„In Hagen gibt es Befürchtungen“

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WPWR betreibt Wahlkampfhilfe für die AfD – mit Spekulationen

Vor einigen Jahren verbreiteten Rechtsextreme die Parole „70 Millionen Türken sitzen auf gepackten Koffern“. Das war die Zeit, als noch ernsthaft über einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union verhandelt wurde. Der Rechten-Spruch war trotzdem völliger Blödsinn, denn damals wuchs die türkische Wirtschaft rasant, und die Migration lief in umgekehrter Richtung: Viele Deutschtürken, gerade die gut ausgebildeten unter ihnen, gingen in das Land ihrer Väter und Großväter, um an dem Boom teilzuhaben.

Ein EU-Beitritt des Landes am Bosporus ist inzwischen kaum noch denkbar und damit auch eine Freizügigkeit für türkische Bürger in weite Ferne gerückt. Entsprechend wandelte sich das Feinbild Nummer 1 der deutschen Rechten: „Der Zigeuner“ rückt wieder in den Mittelpunkt.

Man sagt natürlich nicht mehr „Zigeuner“ – das ist auch nicht mehr nötig. Die einschlägige Klientel weiß auch bei „Facharbeitern aus Südosteuropa“ oder „rumänischen und bulgarischen Bürgern“ was gemeint ist und versteht die Botschaft.

Die sendet auch die WPWR aus mit ihrem unverfänglich klingenden Artikel „Mehr EU-Zuwanderung? Brexit-Folgen für Hagen noch unklar“. Ein umfangreicher Beitrag, der allerdings fast ausschließlich auf Spekulationen und unterschwelliger Angstmache beruht und knapp zwei Wochen vor der Wahl zum Europäischen Parlament eine prima Wahlkampfhilfe für die AfD abgibt. Denn, so das Einheitsblatt: „In Hagen gibt es Befürchtungen.“ Wer die außerhalb der Redaktionsstube teilt – unbekannt.

Es beginnt schon mit dem Brexit an sich. Wann er kommt, in welcher Form er kommt, und ja, ob er überhaupt kommt – das steht alles in den Sternen. Die WPWR entwirft aber flott ein Bild, nach dem eine rumänisch-bulgarische Invasion von der Insel droht: „In Großbritannien leben sehr viele Rumänen und Bulgaren. Was machen sie nach dem Brexit? Fast 400.000 von ihnen leben auf der Insel.“

Gut eingenordet durch vorangegangene Berichterstattungen des Blattes, wird so mancher Leser zu dem Schluss gelangen: Die wandern alle nach Hagen aus, es steht doch im Lokalteil.

Belege für ihre wüsten Spekulationen hat die WPWR nicht im Angebot, nur (angeblich) einige anonyme Quellen. Die „rechnen mit einem massiven Zuzug, wenn die innerhalb der EU geltende Freizügigkeit nicht mehr für Großbritannien gilt – zumal in den Jahren 2016 und 2017 Rumänen und Bulgaren aus Hagen in Richtung Großbritannien abgewandert sind“.

Der ganze Beitrag bewegt sich im Bereich zwischen Glaskugel und Kaffeesatz. Da sind die Brexit-Folgen „unklar“ und „werfen viele Fragen auf“. Es „könnte Hagen von starker Zuwanderung betroffen sein“, vielleicht aber auch nicht.

Dürfen EU-Bürger nach einem Brexit in Großbritannien bleiben?Nach allem, was man bislang weiß: zunächst ja.“ Und wenn nicht, wohin werden sie gehen? „Das ist völlig unklar.“

Wer bei der Lektüre des Textes bis zum Schluss durchhält, bekommt zur Belohnung die Stellungnahme einer Praktikerin. Carla Warburg, Fachdienstleiterin für Integration beim Caritasverband Hagen: „In den Beratungsstellen für Menschen aus Südosteuropa haben wir keine konkreten Anzeichen dafür, dass es vermehrt Zuzüge aus Großbritannien nach dem Brexit geben wird.“

Die „Qualität“ der lokalen Berichterstattung – wenn man sie noch so nennen will – fällt immer mehr unangenehm auf, um es zurückhaltend zu formulieren. Selbst in überregionalen Medien. In einem Beitrag im Deutschlandfunk wird Gabriele Schwanke zitiert, die Leiterin des Quartiersmanagements der Stadt Hagen, die sich ebenfalls auf einen Artikel des heimischen Einheitsblatts bezieht:

„Was besonders traurig ist, dass dann – das ist in Hagen vorgekommen – in der Zeitung steht, Roma-Kinder verrichten ihre Fäkalien in Spielplatzhäuschen. Das stimmt. Was allerdings nicht da stand, ist, dass die Häuser seit längerem kein Wasser mehr hatten, obwohl die Mieter ihre Abgaben gezahlt haben, der Vermieter hingegen, auch unseriös, die Abgaben nicht weitergeleitet hat. Und dann muss man sich einfach überlegen, ob man dann wirklich sagen kann: ‚Okay, Roma sind unsauber‘, wie auch immer – oder ob letzten Endes die Familien das gemacht haben, was andere auch vielleicht auch gemacht hätten: ‚Guck mal, geh da rein, da sieht Dich keiner‘.“

Der Deutschlandfunk erwähnt auch noch eine Gruppe Drogensüchtiger und Alkoholiker in der Unterführung zum Bodelschwinghplatz, die sofort losschimpft: „Was die Zigeuner hier an Scheiße machen.“ „Ja, genau.“

Gut möglich, dass sie regelmäßig die WPWR aus den Mülltonnen klauben. Diese Lektüre schärft erfahrungsgemäß das einschlägige Weltbild.

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