Chance vertan

by

von Christoph Rösner

Hanau! Ein Fanal für das drohende Ende unserer derzeitig noch existierenden gesellschaftlichen Ordnung. Es wurde viel getrauert danach. Es wurde viel geredet danach. Und gemahnt wurde danach, von allen, von jedem, von uns. Das Entsetzen über die Ermordeten in Hanau war groß, war ehrlich, saß tief.

Und dann? Helau, Alaf, Hagau! Landauf, landab Weiberfastnacht, Sitzungen, Straßenkarneval, Umzüge.

Neun tote Mitbürger, kalt, krank und rassistisch hingerichtet am Tag vor dem großen Jauchzen, Saufen, Schunkeln.

Und die stillen Befürworter möglicherweise unter uns? Schunkelnd, feiernd, saufend? AfD-Wähler verkleidet als Indianer oder Chinese? Inmitten der Massen, unerkannt, lustig und untergehakt im Takt des Humbatätärä sich bewegend? Wer weiß es schon?

Ein trauernder Dom in Köln, eine gereimte Antinazi-Tirade in Mainz, ein Papphöcke in Düsseldorf. Das musste reichen. Wichtig jedes Statement. Aber mehr als Alibi? Ansonsten lautes, buntes, schrilles Karnevalieren in vielen kleinen und großen Städten. Und die Argumente gleich hintendrein. Jetzt erst Recht, das Brauchtum ist stärker als der Hass und, und, und. Und immer wieder die These vom Angriff auf uns alle.

Fragen wir doch mal, wie es wäre, wenn es tatsächlich ein Angriff auf uns alle gewesen wäre.

Fragen wir doch mal, wie wir damit umgehen, wenn man Mitglieder unserer Familie, unsere Freunde und andere wichtige Lebensmenschen gezielt mit Kopfschüssen hinrichtet.

Fragen wir!

Und geben wir uns sofort die Antwort!

Ja, dann verkleiden wir uns und gehen Karneval feiern, selbstverständlich! War doch so geplant. War doch ausgemacht. An dem Kostüm habe ich mehr als vier Monate gearbeitet. Und die Motivwagen erst! Da stecken zehn Monate Arbeit drin.

Nein? So kann man nicht argumentieren? Das ist zynisch! Ist es das wirklich?

Ist es nicht viel mehr zynisch, die Sprache der Trauer zu missbrauchen, um ohne sicht- und fühlbare Veränderung weiterzumachen, wie bisher? Was zählt mehr? Die Arbeit an einem Motivwagen oder ein Menschenleben? Oder zwei oder zehn?

Unter Johlen und Schunkeln ziehen wir die Brandmauern hoch. Rufen nach Verschärfungen. Fordern hartes Durchgreifen und ein Ende des Weiterso. Werfen Kamelle als rhetorische Blendgranaten.

Was wäre denn gewesen, hätten die Organisatoren und Karnevalskomitees voller Emphase und Verantwortungsbewusstsein für das zivile Miteinander den Karneval 2020 tatsächlich abgesagt?

Dieser Aufschrei hätte vermutlich unser ohnehin schon malträtiertes Trommelfell zum Platzen gebracht.

Oder – wäre vielleicht etwas völlig anderes geschehen? Hätte eine solche großartige, verantwortungsvolle Entscheidung in der Bevölkerung etwas ausgelöst?

Wäre es vielleicht dazu gekommen, dass Menschen das Narrenkostüm ausgezogen und sich abgewendet hätten von dem verordneten Lach- und Schunkelflash und sich hingewendet hätten zu den trauernden Hinterbliebenen in Hanau?

Und stellen wir uns noch viel mehr vor: wie wäre es gewesen, wenn in alkoholisierter Schunkellaune auf den Straßen der Republik plötzlich Menschen verharrt hätten eingedenk des Dramas in Hanau?

Plötzlich sich geweigert hätten, weiter untergehakt mit fremden Nachbarn im Wummern der Dumpfmusik sich zu bewegen. Stellen wir uns das vor! Und stellen wir uns weiter vor, dieses Verhalten hätte um sich gegriffen, und ganze Straßenzüge wären zum Stehen gekommen!

Niemand mehr hätte dem Wummern gelauscht, sondern nur seiner eigenen inneren Stimme. Wie gesagt, eine Vorstellung.

Diese Chance haben wir alle vertan.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: