Schlussgedanken

by

von Christoph Rösner

Was war? Was kommt? Wer weiß das schon genau? Wir meinen, zu wissen, was war. Aber war das, was wir zu wissen meinen, auch wahr? Wahr im Sinne von authentisch, nachprüfbar, falsifizierbar?

Oder war das, was wir als wahr angenommen haben, nichts als gemachte Wahrheit, von der wir glauben, dass nur sie die Ganze sein kann?

Fragen über Fragen am Ende eines Jahres, das wir so wohl noch nicht erlebt haben. Wahr ist wohl, dass sich das, was wir irgendwie überstanden zu haben glauben, sicher noch steigern lässt. Weil sich ja alles ins Unendliche steigern lässt: das Wachstum, die Renditen, die Aktiengewinne, der Profit … und eben auch der Irrsinn, die Paradoxien, die wir nur durch hektisches Nochmehr auszuhalten versuchen, weil man uns ja geschickt und allmächtig zwingt, dem Glücksversprechen hinterher zu hecheln, während sich Neofaschisten im Demokratenkostüm aufmachen, alles mühsam erlernte Wahre ins Gegenteil zu verkehren.

Wir fressen schon Eure Wahrheiten, keine Sorge. Bei unseren Luxusgütern und verdreckten Lebensmitteln funktioniert es ja schon blendend. Und auch sonst – schöne Bildchen auf Facebook oder Instagram, wunderbare Sinnsprüche für den Tag oder das Leben oder den Tod, egal, irgendeiner wird´s schon posten, dieses Gutgefühl für Sekundenbruchteile.

Dauerfeuer aus der Wohlfühlflak.

Denn Denken darf nicht ablenken vom Eigentlichen. Denken macht unabhängig. Denken kann sogar frei machen. Und wer wollte sich schon freiwillig die glitzernden Ketten des Ichwillalles abstreifen? Wir kriegen doch alles. Unsere von blödbunt verkleideten Boten auf die Couch geknallten matschig-weichen Pizzen oder Fleischspieße oder fetttriefenden Schnitzel mit Sauce aus Plastikkübeln oder, oder … lauwarm serviert und drapiert auf schickem Styroporgeschirr.

Unsere Läppchen, Hemdchen, Schälchen, Höschen, billig und giftig zusammengestoppelt irgendwo JWD zum schnellen Strip für die anschließende und – bitteschön – baldige Entsorgung im Altkleidercontainer – fürs gute Gewissen.

Unseren Dekokrempel, der die Weihnachtsmärkte, Schaufenster und Köpfe überquellen lässt. Auch der muss irgendwo aus irgendwas hergestellt worden sein.

Aufstand gegen diesen Wahnsinn? Mit wem denn, bitteschön? Aufstand? Mit solchen degenerierten Deppen, die nur aufmucken, wenn der Akku ihres Handys sich nicht schnell genug aufladen lässt?

Die nicht einmal dann aufmucken, wenn kriminelle Autobauer ihnen Dreckschleudern als mobile Sauerstoffgeräte unterjubeln.

Aufstand? Mit solchen Typen?
Selten war mehr Notwendigkeit zum Aufstand als jetzt.
Und genauso selten war Aufstand machbar wie jetzt.

Dafür habt Ihr gesorgt, Ihr übelsten aller Dealer. Ihr habt uns Junkies an der Leine und lasst uns freiwillig nicht wieder los. Aber, und das muss man Euch voller Bewunderung konzedieren, Ihr habt es fertiggebracht, dass wir es lieben, an Eurer Leine zu gehen.

An Euren Fraß habt Ihr uns gewöhnt. Wir tragen am Leib, was Ihr uns darauf schneidert. Wir schenken Euch freiwillig unsere intimsten Daten. Wir amüsieren uns zu Tode in Eurer Amüsiermaschinerie. Wir schrappen mit kleinstadtgroßen Kähnen vorbei an den Elendsvierteln der Welt, vollgefressen und lallend beim Kaptain`s Dinner – die Fotos vom Luxusfraß gleich online – und ein paar Münzen für die niedlichen Negerkinderlein sind selbstverständlich inklusive.

Vielleicht sind nur noch die jungen Menschen hierzu in der Lage. Vielleicht müssen wir den Jungen vertrauen, eine bessere Welt zu bauen. Vielleicht aber müssen wir uns nur damit abfinden, dass Aussterben die beste aller Optionen wäre.

Aber bis dahin arbeiten wir uns mit der bunten Leine um den Hals für euch krumm und blöd, um danach wieder Euren Dreck fressen, Eure Lappen anziehen, Euch noch mehr Daten schenken und uns noch mehr amüsieren zu können auf immer größer werdenden Gigalinern der Meere, die pro Fahrt Berge von Dreck rauslassen – aber vegan und mit Trinkhalmen aus Bambus.

Derweil Ihr in Euern umzäunten Tempeln am Rande der Welt Euch leider nur halbtot lacht über uns, Euer Konsumvieh, das Ihr so schön, so wunderbar und so nachhaltig domestiziert habt.

Wachstum in Deutschland funktioniert immer. Die Zahlen sprechen Bände. Nie so viele SUVs, nie so viel Plastik, nie so viele Flüge, nie so viel Zuviel.

Eure Ikone all dessen regiert mit dem verlässlichen Instinkt des Kapitals und der Schamhaftigkeit einer abgehalfterten Nutte das Capitol in Washington. Weit habt Ihr es gebracht. Ihr könnt stolz auf Euch sein, Dealerpack des Mammons!

Die Zwanziger? Was soll schon werden? Wir werden weitermachen. Wir kennen nichts Anderes als immer weitermachen.

Aufstand?
Niemals!
Keine guten Aussichten also?
Nein.
Keine guten Aussichten, sorry – und – Frohes Neues Jahr!

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