Spaßbefreit und zuordnungsverwirrt

by

von Christoph Rösner

Dass Satire alles darf, postulierte Kurt Tucholsky bereits in seinem berühmt gewordenen Artikel von 1919 „Was darf die Satire?“.

Zur Verdeutlichung des folgenden Ereignisses, dessen Urheber diesen Tucholsky-Text ganz sicher nicht kennt, hier nur ein kurzes Zitat aus selbigem:

„Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an. Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird. Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. […]“

Ein dreiseitiger Brief, den am 14. April der Leiter der Stadtkanzlei, Markus Funk, durch seinen berittenen Boten an die Hagener Vorsitzende der Satirepartei Die PARTEI expedieren ließ, löste in gewissen Hagener Politkreisen heftiges Lachen und diverse Zwechfellkrämpfe aus.

Bis auf die Anrede könnte man mit viel Wohlwollen und noch mehr Fantasie den gesamten Brief als Satire verstehen, aber der gute Herr Funk ist nun mal Angestellter der Hagener Stadtverwaltung und somit – laut Bewerberprofil – zu 100 Prozent satireresistent.

Der Name der Empfängerin allerdings lässt dann doch schmunzeln, denn Laura Valeria Knüppel ist weder ein Künstlername noch eine Kunstfigur. Frau Knüppel ist die Vorsitzende des Hagener Stadtverbands der Partei Die PARTEI und heißt wirklich so.

Worum geht´s? Der Hagener Ableger der Partei Die PARTEI hatte vor ein paar Wochen ein Plakat veröffentlicht und laut Funk

„eine als unzulässige Schmähkritik zu bewertende Handlung vorgenommen, indem sie die Mandatsträger*innen des Rates der Stadt Hagen im Zusammenhang mit der bevorstehenden Kommunalwahl am 13.9.20 pauschal und ohne erkennbaren konkreten sach– oder personenbezogenen Anlass in übler Art und Weise verunglimpft und der Lächerlichkeit preisgibt.“

Achtung, liebe Leser*Innen! Festhalten!!

Der Plakattext beginnt mit folgendem Aufruf:

„Wer hilft bei der Machtergreifung?“

und weiter:

“Die PARTEI Hagen sucht Ratsherren/Überläufer zum 23.9.2020.
Sie lassen sich nach allen Regeln der Demokratie in den Stadtrat wählen. Nach der Wahl wechseln Sie die Fraktion, um der Partei Die PARTEI zur Fraktionsstärke zu verhelfen.“

Und auch ein Bewerberprofil wird mitgeliefert:

„Charakterschwäche, wenig Ahnung, noch weniger Meinung, mangelndes Pflichtbewusstsein.
Vergütung 735,70 € – weitere Verpflichtungen: keine.
Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung unter: derunsichtbaredritte.moneyfornothing.möp.“

Ich jedenfalls verdanke diesem Plakat die ersten Lachfalten in diesem Jahr 2020.

Und dann war das Werk noch gekrönt von einem – ohne Erlaubnis! – genutzten und verfremdeten Hagener Stadtwappen!!

Links die Eiche in den Farben des Stadtwappens, rechts das wegen angeblicher Urheberrechtsverletzung inkriminierte corpus delicti.

Hätten Frau Knüppel und ihre lustigen Mitstreiter*Innen die olle Eiche verfremdet – beispielsweise als borkenkäferbefallene Krüppelfichte in gedecktem Kackbraun – hätte Markus Funk viel weniger Munition gehabt. Aber so? Die olle Eiche im Wappen, nur nicht gelb/blau sondern in Rot? Unfassbar!!

Diese vor Respektlosigkeit und Hoheitsverhöhnung triefende Publikation jedenfalls ließ den empörten und dienstbeflissenen Herrn Funk den Knüppel aus dem Sack holen und auf die Knüppel niedersausen. Denn seine Hauptaufgabe besteht nunmal darin, das Hagener Stadtwappen und die Ratsdamen und -herren mit Klauen und Zähnen vor üblem Ungemach zu beschützen.

„[…] Erschwerend kommt noch hinzu, dass sich die Partei mit der provozierenden Überschrift „Wer hilft bei der Machtergreifung?“ einen scheinbar rechtsextremistischen Anstrich gibt, denn der Begriff Machtergreifung ist seit dem Jahr 1933 dem nationalsozialistischen Jargon und Gedankengut zuzuordnen und verhält sich feindselig zu der vom Grundgesetz geschützten freiheitlich demokratischen Grundordnung (Art. 20 GG).“

Und er hätte doch Tucholsky lesen sollen. Denn dann hätte er es sich erspart, sich selbst und seinen Chef der Lächerlichkeit preiszugeben.

„[…] Übertreibt die Satire? Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird […].“

Ich werde mich hüten, dies in Bezug auf die Hagener Ratsdamen und -herren zu interpretieren …

Dieser Brief ist dermaßen lächerlich und leider von Satire völlig unbeleckt, dass man eigentlich grundsätzlich dazu übergehen sollte, derartige, aus der Zeit gefallene Elaborate kleindeutscher Wappen- und Hoheitshörigkeit gänzlich zu ignorieren. Leider zeigt das schriftliche Machwerk des Markus Funk – vermutlich eine Auftragsarbeit seines Dienstherren, Erik O. Schulz – Züge von Satireverwahrlosung in Kombination mit fortgeschrittenen Allmachtsfantasien, die man dann doch nicht unkommentiert stehen lassen darf.

Die Partei Die PARTEI in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken, ist schlicht frech oder wahlweise geschmacklos. Auch hier hätte Herr Funk vorher lesen sollen, bevor er das Schreiben anfängt. Z.B. auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung. Dort heißt es u.a.:

“[…] Mit kritischem Impetus persifliert Die PARTEI Symbolik und Rhetorik der deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts und parodiert Rituale, sprachliche Gepflogenheiten und Auftreten der etablierten Parteien bzw. ihres politischen Personals. Der häufig abwertend gebrauchte Begriff der „Spaßpartei“ wird dabei jedoch dem Anliegen der Partei nicht gerecht. Da sie mit ihrem Auftreten und ihrer Programmatik auch vermutete Missstände thematisiert, wird sie richtiger auch als „Satirepartei“ bezeichnet.“

Tucholsky hätte seine wahre Freude gehabt.

Aber zurück zum Ernst der Lage. Denn Funk beliebt natürlich auch zu fauchen:

„Sollte auch zukünftig seitens Ihres Stadtverbandes eine unzulässige Verwendung des Wappens vorgenommen werden, behalten wir uns weitere rechtliche Schritte vor.

Alternativ zu einem rechtlichen Vorgehen auf der Grundlage des allgemeinen Ordnungsrechts wird im Übrigen erwogen, gegen die missbräuchliche Verwendung des Hagener Stadtwappens mit einer Abmahnung und strafbewehrten Verpflichtungs– und Unterlassungserklärung auf der Grundlage des Urheberrechts vorzugehen.“

Es ist schon ein Elend, wenn man keinen Spaß versteht.

Aber dann wird´s doch noch spaßig in dem Brief des Herrn Funk, denn

„ein rechtlich entscheidender Gesichtspunkt für die Frage der Duldung oder Nichtduldung ist, ob durch die Verwendung des Wappens im Ergebnis eine unerwünschte sogenannte ´Zuordnungsverwirrung´ eintreten kann. Es spricht viel dafür, dass dies hier der Fall ist.“

Bei dem Begriff ´Zuordnungsverwirrung´ bin ich tatsächlich auf meiner Tastatur ausgerutscht. Ich überlasse es Euch, verehrte Satirefreundinnen und -freunde, diese Ausgeburt deutschen Juristensprechs und seine Bedeutung zu googeln. Oder wir stellen uns alle gemeinsam vor, wie bedauernswerte Gruppen- und realitätskranke Hagenerinnen und Hagener sowie Divisionen von Touristen völlig desorientiert und traumatisiert im Angesicht eines Wappens samt roter Eiche durch Hagen irren und ihre Smartphones befragen, ob sie überhaupt in der richtigen Stadt sind.

Und weil sich genau dies so viele Menschen ohnehin täglich fragen, spricht vieles dafür, dass Laura Valeria Knüppel und ihre lustige Satiretruppe alles richtig gemacht haben.

2 Antworten to “Spaßbefreit und zuordnungsverwirrt”

  1. Klaus Rosenberg Says:

    Die Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet sagte schon.Schopenhauer. Wem schadet also der Aufruf den „DIE PARTEI“ losgelassen hat ?? NIEMANDEM

  2. KranichMuss Says:

    Na, das ist ja eine kuriose Auflockerung in dieser angespannten Zeit ( vielleicht auch für den DW-Chefredakteur, der sich auch mal dankend zurücklehnen kann ? ).
    Spaßbefreit, aber auch – im Sinne von unfreiwillig komisch – jederzeit spaßbereit also unsere Stadtkanzlei ( dieses Pseudonym mußte es dann irgendwann schon sein ), wobei gewisse Hagener Politkreise bei allzu heftigem Lachen aufpassen sollten, sich nicht zu verschlucken, weil es ebenfalls an Selbsterkenntnis ( und – zunächst mal – Wahrnehmung ihres Selbst ) mangeln könnte.. .
    Ob urkomisch, grotesk & Co. nun doch unter Satire zu subsumieren sind ?. Nach Tucholsky´s Definition zu Anfang wohl nicht, vermutlich aber von so manchem Protagonisten ersehnt.
    Hat denn die Stadtkanzlei vergessen, was nach der Wahl 2014 passierte ( Wechsel/ Fraktionsstärke etc. ) und sich DIE PARTEI die gestandenen “ Zum Wohl der Stadt – Politiker “ lediglich zum Vorbild nahm ? Das wünschen sie sich doch so sehr.
    Der Herr Funk hat es aber auch nicht leicht mit seiner Kanzlei und ihrem drolligen Vorsteher ( übrigens, gibt es da nicht noch die Ehefrau namens Würfel ? ).
    Was ist denn nun lustiger, Knüppel oder Würfel, nicht einfach. Reicht derartiges nicht irgendwann für eine weitere Hagen – Glosse, Herr Rösner ? Vielleicht auch dazu, daß der in der Tat fleißige DW-Chefredakteur womöglich nochmals richtig durchatmen kann ?
    Nee, nicht “ bleiben Sie gesund “ ( kaum mehr zu ertragen, genau wie das zum Hals raushängende andere unsägliche Wort ), ist ja alles bisher schon allenfalls halbgesund

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: