Kahlschlag am Karweg

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Wirtschaftsbetrieb Hagen lässt Platanen enthaupten – Aktion offensichtlich rechtswidrig

Mitten im Hochsommer läßt der WBH die Schattenspender beseitigen – als „Baumpflegemaßnahmen“ getarnt. Links die Platanen am Donnerstag, rechts die verbliebenen Stummel am Freitag nach ihrer Enthauptung. Fotos: DW.

Bäume verbessern mit ihrem Blattwerk das Kleinklima, geben Schatten und filtern Staub aus der Umgebung. Alles reichlich Gründe, vor allem angesichts der heißen Sommer der vergangenen Jahre, diesen Zustand möglichst lange beizubehalten.

Das weiß im Prinzip auch der Wirtschaftsbetrieb Hagen (WBH), der für das städtische Grün verantwortlich ist. Auf seiner Homepage schreibt er zutreffend: „Bäume erfüllen gerade im urbanen Raum viele Funktionen. So sind sie nicht nur Sauerstoffproduzenten, Feinstaub- und CO2-Binder oder Schattenspender sondern üben auch einen beruhigenden Einfluss auf den Betrachter aus.“

Trotzdem hindert die eigene Erkenntnis den WBH nicht daran, mitten im Hochsommer einen Kahlschlag in Auftrag zu geben. Ausgerechnet am bisher heißesten Tag des Jahres holzte ein vom Wirtschaftsbetrieb beauftragtes Unternehmen in der Hasper Straße Am Karweg die voll belaubten Äste der dort stehenden Platanen gnadenlos ab.

Dabei sind solche Aktionen zu dieser Jahreszeit untersagt. Das Bundesnaturschutzgesetz ist eindeutig, in § 39 heißt es: „Es ist verboten, Bäume, die außerhalb des Waldes, von Kurzumtriebsplantagen oder gärtnerisch genutzten Grundflächen stehen, Hecken, lebende Zäune, Gebüsche und andere Gehölze in der Zeit vom 1. März bis zum 30. September abzuschneiden, auf den Stock zu setzen oder zu beseitigen; zulässig sind schonende Form- und Pflegeschnitte zur Beseitigung des Zuwachses der Pflanzen oder zur Gesunderhaltung von Bäumen.“

Von „schonenden Form- und Pflegeschnitten“ kann bei der erfolgten Komplettbeseitigung des Astwerks selbst mit viel Wohlwollen keine Rede sein. Die Verantwortlichen beim WBH haben allem Anschein nach vorsätzlich gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoßen.

Die Regelung im Gesetz dient in erster Linie dem Schutz von Brutstätten, aber es gibt weitere Gründe für das Verbot: Fachleute weisen darauf hin, dass bei einem radikalen Rückschnitt im Sommer zu viel Blattmasse entfernt werde, die Bäume für den Aufbau von Kraftreserven dringend benötigen.

Auch bei Platanen gibt es diese bauminternen Gründe, die für einen Schnitt in der „Ruheperiode“ sprechen. Dieser empfiehlt sich ausdrücklich, wenn sie – wie auch in diesem Fall – als Kopfbäume erzogen wurden. Hierbei ist der Winterschnitt zwingend notwendig, weil im belaubten Zustand bis zu 100 Prozent Assimilationsfläche vernichtet werden. Die Einlagerung von Reservestoffen wird damit ver- oder zumindest stark behindert. Werden keine oder nur geringe Reservestoffe eingelagert, fehlen diese im Frühjahr, um den komplett entfernten Feinastbereich wieder herzustellen.

Der Spiegel berichtet aktuell: „Pflanzen wirken in Städten wie natürliche Klimaanlagen. Dahinter steckt ein physikalischer Prozess: Wenn Bäumen zu heiß wird, öffnen sich winzige Spalten in den Blättern, aus denen Wasser verdunstet. Das verbraucht Energie, es wird kühler. Gleichzeitig entsteht ein Sog, der immer neues Wasser aus den Wurzeln in die Blätter treibt. Bäume können pro Tag Hunderte Liter Wasser ausschwitzen. Die Kühlleistung liegt bei etwa 70 Kilowattstunden pro 100 Liter – genug, um zwei durchschnittliche Haushaltsklimageräte zu betreiben.“

Für den WBH scheinen fachliche Gründe keine Rolle zu spielen, egal ob sie von Fachleuten oder Medien herrühren. Durchaus denkbar sind dagegen Einflüsterungen aus dem Dunstkreis des Hasper Bezirksvorstehers Dietmar Thieser, der auch schon mit ausgiebiger Penetranz für die Abholzung der Hasper Fußgängerzone gesorgt hat – wegen „Verschattung des Straßenraums“. Also genau dem Effekt, dessen Notwendigkeit wegen des Klimawandels der notorische Eselbetreuer nicht verstanden zu haben scheint.

Das Bundesnaturschutzgesetz sieht in § 69 Bußgelder vor: „Ordnungswidrig handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig entgegen § 39 Absatz 5 Satz 1 Nummer 2 einen Baum (…) abschneidet, auf den Stock setzt oder beseitigt.“ Und diese Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu 50.000 Euro geahndet werden.

Verantwortlich für solche Ordnungswidrigkeiten sind beim WBH letztendlich die Vorstände: Der Technische Beigeordnete Henning Keune als Vorstandssprecher sowie der Städtische Baudirektor Hans-Joachim Bihs.

7 Antworten to “Kahlschlag am Karweg”

  1. Wolfgang Poth Says:

    Ist dem Doppelwachholder bekannt, ob jemand Anzeige erstattet hat?

  2. Klaus Rosenberg Says:

    Was sagt eigentlich der WBH zu dieser Aktion ? Wurde schon eine Stellungnahme eingeholt. Wo bleibt der Aufschrei der Grünen ? Im WBH Verwaltungsrat sitzen Politiker aller Fraktionen am Tisch. Es scheint mal wieder ein Beispiel für eine eigenmächtige Maßnahme eines städtischen Unternehmens zu sein. Ist die Baumschutzsatzung berücksichtigt worden ? Liegt eine Genehmigung der Umweltbehörde vor ? Viele Fragen, die noch zu klären sind.

  3. Dr Who Says:

    Mal sehen ob da einer eine Anzeige macht? Nicht reden, machen!

  4. Illkatte Says:

    Hier handelt es sich offensichtlich nicht um eine „Pflegemaßnahme“ sondern um die planmäßige Zerstörung der Bäume. In dieser Form haben sie keine Chance, sich wieder zu entwickeln. Das ist auch eine Vernichtung städtischen Vermögens!

    Heute sehe ich dann noch, dass ein alter Buchenbestand auf einer Hangparzelle gegenüber dem Eisenwerk Geweke niedergemacht worden ist. Offenbar wird skrupellos ausgenutzt, dass die Politik wegen 1. Corona, 2. Sommerferien und 3. Auslaufen der Wahlperiode weitgehend kalt gestellt ist.

  5. Reinhard Stich Says:

    Auch in der Schützenstraße werden morgen die Platanen rasiert:
    Laut Unterer Naturschutzbehörde (Umweltamt) fachlich ok, wenn auf Nistplätze geachtet wird. Der Sommerschnitt soll Pilzbefall der Schnittstellen verhindern und ist leider in der Baumpflege zwar teilweise umstritten, aber fachliche Praxis.(baumpflegeportal.de/baumpflege/kritikschnittzeit/)
    Der Kronenschnitt gehört auch zu den nach BNatG genehmigten schonenden Pflegemaßnahmen.(baumpflegeportal.de/baumrecht/wann-darf-ich-baume-schneiden-oder-fallen/)
    So sieht es leider aus.

  6. Illkatte Says:

    zu dem Kommentar von Reinhard Stich:
    Es handelt sich bei der Aktion Am Karweg nicht um einen Sommerschnitt der Baumkronen. Dieser würde die Krone erhalten und sie nur ausdünnen, insbesondere um für eine bessere Durchlüftung der Belaubung zu sorgen und damit etwa Pilzbefall des Blattwerks (z.B. durch falschen Mehltau) zu verhindern. Das ist aber hier genau nicht geschehen. Die Bäume sind gekappt worden und haben zu diesem Zeitpunkt und bei dieser Radikalität kaum Überlebenschancen.
    Im Übrigen ist es keine baumschnitt-fachliche Frage sondern eine der Stadtbegrünung und des Stadtklimas im Sommer. Darauf weist der Hauptartikel deutlich in seiner Einleitung hin:
    „Bäume verbessern mit ihrem Blattwerk das Kleinklima, geben Schatten und filtern Staub aus der Umgebung. Alles reichlich Gründe, vor allem angesichts der heißen Sommer der vergangenen Jahre, diesen Zustand möglichst lange beizubehalten.“

  7. Reinhard Stich Says:

    zu Illkatte : Völlig richtig, was du in den letzten beiden Abschnitten sagst. Deshalb habe ich ja versucht mit dem Einspruch bei der Naturschutzbehörde die Aktion hier in der Schützenstrasse zu verhindern. Allerdings reicht das Berufen auf das BNatG nicht aus.(siehe oben). Der Kopfbaumschnitt ist laut ZTV Baumpflege erlaubt als schonender Eingriff und in der Vegetationsperiode Stand der Technik. Lediglich Brut oder Rastplätze verhindern den Schnitt.
    Die Platanen Am Karweg und Schützenstasse wurden vor Jahren gekappt und zu Kopfbäumen „erzogen“. Ausgewachsene Platanen hätten gar keinen Platz – siehe Baum Schützen/Hestertstrasse. Der jährliche Zuwachs muß entfernt werden, da sonst die Äste ausbrechen und den Kopf beschädigen. Bonsai für Strassenbäume
    um den Wuchs zu hemmen – Platanen sind als Strassenbäume in beengten Platzverhältnissen wenig geeignet. Dieser Radikalschnitt sollte nach meiner Meinung und auch von Baumexperten im Winter geschehen, um den Baum zu schonen und das Stadtklima zu fördern. Hier wäre Politik gefragt, der WBH Vorschriften zu machen.

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