Gegen Vater und Partei?

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Zwischen Studentenbewegung und traditionellem Sozialismus

Nach dem Ende des Historikergesprächs stellte sich Prof. Peter Brandt gerne den zahlreichen interessierten Fragen von Besucherinnen und Besuchern der Veranstaltung. Foto: FernUniversität.

Die politisch aufregenden 1960er Jahre erlebte der FernUni-Historiker Prof. Peter Brandt, Sohn von Willy Brandt, aktiv mit.

Aus dem eigenen Leben berichten und es gleichzeitig von außen betrachten, einerseits als Teil der „68er Bewegung“, andererseits mit dem distanzierten Blick des Wissenschaftlers auf die Geschehnisse damals: Dieser Herausforderung stellte sich Prof. Dr. Peter Brandt, bis zu seinem Ruhestand 2014 Professor an der FernUniversität in Hagen, in einem „Lüdenscheider Gespräch“ des Instituts für Geschichte und Biographie.

1948 geboren erlebte der Historiker die politisch und gesellschaftlich unruhigen Zeiten in West-Berlin ab Dezember 1964 mit – als politisch interessierter und aktiver Schüler und Student, als Mitglied der linkssozialdemokratischen „Falken“ und Mitbegründer einer trotzkistischen Organisation. Und als Sohn der sozialdemokratischen Ikone Willy Brandt, der 1957 bis 1966 Regierender Bürgermeister in Berlin war, anschließend Bundesaußenminister und ab 1969 Bundeskanzler.

Unter dem Veranstaltungstitel „Protest und Revolte in West-Berlin 1964/69. Betrachtungen aus der Perspektive des Zeitzeugen und Wissenschaftlers“ antwortete Peter Brandt auf Fragen seiner FernUni-Kollegen Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch und Edgar Liebermann M.A. Gleich zu Beginn betonte er hierzu: „Ich bin hier vor allem als Zeitzeuge. Als Wissenschaftler bin ich aber auch gehalten, mich von dem zu distanzieren, was ich selbst gemacht habe – jedenfalls analytisch.“

Studenten- versus Arbeiterbewegung

Mit 14 Jahren trat Peter Brandt, der aufgrund seines Alters kein SPD-Mitglied sein konnte, in deren Jugendorganisation „Die Falken“ ein, die in der Tradition der Arbeiterbewegung stand. Den darin vertretenen Parteien und Organisationen ging es um die politischen und sozialen Interessen der Arbeiterschaft und um die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Position – letztlich also um irgendeine Art von demokratischem Sozialismus.

Noch als Schüler kam Peter Brandt auch mit der „Vierten Internationalen“ in Berührung, einer 1938 von trotzkistischen Gruppen gegründeten linken Opposition gegen Stalin. Er wurde Ende 1966 für die „deutsche Sektion“ dieser halbkonspirativen Gruppe „rekrutiert“ und blieb einige Jahre Mitglied. Sie versuchte, die SPD, die „Falken“ und die Gewerkschaften zu beeinflussen und zu unterwandern.

Damit stand er im Widerspruch zur Politik seines in Berlin „ungemein populären“ Vaters: „Ich wollte ihm nie politisch schaden, wir hatten trotz politischer Differenzen ein ganz gutes Verhältnis.“ Willy Brandt akzeptierte, dass sein Sohn seinen eigenen politische Weg ging, hatte er doch selbst als junger Mann weit links von der SPD gestanden: „Erfahrungen muss man selbst machen.“

„Als Willy Brandt noch im Schöneberger Rathaus residierte, stand Peter, der Marx wie Marcuse verehrt und sich Trotzkist nennt, bereits gegen Papa und Partei“, schrieb der SPIEGEL in seiner Ausgabe 24/1968. Brandt korrigiert: „Mit Marcuse hatte ich nie etwas im Sinn.“

Politisierte Gesellschaft

West-Berlin sah sich damals als Bollwerk des Westens gegen den Kommunismus, auch den in der „Zone“ (der DDR). Das galt nicht nur für die Springer-Zeitungen, sondern ebenso für die SPD. Laut Peter Brandt hielten sie viele für „die CDU der Bundes-SPD“. Der Mauerbau und die ständige Gefahr, dass weltpolitische Spannungen wie die Kuba-Krise vom Oktober 1962 sich auf die Stadt auswirkten, schufen eine politische Optik, die alles durch den Filter „Ost-West-Konflikt“ wahrnehmen ließ.

Insgesamt waren die Menschen, auch die jungen, damals sehr viel stärker politisiert als heute. In der „Studentenbewegung“ gab es daher verschiedene Richtungen. Eine davon vertraten „Die Falken“, eine andere der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“ (SDS), bis zu seinem Ausschluss aus der SPD 1961 deren Hochschulverband. Der SDS hatte großen Einfluss auf die „Studentenbewegung“ und verstand sich als Teil der deutschen Außerparlamentarischen Opposition.

„Im SDS fand sich vor 1968 ein wachsender Kern von kritischer Intelligenz zusammen. Man konnte hier markante Leute links vom Mainstream persönlich kennenlernen.“ Besonders faszinierte das „hohe Niveau der Redeschlachten mit und gegen Rudi Dutschke“, erinnerte sich Brandt.

War Peter Brandt Teil der 68er-Bewegung? wollte Prof. Schlegelmilch wissen. „Jein“, antwortete dieser. Seine damalige Position ist nicht einfach zu definieren. Er war politisch aktiv, aber nicht in seiner Eigenschaft als Student. Brandt und Dutschke schätzten sich, doch unterstützte Brandt nicht alle Positionen Dutschkes. Vielmehr stand er von den Falken – einem der Stränge der „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) – kommend geistig in der Tradition der Arbeiterbewegung. Der SDS war ein anderer Strang. Das in die APO mündende Rinnsal der alten Arbeiterbewegung und der SDS hatten aber auch Überschneidungen, sie waren antikapitalistisch und antistalinistisch, „gegen Ulbricht und gegen Adenauer bzw. dessen Nachfolger“, so Brandt.

„Meine Gruppe hat nicht, wie manche frisch politisierten Studierenden, gedacht, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb kurzer Zeit geändert werden könnten – ich habe eher mit Jahrzehnten gerechnet.“ Sie versuchte, ihre Ziele auf dem Weg langfristig angelegter Aufklärungs-, Organisierungs- und Mobilisierungsarbeit zu erreichen.

Nach dem Ende der 68er Bewegung gingen die Protagonisten verschiedene Wege: Manche gingen zu den Sowjet-Kommunisten oder gründeten maoistische Kleinparteien, andere ein Vierteiljahrhundert später zu den Grünen. Einige wurden Linksterroristen. Viele wurden SPD-Mitglieder. 1994 auch der Sohn von Willy Brandt.

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