Schulkampf: Modifizierter Backlash

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Hagener Konservative wollen weitere Gesamtschule mit allen Mitteln verhindern

CDU, FDP und Grüne bauen immer neue Hürden auf, um die Gründung einer vierten Gesamtschule in Hagen zu verhindern. Dabei wäre sie dringend erforderlich, um der enormen Nachfrage endlich gerecht zu werden.

Seit Jahren muss jährlich eine dreistellige Zahl an Interessenten abgewiesen werden, weil nicht genügend Plätze zur Verfügung stehen. Aktuell sind es 140 Bewerber, die keinen Platz bekommen können, in den zurückliegenden Jahren waren es bis zu 300. Die Politik, die immer den „Elternwillen“ auf ihre Fahnen schreibt, hat das lange Zeit nicht interessiert.

Nachdem die Hagener SPD das Thema für sich entdeckt hat, laufen die Konservativen Sturm, wie DOPPELWACHOLDER.DE schon im April berichtete („Klassenkampf in Hagen-Mitte“). Inzwischen haben die Schulkämpfer ihre Position leicht modifiziert und mit neuen Merkwürdigkeiten angereichert.

Hauptstoßrichtung ist wie gehabt, zu verhindern, eines der sechs Gymnasien im Stadtbezirk Hagen-Mitte in eine Gesamtschule umzuwandeln. Anbieten würde sich dafür das nachfrageschwächste Gymnasium, die Ricarda-Huch-Schule.

Die Lehranstalt war – neben dem Fichte-Gymnasium („Kebab-High-School“) – in konservativen Kreisen geradezu verschrieen, weil sich dort auch in größerer Anzahl Schüler mit fremdklingenden Namen auf eine akademische Laufbahn vorbereiteten. Das kam in der Dünkelszene nicht so gut an, die aber inzwischen begriffen haben dürfte, dass sie den Lauf der Dinge nicht mehr aufhalten kann.

Also wurde strategisch umgesattelt. Der sich als elastisch erweisende schulpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Thomas Walter, schmeichelt darob: „Für viele Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund ist „die Ricarda“ (…) das bevorzugte Gymnasium und attraktive Sprungbrett zu Abitur und Studium.“ Walter begründet seine Position mit „sozialen Aspekten“.

Eine allzu durchsichtige Argumentation mit rassistischem Beigeschmack. Dem CDU-Mann schwebt offenbar vor, aus dem Ricarda-Huch-Gymnasium ein schulisches Sammellager für Schüler mit sogenanntem „Migrationshintergrund“ zu machen, damit die Lieblinganstalten des Hagener Bürgertums wie das Albrecht-Düren-Gymnasium weiterhin „sortenrein“ bleiben. Eine Art Hagener Variante von Bildungs-Apartheid.

Pro-Ricarda-Unterstützung erhält Walter von der FDP. Deren Sprecherin im Schulausschuss, eine Katja Graf (?), tönt erst einmal frechweg, die SPD-Vorschläge würden „von der Mehrheit der Eltern“ nicht unterstützt. Eine Behauptung, die sie nicht belegen kann.

Die mittlerweile komplett abgerockte FDP hat wahrlich bessere Zeiten erlebt, auch schulpoitisch. „Neue Lebenschancen in einer offenen Gesellschaft“ war das Kapitel im Wahlprogramm 1969 der FDP überschrieben, in dem die Partei ihre schulpoitischen Vorstellungen beschrieb: „Die Schranken zwischen den Schultypen erschweren die Entfaltung der Vielfalt vorhandener Talente.“ Ein Plädoyer für die Gesamtschule. Längst vergangene Zeiten, heute regieren die Sprüche eines Unterhemdenmodels.

Die Dritten im Bunde, die Grünen, passen sich flexibel der aktuellen Lage an. Zunächst stand eine Gesamtschule im Stadtbezirk Hohenlimburg im Fokus; mir der nachvollziehbaren Begründung, dass in diesem Stadtbezirk eine solche Schulform nicht zur Verfügung steht. Dann wendete sich der Blick dem Stadtbezirk Mitte zu. Immerhin an Einwohnern dreimal so groß und ebenfalls ohne Gesamtschule. Jetzt unterstützten die Grünen den Standort Wehringhausen, wobei es der Partei am Herzen liegt, mit der dort ansässigen „Freien evangelischen Schule“ (Fesch) pfleglich umzugehen.

Die Fesch, getragen von fundamentalistisch orientierten „Christen“, wird fast ausschließlich mit Steuermitteln finanziert. „Gründungsmitglied und Schulträger der Freien Evangelischen Schule Hagen“ ist nach eigenen Angaben Christa Stiller-Ludwig, stellvertetrende Umweltamtsleiterin der Stadt Hagen und Vorstandsmitglied des Kreisverbands Hagen der Grünen.

Die von der Fesh angemieteten Räumlichkeiten können laut Auskunft der Verwaltung in der Bezirksvertretung Mitte am 27.02.2020 jährlich gekündigt werden. Die Suche nach einem weiteren Verbleib an einem anderen Standort wäre ausschließlich Angelegenheit dieser Privatschule – und nicht der Öffentlichkeit und der von ihr finanzierten Stadtverwaltung.

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