WPWR verliert 6 Prozent Abonnenten

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Größter Rückgang seit 2014 – Boulevardisierung erfolglos

Die Hagener Ausgabe der WPWR hat innerhalb eines Jahres so viele Abonnenten verloren wie seit 2014 nicht mehr. Das zeigen die neuesten Zahlen der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (ivw).

Die verkaufte Auflage der Zeitung, in der seit einigen Jahren auch die Ausgaben Hohenlimburg, Herdecke und Wetter mitgezählt werden, ging im 2. Quartal 2020 im Vergleich zum 2. Quartal 2019 um 5,47 Prozent zurück.

Es sind vor allem die treuesten Kunden, die das Blatt nicht mehr lesen wollen: die Abonnenten. Deren Zahl reduzierte sich sogar um 6,01 Prozent, der stärkste Rückgang seit 2014. Dabei sind die regelmäßigen Bezieher die Stütze der WPWR. Von der gesamten Verkaufsauflage in Höhe von 26.508 täglichen Exemplaren decken sie allein 24.461 Stück ab, während der Einzelverkauf nur noch bei 1.061 liegt.

Zahlen nur für Hagen werden zwar nicht mehr ausgewiesen, doch kann man davon ausgehen, dass nicht einmal jeder zehnte Einwohner der Stadt noch die Lokalpresse erwirbt. Die Redaktion versucht mit zunehmender Boulevardisierung des Blattes gegenzusteuern, was aber erkennbar nicht von Erfolg gekrönt ist.

So hat sich das Pressehaus, wohl auch um das Sommerloch zu füllen, aktuell eine ganz spezielle Serie ausgedacht: „Tabu – Worüber Hagen sonst nicht spricht“. In der werden vom Schicksal oder sonstigen Eigentümlichkeiten gebeutelte Mitmenschen dem Publikum vorgeführt.

DOPPELWACHOLDER.DE hatte bereits die Vorankündigung dieser Serie als „Endstation Trash“ eingeordnet. Der Journalist Martin Krehl, der selbst viele Jahre als Lokalredakteur gearbeitet hat (u.a. auch in Hagen) zeigte sich entsetzt: „In mehr als 40 Jahren journalistischer Tätigkeit ist mir so etwas Übles nicht untergekommen.“

Verkauft wird diese Präsentation quasi als Psychotherapie: „Auszusprechen, worüber sonst nicht gesprochen wird, ist für viele Menschen ein seelischer Kraftakt. Es erfordert Mut, Rückgrat und Selbstreflexion“, reicht Redakteur Mike Fiebig die Verantwortung für die Zurschaustellung an die Betroffenen zurück.

Es ist ein Strickmuster, das man schon von „Qualitätsmedien“ wie dem Fernsehsender RTL 2 kennt. Der präsentiert – so nennt der Sender es – „Sozial-Dokus“. Die „Argumentation“ von RTL 2 ähnelt der der WPWR auf verblüffende Art und Weise:

„Viele Medienbeobachter geißeln „Hartz und herzlich“ und „Armes Deutschland“ als Elendstourismus und Menschenzoo. Das Unbehagen von Hans Hoff (Kolumnist bei „DWDL“; Anm. d. Red.) und anderen zeigt aber vor allem eines: Nicht die Machart der Dokus ist das Problem, sondern die Weigerung der Kritiker, die harten Realitäten anzunehmen und armen Menschen einfach zuzuhören.

Reportagen und Dokumentationen über das Leben von Menschen am Rande der Gesellschaft sind in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Bestandteil des Programms von RTLZWEI geworden. „Hartz und herzlich“, „Armes Deutschland“ und weitere Formate lenken den Blick auf Schicksale, die die meisten von uns nicht sehen wollen, oder von denen sie nicht wussten, dass es sie im reichen Deutschland gibt.“

Die Marktanteile von RTL 2 sind seit Jahren rückläufig, die pseudosozial kaschierten Menschenvorführungen haben offenbar nicht den erwünschten Erfolg gezeitigt. Ähnliches dürfte auch der WPWR widerfahren, die nächsten Quartalszahlen der ivw Mitte Oktober werden es zeigen.

6 Antworten to “WPWR verliert 6 Prozent Abonnenten”

  1. Klaus Rosenberg Says:

    Wenn die WP/WR nicht als Wohlfühl Organ auftreten würde, sondern auch über negative, bis hin zu strafbewährten Vorkommnissen z.B. in städtischen Betrieben berichten würde, könnten auch Print-Medien Leser interessante Berichte lesen. In der Serie „Tabu-worüber Hagen sonst nicht spricht“ wären Berichte über die unwirtschaftlichen und sinnlosen städtischen Betriebe für die Leser interessant. Hierzu bedarf es allerdings journalistische Arbeit und neutrale Redakteure.

    • Jürgen Dute Says:

      Klaus, du hast es selbst miterlebt, wie die WP/WR den Schwanz eingezogen hat auf meine Kosten. Die Auflagen müssten gegen NULL gehen, dann können Sie Ihr Pressehaus abreißen. Es gibt immer noch meist alte Menschen, die auf das Papier nicht verzichten möchten. Ein Armutzeugnis, dass dieses Blatt auf so ein niedriges Niveau gesunken ist. Wahrscheinlich gibt es da auch ein wenig Vetternwirtschaft mit den Politikern. Da hackt die eine Krähe der anderen kein Auge aus.

      Wenn man die online-Ausgabe hat, dann ist Hagen am wenigsten vertreten. Die anderen Städte wie Breckerfeld, Wetter, Herdecke usw. sind da mehr erwähnt. Selbst in Wahlzeiten bekommt die lokale Presse nichts auf die Reihe. Schade, dass es den Bürger nicht interessiert.

      • KranichMuss Says:

        Ob meist alte Menschen ( ist ja nicht diskrimierend und was ist heutzutage alt ? /:) ) weiß ich nicht. Ich jedenfalls möchte auf das heimelige rascheln unter´m und die herrlichen Kaffeekleckse auf´m Papier über dem Tisch nicht verzichten wie auch auf Eselsohren bei Büchern statt sterilem ebook.
        Ist ja nicht alles schlecht, so aber ein ziemlich selektives lesen. Bestimmte Artikel, Kurzberichte, Kultur-/Wochenendteil, Veranstaltungshinweise etc. schon o.k.. Gut, Geschmackssache.
        Wo sind die Alternativen im lokalen Bereich ? Die tatsächliche Rundschau weg, Wochenkurier ( auch nicht ohne ) weg, etwa Stadtanzeiger ?
        Klar haben wir Gott sei Dank den DW, aber ich fände sowohl als auch günstiger als entweder oder. “ Einfach “ eine bessere Zeitung ( s. auch Arbeitsplätze. ), die sollen mal Psychologen zu Rate ziehen..

  2. KranichMuss Says:

    Der Rückgang ist eigentlich für alle Seiten recht bedauerlich und hat m. E. vielfältige Gründe. Dazu dürfte das vom DW geschilderte gehören, wobei auch von einer allgemeine Verflachung in der Berichterstattung seit längerem gesprochen werden kann ( es gibt etliche Möglichkeiten der Vertiefung, durchaus auch im persönlichen Bereich, nur halt nicht so ). Klaus Rosenberg spricht ebenfalls etwas an.
    Hinzu der Online-Auftritt und hier insbesondere die Handhabung der Kommentarfunktion ( analog evtl.der Leserbriefvorschläge ). Ferner die – teilw. bemüht verdeckte – Polarisierung bei politischer Berichterstattung ( klar, ein Wirtschaftsunternehmen.. ) sowie die wohl als geschickt verstandene, teilw. große Schonhaltung hins. gewisser Protagonisten in Kommunalpolitik und Verwaltung ( was insges. zwangsläufig an anderen Stellen den Reflex zum Gegenpol auslöst..) .
    Fehlende Selbstkritik und – reflexion.Sicher weitere, auch latente Faktoren, z. B. betriebsinterne Gründe.
    Und, auch wenn schon geschrieben, vermute ich weiterhin – im Kontext zum obigen – eine fehlende Balance zwischen IQ und EQ ( wozu Empathie gehört ), nicht nur im Journalisten-Bereich. Bei einseitiger Ausprägung und Umsetzung des sicherlich vorhandenen IQ läßt sich jeder Laden an die Wand fahren. Hoffentlich passiert das nicht igendwann der Zeitung aus Papier ( oder ist gar gewollt, dann gilt m. E. das vorherige gleichwohl )..

  3. vopagrafie Says:

    Beziehen sich die Zahlen auf die gedruckte Zeitung oder sind hier schon die ePaper(Abos) mit enthalten?

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