Defizite in Schulen und Medien verantwortlich für geringes politisches Wissen

by

Dr. Markus Tausendpfund von der FernUniversität hat mit einer Kollegin eine Bevölkerungsumfrage ausgewertet

„Das politische Wissen in Deutschland ist insgesamt auf einem eher geringen Niveau, aber je nach sozialen Gruppen sehr heterogen“, sagt Dr. Markus Tausendpfund von der FernUniversität in Hagen (Foto: Bernhard Kreutzer). Dabei steht politisches Wissen in engem Zusammenhang mit der Qualität einer Demokratie und hat großen Einfluss auf die politische Chancengleichheit

.Die Gründe für die Defizite bei Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland sieht der Leiter der FernUni-Arbeitsstelle Quantitative Methoden zunächst einmal in fehlendem Politikunterricht, dann aber auch in der Struktur der Medienlandschaft. Zum politischen Wissen in Deutschland haben Tausendpfund und Prof. Dr. Bettina Westle (Philipps-Universität Marburg) gerade ein Buch herausgegeben.

Bevölkerungsgruppen mit höherem politischen Wissen beteiligen sich stärker an der Politik. Für sie ist die Demokratie ein Wert an sich, sie nehmen eher an Wahlen teil und sind besser gegen Populismus gewappnet. Wer dagegen wenig weiß, ist seltener politisch engagiert, weniger demokratisch eingestellt, intoleranter und anfälliger für populistische Vereinfachungen komplexer Probleme sowie weniger wachsam gegenüber politischen Eliten.

Politische Faktenkenntnisse und politisches Verständnis sind wichtig, um neue Informationen aufnehmen und verstehen zu können. Eine kommunikationswissenschaftliche Hypothese besagt laut Tausendpfund und Westle, dass Menschen mit größerem politischen Wissen stärker von neuen Informationen aus den Medien profitieren als solche mit geringem.

Nur wenn neue Informationen mit alten vernetzt und in diese eingebettet werden können, ergeben sie demnach Sinn und können dauerhaft im Gedächtnis verankert werden. Sie sind zudem wichtig, um neue Informationen kritisch beurteilen und falsche erkennen zu können. Dieser Aspekt wird angesichts des Informationsüberflusses durch das Internet, auch mit „Fake News“, immer bedeutender.

Ausgangspunkt der Defizite bei bestimmten Gruppen ist für Tausendpfund oft die Schulzeit. Seit vielen Jahren wird über die Bedeutung des Politikunterrichts im Unterricht debattiert: „Er ist zu gering bis nicht existent. Häufig wird dieses Fach mit anderen wie z.B. dem Wirtschaftsunterricht kombiniert. Wir müssen das Fach Politik im Blick halten, weil das politische Wissen ja sehr ungleich verteilt ist.“ Der Politikunterricht kann einerseits das politische Wissen fördern und dazu beitragen, die soziale Ungleichheit bei diesem zu verringern. Andererseits können nur in der Schule alle (künftigen) Bürgerinnen und Bürger erreicht werden.

Mittelfristig gesehen spielen auch verschiedene Medien eine zentrale Rolle. „Das war ein sehr langer Prozess.“ Er begann, als das Privatfernsehen ab 1984 und etwa zeitgleich die Privatradios die Medienlandschaft stark differenzierten, so der ehemalige Journalist. Bis dahin konnten die Zuschauerinnen und Zuschauer nur die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD, ZDF und das regionale dritte Programm empfangen und ihrer politischen Berichterstattung oft „nur mit dem Ausschaltknopf ausweichen“.

Die neuen Privatsender haben ein anderes Verständnis von Berichterstattung als die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Bei ihren Nachrichten geht es weniger um Fakten als um Entertainment. „Personen, die häufig Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Sender konsumieren, haben eindeutig ein höheres politisches Wissen. Nachrichtensendungen privater Sender reduzieren das Wissen eher“, so Tausendpfund.

„Das ist primär darauf zurückzuführen, dass dort Nachrichten einfach anders vermittelt werden – unterhaltender eben.“ Wichtig sind Emotionen und Unterhaltung. „Die Bild-Zeitung verkauft ja auch Nachrichten völlig anders als z.B. die FAZ, die Süddeutsche Zeitung oder die ZEIT“, so Tausendpfund.

Vergrößert – aber nicht unbedingt verbessert – wird die Medienvielfalt durch Twitter, geschlossene Facebook-Gruppen etc. Sie immunisieren die User sogar offensichtlich gegen Fakten, die nicht in ihr Weltbild passen – wobei Tausendpfund aber betont, dass hier die Datenlage für konkretere Aussagen noch nicht ausreicht. Klar ist aber, dass das Internet ein breites Angebot von Informationen bereithält, von „seriös“ bis „höchst problematisch“.

„Seit der Aufklärung gilt politisches Wissen als Voraussetzung für die Mündigkeit der Bürger“, schreiben Tausendpfund und Westle im Vorwort ihres neuen gemeinsam herausgegebenen Buches „Politisches Wissen in Deutschland. Empirische Analysen mit dem ALLBUS (2020. Wiesbaden: Springer VS). Insbesondere das von normativen Partizipationstheorien der Demokratie häufig gezeichnete Bild des demokratischen Bürgers als bestens informiertem, politisch kenntnisreichem und selbstbewusstem Homo politicus trifft für sie auf die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland nicht grundsätzlich zu.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: