Schleichende Remondisierung

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Neben Enervie und Hagener Entsorgungsbetrieb ist die Rethmann-Gruppe jetzt auch beim heimischen Busverkehr im Geschäft

„Müllriese im Kaufrausch“ titelte das Handelsblatt bereits im Oktober des vergangenen Jahres. Jetzt sind die Verträge unter Dach und Fach: Die Rethmann-Gruppe übernimmt 34 Prozent des französischen Verkehrsunternehmens Transdev.

Transdev? Nie gehört? Nun, diesem Unternehmen gehört die Mehrheit von Habus, einer Firma, die einen großen Teil des Hagener Busverkehrs abwickelt. Die stadteigene Hagener Straßenbahn AG ist mit 49 Prozent nur Minderheitsgesellschafterin bei Habus.

Damit hat es die Rethmann-Gruppe, zu der auch Remondis gehört, in nur vier Jahren geschafft, in bereits drei zentralen Bereichen der Daseinsvorsorge in Hagen den Fuß in die Tür zu stellen: Energie- und Wasserversorgung, Entsorgung und ÖPNV.

Der Einstieg erfolgte 2014. Damals bot der Energieriese RWE seine Anteile (19,06 Prozent) am regionalen Versorger ENERVIE zum Kauf an. Eine Rekommunalisierung wäre mit dem Erwerb der RWE-Anteile durch die Stadt Hagen möglich gewesen, aber eine Ratsmehrheit lehnte den Kauf mit 38 zu 17 Stimmen ab. Damit war die Rethmann-Firma Remondis am Zug. Der damalige Oberbürgermeister Jörg Dehm hatte zuvor in einem Zeitungsinterview vor „mehr Risiko“ einer Rekommunalisierung gewarnt.

Dabei hatte schon ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Gutachten darauf hingewiesen, dass die Offerte von Remondis zweifellos ein „strategischer“ Preis sei, um den Fuß in die Tür zu bekommen. Die Gutachter kamen nach ihrer Einschätzung bei der Wertermittlung zu wesentlich geringeren Beträgen, die teilweise sogar unter Null lagen.

Dessen ungeachtet verzichtete die Stadt per Ratsbeschluss auf das ihr zustehende Vorkaufsrecht und speiste das Publikum mit der Ergänzung ab, der private 19,06-Prozent-Anteil werde auf keinen Fall erhöht. Was von solchen Behauptungen zu halten ist, auch wenn sie in Ratsentscheidungen gekleidet sind, sieht man daran, dass vier Jahre zuvor der Rat (einstimmig!) beschlossen hatte, ENERVIE zu rekommunalisieren, sobald sich die Gelegenheit böte. Das spielte jetzt keine Rolle mehr, und so wird es im Zweifelsfall auch der angeblichen 19,06-Prozent-Grenze ergehen.

Remondis übernahm also die RWE-Anteile an ENERVIE und war damit auch am Hagener Entsorgungsbetrieb (HEB) und dessen Schwester HUI beteiligt, da ENERVIE an beiden Betrieben je 29 Prozent der Anteile hält. Der Westen berichtete im Mai 2016: „Die Remondis-Gruppe (…) hat bislang keinen Hehl daraus gemacht, dass es für sie von hohem unternehmerischen Interesse sei, sich auf dem Hagener Müllmarkt partnerschaftlich und mit unternehmerischen Know-how einzubringen.“

Auch der im Ennepe-Ruhr-Kreis ansässige Entsorger AHE, der seit Jahresanfang in Hagen die gelben Säcke einsammelt, gehört zu 50 Prozent bereits Remondis. Der Müllriese aus Lünen rückt allenthalben näher. Nun also der Zugriff auf den Hagener ÖPNV.

Ludger Rethmann, Vorstandsmitglied der RETHMANN-Gruppe und Mitglied der Eigentümerfamilie, lobte die Übernahme von 34 Prozent der Transdev-Anteile in schönster Unternehmer-Prosa: „Wir freuen uns, gemeinsam die positive Entwicklung von Transdev innerhalb der Verkehrs- und Mobilitätsbranche weiter voranzutreiben. Dabei werden wir unser über viele Jahre angesammeltes Wissen über unsere Kunden ebenso einbringen wie unsere Erfahrung mit Public Private Partnerships und uns gerne der Herausforderung stellen, eine integrativere und nachhaltigere Mobilität zu gewährleisten.“

Wie die aussieht, lässt sich momentan bei der Transdev-Tochter NordWestBahn beobachten, die im Bereich des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR) sechs RE- und RB-Linien betreibt. Wegen seit Wochen anhaltender für die Fahrgäste untragbarer Qualitätsprobleme und Zugausfällen sah sich der VRR Ende Januar veranlasst, die NordWestBahn abzumahnen.

Der VRR erklärte dazu:Die NordWestBahn konnte die Betriebsstabilität und damit die Betriebsqualität allerdings nicht verbessern. Der Personalmangel verschärfte die Situation seit Dezember 2018 zusätzlich. Auch der unzureichend eingerichtete Schienenersatzverkehr mit Bussen konnte keinen adäquaten Ersatz bieten. Zudem wurden die Fahrgäste nicht ausreichend über Ausfälle informiert.“

Daher belegt der VRR die NordWestBahn für jede einzelne nicht vertragsgerecht erbrachte Zugfahrt weiterhin mit Sanktionen, die für das Unternehmen empfindliche finanzielle Einbußen bedeuten.

Eine Antwort to “Schleichende Remondisierung”

  1. Jürgen Says:

    Was ist daran schleichend!? Remondis ist, im Vergleich zu den öffentlich privatisierten Einrichtungen (von Unternehmen kann man da nicht reden) ein echtes Unternehmen, welches nicht die Versorgung von Klientel im Auge hat, sondern wirtschaftlich ausgerichtet ist. Wer geglaubt hat, dass der Einstieg bei der ENERVIE, der nicht gerade preiswert war, keinen wirtschaftlichen Hintergrund hat, der muss schon sehr blauäugig sein. Doch baut die hiesige Politik darauf, dass sie unantastbar ist und walten und verwalten kann, wie sie möchte.
    I. d. R. ist ein jedes Unternehmen, wenn es denn nicht der Versorgung eigener Klientel dient, auf Gewinnerzielung ausgelegt. Ansonsten würde schon das Finanzamt Liebhaberei vermuten. Also ist dieser Einstieg von Remondis keineswegs schleichend passiert, sondern es war von Remondis ganz klar und im Grunde offensichtlich, einen Fuss in die Tür zu bekommen. Wenn Remondis, die immer angefeindet werden, sein Kapital aus der ENERVIE wieder abzieht, was ist dann mit der ENERVIE? Ist sie stark genug, dies zu verkraften?
    Eine Rekommunalisierung der privatisierten Unternehmen ist m. E. unbedingt notwendig, um wieder das Gleichgewicht herzustellen und dem Bürger die vielbeschworene Sicherheit der vorgeschobenen „Daseinsvorsorge“ zu gewährleisten.
    Bitter, was da in den letzten Jahren passiert ist und zurzeit noch passiert!

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