„Block 1 ist unbedingt in Gänze zu erhalten“

by

Professor Wolfgang Sonne hält den GWG-Block für „unbedingt erhaltens- und denkmalwert“

Dr. Wolfgang Sonne ist Professor für Geschichte und Theorie der Architektur an der Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen der Technischen Universität Dortmund seit 2007. Er ist ebenfalls wissenschaftlicher Leiter des Baukunstarchivs NRW sowie stellvertretender Direktor des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst.

Sonne sieht in dem zum Abriss vorgesehenen Wehringhauser GWG-Block ein „Bilderbuchbeispiel für die Entwicklung des sozialen Wohnungsbaus von 1870-1914“ und plädiert für einen Erhalt der Wohnanlage.

Das unterscheidet ihn fundamental von Laiendarstellern wie beispielsweise dem Vorsitzenden der FDP-Fraktion im Hagener Rat Claus Thielmann. Der weiß nur gönnerhaft mitzuteilen, die betroffenen Gebäude könne man sicherlich als historische Bausubstanz sehen. Nichtsdestotrotz solle möglichst schnell abgerissen werden.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen laut Professor Sonne eine ganz andere Sprache.

DOPPELWACHOLDER.DE dokumentiert hier seinen Ansatz:

Der Block 1 in Wehringhausen stellt auch international besehen ein ganz frühes Beispiel des Reformblocks mit zusammenhängender Blockrandbebauung und einem großen begrünten Innenhofgarten dar. Insbesondere die Abfolge von Eicken-Siedlung, Block 1 und Block 2 an der Langen Straße ist ein Bilderbuchbeispiel für die Entwicklung des sozialen Wohnungsbaus von 1870-1914: zunächst die einzeln stehenden Siedlungshäuser nach dem Mulhouse-Prinzip, dann der Reformblock mit unterschiedlich entworfenen Häusern und schließlich der Reformblock im einheitlichen Gesamtentwurf, wie das die Vertreter der Großstadtarchitektur wie beispielsweise Karl Scheffler als „Uniformierung der Großstadt“ um 1910 gefordert haben.

Mit seinem Entstehungsdatum ab 1899 bildet der Block 1 ein ganz frühes Beispiel des Reformblocks im sozialen Wohnungsbau in Deutschland und auch international. Wenngleich er sukzessive bis ca. 1910 errichtet wurde, so war doch bereits 1899 der Gesamtplan für die Bebauung des Blocks mit einer umlaufenden zusammenhängenden Blockrandbebauung und einem zentralen, gemeinsam zu nutzenden parkartigen Gartenhof vorhanden. Der gesamte Block war im Besitz eines Eigentümers (der Wohnungsbaugenossenschaft Spar- und Bauverein) und alle Häuser wurden von einem Architekten (Claus Hilker) entworfen. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass trotzdem jedes Haus als individueller Entwurf entstand, wohl um im Straßenbild den von der Gründerzeit bekannten malerischen Eindruck von vielfältigen Einzelhäusern fortzuführen.

Die enorm frühe Stellung und damit herausragende Bedeutung des Blocks 1 in Hagen-Wehringhausen wird deutlich, wenn man ihn mit den Reformbestrebungen des sozialen Wohnungsbaus in Berlin vergleicht. Dort entwickelte 1890 Alfred Messel sein Konzept für eine Reformblockbebauung, die den gesamten Hof des am Blockrand geschlossen bebauten Blocks für einen gemeinsamen Garten freihielt. Doch erst 1899-1905 – also zeitgleich mit Hagen – konnte er einen gesamten Block an der Weisbachstraße und der Kochhannstraße in Berlin als erstes Beispiel errichten. Das Modell machte deutschlandweit schnell Schule – das früheste Beispiel in Dortmund etwa ist der Althoffblock von 1914.

Auch international gibt es kaum frühere Beispiele für diesen Bautypus, der bis in die 1930er Jahre hinein prägend war. Die ersten Reformblöcke mit grünen Gemeinschaftshöfen in Wien etwa waren die Jubiläumshäuser 1896-1901, die nach einem Wettbewerb entstanden waren. Sie waren das Vorbild für die berühmten Wohnhöfe des Roten Wien der 1920er Jahre. In Amsterdam wiederum entstanden die ersten Reformblöcke ab 1913 im Stadtteil Spaarndammerbuurt; sie wurden die Vorbilder für die großen Stadterweiterungen von Amsterdam-Süd und Amsterdam-West nach den Plänen von Berlage in den 1920er Jahren. In Paris ist der Block der Fondation Rothschild von 1905 – wiederum nach einem Wettbewerb entstanden – der erste Reformblock, der als Startschuss für den sozialen Wohnungsbau im ganzen Land wirkt. Auch in dieser internationalen Sicht ist Hagen mit dem Block 1 ganz vorne in der Entwicklung.

Auf Grund dieser herausragenden Stellung des Blocks 1 in der Geschichte des Reformblocks ist er unbedingt in Gänze mit seinem Gartenhof zu erhalten. Ebenfalls ist das Ensemble an der Langen Straße von Eicken-Siedlung, Block 1 und Block 2 als beispielhafte Darstellung einer für Deutschland typischen Entwicklung des sozialen Wohnungsbaus, die sonst an keiner Stelle so didaktisch zusammensteht, unbedingt erhaltenswert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: