Der Jazz-Club in der Kinkelstraße

by

Eine kleine Remineszenz an eine vergessene Hagener Kulturszene

Konzert im Jazzclub Kinkelstraße (Fotos: privat)

Nach dem Marschmusik-Terror des 12jährigen Reiches schossen nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland Jazzclubs aus dem Boden. Nicht nur in den Metropolen dieser Musikrichtung wie Frankfurt, sondern auch in der Provinz.

Nach französischem Vorbild entstanden Jazzkeller. Neben Kellern wurden aber auch Katakomben, ausgediente Fabriken und Baracken von den Clubmitgliedern eigenhändig ausgestaltet. Ein wichtiger Vorteil der Clubs gegenüber regulären Lokalen war, dass keine Schankerlaubnis erforderlich war. Mit Hilfe von Tagesmitgliedschaften konnten auch Vereinsgäste an den Konzerten teilnehmen.

Die Neonschrift ist natürlich nachträglich in die Aufnahme einretouchiert: In diesem Provisorium residierte ab 1955 der Hagener Jazzclub.

Ein solches Etablissement entstand auch im Hagener Stadtteil Altenhagen. In der Kinkelstraße 32, einem der typischen einstöckigen Behelfsbauten der unmittelbaren Nachkriegszeit, wurde 1955 ein Jazzclub gegründet.

Einer der Initiatoren war Alfred Scherer (1927 – 2003), der nicht nur Jazzfan war, sondern auch begeisterter Hobbyfilmer und -fotograf. Die in diesem Beitrag gezeigten Aufnahmen stammen (wahrscheinlich) aus seiner Kamera. Ein anderer war Heinz Wendel (1936 – 2000), der mit seinem Heinz Wendel Trio auch selbst als Pianist tätig war, Hagen allerdings 1964 verließ und nach Bremen ging.

In einem Interview mit der dortigen Stadtillustrierten Kursbuch schilderte er 1989 seine Anfänge in Hagen:

„Meine Eltem betrieben in Hagen ein Lokal, mit großem Veranstaltungssaal und allem drum und dran. Ein Klavier stand da auch, das mich aber zunächst überhaupt nicht interessierte. Akkordeon, das fand ich gut! Aber dann hörte ich mit 15 die Band eines wegen seiner absolut unspektakulären Gesinnung nie berühmt gewordenen Amerikaners namens George Maycock. Das Quartett spielte eine damals völlig neuartige Musik, höllisch guten Bebop. Dieses Erlebnis war für mich die Offenbarung. Solche Musik musste ich unbedingt spielen. Ich setzte mich ans Klavier, sooft ich konnte.“

Raus aus Muff und Mief: Neben Künstlern und Intellektuellen fand auch die Jugend der 1950er Jahre den Weg in die Kinkelstraße.

In einer der damals noch fünf (!) Hagener Tageszeitungen schilderte 1958 ein nicht genannter Autor einen Besuch im Jazzclub:

„Ein Blitz zuckt durch den an diesem Tag ohnehin dunklen Abend und erleuchtet für Bruchteile von Sekunden die Kinkelstraße nicht weit vom Höing. Dann ein Donner. Und wieder Stille. Suchend gehe ich die Straße hinauf.

Aber ich höre nirgends Musik auf die Straße dringen. Also frage ich lieber, wo ich den Jazzklub finde. Man weist auf ein eingeschossig wiederaufgebautes Haus, dessen Fenster mit Rolladen verdunkelt sind. Kein Laut dringt heraus.

Ich öffne die schwere Tür. Und als ich in dem kleinen Flur stehe, höre ich die ausgesprochen ruhigen und ausgewogenen Rhythmen der Band, die ich vorläufig allerdings nicht sehe. Ich wende mich in einen kleinen Vorraum, der offenbar Garderobe ist, schaue mir – meine Neugier ein wenig zu verbergen suchend – die jungen Herren und Damen an, die herumstehen.

„Ein neues Gesicht?“ fragt man. Ich nicke und betrete den oberen Raum mit dem Vorhaben, ihn bald wieder zu verlassen. Es vergehen Stunden, ehe ich es tue …“

Der Jazzclub war auch ein beliebtes Ziel für die Staatsmacht.

Wo der Journalist noch keinen Laut vernahm, hörten die Marschmusik-Geprägten bereits die Flöhe höllisch husten und die Staatsanwaltschaft schlug bereitwillig die Hacken zusammen:

„Der Student Heinz Wendel, geboren am 30.4.1936 in Hagen, wohnhaft in Hagen, Kinkelstr. 32 (Heim des Jazzclubs), Deutscher, ledig, wird angeklagt, in Hagen am 21. September 1958 in der Zeit von 21.50 bis 2.00 Uhr als Leiter des Jazzclubs in Hagen, Kinkelstr. 32, im Clubheim dadurch ruhestörenden Lärm erregt zu haben, daß er mit anderen Mitgliedern des Jazzclubs auf Musikinstrumenten Jazzmusik spielte, wodurch die Nachtruhe der dortigen Anwohner gestört wurde.“

„Kriminell“: Reklamedreirad für den Jazzclub.

Auch Werbung für diese Art von Musik war in der restaurativen Adenauerära verpönt und wurde unnachgiebig verfolgt – während Nazischergen weiter ihren Geschäften nachgehen durften. So erging eine „Gerichtliche Strafverfügung“ gegen den Stahlschlosser Kurt Busch:

„Gegen Sie wird wegen Übertretung des § 15 d. Pol.Verord.d.Stadt Hagen 366 Abs. 10 StGB eine Geldstrafe von 5,– DM und im Falle der Uneinbringlichkeit für je 5,– DM ein Tag Haft festgesetzt, weil Sie in Hagen am 10. Juni 1958 14.45 Uhr mit dem Dreirad HA-T-761 die Fleyer-Straße in Richtung Emilienplatz befuhren. An dem Fahrzeug war bunte Reklame angebracht, die am heutigen Tage eine Jazz-Veranstaltung ankündigten. Eine Erlaubnis für das Umherfahren von Ankündigungsmittel hatten Sie nicht.“

Die Reste der Wandbemalung des Jazzclubs Kinkelstraße sind beim Abbruch noch zu sehen.

1960 war in der Kinkelstraße 32 Schluss mit Jazz. Das Nachkriegsprovisorium wurde abgerissen, um einem Neubau Platz zu machen. Der Club zog um in den Hochbunker an der Bergstraße, in dem heute ein Bunkermuseum untergebracht ist.

Heinz Wendel war dort einige Jahre für die Programmgestaltung zuständig und holte nach Angaben von Zeitzeugen bedeutende Musiker der deutschen Jazzszene wie Albert Mangelsdorff in den Hagener Jazz-Club-Bunker. Nachdem er sich weigerte, auch Dixieland ins Programm zu nehmen, „wurde ich dann gegangen“ und entschwand 1964 nach Bremen. Dort gilt er als „Gründer der Bremer Jazzszene“.

Ein weiteres Beispiel für die vielen Ausgebremsten, die Hagen hätten nach vorne bringen können. Auch mehr als ein halbes Jahrhundert später hat sich diese Mentalität der Abschreckung gegenüber allem, was die eingefahrenen Kreise stört, in den vorherrschenden Milieus der Stadt nicht wesentlich geändert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: