Vergessene NS-Opfer

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Zwangssterilisierungen in Hagen

Am Montag, den 7.10.2019 um 18.00 Uhr findet im Rathaus an der Volme (Ratssaal) eine Veranstaltung des Hagener Geschichtsvereins, des Friedenszeichens und des Rahel-Varnhagen-Kollegs statt. Vorgestellt wird das Buch Rainer Stöckers mit dem o. a. Titel.

In Vertretung des Oberbürgermeisters wird Bürgermeister Horst Wisotzki das einleitende Grußwort halten.

Die Zeitzeugin Evarista Böttcher, geb, Furgeri, schildert den Rassenwahn der Nazis am Beispiel der eigenen Familie. Schüler des Rahel-Varnhagen-Kollegs stellen ausgewählte Opferbiographien vor. Der Autor Rainer Stöcker gibt einen Einblick in historische Zusammenhänge. Parallel zu den einzelnen Beiträgen werden zeitgenössische Fotos gezeigt.

Zum Buchinhalt:

Aufgrund des „Erbgesundheitsgesetzes“ von 1933 wurden allein in Hagen etwa 1000 Personen zwangssterilisiert. Mit dem Buch soll an das Schicksal und die Leiden dieser Menschen erinnert werden, die von den Nazis als „schwachsinnig“ und „erbkrank“ eingestuft wurden und deren Fortpflanzung zum „Schutz der Rasse“ verhindert werden sollte.

Betroffen waren in der Regel „einfache Leute“. Wer die „Hilfsschule“ besucht hatte oder als Fabrikarbeiter einer vermeintlich niedrigen Tätigkeit nachging, war besonders gefährdet, zumal dann, wenn er etwa uneheliche Kinder hatte oder sonstwie negativ aufgefallen war. Unzählige Menschen wurden zu Unrecht sterilisiert, selbst nach den Maßstäben der NS-Rassengesetzgebung. Soziale Vorurteile, Willkür und Opportunismus führten dazu, dass im Zweifelsfall gegen die Betroffenen entschieden wurde. Grundsätzlich konnte jeder ins Visier der Rassenfanatiker geraten.

Karrierebewusst stellten sich besonders Ärzte und Juristen in den Dienst der Rassenideologie. Zentrale Instanz des sogenannten Erbgesundheitsverfahrens war das städtische Gesundheitsamt. Hier wurden die Erbkrankverdächtigen „untersucht“ und einem höchst fragwürdigen Intelligenztest unterzogen. Hier wurde das „belastende“ Material gesammelt, das diverse Ämter, Behörden und Dienststellen auf Anordnung des Amtsarztes hinter dem Rücken der Opfer erschnüffelt hatten. Dazu gehörten auch Informationen – etwa zum Arbeits- und Sozialverhalten -, die beim betreffenden Arbeitgeber eingeholt wurden.

Schließlich stellte der Leiter des Gesundheitsamtes beim Hagener Erbgesundheitsgericht den Antrag auf Unfruchtbarmachung. Ihm wurde in der Regel entsprochen. Der Eingriff geschah entweder im Allgemeinen Krankenhaus oder im Evangelischen Krankenhaus Haspe. Widersetzte sich jemand der Anordnung, dann wurde die widerspenstige Person von zu Hause oder auf der Arbeitsstelle abgeholt und von der Polizei zwangsweise dem Krankenhaus zugeführt.

Nach erfolgter Sterilisierung setzte sich die Diskriminierung fort. Einmal registriert und als minderwertig abgestempelt, standen die Betroffenen weiterhin im Abseits und wurden streng überwacht. In Gefahr gerieten selbst Familienangehörige, Freunde und Bekannte. Die Gesundheitsbürokratie arbeitete unermüdlich weiter, selbst als weite Teile Hagens bereits in Schutt und Asche lagen und sich das Ende des Regimes abzeichnete.

Bezeichnend ist das Schicksal von Else Neuhaus und Hermann Weißenborn. Else Neuhaus war 1936 zwangssterilisiert worden. Eine Heirat wurde verwehrt, weil diese als „in volksbiologischer Hinsicht“ unerwünscht war. 1943 nahm Else Neuhaus ihren Lebensgefährten bei sich auf, als dieser ausgebombt wurde. Auf Druck der Behörden sollten sie ihre Beziehung beenden. Im Oktober 1944 musste Hermann Weißenborn bei der Polizei erscheinen. Laut Protokoll erklärte er: „Mir ist eröffnet worden, dass das Zusammenleben mit der Frau Neuhaus nicht gestattet werden kann und ich evtl. in ein Konzentrationslager eingewiesen werde, wenn ich diese außereheliche Gemeinschaft fortsetze.“ Dazu kam es jedoch nicht mehr. Else Neuhaus und Hermann Weißenborn starben Anfang November 1944 bei einem Bombenangriff. Ihre Akte konnte geschlossen werden.

Nach dem Ende der NS-Diktatur kamen die Täter ungeschoren davon und konnten ihre berufliche Tätigkeit fortsetzen. Den Opfern blieb die Rehabilitierung verwehrt. Sie erfolgte erst nach Jahrzehnten, für fast alle kam sie zu spät.

Das Buch ist ab dem 7.10.2019 zum Preis von 12 Euro in den Hagener Buchhandlungen erhältlich.

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