Endstation Trash

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Niveau der WPWR droht ins Bodenlose zu sinken

Es wird immer schauriger mit dem örtlichen Blättchen. „Wir brauchen Ihre Hilfe“ bettelte die Hagener Lokalausgabe der WPWR am Freitag und forderte die Leser auf, Futter zu liefern, um das bevorstehende Sommerloch zu füllen.

Dieses Jahr sollen „Tabus“ gebrochen werden: „Wir möchten Hagener das aussprechen lassen, worüber sie sich sonst nicht zu sprechen trauen.“ Redakteur Mike Fiebig liefert auch gleich die Erklärung für das Warum: „Nicht, weil wir reißerisch sein wollen. Nicht weil wir einfach nur außergewöhnliche Geschichten suchen. Und auch nicht, weil wir provozieren wollen.“

Nein, natürlich nicht, „wir wollen Mut machen“. Deshalb – und nicht etwa, weil die Auflage seit Jahren in den Keller rauscht und reißerische Themen Quote bringen – fordert das Blatt mit einem halbseitigen Formular seine Leser auf, Informationen in der Redaktion abzuliefern: „Kennen Sie jemanden, auf den einer der Punkte zutrifft? Dann wenden Sie sich an uns.“

Beispielsweise „jemanden, der nicht schreiben und lesen kann“ oder „jemanden, der sein Kind geschlagen hat“ oder „eine Frau, die sich nicht rasiert“ oder „jemanden mit Blasenschwäche“ oder „einen Mörder/Totschläger“ oder „jemanden, der unter Zwangsstörungen leidet“. Insgesamt listet der Coupon 50 solcher Fragen auf, am Ende die Anweisung: „Coupon ausfüllen, ausschneiden und an die Stadtredaktion schicken.“ Für mehr Nachdruck fehlt nur das Ausrufungszeichen.

Die WPWR ist damit auf dem Niveau des Trash-TVs angelangt. Auch diese Privatsender würden nie einräumen, dass sie „reißerisch sein wollen“, wenn sie in ihren „Reportagen“ benachteiligte oder gescheiterte Mitmenschen vorführen.

Die Medienpsychologen Gary Bente und Bettina Fromm haben schon 1997 die Intimisierung als eines der zentralen Merkmale der Trash-Medien charakterisiert. Vormals eindeutig im privaten Bereich liegende persönliche Belange und Aspekte zwischenmenschlicher Beziehungen werden zum öffentlichen Thema. Die emotionalen Aspekte der Geschichten, also das persönliche Erleben und Empfinden, werden betont.

Man kann nur hoffen, dass sich die Wünsche der Redaktion nach vielen Einsendungen des Fragebogens nicht erfüllen. Zu befürchten ist aber, dass sich genügend Selbstdarsteller finden, die sich auch mal in der Zeitung sehen wollen. Und Denunzianten, die endlich beweisen möchten, was sie alles wissen.

Dann droht im Sommer zwei Monate lang täglich redaktioneller Müll ins Haus zu flattern. Da kann man das Blättchen eigentlich auch gleich abbestellen.

6 Antworten to “Endstation Trash”

  1. hansimäuschen Says:

    Na klar, wer würde sich nicht am ehesten dafür eignen, geradezu aufdrängen, etwas bisher privat nicht geoffenbartes nun preiszugeben als unsere Funke-Medien. “ Wir brauchen Ihre Hilfe “ ist ganz wörtlich zu verstehen, und man meint nun, das ginge soo. Diese besteht zum einen darin, sich als Journalisten nicht selbst zur Seitenfüllung Gedanken machen zu müssen und sich andererseits von der Verflachung der Berichterstattung ( jede Menge Baustellen, Projekte, Räuberpistolen, die obligatorischen Loriot-orientierten Politiker/ Verwaltungs“Spitze“-Runden usw. usf. ) vehement zu verabschieden.
    An sich ein löbliches Vorhaben, doch zu entsprechenden Überlegungen vorher statt z. B. Casting Catering ?
    Der WP/WR-Beauftragte für die tiefen westfälischen Emotionen, Mike Fiebig, hält es so wie oft schon erlebt. Im Glauben, mit nur einer Hirnhälfte zurecht zu kommen bzw. beiden ohne irgendeine Verbindung, läuft es dann, wenn man spitz bekommt, daß es tatsächlich so etwas wie Emotionen gibt, aus dem Ruder und wird urkomisch bis grotesk.
    Das kann einem leid tun, dürfte aber im redaktionellen wie Boeler Umfeld in der Tat auch schwer sein.
    Ja, die Leute werden kommen, ebenso wie zur langersehnten OB-Sommer-Tournee unter´m gelb-blauen Regenschirm mit Lüftungsschlitz, um dem Leibhaftigen voll Stolz von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen.
    Der Sommer wird noch interessant, auch, wenn man an die Seiten “ Jemand, der keusch lebt, noch nie Sex hatte „, “ Jemanden, der keine Ahnung von Kommunalpolitik hat “ oder “ Jemand, der zugibt, daß er dement ist “ ( Donnerwetter ), “ Jemanden, der sich nicht traut, Auto zu fahren “ ( Achtung, DW !..) denkt.
    Abbestellen ? Wären da nicht zudem die regelmäßig knallharten Reportagen der Party-Queen Yvonne Hinz, nur u. a. …

  2. Jürgen Dute Says:

    Themen hatte das Einheitsblatt zur Genüge, doch hat sie sich nicht herangetraut und den „Schwanz“ eingezogen.Wenn es zur Sache geht, dann passiert Nichts, sondern man duckt sich weg, um Vorteile nicht zu gefährden. Den Bürger in so einer Weise um Hilfe zu bitten ist mehr als Armut. Mit Journalismus hatte es in der Vergangenheit wenig zu tun. Jetz hat dies mit Journalismus absolut garnichts mehr zu tun. Ist das die Handschrift des neuen Chefredakteurs. Würde mich nicht wundern.

    Den Leser als „Spitzel, Spion“ oder was auch immer zu Missbrauchen, das ist schon mehr als fragwürdig. Leider wird es so kommen, da bin ich mir sehr sicher, dass es Klientel gibt, die entsprechende Geschichten liefern. Man kann nur hoffen, dass die Auflage weiterhin sinkt. Mieser geht es nicht!

    • hansimäuschen Says:

      Ich kann es mehrfach übersehen haben, aber online ich find das Ding – auch mit Sucheingabe – nicht mehr. Man wird doch nicht zu später Einsicht gekommen sein und die Klamotte zurückgezogen haben ?
      Im übrigen fände ich es sinnvoll, wenn WP/WR mal in geeigneter Form die Leser befragen, was ihnen mißfällt – das sind nach meinen Erfahrungen nicht wenige -, sie sich anderes wünschen oder auch vorschlagen ( im vom DW erwähnten Blättchen handelt es sich um durchweg vorgegebene Fragen, nicht einmal “ sonstiges: “ erscheint. Nur im “ Guten Morgen “ ist etwas angedeutet, kann so aber leicht untergehen.
      Wenn Herr Koch mal wieder reinschaut, was er vermutlich nicht nur als “ Spion “ , sondern auch aus regem Interesse täglich tun wird, dürfte seiner Redaktion konstruktiven Rat geben. Ich glaube nicht, daß Jemand Journalisten & Co. Arbeitsplatzverluste wünscht, nur sich selbst eine veränderte Zeitung ( s. o. ). Allerdings bleibt die Frage, ob mittel- bis längerfristig diese aufrecht erhalten bleiben soll, wie schon mal angesprochen.
      Hochwohlgeborener Jürgen Dute, ja, ich gehöre zu den Dummen ( Zeitungslesern ), nicht nur deshalb, o.k. . Waren das nicht mal die gutgemeinten Worte ? Aber es stimmt teilweise, und es tröstet mich, daß an und für sich Jeder AUCH dumm ist ( da fühlt man sich wohl ;-)))) ). Der andere Teil ist so, daß es keine Alternativen gibt ( Wochenkurier weg und auch nicht ohne, Stadtanzeiger 🙂 ? ), aber ein paar Dinge zu lesen sind, die man woanders nicht findet, ich als Dummer jedenfalls nicht.
      Aber zugegeben, ein hoher Preis oder, Herr Koch ?
      Und, ich würde schmerzlich die morgendlichen 2, 3 Kaffee-Flecken auf der Zeitung und das heimelige knistern auf´m Klo vermissen, nicht zu unterschätzen.. .
      Also, mindestens halbdumme Grüße, Jürgen Dute

      • Jürgen Dute Says:

        Sorry, das „Dumme Leser“ gehörte natürlich in Anführungsstriche. Natürlich ist nicht jeder dumm, der die Zeitung liest, aber es soll Menschen geben, die leider als Zeitung nur dieses eine liest und sich hieraus ihre Meinung bildet. Es ist nun schon wirklich schmal, was da so abgeliefert wird. Aber sei es drum. Es gibt Schlimmeres. Danke für den ausführlichen Hinweis.

    • hansimäuschen Says:

      Ich bestehe darauf, Jürgen Dute, damit nicht nur zu kokettieren , mindestens halb dumm zu erscheinen, sondern es auch zu sein, da gibt es nicht´s schön zu reden. Das kann aber wohl richtig nur im Glauben daran gelingen, daß es Alle anderen auch sind… ( dann geht es Eim gleich besser ).
      In diesem Sinne eine vertraute Nacht

      p.s. : Wenn man übrigens sein Kind “ Mike “ ( wohl in Analogie zu Tyson ) nennt, zeigt es etwas auf und hat Folgen..

  3. Jürgen Dute Says:

    hansimäüschen, in manchen Dingen gehen wir in die gleiche Richtung. ich glaube, du hast mir schon einmal gegeben. Mach es einfach nochmal. Danke

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