„Die wollten uns weghaben“

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Es sind leere Blicke über halbleeren Kaffeetassen. Die Heizung aufgedreht, ein paar Kekse auf dem Tisch, um den herum fünf Genossen sitzen. Es geht um ihren alten Ortsverein Boele-Kabel-Garenfeld.

„Wir waren ne gute Truppe“, sagt einer. „Die wollten uns gezielt weghaben“, ein anderer. „Weil wir unbequem gewesen sind“, die einzige Frau am Tisch.

Die SPD kommt nicht zur Ruhe – auch nicht an der Basis. Zum Beispiel in Hagen. Es gärt schon lange bei den Genossen vor Ort. (…)

2016 gab es 71 Mitglieder, zwei Jahre später waren es plötzlich 126. Der Vorsitzende Andreas Schumann redete im Zuge dieses Mitglieder-Wildwuchses davon, es existierten Pläne, den Ortsverein zu unterwandern und verfasste am 9. Juni 2016 ein entsprechendes Schreiben, das an den Unterbezirksvorstand der SPD Hagen ging (Anm. DW: siehe hier). Er schickte Mitglieder los, um in der Sache zu recherchieren. In dieser Zeit fungierte der Deutsch-Albaner Milazim Jusaj als Kassierer.

Die Recherchen der alten Mitglieder ergaben nach und nach: Neun der Neumitglieder heißen mit Nachnamen Jusaj. (…)

Hatte er vorher noch über Unterwanderung geklagt, trat der alte Ortsvereinsvorsitzende Andreas Schumann im Juli 2017 zurück. Aus gesundheitlichen Gründen, wie er angab. Der Vorstand wurde im Eiltempo aufgelöst und neun gewählt. Natürlich komplett besetzt mit neuen Mitgliedern, die Milazim Jusaj allesamt nicht gekannt haben will. Von ihnen ließ er sich dann auch zum Vorsitzenden krönen.

Andreas Schumann ist nun Stellvertreter und will plötzlich vom Vorgang einer „Unterwanderung“ nichts mehr wissen. „Irgendwie haben die ihn umgedreht“, sagt ein Genosse, der nahe an den Protagonisten dran ist. (…)

Milazim Jusaj genießt derweil seine neue Aufgabe. (…) Hat Delegierte wählen lassen, für den Unterbezirksparteitag und für den Unterbezirksparteirat, die ihm treu nachfolgen.

Hier fängt die Geschichte an, richtig heikel zu werden. (…) Delegierte verteilen Macht. „Es geht hier um Posten und Pöstchen im Kleinen. Um das Sagen in der Kommunalpolitik. Aber eben auch um mehr“, sagt ein Hagener Genosse aus einem Nachbar-Ortsverein. (…)

Die Altmitglieder im Ortsverein Boele-Kabel-Garenfeld sind mittlerweile nur noch gefrustet. Viele engagieren sich nicht mehr, einige sind längst ausgetreten, darunter auch ein angesehenes Ratsmitglied. (…)

Schon am 22. September 2017 haben sich die Verdrängten mit einem Brandbrief an den SPD-Landeschef Michael Groschek gewandt. (…) Groschek bestätigte den Eingang des Scheibens. Weiter passierte nichts. Auch auf Anfrage von Cicero schwieg der SPD-Landesvorsitzende.

Der neue Kopf des Ortsvereins Milazim Jusaj wollte sich gegenüber Cicero ebenfalls nicht zu den Vorwürfen positionieren. Er reagierte weder auf Anrufe noch E-Mails. Selbst der Vorsitzende des SPD-Unterbezirks, Timo Schisanowski, wollte sich nicht äußern. Die Hagener SPD-Abgeordneten für Landtag und Bundestag reagierten ebenfalls nicht. Es hat den Anschein, als brächte das Drunter und Drüber die Genossen in Hagen aus den verschiedensten Gründen zum Schweigen. (…)

Warum in der Hagener SPD das zumindest fragwürdige Gebaren einiger Genossen so konsequent nicht bewertet wird, bleibt offen. Die Mitglieder des Ortsvereins Boele-Kabel-Garenfeld gehen davon aus, dass man versuche, „sich gegenseitig zu decken“. (…)

Quelle: Cicero 4/2018 (nicht online, aber mit Cicero plus auch die Print-Ausgabe 1 Monat gratis lesen)

Siehe dazu bei DOPPELWACHOLDER.DE:

Boeler SPD-Vorstand tritt zurück

(…) In Genossenkreisen wird als Möglichkeit vermutet, dass es sich bei den Masseneintritten um einen Racheakt aus den Reihen des Hagener Parteivorstands handeln könnte bzw. den Versuch, auch in Boele für genehme Mehrheiten zu sorgen.

Bei der Aufstellung der Kandidatur zur Landtagswahl hatte es für den eigentlich gesetzten Wolfgang Jörg einen überraschenden Mitbewerber gegeben. Und der kam aus dem Ortsverein Boele-Kabel-Garenfeld.

Und zur merkwürdigen Berichterstattung der WPWR:

Vorstand der SPD Boele tritt nahezu geschlossen zurück

DOPPELWACHOLDER.DE berichtete bereits über diesen Fall. Wer eine gewisse Diskrepanz zwischen den beiden Veröffentlichungen sieht, liegt damit richtig. So schreibt die WPWR: (…)

Aber Clan-Strukturen sind kein SPD-Monopol:

Familienbande

Ein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ingo Hentschel, der Sprecher der Hagener UnLinken, hat es geschafft. Kein verspäteter Aprilscherz: ER ist jetzt Ratsherr – endlich mal wer sein. (…)

14 Antworten to “„Die wollten uns weghaben“”

  1. Grillhannes Says:

    Was müssen das für Leute sein, die im Ortsverein, Unterbezirk und bei den Landtagsabgeordneten und Bundestagsabgeordneten unbeliebt sind? Kann da jemand recherchieren?

    • Rita.Rasend Says:

      „Beliebtheit sollte kein Maßstab für die Wahl von Politikern sein. Wenn es auf die Popularität ankäme, säßen Donald Duck und die Muppets längst im Senat.“ Ein Zitat von Orson Welles, das mir beim Lesen Ihres Kommentares in den Sinn gekommen ist.

    • BoelerJunge Says:

      Meinen Sie wirklich unbeliebt, wäre unbequem nicht passender? Wie in dem Artikel zu lesen ist, scheint es um „Posten und Pöstchen“ zu gehen und der Kuchen kann schließlich nur einmal verteilt werden.

      • Filly Says:

        Auch wenn die Vier selbst ernannten unbequemen versuchen anonym der Partei zu schaden, bleibt von der Anonymität nichts über.
        Die Partei, die Abgeordneten etc. werden die Schlamschlacht bei nächster Gelegenheit belohnen. Und die vier von der Tankstelle ähm Rasthof bekommen ihre Quittung.

  2. JoeCool Says:

    Wer jetzt noch in der SPD bleibt, dem ist eh nicht mehr zu helfen.

  3. Mondkönig Says:

    Das ist doch kein neues Phänomen. Das Gleiche ist doch in Vorhalle, Altenhagen oder Remberg usw. passiert. Da wird systematisch unterwandert und dann nur noch Posten und Delegierte gewählt, um die alleinige Macht zu haben. Man nennt es das „Kahrs-Modell“, wurde dann in Hagen von den Würzburgern übernommen. Was dann aus einer Partei wird, kann man im Bund, im Land und in der Kommune sehen. Übrigens gehörte Andreas Schuhmann damals zu der Schisanowski Truppe, die gegen die o.g. Ortsvereine vorgegangen ist.

    • meinemal Says:

      Auf welcher Seite waren Rene und Wolfgang? Nun machen die beiden wohl gemeinsame Sache mit den Herren Schisanowski und Herrn Schuhmann. Sind die beiden ehrlich? Oder geht es tatsächlich nur um ihre Posten?

  4. hansimäuschen Says:

    Mein Gott, was für ein Parteiengekacke ( sicherlich nicht nur bei dieser Partei / wer steckt den Medien was, und es ist nur dann für die Öffentlichkeit relevant ? ) auf niedriger Ebene. Gut, daß man damit nichts zu tun hat.

  5. Ralf N. Says:

    Der Hohenlimburger Ratgeber der kleinen Gruppe hat dieses System in Hagen eingeführt und vielfach angewendet. Nun stellt er sich als Opfer hin und will von diesem Kahrs System nichts wissen.
    Obwohl er Kahrs Anhänger und Mitglied im Seeheimer-Kreis versucht er sich als GroKo Gegner zu profilieren und Veranstaltungen mit Simone Lange die unzufriedenen Genossen um sich zu scharren.

  6. Peter Herde Says:

    Unsere Heimatstadt schafft es bis in das angesehene politische Kulturmagazin „Cicero“, das bundesweit erscheint. Der Grund dafür ist leider sehr beschämend. Die Methoden, die ausweislich des Artikels an den Tag gelegt werden sind mies und zum fremdschämen. Was ist mit der SPD los? Unter Druck gesetzte Kollegen und Genossen??? Und ausgerechnet alle diejenigen, die mit und durch ihr rotes Parteibuch ihren (sicher sehr auskömmlichen) Lebensunterhalt bestreiten schweigen?? Die Abgeordneten äußern sich nicht? Groschek schweigt? Das wirft Fragen auf und erinnert mich an das bekannte Sprichwort: Der Zweck heiligt die Mittel. Trifft das hier etwa möglicherweise auch zu?

  7. BoelerJunge Says:

    „Öffentlichkeit, Öffentlichkeit, Öffentlichkeit – ist der größte moralische Machtfaktor in unserer Gesellschaft“, formulierte Joseph Pulitzer. Nach dem scheinbaren Ausfall der heimischen Lokalzeitung (vlt. nicht nur?) in diesem lesensweren Fall, sorgt nun der Cicero für deutschlandweite Öffentlichkeit. Gut so! Wollen wir denn durch solche Leute in den Parteien und Parlamenten vertreten werden? Ich für mich beantworte diese Frage jedenfalls mit Nein.

  8. Ben Says:

    Die vier haben durch das waschen schmutziger Wäsche versucht den neuen und den alten Vorsitzenden zu schädigen und haben sich selbst für die nächste Zeit disqualifiziert.
    Die Partei wird sich das bestimmt nicht bieten lassen und die Nestbeschmutzer bei der nächsten Gelegenheit vorführen.
    Wer mit versucht Teilen der Partei zu schädigen und die Partei ins schlechte Licht zu Rücken, sollte das Echo vertragen können.
    Wer einmal als illoyal auffällt, der ist es in Zukunft auch nicht und sollte ins Abseits gestellt werden.

    • BoelerJunge Says:

      Absolute Loyalität kann es nicht geben, ohne den Verstand auszuschalten und das Gewissen niederzuringen. Das sollten doch eigentlich gerade Sozialdemokraten wissen. Ben, ich denke grundsätzlich nicht, dass es gut wäre, wenn Menschen einer Parteiführung widerspruchslos wie die Lemminge folgten.

  9. Hasan Says:

    „Weil wir unbequem gewesen sind“,sagt die einzige Frau am Tisch.

    Die Unbequemen scheuen die Debatte und denunzieren hintenrum. Genau so stellt man sich knallharte Rebellen vor.
    Wer das politische Geschehen in Hagen verfolgten konnte, sollte wissen dass das Echo nicht lange auf sich warten lässt. Aber das wird für die Unbequemen kein Problem sein.

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