„Es hat immer Umbrüche gegeben“

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Interview mit dem FernUni-Philosophen Prof. Thomas Bedorf über die Folgen des medialen Wandels für gedruckte und digitale Medien

Nach 17 Jahren erscheint im Juni 2019 die letzte Ausgabe der Hochschulzeitung „FernUni Perspektive“. FernUni-Pressesprecher Stephan Düppe sprach aus diesem Anlass mit dem Sprecher des Forschungsschwerpunktes „digitale_kultur“, dem Philosophen Prof. Dr. Thomas Bedorf, über den medialen Wandel (Foto: FernUni).

Lieber Herr Professor Bedorf, Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“ Wie verhält es sich mit dem „Lesezeug“? Welche Bedeutung hat die Materialität eines Mediums für die Rezipientinnen und Rezipienten?

Prof. Thomas Bedorf: Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken. Sie sind von der Menschheit zu einem bestimmten Zeitpunkt erfunden, und danach von Menschen erworben, verfeinert und weitergegeben worden. Diese Kulturtechniken sind natürlich einem historischen Wandel unterworfen. Es hat immer verschiedene Weisen gegeben, wie wir geschrieben und gelesen haben. Es hat auch Zeiten gegeben, in denen wir gar nicht geschrieben haben, sondern Teil einer mündlichen Kultur waren. Die griechische Überlieferung bestand aus Epen, die gereimt waren, weil man sich Reime besser merken konnte – denn die Epen wurden mündlich weitergegeben. Das muss man spätestens seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks nicht mehr.

Die Materialität der Dinge, mit denen wir lesen und schreiben, beeinflusste immer schon die Art und Weise, wie wir das tun. Nur liegen solche historischen Wandlungsprozesse so lange zurück, dass wir uns in unserer Generation nicht daran erinnern können. Deswegen erscheint uns der heutige Wandel hin zum Digitalen als neu und einzigartig, obwohl es historisch gesehen immer Umbrüche gegeben hat. Was konkret das Lesen angeht, so sind wir durch die Materialität von Papier und Buchdruck sozialisiert und kulturalisiert worden. Diese haben den Nachteil der Lokalisiertheit: Bücher liegen oder stehen irgendwo, zum Beispiel auf einem Tisch oder in der Bibliothek, im Bücherschrank oder am Strand im Liegestuhl. Bücher haben ein bestimmtes Gewicht, sie transportieren sich nicht von selbst, sie haben gegenüber den neuen Medien den Nachteil der Lokalisiertheit und Immobilität.

Auch die Hochschulzeitung mussten wir verschicken, Leserinnen und Leser musste sie postalisch zugeschickt bekommen oder sich holen. Eine gedruckte Zeitung ist nicht zwangsläufig dort verfügbar, wo ich bin.

Bedorf: Genau. Und demgegenüber haben bildschirmorientierte Lesepraktiken den Vorteil, dass wir sie überall anwenden können. Das war sozusagen die Revolution des iPhone vor zehn Jahren. Insofern spielen Leseorte wie die Bibliothek, der Schreibtisch oder das Café nicht mehr eine so wichtige Rolle. Die beiden zentralen Vorteile digitaler Medien sind Geschwindigkeit und Verfügbarkeit. Wir haben mittlerweile auf viele Texte mehr Zugriff. Das erscheint uns trivial, weil es uns so selbstverständlich geworden ist. Aber wir könnten niemals eine ganze Bibliothek mitnehmen.

Printmedien gelten heutzutage für manche Menschen als höherwertig gegenüber den digitalen Medien. So sehen es bei unserer Universitätszeitung bisweilen auch diejenigen Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler, über die wir berichten: Es wird als etwas Besonderes empfunden, dass man „in der Zeitung steht“. Für die bedeutenden überregionalen Zeitungen gilt das auch. Woran liegt das? Denn die Botschaft ist ja dieselbe, ob sie in gedruckter Form oder digital verbreitet wird.

Bedorf: Ich glaube, dass das nicht an der Materialität des Mediums liegt, in dem die Nachricht oder der Bericht erscheint. Es hat vielmehr etwas mit Verknappung zu tun, mit Selektivität. Ein Artikel in den großen überregionalen Tageszeitungen wie der FAZ oder der SZ wird als bedeutsamer empfunden, weil diese Zeitungen nicht über alles berichten können. denn sie haben nur einen begrenzten Umfang. In der Rubrik Geisteswissenschaften können dann z.B. jeden Mittwoch nur zwei Artikel erscheinen und das war’s. Im Internet dagegen können beliebig viele Nachrichten über beliebig viele Ereignisse erscheinen.

Das wäre also eine andere Form von Beliebigkeit – im Sinne von Austauschbarkeit. Das würde also bedeuten, man müsste innerhalb der Onlinekommunikation ein exklusiveres Umfeld schaffen, um dieselbe Form von Bedeutung zu schaffen wie in den Printmedien.

Bedorf: Dieselbe Diskussion führen wir auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Publikationstätigkeit seit zehn Jahren in Bezug auf Open Access. Dieser wird ja auch von Forschungsförderinstitutionen wie der DFG propagiert wird, während sich die großen geisteswissenschaftlichen Verlage stark dagegen gewehrt haben, weil sie darin eine Gefährdung ihrer Existenz sehen. Auch ich fände es schade, wenn es Verlage wie zum Beispiel den Meiner-Verlag nicht mehr gäbe, der seit 300 Jahren immer sehr qualitätsvolle Bücher produziert hat.

Aber kulturgeschichtlich ist das vollkommen irrelevant. Was diese Verlage machen, ist Qualitätssicherung durch Verknappung: Nicht jedes Buch erscheint bei Meiner oder Suhrkamp. Bei Suhrkamp will man erscheinen, weil allein das Cover und der Name dieses Verlages ein Renommee verleihen, das nicht jeder bekommt. Was das Internet mit seiner Vervielfältigung von Publikationsmöglichkeiten noch nicht gefunden hat, ist ein Verknappungssystem mit Qualitätssicherung. Wenn es das gäbe, wenn Suhrkamp, Meiner oder die FAZ mit demselben System einfach das Medium wechselten, dann könnten Printverlage auch untergehen.

Man sagt den digitalen Medien auch häufiger nach, sie seien bequemer zu konsumieren. Glauben Sie, dass Botschaften, die man über ein Digitalmedium verbreitet, die Rezipientinnen und Rezipienten deshalb leichter erreichen, und wenn ja: Ist das ein Vor- oder Nachteil? Denn umgekehrt heißt es ja auch oft, was keine Mühe macht, bleibt auch nicht hängen.

Bedorf: Das ist sicher ambivalent. Ich erinnere mich an meine ersten Studienjahre: Immer wenn ich selbst Arbeit hineingesteckt habe, mir selber etwas erarbeiten musste, weiß ich die Inhalte noch heute. Bei anderen Lehrveranstaltungen erinnere ich mich nur noch an das Gesicht des Dozenten und das Thema, aber nicht mehr an den Inhalt, weil ich selbst bloß Konsument war. Das, was man selber durcharbeitet, hat eine längere Beharrungskraft als das, was man kurz wahrnimmt und was dann im Strom der Twitter-Nachrichten wieder verschwindet. Es sind einfach verschiedene Arten von Information: solche, die man auf eine konsumierende Weise gut rezipieren kann und solche, für die man mehr Zeit braucht.

Ich selbst habe aus Zeitgründen gedruckte Zeitungen für mich abgeschafft und lese schon seit langer Zeit die FAZ oder Süddeutsche in der Smartphone-App. Das geht natürlich überall, im Zug, beim Warten auf den Bus usw. Dadurch bin ich gut informiert, ich nehme viele kurze Artikel zur Kenntnis, die ich ansonsten nicht gelesen hätte, weil ich keine Zeit habe, abends eine ganze Zeitung zu lesen. Das hat aber natürlich mit vertieftem Lesen oder wissenschaftlichem Lesen nichts zu tun.

Ist es dann das Medium, was den Unterschied ausmacht, oder sind es der Ort und der Zeitpunkt?

Bedorf: Da haben Sie Recht, das hat mit dem Medium nur sekundär etwas zu tun. Das kennen wir aus der Veränderung unserer wissenschaftlichen Arbeitspraktiken. Weil die Hochschule sich durch das projektförmige Arbeiten zu einem Betrieb gewandelt hat, sind wir dazu gezwungen, sehr viel mehr Literatur sehr viel schneller zur Kenntnis zu nehmen. Deshalb liest man von einem Artikel oft nur noch das Abstract, die ersten drei Seiten und das Resümee am Schluss. Das habe ich in meinem Studium nie gemacht. Daneben gibt es natürlich auch Bücher, die man gründlich liest. Diese Art zu lesen hat vor allem mit den veränderten Betriebsbedingungen der Wissenschaft zu tun und nicht so sehr mit den Medien. Das gab es auch schon, bevor man die Texte aus der Cloud auf sein Tablet laden konnte. Das ist ein Beispiel dafür, dass man dem Neuigkeitswert der neuen Medien nicht aufsitzen darf nach dem Motto, mit dem Smartphone und dem Tablet ist alles anders geworden. Das hat vielfach auch mit den – altmarxistisch gesprochen – Produktionsbedingungen von Wissenschaft zu tun.

Für Nachrichtenmedien gilt etwas Ähnliches. Ein breiteres Angebot bedeutet nicht, dass man dieses breitere Angebot auch komplett nutzen kann, denn die Zeit zum Lesen wird ja nicht länger. Die Mediennutzung wird an manchen Stellen oberflächerlicher. Aber oberflächliches Wahrnehmen muss ja nicht immer schlecht sein.

Bedorf: Genau. Man muss Unterscheidungen treffen können und das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Dafür braucht man Selektionsmechanismen, die bestimmte Verknappungsinstitutionen schon bereitstellen: Das ist ein Buch von Suhrkamp, dafür kann man sich Zeit zum Lesen nehmen. Und was auf Twitter durchrauscht, das nimmt man aus den Augenwinkeln zur Kenntnis und bleibt bei manchen Sachen hängen, bei manchen nicht. Da gibt es eben keinen Filter. Hashtags vielleicht, aber die kann ja jeder vergeben, wie er will.

Wir haben viel über Texte gesprochen. Ein produktionsbedingter Nachteil von Printmedien ist, dass sie nur Texte und Bilder übermitteln können, während digitale Medien per definitionem alles übertragen können, was medial darstellbar ist, also beispielsweise auch audiovisuelle Kommunikation. Was macht das mit uns, dass wir uns möglicherweise dadurch von Texten entfernen? Und ergeben sich daraus auch Chancen für die Wissenschaftskommunikation?

Bedorf: Ich denke, dass kommt darauf an, wie man selber medial sozialisiert ist. Ich sehe das bei jüngeren Leuten. Mein Sohn beispielsweise nutzt immer alle medialen Darreichungsformen, wenn er sich informiert: Audio, Video, Text, GIFs und so weiter. Während ich das Gefühl habe, dass es mich zusätzliche Zeit kostet, ein Video anzuklicken. Wir alle haben gute Lesekompetenzen und einen Text schnell verstanden: Es dauert eineinhalb Minuten, bis man einen Zeitungsartikel gelesen hat. Aber sich auch noch ein Drei-Minuten-Video dazu anzuschauen, wenn ich eigentlich denke, ich bin schon informiert, das mache ich meistens nicht.

Sie schauen das Video also zusätzlich zum Text an und nicht stattdessen.

Bedorf: Genau. Das ist bei der nachwachsenden Generation anders. Für die ist beides Teil eines Informationsstroms, eines Text-Bild-Stroms, den sie als Strom konsumieren. Ich konsumiere Text und Video eher als zwei verschiedene Medien und prüfe in einem Zwischenschritt erst einmal: Brauche ich das jetzt?

In der Wissenschaftskommunikation kann ich dem Medium Video schon etwas Positives abgewinnen: Texte, die über eine Tagung berichten, sind notwendigerweise trocken und unanschaulich. Wenn ich bei jemandem ins Labor schauen kann oder die Person, die einen Vortrag hält, mit ihren Gesten und ihrem Auftreten auch erlebe, wie sie den Text performiert, das kann für mich interessant sein, wenn mich die Sache interessiert. Aber ich muss mir die Zeit nehmen. Für den normalen Kommunikationsstrom ist mir das häufig zu viel, brauche ich das nicht. Wenn es mich aber interessiert, ist es etwas, das Papier mir nicht bieten kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

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