Nachruf auf ein Hagener NS-Opfer

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Die Schüler des Projektkurses Geschichte des Rahel-Varnhagen-Kollegs haben anlässlich des 27. Januar 2020, Tag zur Erinnerung an die NS-Opfer und 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz einen Nachruf auf eine Hagenerin verfasst, die 1939 an den Folgen einer Zwangssterilisation starb.

Die Angaben beruhen im Wesentlichen auf Archivakten, die Rainer Stöcker, Autor des 2. Bandes von „Vergessene Opfer. NS-Steriliserungen in Hagen“ zur Verfügung gestellt hat. Die Schüler haben aus mehreren Biographien eine gewählt und zusammengefasst. Kleine Ergänzungen kommen von Internetrecherchen.

Ziel ist es, die Aufmerksamkeit auf diese Opfergruppe zu lenken. Sie war bisher in Hagen kaum bekannt, wie auch die „Fremdarbeiter“, Sinti oder Deserteure. Wenn alles gut geht, wird eine Schulausstellung zum Thema im Mai entstehen.

Übrigens wird das Thema auch kurz in dem neuen Heft über Emst behandelt. Besonders schockierend war es hier, dass ein Opfer und der Täter, Dr. Scheulen, wenige Meter entfernt voneinander wohnten.

NACHRUF

Gerda Oberbeck
geb. am 5.11.1921 in Hagen
gestorben am 24.6.1939 im Allgemeinen Krankenhaus

Liebe Gerda,

wir kennen dich nicht, aber wir wissen, dass du ein sehr kurzes Leben hattest. Du wohntest in der Albrechtstraße auf dem Kuhlerkamp und musstest schon in jungen Jahren arbeiten, um deine Familie finanziell zu unterstützen.

Du wurdest nach einem Test des Gesundheitsamtes der Stadt Hagen als „minderwertig“ und „erbbelastet“ eingestuft. Dies wurde dir wenige Tage später per Brief mitgeteilt. Du hast nie erfahren, wer dich angezeigt hatte.

Die Ärzte entschieden, dass du keine Kinder bekommen, nie heiraten, keine Familie gründen, keine weiterführende Schule besuchen, keine sozialen Leistungen bekommen durftest. Was dachtest du, als du den Brief gelesen hast, der alle deine Lebenspläne zerstörte? Und du wusstest auch: Sobald es sich herumspricht, werden Freunde und Kollegen dir aus dem Weg gehen.

In weiteren Briefen wurdest du dazu aufgefordert, dich im Allgemeinen Krankenhaus zu melden. Du hast die Briefe ignoriert, vielleicht zerstört oder versteckt.

Am 3.6.1939 fuhrst du wie jeden Tag zur Arbeit mit der Straßenbahn zur Ketten- und Munitionsfabrik Ruberg und Renner im Klosterviertel. Bei der Arbeit erschienen Polizisten, um dich ins Allgemeine Krankenhaus zu bringen. Wie fühltest du dich, als du vor all deinen Kolleginnen als „minderwertig“ bloßgestellt wurdest?

Drei Tage später wurdest du zwangssterilisiert. Musstest du auf den OP-Tisch gezerrt werden, wie einige andere Frauen, oder akzeptiertest du, dass deine Verstümmlung nicht mehr zu vermeiden war?

Nach der Operation ging es dir immer schlechter. Du hast vielleicht Gerüchte von anderen Frauen gehört, die hier gestorben sind, auch wenn man versucht hat, es zu vertuschen. Hattest du Angst? Konnte deine Mutter dich trösten? Am 24 Juni bist du gestorben.

Du bist nur 17 Jahre alt geworden, Opfer der Rassenpolitik der Nazis und ihrer Helfer. Das Gesundheitsamt beglich die vom Allgemeinen Krankenhaus gestellte Rechnung. Ein lohnendes Geschäft: Hunderte von Hagenerinnen wurden hier zwangssterilisiert oder zur Abtreibung gezwungen. Und danach vergessen. Bis heute.

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