Klassenkampf in Hagen-Mitte

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Allianz des Grauens will keine Gesamtschule im Stadtzentrum

Das Objekt des Kampfes um die Klassen: Ricarda-Huch-Schule in Hagen-Mitte. Foto: Klaus Bärwinkel (CC BY 3.0)

Der von den bürgerlichen Parteien jahrzehntelang geschürte Schulkampf ist zurück. Er entzündet sich an einem Vorschlag des von der Stadt beauftragten Gutachters Wolf Krämer-Mandeau, der die Einrichtung einer 6-zügigen Gesamtschule in den benachbarten Gebäuden des Ricarda-Huch-Gymnasiums und des Berufskollegs Kaufmannschule empfiehlt.

Nur die SPD stellt sich hinter den Vorschlag des Gutachters, aber auch die Hagener Sozialdemokraten haben sich in der Vergangenheit nicht unbedingt als Vorkämpfer für Gesamtschulen ausgezeichnet.

Der Stadtbezirk Hagen-Mitte verfügt bislang über keine Gesamtschule, während gleich fünf Gymnasien hier beheimatet sind. Vor dem Hintergrund, dass schon seit langem viel zu wenige Plätze an Hagener Gesamtschulen zur Verfügung stehen, ist der Vorschlag des Gutachters naheliegend. Was aber längst nicht allen einleuchtet.

Es war wohl das politisch nachrichtenarme Corona-Loch, das die Freunde des 3-Klassen-Schulsystems auf die Idee brachte, ihre Anmerkungen zu dem schon seit Anfang Februar bekannten und damals auch im Schulausschuss diskutierten Plan reichlich zeitverzögert prominent im heimischen Blättchen unterzubringen.

In vorderster Front der Kritiker der Gesamtschulpläne steht der schulpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Thomas Walter: „Damit würde die Anzahl der Schulen in Hagen ja nicht gesteigert, wir hätten also nichts gewonnen.“ Die Tatsache, dass die Ricarda-Huch-Schule seit Jahren mit sinkenden Anmeldezahlen zu kämpfen hat, während jedes Jahr eine dreistellige Zahl von Gesamtschulbewerbern mangels Platz abgewiesen werden muss, scheint Walter dabei nicht zu tangieren.

Wenig verwunderlich, wenn man berücksichtigt, dass Walter als Gymnasiallehrer und Absolvent des Ricarda-Huch-Gymnasiums in der Sache nicht gerade als unbefangen eingestuft werden darf. Und wenn schon die Argumente nicht ausreichen, muss halt die Küchenpsychologie herhalten: „Die Umwandlung in eine Gesamtschule würde nur Unfrieden hervorrufen.“

Walter bezieht sich dabei auf die Gründungsphase der Gesamtschule Haspe vor 40 Jahren. Damals ist der „Unfrieden“ maßgeblich von seiner eigenen Partei geschürt worden. Er selbst kann sich wohl nur aufs Hörensagen beziehen und kaum eigene prägende Erinnerungen vorweisen – Walter ist Jahrgang 1971.

Indifferent gibt sich Nicole Pfefferer vom grünen „Allianz“-Partner. Sie steht der Umwandlung des Ricarda-Huch-Gymnasiums in eine Gesamtschule ebenfalls kritisch gegenüber und flüchtet sich in Gemeinplätze: „Gründlichkeit vor Schnelligkeit“ sei das Gebot der Stunde, beschreibt die WPWR ihre Position.

Die Fraktionssprecherin dürfte noch etwas anderes im Hinterkopf haben: Als Hohenlimburgerin hatte sie schon vor einem Jahr die Forderung erhoben, eine weitere Gesamtschule müsse in ihrem Stadtbezirk eingerichtet werden. Sollten sich die zwischenparteilichen Kämpfe um die Klassenzimmer im Stadbezirk Mitte festfressen, wäre so vielleicht der Königsweg für Hohenlimburg in Form eines „Kompromisses“ frei.

Die Kommunalwahl 2020 rückt unaufhaltsam näher und auch die strengsten Ideologen haben gemerkt, dass die ganz plumpe Tour nicht mehr zieht um ausreichend Wählerstimmen abzugreifen. Also ziehen CDU und FDP das Schulzentrum Wehringhausen ins Kalkül für die Gründung einer vierten Gesamtschule in Hagen. Bereits beim Bau des Schulzentrums gab es solche Überlegungen, die aber wegen der Blockade der bürgerlichen Parteien keine Mehrheit fanden.

Auch die jetztige Offensive, die von den Grünen unterstützt wird, ist mit Vorsicht zu genießen. So macht CDU-Walter die Gründung einer städtischen Gesamtschule an diesem Standort davon abhängig, dass „für die dort residierende Freie evangelische Gesamtschule (FESH) ein neues Quartier gesucht wird“, so die WPWR.

Walter ist also der Ansicht, es sei Aufgabe der Stadt, für einen privaten evangelikalen Verein als Immobilienmakler tätig zu werden. Der Fehler war doch, das Schulzentrum überhaupt Privaten zu überlassern, die dort eine (zu 87 Prozent aus Steuergeldern finanzierte) Gesamtschule eingerichtet haben – etwas, das die Stadt sträflich versäumt hat.

Grüne und SPD waren einmal engagierte Befürworter der Gesamtschule. Davon ist heute nur noch wenig zu spüren. In den grünen Kommunalwahlprogrammen von 2009 und 2014 ist trotz der schon damals bekannten Defizite keine Forderung nach mehr Gesamtschulplätzen zu finden. Im Programm von 2004 werden Gesamtschulen nicht einmal erwähnt.

Auch im SPD-Programm 2009 sucht man den Begriff „Gesamtschule“ vergeblich. In ihrem Wahlprogramm für den Zeitraum 2014 bis 2020 räumen die Sozialdemokraten zwar ein: „Die schulpolitischen Grundüberzeugungen der SPD sind weitestgehend im System der Gesamtschulen vorzufinden.“ Eine Forderung zur Einrichtung einer weiteren Gesamtschule aufgrund des Mangels an Plätzen haben allerdings auch sie nicht erhoben.

Aber jetzt steht wieder eine Wahl vor der Tür. Um das Plätzchen im Ratssaal zu sichern, empfiehlt es sich ein wenig Staub aufzuwirbeln. Mal schaun, ob es hilft.

Eine Antwort to “Klassenkampf in Hagen-Mitte”

  1. KranichMuss Says:

    Die Liselotte-Funcke-Schule ist zwar nicht erwähnt, aber ist diese nicht mit im Spiel ( hab´s jetzt nicht vor mir ) ? Falls, ist da nicht ein Herr Pfefferer Schulleiter und wenn, dieser nicht der Ehemann der gen. Frau Pfefferer von den Grünen, der vielleicht partout nicht vom Remberg weg und nach Wehringhausen möchte ?
    Klingt, zugegeben, spekulativ und falls es so nicht ist, habe ich quasi Quatsch geschrieben / vermutet..
    Unabhängig davon, hat der DW nicht schon gelegentlich von evtl. persönlichen Interessen, die hier auch anderer Art sein könnten, berichtet, die aber auf Sachebene ( auf die man vorzüglich alles ziehen und dort diskutieren kann, während es um ganz anderes geht ) gebracht wurden ?
    Wie immer, Wahlkampf und politisches Gerangel ist das eine, ganz persönliche Interessen ein anderes. Mal auf die Sommer-Tournee – Corona im A.(rm ) – gespannt.

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