„Kirmes in der Natur“

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Hagener kritisieren Eventisierung des Stadtwalds

„Für Hagen wäre dies ein touristisches Alleinstellungsmerkmal“, tönte Michael Ellinghaus, Geschäftsführer der Hagen-Agentur am 30. Juli in der WPWR zum Baumwipfelpfad, dem aktuellen Highlight im Programm der höchst defizitären Unterfirma im sogenannten „Konzern Stadt“.

Lokalautor Martin Weiske assistierte wie üblich wohlwollend und nannte Ellinghaus‘ wenig tiefsinnige Aussage „Dinge verändern und entwickeln sich“ in überbordender Anbetung „gerade schon philosophisch“. Darauf muss man auch erst einmal kommen. Vor allem, wenn Ellinghaus noch nachschiebt: „Wenn man ein solches Projekt für sinnvoll erachtet, muss man das Gesetz in diesem Sinne interpretieren.“ „Zurechtbiegen“ könnte man auch sagen.

Das lesende Publikum reagierte prompt mit einer für Hagener Verhältnisse ungewohnten Vielzahl von Leserbriefen, die sich kritisch zu den Plänen äußern. Da diese vom Pressekonzern Funke nicht online verfügbar gemacht werden, veröffentlicht DOPPELWACHOLDER.DE einige Beispiele in Auszügen aus den Print-Ausgaben.

Aus den Leserbriefen:

„Ich wundere mich, mit welch stoischer Vehemenz die Hagen-Agentur den Baumwipfelpfad auf den Weg bringen will. Es kommt mir vor, als wenn das Projekt unter dem Vorwand „Alleinstellungsmerkmal“ der Hagen-Agentur (der Naturschutz und ökologischer Werterhalt im Stadtwald egal zu sein scheint) als Prestigeobjekt dient. (…)

Der Bereich des Hagener Stadtwaldes an der Hinnenwiese dient seit Jahrzehnten vielen Bürgern als Naherholungsgebiet. Kommt der Baumwipfelpfad, hätten wir, alleine schon durch die 500 Parkplätze und den angepeilten Besucherstrom von 200.000 Menschen pro Jahr, täglich Verhältnisse im Wald wie nach einem Phönix-Hagen-Heimspiel am Ischeland-Parkplatz. (…)“

Michael Grebe

„Da dieses unsägliche Thema noch immer nicht, aus Gründen der Vernunft, den Weg in die Mülltonne gefunden hat, möchte ich noch einmal ein paar Worte darüber loswerden.

Es ist eigentlich wie so oft in Hagen. Irgendwo taucht eine Idee mit anhängendem Investor auf, und in der Hagener Politik und der Hagen-Agentur leuchten die Augen. Da winkt eine weitere einmalige Chance für die Stadt. In diesem glänzenden Augenblick schaltet sich aber fast zeitgleich das logische Denken eben dieser Menschen aus. (…)

In dieser Stadt ist schon so manches einmalig. Warum sollnun auch noch der Wald für einen vermeintlichen Massentourismus zerstört werden, den es mit hoher Wahrscheinlichkeit nie geben wird? Aber das ist dann ja auch egal, weil die Tiere und der Ruhe suchende Waldbesucher bereits das Weite gesucht haben. (…)“

Marcus Werner

„Wie sollen denn Besucher diesen „Waldwipfelpfad“ und das aufwendig geplante „Hotel“ erreichen? Etwa über das schmale Kettelbachtal mit programmierten Verkehrsunfällen? Ich glaub‘, ich steh‘ schon jetzt im Wald.“

Rainer Vogel

„Tolle Idee auch für Hagen? Jede Menge Müll im Wald. Großflächige kostenpflichtige Parkplätze für Pkw und Busse. Hagener Wanderer und Spaziergänger werden vom Ansturm erschlagen. (…)

Kirmes in der Natur. Will die Stadt das wirklich?“

Jochen Stork

„Nun soll auch der Hasper Stadtwald als Amüsierpark herhalten. Dagegen, dass die Betreiber mit ihrem Projekt kasse machen wollen, ist nichts zu sagen. Das ist ihr Geschäftszweck.

Den Hagener Verantwortlichen scheint aber entgangen zu sein, dass der Natur nach jüngsten einschlägigen wissenschaftlichen Studien gerade in der heutigen Zeit eine enorme Bedeutung als ein Ort der Ruhe und Erholung für die menschliche Physis, aber vor allem auch für die Psyche zukommt. (…)

Eine solche Einrichtung ist (…) für Hagen keineswegs ein „touristisches Alleinstellungsmerkmal“, wie der Geschäftsführer der Hagen-Agentur, Michael Ellinghaus, vollmundig und irrig verkündet. (…)

Doch in Hagen scheinen die Verantwortlichen darauf aus zu sein, dass die 1985 von dem US-amerikanischen Medienwissenschaftler Neil Postman gemachte Prophezeiung „Wir amüsieren uns zu Tode“ endlich auch für die Hagener und sonstigen Besucher des Hasper Stadtwalds Wirklichkeit wird.“

Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach

2 Antworten to “„Kirmes in der Natur“”

  1. Allan Qutermain Says:

    Bescheidene Frage,
    wie viele Euros wurden für diesen Irsinn schon verbrannt?

    Bei dem anderen Freizeitpark der angedacht war, mit wenigsten
    3 Eingänge und ebenso viele Ausgänge, aber nicht zusammenhängend, waren es nur Schlappe 400.000 Euro.

    Die laufenden Kosten und die Investitionen wollte man sich von der ARGE und dem Versorgungsamt besorgen.
    Deshalb, weil angedacht war, fast nur Behinderte dafür einzustellen.

    Auch hier sollten Hunderttausende von zahlenden Freizeitsüchtige diesen Park auf den Boehfeld, Bevölkern.

    Für Personen mit einen Kurzzeitgedächtnis, der Dinopark ist gemeint.

    Ein gutes hat das ganze aber für 2 Leute gebracht.

    Die Ideensammler und Moderatoren sind heute ein Ehepaar.
    Geschadet hat diese Schnapsidee ihrer Karriere auch nicht.
    Alle beide sind die Verwaltungsleiter nach oben gefallen.

    Dem Hagener Bürger hat dieser Blödsinn nur 400.000 Euro gekostet.

    Frage, bekommt man für dieses Geld einen Kindergarten?
    Grisu Kindergarten, wäre als Name nicht schlecht.

    Noch so ein Knaller steht in der Prenzelstr./ Ecke Hochstr.
    Ich warte seit Eröffnung auf die auswärtigen Reisebusse,
    die hintereinander auf die Hochstraße parken.

    Auch hier sollten Hunderttausende Kulturbegeisterte,
    jedes Jahr diesen Museumstempel entern.

    Die ersten Jahre hat man ganze Schulen mit Schulkinder dort durch gewunken. So wurden dann Tausende Besucher gezählt.
    Und die Erstklässler mussten ihren Besuch per Deutschunterricht und Aufsätze auf arbeiten.

  2. Hansimäuschen Says:

    Neil Postman hatte recht, und über die bisherige Zahl der Opfer kann man nur spekulieren. Das gälte hier auch für die künftige Zahl an Suiziden und Suizid-Versuchen, Morden und Mordversuchen.
    Aber es reicht ja schon, wenn der eine oder andere auf glatten Brettern ausrutscht, sich unglücklich über die Brüstung beugt und dann, elend an einen Pfahl geklammert, um Hilfe ruft, die rechtzeitig natürlich selten möglich ist.
    Man könnte aber Hoch-Weit-Göbel-Wettbewerbe veranstalten, einen Oberbürgermeister bei einer seiner machtvollen Sprechsalven vom höchsten Punkt mit Beweis für seine Bezeichnung bewundern oder einem Chor bei “ der liebe Gott geht durch den Wald “ lauschen.
    Ansonsten kann man auf die Bäume, wenn es denn sein muß, von den Türmen herabschauen, auch jetzt schon.

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