Gevelsberg für Zivilcourage und gegen rechte Gewalt

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Hagen beschränkt sich auf Gedenken und blendet so die notwendigen Lehren für die Gegenwart aus

Die alte Synagoge in der Hagener Potthofstraße nach dem Pogrom am 9. November 1938. Der zerstörte Eingang ist mit einer Bretterwand provisorisch abgesperrt (Fotograf unbekannt). An der gleichen Stelle wurde 1960 die heutige Synagoge erbaut.

Gevelsberg beschreibt sich als eine tolerante Stadt mit vielen Farben und Lebensstilen. Das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen zu bewahren und zu fördern, sei eine wichtige Aufgabe nicht nur der Politik, sondern auch der Bürgerschaft. Getragen von diesem Leitgedanken, so die Stadt, finde seit 2008 in Gevelsberg jährlich die Aktionswoche für Zivilcourage und gegen rechte Gewalt in Gevelsberg statt.

Mit einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm positioniert sich Hagens Nachbarstadt im Umfeld des 9. November, der als Reichspogromnacht unrühmlich in die deutsche Geschichte eingegangen ist. Einem Programm, das sich nicht allein in Gedenkkultur ergeht, sondern die historischen Ereignisse zum Anhalt nimmt, gefährliche aktuelle Tendenzen kritisch zu hinterfragen und Gegenbewegungen zu fördern.

Die Gevelsberger Aktionswoche für Zivilcourage und gegen rechte Gewalt kann sich auf eine wirklich breite Unterstützung der Bevölkerung verlassen. Getragen werden die Veranstaltungen von 40 (!) Gruppierungen und Institutionen der Stadt, die gerade einmal so viele Einwohner zählt wie jeder der Hagener Stadtbezirke Haspe oder Hohenlimburg einzeln aufzuweisen hat.

Vom Antifaschistischen Arbeitskreis über Gewerkschaften, Kirchengemeinden und sämtliche Ratsfraktionen bis hin zu Schulen und Sportvereinen ist so ziemlich alles vertreten, was in Gevelsberg etwas zu melden hat. Ganz anders sieht das Bild in Hagen aus, das von solchen Verhältnissen nur träumen kann.

Hagen blendet die Bedrohungen, die in diesen Zeiten durch wiedererstarkte nationalistische und faschistische Regungen auf die Tagesordnung geraten sind, weitestgehend aus. Hier gibt es zwar eine – sicherlich gut gemeinte – Kunstaktion der Kooperative K, die aber nicht über das historische Gedenken hinausweist und schon gar keine Bezüge zu den Gefahren der Gegenwart herstellt. Ein Grund für diesen Mangel dürfte in der Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Hagen liegen, die von der Kooperative K als Kooperationspartner genannt wird.

Das mag auf den ersten Blick erstaunen, war doch die Reichspogromnacht am 9. November 1938 gewissermaßen das Startsignal zur industriellen Vernichtung der Juden. Das Problem liegt auch nicht in der Jüdischen Gemeinde Hagen als solcher begründet, sondern in der Person ihres Vorsitzenden Hagay Feldheim.

Feldheim war in der Vergangenheit schon mit einem „Eklat im Forum der Religionen“ aufgefallen, wie die WPWR damals titelte. Der Gemeindevorsitzende und seine Gattin, die als Lehrerin am Rahel-Varnhagen-Kolleg unterrichtet, das auch als Kooperationspartner der Kooperative K auftritt, hatten die im Forum vertretenden Muslime pauschal als vermeintliche Hamas-Sympathisanten attackiert.

Feldheim und sein Sohn wurden – was noch erschreckender ist – zudem auch auf dem Ticket der rechtsextrem agierenden AfD in Ausschüssen des Hagener Stadtrats tätig; ausgerechnet jener Partei, die die Nazidiktatur als „Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte“ verniedlicht. Die AfD-Verbindung des Gemeindevorsitzenden hat auch dazu geführt, dass beispielsweise Mitglieder der von den Nazis ebenfalls verfolgten Sozialdemokraten sich weigerten, an Veranstaltungen teilzunehmen, an denen auch Feldheim beteiligt war.

Im Unterschied zur etwas eingeengten Betrachtungsweise der Hagener Akteure verstehen die Gevelsberger ihre Aktionwoche dagegen als breit angelegtes Forum gegen jede Art von Dämonisierung, „um das weltoffene Verständnis der Bürgerschaft weiter zu stärken und dafür Sorge zu tragen, dass in Gevelsberg alle Menschen gleich welcher Nationalität, Herkunft oder Religion friedvoll und ohne jede Diskriminierung zusammen leben können“.

Diese Haltung hätte – neben dem unverzichtbaren Gedenken – auch der Stadt Hagen gut angestanden.

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2 Antworten to “Gevelsberg für Zivilcourage und gegen rechte Gewalt”

  1. Dr. Gerhard Engler Says:

    WS – sie schreiben: „Hagen blendet die Bedrohungen, die in diesen Zeiten durch wiedererstarkte nationalistische und faschistische Regungen auf die Tagesordnung geraten sind, weitestgehend aus.“ Was soll dieser pauschale Vorwurf? Wer ist Hagen? Anscheinend sind Sie nicht richtig informiert! Es gab und gibt eine Veranstaltungsreihe „nicht nur unter Nazis – Antisemitismus gestern und heute!“ (8 Organisationen 5 Termine) und es gab von der Gesellschaft f. christ.-jüdische Zusammenarbeit am Mittwoch einen Vortrag zum Thema und es folgen noch zwei weitere. Auch die Aktion der Kooperative K mit Unterstützung von Institutionen und der Stadt Hagen ist eine größere Sache mit vielen Veranstaltungen: haltet Ausschau nach dem gelben Klavier! Der Jugendring organisiert mehrere Veransaltungen. Die pädagogische Theater AG lädt zu 2 Vorstellungen ein. Das Ensemble Vigholin singt am Abend des 9. November im Saal des Museumsquartieres. Was soll das Nachtreten gegen Feldheims und das Bashing der „Stadt Hagen“?
    Ich habe WS bis jetzt bei keiner der Veranstaltungen gesehen, weder bei Gedenkveranstaltungen zum 9.11. als zum 27,01. oder gibt es einen Einflüsterer, eine Spindoctor im Hintergrund aus Haspe, der die Internas der Jüdischen Gemeinde kennt?

    • hansimäuschen Says:

      Hagen ist natürlich mehr, eigentlich alles und alle in Hagen. Ich habe es diesbezüglich eher als Kritik an der Gebietskörperschaft Hagen als solcher mit ihren offiziellen Organen verstanden. Kritik an Vereinen, Organisationen, Gruppen etc. und einzelnen Personen – auch wenn diese jüdischen Glaubens sind – dürfte ebenso erlaubt sein. Ob berechtigt, kann selbstredend hinterfragt und natürlich auch geäußert werden.
      Gut, wenn es zahlreiche Veranstaltungen gibt, die sich “ die Stadt “ dann aber nicht zurechnen dürfte, wenn sie hiermit nichts zu tun hat, weil sie rein privat organisiert und finanziert sind.
      Ja, wie eigentlich kommen Informationen zu den Medien – und auch Anderen – oder diese an Informationen? Das habe ich mich schon länger gefragt, und besonders interessant erscheint es auf Hagener ( nicht nur ) Gebiet bei denen der schreibenden Zunft. Auch diesen gegenüber könnte Kritik erlaubt, oft sogar angebracht sein. Aber..

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