Autoverkehr digital verflüssigen?

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Eine etwas merkwürdige Definition von „Nachhaltigkeit“

von Heidi Wenke, VCD Hagen

Um „Nachhaltige urbane Mobilitätslösungen“ ging es in einem öffentlichen Vortrag am Mittwoch, 5. Februar in der Fernuniversität Hagen. Referent Prof. Dr. Lutz Heuser, CEO des „Urban Institute“ (ui) in Walldorf, ‚Ihr(em) Partner für innovative und bezahlbare Lösungen für neue Dienstleistungen im Bereich „Smart City“.

Angekündigt wurde der Vortrag auf der Fernuni-Seite folgendermaßen: „Klimawandel und Dieselskandal haben viele Städte und Regionen in Deutschland veranlasst, über eine Verkehrswende nachzudenken. Neue E-Scooter überfluten die ersten Großstädte, schier unüberschaubare Car- und Bike-Sharing-Angebote überfordern Verkehrs- und Städteplaner. Zwar empfiehlt die EU-Kommission Städten, einen Plan für nachhaltige urbane Mobilität aufzustellen. Jedoch liegen oftmals keine gesicherten Erkenntnisse über das individuelle Mobilitätsverhalten der Menschen vor. Prof. Heuser setzt in seinem Vortrag den politischen Rahmen durch die EU-Kommission in den Kontext der Digitalisierung der urbanen Mobilität und zeigt Lösungsansätze für nachhaltige urbane Mobilitätslösungen auf.“

Im Laufe der Vortrags stellte sich heraus, dass diese ‚nachhaltigen urbanen Mobilitätslösungen‘ nach den Vorstellungen des Referenten darin bestehen, dass durch digitale Datenerfassung der Autoverkehr verflüssigt werden soll, indem ‚gesicherte Erkenntnisse‘ (z.B. Wer parkt wann, wo, wie lange?) in digitale Maßnahmen umgesetzt werden; als Beispiele seien hier zu nennen: Sensoren mit Display, die Autofahrern anzeigen, mit welcher Geschwindigkeit sie an der nächsten Ampel bei Grün durchkommen; oder digitale Parkleitsysteme, die z.B. in Anwohner-Parkbereichen den Parksuchverkehr verringern und so die Belastung für die Anwohner reduzieren sollen. Es wurden einige konkrete Beispiele (Darmstadt, Bad Hersfeld) genannt, wo diese verkehrliche Digitalisierung mit Hilfe des ui bereits umgesetzt wurde.

Obwohl bei der Fragerunde nach dem Vortrag Professeur Heuser äußerte, dass die Städte vom Autoverkehr wegkommen müssten, verstand er ‚Verkehr‘ fast ausschließlich als Autoverkehr. Lediglich einmal kam der ÖPNV vor, das Fahrrad erschien lediglich als ein Wort auf einer Folie, Fußgänger wurden als Verkehrsteilnehmer gar nicht genannt. Alle vorgestellten Maßnahmen zielten auf den Komfort des Autofahrers ab und scheinen eher geeignet, den Autoverkehr zu steigern statt zu reduzieren: Warum soll jemand sein Auto stehen lassen, wenn er einen freien Parkplatz findet?

Wer also bei dem verheißungsvollen Titel ‚nachhaltig‘ erhofft hatte, bei diesem Vortrag z.B. etwas zur Verkehrswende (Umverteilung von Verkehrsflächen, Reduktion des Autoverkehrs, Fahrrad- und Fußverkehrskonzepte) zu erfahren, wurde enttäuscht. Prof. Heuser vertrat stattdessen den Standpunkt, dass man die automobilen Mobilitätswünsche der Menschen nicht ignorieren könne und dem entsprechend den Autoverkehr – elektrisch als unhinterfragte ökologische Alternative – optimieren müsse.

Klar wurde auch, dass die Digitalisierung viele Investitionen erfordert, damit also von Unternehmen wie SAP und dem ui ‚nachhaltig‘ gutes Geld verdient werden kann.

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