Neoliberale Ideen im digitalisierten Klassenzimmer

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FernUni-Forscher Dr. Maik Wunder hat die Debatte um die Digitalisierung an Schulen untersucht. Er wollte wissen, was den Einsatz digitaler Bildungsmedien eigentlich legitimiert.

„Tafelbild, Karteikarten und Atlas sind out, der Schulunterricht soll sich verstärkt auf digitale Bildungsmedien stützen!“ Das ist eine weit verbreitete Meinung, wenn es um die Situation in deutschen Klassenräumen geht. Aus pädagogischer Sicht offenbart sich hierbei jedoch ein Problem: Anders als für traditionelles Unterrichtsmaterial – beispielsweise gedruckte Schulbücher – gibt es für digitale Lernmedien keine staatlichen Zulassungsverfahren.

Wer garantiert also, dass entsprechende Angebote wirklich sinnvoll sind? Wer bestimmt den Diskurs rund ums digitalisierte Klassenzimmer? Und argumentieren die Befürworterinnen und Befürworter von digitalen Lernmedien wirklich auf Grundlage objektiver pädagogischer Erkenntnisse?

Mit diesen Fragen hat sich ein Bildungsforscher an der FernUniversität in Hagen auseinandergesetzt: Dr. Maik Wunder (Foto: FernUni) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Bildung und Differenz von Prof. Dr. Katharina Walgenbach. Er hat das Buch „Diskursive Praxis der Legitimierung und Delegitimierung von digitalen Bildungsmedien“ geschrieben.

Seine Arbeit kommt mithilfe der Diskurstheorie und praktischen Untersuchungen an einer Schule zu der Erkenntnis, dass forcierte Digitalisierung im Bildungsbereich zu großen Teilen auf neoliberalen Denkfiguren fußt, anstatt einer didaktischen Linie zu folgen, die Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften wirklich zuträglich ist.

„Für digitale Bildungsmedien gibt es keine staatlichen Zulassungsverfahren. Dennoch tauchen diese Medien massiv in den Schulen auf“, erklärt Maik Wunder. Ihr Einsatz werde verstärkt gefordert – nicht zuletzt vonseiten der Politik: „Ich habe mich daher gefragt, was diesen Prozess eigentlich steuert, wenn es keine staatliche Instanz tut.“ Unter dem Begriff „digitale Bildungsmedien“ versteht Wunder die ganze Bandbreite digitaler Lehr- und Lehrmittel, egal ob Hardware oder Software – also Tablets und Smartphones, aber auch spezielle Online-Plattformen oder Lern-Apps.

„Das Verblüffende ist, dass sich der pädagogische Diskurs dem neoliberalen Diskurs angeglichen hat“, benennt der Bildungsforscher einen wesentlichen Befund seiner Arbeit. „Hierbei werden Figuren des Neoliberalismus wie ‚Selbstverantwortlichkeit‘, ‚Innovation‘ oder ‚Wettbewerb‘ aufgegriffen.“

Zudem werde der Fortschritt im digitalen Bereich nahezu als eine Art alternativloses Naturgesetz stilisiert. Überspitzt formuliert herrsche das Diktum: „Digitaler Erfolg muss sein, sonst droht der evolutionäre Untergang“. Der Unterton solcher Aussagen sei ökonomischer Natur: Deutschland soll als zukunftsträchtiger Bildungsstandort im internationalen Vergleich „wettbewerbsfähig“ bleiben.

Dem unbedingten Appell zur Digitalisierung gegenüber stehen vereinzelte Stimmen, die eine „Entfremdung“ oder gar eine „Versklavung“ des Menschen durch die Technik befürchten. Auch dieser Standpunkt erscheint Wunder fragwürdig, da hier von einer zweifelhaften Trennung zwischen Natur und Kultur beziehungsweise Gesellschaft ausgegangen werde. Fest stehe jedoch, dass die intensive Nutzung digitaler Medien nicht ohne Folgen bleibe.

Bestimmte Zwangsmechanismen haben sich tatsächlich bereits in Bewusstsein und Körper der jungen Lernenden eingeschrieben, so der Bildungsforscher: „Es bedarf keiner normierenden Gewalt von Lehrkräften mehr, damit sich Schülerinnen und Schüler an Zeitstrukturen anpassen – das Gerät gibt den Rhythmus vor!“ Schon heute sei nachweisbar, dass bei häufiger Smartphone-Nutzung neuronale Veränderungen vonstattengehen: „Gehirnareale, die den Daumen steuern, sind zum Beispiel deutlich ausgeprägter.“

Doch worin besteht die Anziehungskraft digitaler Bildungsmedien für die Verantwortlichen in den Klassenzimmern? „Lehrkräfte versprechen sich von der Digitalisierung, dass sie der Beschleunigungszwänge, unter denen sie stehen, Herr werden“, erörtert Wunder. Vorteile sehen sie demnach in der Zeitersparnis: Digitale Materialen sind leichter vorzubereiten, zu reproduzieren oder zu verteilen.

„Gleichermaßen werden aber auch die Schülerinnen und Schüler in diese Logik miteingebunden“, gibt der Bildungsforscher zu Bedenken. Vordergründig erscheine die Individualisierung als didaktischer Pluspunkt; in Wahrheit jedoch, treten die überlasteten Lehrkräfte einen Teil ihrer Verantwortung an die Schülerinnen und Schüler ab. Der Stress werde somit weitergereicht, seine wahren Ursachen nicht ausgeräumt.

Trotz aller Risiken, die mit einer unreflektierten Herangehensweise verbunden sind, wirke das Thema Digitalisierung als eine Art „Gravitationsfeld“ im gesellschaftlichen Diskurs. Wunder: „An Schulen wird nicht mehr wie früher kritisiert, dass die Toiletten kaputt sind. Eher wird danach gefragt, warum es keine Tablets gibt.“

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