Als die Brötchen mit der Kutsche kamen

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Ein verborgener Schatz im Hagener Freilichtmuseum

Mit dem Bäckerwagen hat ein Bäcker seine Backwaren in der näheren Umgebung seines Wohnortes ausgeliefert. Foto: LWL/Wenning-Kuschel

In den Depots von Museen verbergen sich oft Schätze, die aus unterschiedlichen Gründen selten oder nie ausgestellt werden. Entweder passen sie nicht in das Ausstellungskonzept oder sie waren einmal Teil einer Ausstellung und bleiben für die Forschung gut konserviert verwahrt.

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) holt einige dieser Schätze ans Tageslicht und gibt Einblicke an Orte, die Besuchern sonst verborgen bleiben, zum Beispiel in das Depot des LWL-Freilichtmuseums in Hagen.

Wie kam das Brötchen zum Kunden? Während es heute in den Innenstädten nur so von Bäckereien und Backshops wimmelt, in denen es ein großes Sortiment an Backwaren gibt, bot vor etwa 100 Jahren meist nur ein Bäcker im Dorf eine sehr beschränkte Auswahl an.

In der rund 40.000 Objekte umfassenden Sammlung des LWL-Freilichtmuseums Hagen befindet sich ein Bäckerwagen, mit dem ein Bäcker ab 1926 seine Backwaren in die nähere Umgebung auslieferte. „Wenn das nicht mal ein verborgener Schatz ist“, sagt Sammlungsleiter Sebastian Hamburger und macht auf einige interessante Details an dem Wagen aufmerksam. Ein genauer Blick lohne sich oft, meint der gelernte Historiker, denn kleinste Details verraten oft eine Menge über die Geschichte des Objekts und seine ehemaligen Besitzer.

Der Pferdewagen mit dem Fach für Backwaren befand sich ursprünglich im Besitz einer Familie, die südlich von Iserlohn eine Landwirtschaft mit angeschlossener Gastwirtschaft betrieb. Dort wurde auch einmal pro Woche gebacken. Die seitlich aufgebrachte Aufschrift „Friedrick Stock Bräke“ gibt Auskunft über den ursprünglichen Besitzer des Wagens und dessen damaligen Wohnort. Sammlungsleiter Hamburger vermutet, dass die Lieferung per Pferdewagen nach der Verbreitung von Autos eingestellt wurde und der Bäckerwagen damit ausgedient hatte.

Ende der 1970er Jahre wechselte er den Besitzer, der das Gefährt für die Nachwelt erhielt. „Beim Umzug der 750-Jahr-Feier Iserlohns im Jahr 1987 wurde der Wagen nochmal vorgeführt. 2005 kam er schließlich in den Besitz des LWL-Freilichtmuseums und wurde zunächst auf dem Museumsgelände ausgestellt“, sagt der Historiker.

Bevor das Fuhrwerk 2018 vom Gelände ins Depot kam, wurde es konservatorisch bearbeitet. Dazu gehörte auch eine Behandlung in einer Thermokammer bei 55 Grad Celsius, um das Objekt von holzzerstörenden Insekten, wie zum Beispiel dem Bockkäfer, zu befreien“, berichtet der Magazinverwalter Frank Brüggendick, für den die präventive Schädlingsbekämpfung zum Tagesgeschäft gehört.

Bei der Begutachtung fielen ihm und dem Sammlungsleiter zwei interessante Details auf: „An dem Wagenrad befindet sich eine Spindelbremse, die mit einer Kurbel bedient wurde“, so der 36-Jährige Historiker. „Quasi ein Vorläufer der industriell hergestellten Bremsen, die wir heute in den Autos finden“, sagt er. „Allerdings wurde diese Bremse nicht angezogen, sondern gekurbelt, um das Hinterrad zu blockieren und ein Wegrollen des Wagens zu verhindern.“

Ein weiteres interessantes Detail an dem Wagen sei eine Halterung für eine Lampe, die in der Regel mit einer Kerze bestückt war. „Hinter der Flamme war ein Reflektor oder Spiegel angebracht, der das Licht bündelte und nach vorne lenkte, um auch in Dunkelheit fahren zu können“, erklärt Hamburger. Somit konnte die Lieferung bereits vor Sonnenaufgang beginnen und die Kundschaft bereits am frühen Morgen mit frischem Brot versorgt werden. „Leider ist die dazugehörige Lampe nicht mehr erhalten, aber das ist das Schöne an einer so großen Sammlung: Wir haben noch andere Kutschenlaternen in der Art, wie sie zu jener Zeit üblich waren.“

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