungsschritte, heißt es da zum Beispiel, dürfe ein deutsches Bundesland oder eine Region künftig dann eröffnen, wenn dort eine stabile Sieben-Tage-Inzidenz von unter 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner herrsche. Im Einzelhandel gelte etwa: ein Kunde pro zehn Quadratmeter für die ersten 800 Quadratmeter Verkaufsfläche und ein weiterer für alle weiteren 20 Quadratmeter. Steige die Inzidenz an drei aufeinanderfolgenden Tagen wieder auf mehr als 50, dann gelte ab dem zweiten darauffolgenden Werktag Ziffer 6b: Einzelhändler dürfen jetzt nur noch einen Kunden pro angefangene 40 Quadratmeter Verkaufsfläche nach vorheriger Terminbuchung für einen fest begrenzten Zeitraum mit Dokumentation für die Kontaktnachverfolgung“ begrüßen.

Aber Merkel und MPs sei Dank, gibt es natürlich eine erhellende Vorschrift, die Ruhe ins Chaos bringt: „Dabei ist eine sogenannte Notbremse vorgesehen: Steigt die 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner an drei aufeinander folgenden Tagen in dem Land oder der Region auf über 100, treten ab dem zweiten darauf folgenden Werktag die Regeln, die bis zum 7. März gegolten haben, wieder in Kraft.“

So entmündigt man den sogenannten „mündigen“ Bürger endgültig.

Dass Baumärkte in NRW zwar Saatgut, Saatkartoffeln und Blumen, keineswegs aber Malerbedarf oder Werkzeuge verkaufen dürfen, sollte man daher nur noch als lächerliche Petitesse im großen Sammelbecken des verordneten Irrsinns abtun.

Wenn Länder wie Israel, Großbritannien oder USA inzwischen nur noch mitleidig lächelnd auf uns Bürokratiesüchtel herabschauen, tut allerdings schon etwas weh. Ich bin mir sicher, wenn keiner hinschaut, kriegen die sich vor lauter Brüllen gar nicht mehr ein.

Dafür hat das Thema ´Friseurtermin` es für gefühlt zwei Wochen an die erste Stelle in den Nachrichten geschafft. Nein, das sind alles keine Pointen, das ist schreckliche Realität.

Ich muss gestehen, dass mich dieses universelle Versagen auf der ganzen Linie tatsächlich erschüttert hat und ich niemals erwartet hätte, dass der „Organisations- und Bürokratieweltmeister Deutschland“ zur weltweiten Lachnummer absteigen konnte.

Und das vielstimmige Loblied auf den deutschen Förderalismus kann ich auch nicht mehr hören. Wohin der uns gebracht hat, kann jeder in seinem eigenen Bundesland nachprüfen.

Wen wundert´s da heute noch, dass so viele Versager in Politik, Verwaltung und Management sitzen: In keinem anderen ´Beruf` wird man bei völligem Totalausfall nicht zur Rechenschaft gezogen, sondern mitunter sogar auch noch wegbefördert.

Endlich – im Jahr eins nach Ausbruch der Seuche, sollen Schnelltest- und Impfkonzepte erarbeitet werden, und eine am Mittwoch beschlossene „Taskforce Testlogistik“ soll die Bestellung von Corona-Schnelltests koordinieren. Leiten werden diese Taskforce die zwei absolut verlässlichsten Universalversager, die die bundesdeutsche Politik derzeit aufzubieten hat: Jens Spahn und Andreas Scheuer.

Spätestens hier drängt sich mir die derzeit wichtigste aller Fragen auf:

Darf Satire denn wirklich alles?

Dass dieses Generalversagen von oben nach unten durchschlägt – wen wundert´s?

Warum sollten die Dinge in Hagen besser laufen als im Bund? Nach Rekord-Inzidenzen in NRW, städtisch bestallten Impfzwang-Gegnern, die nun, nachdem ihre Teilnahme an genehmigten Demos aufgeflogen war – dank des resoluten Durchgreifens unsers OBs – im Schulamt ihr Unwesen treiben dürfen, oder der OB himself, der in einem Anflug von Erkenntnis noch vor wenigen Tagen von „diffusem Infektionsgeschehen“ sprach, auf das man nun „mit der nötigen Vorsicht und abgestimmten Regeln“ reagieren müsse – egal eigentlich.

Die Haltung vieler Hagener lässt sich treffend am Beispiel des Hageners Klaus Sommer belegen.

Am Telefon erzählte er mir von einem Vorfall, der sich vergangene Woche zugetragen hat. Er hatte einen Freund ins Krankenhaus nach Bergisch-Gladbach gefahren. Beide ca. eine Stunde mit Maske im Auto. Angekommen im Krankenhaus wurde der Freund getestet. Ergebnis: Infiziert mit der britischen Mutante. Klaus Sommer fuhr zurück nach Hause und versuchte umgehend das Gesundheitsamt zu erreichen, um den Vorfall zu melden. Tagelange Versuche blieben erfolglos. Beim Hagener Gesundheitsamt war niemand zu erreichen. Wenn man davon ausgeht, dass ein Krankenhaus die Infektion ans zuständige Gesundheitsamt weiterleiten muss, wäre eine Kontaktaufnahme zwingend erforderlich gewesen – wegen der Nachverfolgbarkeit. Dies scheint in HA nicht so arg zu pressieren. Klaus Sommer und seine Frau haben sich – verantwortungsvoll wie sie sind – inzwischen selbst eine 14-tägige Quarantäne auferlegt, die sie, wie sie selbst sagten, wohl ziemlich sauer verbringen werden. Und Sommer gab mir zum Abschied folgenden Satz mit: „Dieser OB ist nicht mein OB.“

Ihr könnt Euch denken, dass die Liste der Unsäglichkeiten, des Versagens und eines arroganten Wegwischens von Zweifeln und Kritik derart lang würde, dass sie den Platz für die nächsten, geschätzten dreizehn Glossen einnehmen würde.

Mir geht es um etwas viel Wesentlicheres.

Wenn wir so weitermachen, wird das nichts mit der Herdenimmunität durch Impfung. Dann werden wir erleben, was eigentlich denkenden Menschen längst klar sein dürfte. Dank „unserer“ – nicht meiner – Politiker haben wir den Kampf gegen dieses fiese Virus verloren, weil wir es sträflich versäumt haben, ihm mit Kompetenz, Können, Stärke, Klarheit und einer gehörigen Portion aggressivem Pragmatismus zu begegnen.

Es sonnt und vermehrt sich prächtig in der Petrischale Deutschland oder wahlweise in Hagen, feiert fröhliche Urständ und schafft es – so ganz nebenbei, neben seiner hohen Infektiosität – auch noch seine 80 Millionen potentiellen Wirte in den Wahnsinn zu treiben. Dass dabei Künstler, Einzelhändler, Veranstalter, Theater, Dienstleister zu Tausenden auf der Strecke bleiben – ein bisschen Schwund ist immer.

„Made in Germany“ im Jahr 21 des 21. Jahrhunderts ist die einzige Pointe, die mir zu diesem Desaster einfällt.

Und nicht, dass jemand glaubt, mit diesem Jahrhundertdesaster sei es getan. Nur ein paar Katastrophen noch, bitte, ja?

Waldzustandsbericht, Golfstromschwäche, Klimaerwärmung, Artensterben, Julia Klöckner, Digitalisierung, Peter Altmeier, AfD – ergänze jeder die Liste bitte für sich selbst.

Hier fällt mir Carl von Ossietzky, Friedensnobelpreisträger und Symbolfigur des Widerstandes gegen das Nazi-Regime, ein.

Der schrieb einmal: „Wo die Männer versagen, da ruft man nach dem Mann. Der Faschismus, der überall anders, überall in neuer nationaler Vermummung auftritt, weist in allen Ländern diesen einen gemeinsamen Wesenszug auf: Die Sehnsucht nach dem Diktator. Die erschlafften Völker suchen nach einem Hirn, das für sie denkt, nach einem Rücken, der für sie trägt.“

Es wundere sich bitte niemand, wenn, nachdem sich das erschlaffte Volk im September zur Wahlurne geschleppt haben wird, es an die Auszählung der Stimmen geht. Es wundere sich bitte niemand, wenn der kurzzeitige Verdachtsfall AfD einen fürchterlichen Stimmenanstieg verzeichnen wird. Denn das gemeine Volk, der „Urnenpöbel“ – wie mein Kabarett-Gott Georg Schramm es einst formulierte – wird seine einzige Chance nutzen, seiner dumpfen Wut, seinem versteckt oder offen gelebten Hass, seiner durch absurde Corona-Erfahrungen gefütterten Ablehnung dieses Gesellschaftssystems als Racheakt des kleinen Mannes in Form eines simplen Kreuzchens Ausdruck zu verleihen.

Denn Demokratien werden heute nicht mehr durch Gewalt, sondern durch Wahlen abgeschafft.

Dann möchte ich kein Aufjaulen der Politik hören, dann möchte ich erleben, wie Hundertschaften von verantwortlichen Politikern von oben bis ganz unten, ihre Hüte nehmen und mit eingekniffenem Schwanz sang- und klanglos verschwinden und sich – meinetwegen – in ihre 4 Millionen-Villen in Berlin oder sonstwo verziehen und sich nicht mehr öffentlich blicken lassen.

Es wird dann immer noch genügend gute Leute geben, die den Schaden beseitigen werden. Mit Kompetenz, Durchsetzungskraft, Pragmatismus und Können. Keine Sorge.

2 Antworten to “Made in Germany 21 – die einzige Pointe in diesen Zeiten”

  1. Britta Says:

    Herzlichen Glückwunsch zu diesem hervorragenden Artikel. Treffender ist die Situation und Entwicklung nicht zu beschreiben.

  2. KranichMuss Says:

    Welch deprimierendes, aber wohl weitgehend realistisches Spiegelbild der Gemütslage in unserer Gesellschaft, mit Blick über den Tellerrand.
    Als Pointe eignet sich auch nicht die Vorstellung eines “ erschlafften Volkes “ ( da sieht man es natürlich – evtl. auch sich – schmatzend, rülpsend, flatulierend, gestikulierend und vor allem schnabulierend und permanent alles gut, alles gut sagend, obwohl es nicht stimmt, am Boden liegen ).,Bevor der Souverän souverän zum Kreuzchen machen aufsteht oder sich – als Nichtwähler – zur Seite legt
    Sollten die “ Hundertschaften von sang- und klanglos verschwindenden Politikern “ nicht satirisch gemeint sein, glaub ich allerdings weder hieran noch an die guten Leute danach, weil die bisherige Erfahrung gezeigt hat, daß Nachrücker meist schon bald genauso wurden. Da müßte nach homo sapiens und homo oeconomicus schon ein anderer Menschentyp heranreifen.
    Ein Dozent der VHS legte vor Jahren aus psychologischer Sicht dezidiert dar, daß wir von Politikern grundsätzlich nichts zu erwarten haben. Ob er da schon den mittlerweile um sich greifenden Narzissmus ( ich wiederhole mich ) einbezog erinnere ich nicht, aber er tat es, obwohl auch da schon sein oberster Dienstherr ein Oberbürgermeister war ( wie kommt man bloß auf “ mein “ OB..). Und, diese Leute sind überall, insbes. auf Chefetagen in Wirtschaft, Verwaltung, Kliniken, Arztpraxen, unter Theologen,im Sport und ja, auch in der Kunst mit teilw. hohen Eitelkeiten ( Hagen´s Ex-GMD Ludwig wies mal anläßlich der problematischen Theatergespräche mit der Verwaltungs-„Spitze“ vor Jahren darauf hin, was ( eigentlich ) nur auf der Bühne Platz hat, nicht aber im wirklichen Leben ).
    Eine gute Nachricht : Sollte die Inkarnationstheorie nicht nur Theorie sein, geht´s weiter ( ginge aber – evtl. – auch ohne ). Zwar gibt es keine Beweise, aber, da es einem Indizien-Prozeß gleicht, schon einige starke Indizien. Ich weiß, daß militante Atheisten ( die ihrerseits auch keine Beweise haben ) im Idealfall die Stirn runzeln, macht aber nichts.
    Wenn das aber so wäre, muß man nicht groß nachdenken, daß wir dann alle in, teilw. sehr, unterschiedlichen, Entwicklungsstadien auf dieser Erde leben würden. Womit sich ein Kreis schließt.
    Gute Nacht

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