Abrissbirne wäre ein verheerendes Zeichen

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Gedanken zur Quartiersentwicklung in Wehringhausen unter Berücksichtigung der Wohnungsmarktstudie für Hagen

von Jürgen Klippert*

Seit geraumer Zeit liegt eine von der Stadt Hagen und der kommunalen Wohnungsgesellschaft Ha.Ge.We in Auftrag gegebene Studie zum Wohnungsmarkt in Hagen vor. Diese von Professor Spars vom Institut für Raumforschung und Immobilienwirtschaft erstellte Studie ist mit Sicherheit ein wichtiger Beitrag für die Diskussionen um die künftige Stadtentwicklung in Hagen.

Inhaltlich befasst sie sich mit der stadt- und regionalökonomische Einbettung der Wohnungsmarktentwicklung, der Untersuchung des Wohnungsangebots und der Wohnungsnachfrage, der Gegenüberstellung von Angebot und Nachfrage und gibt schließlich Handlungsempfehlungen für die Akteure auf dem Wohnungsmarkt unserer Stadt.

Ein wenig verwunderlich ist, dass diese Studie in Hagen offenbar vor allem in Form einer stark zusammenfassenden Powerpoint-Präsentation bekannt ist. Weniger bekannt scheint die Studie selbst zu sein, obwohl der 91-seitige Abschlussbericht tatsächlich für alle frei verfügbar im Internet zu finden ist (https://www.wohnungsmarktbeobachtung.de/kommunen/teilnehmer/h-l/hagen/wohnungsmarktstudie-2016/pdf).

Aufgrund der mangelnden Bekanntheit des Abschlussberichts selbst fühlen sich in Hagen einige Akteure offensichtlich bemüßigt, als Grundlage für ihr eigenes Handeln plakativ auf die vermeintlichen Handlungsempfehlungen der Studie zu verweisen, ohne dafür aber die konkreten Belege zu liefern.

Dabei ist die Studie selbst keineswegs holzschnittartig: Neben den eher allgemeineren Forderungen nach einem lokalen „Bündnis für Wohnen“ und einem „Handlungskonzept Wohnen“, der Attraktivierung des Wirtschaftsstandorts, der Verbesserung der Lebensqualität und des Standortimages, gibt Prof. Spars auch recht konkrete Handlungsempfehlungen für die von ihm erkannten verschiedenen „Gebietstypen“ in Hagen.

Für Wehringhausen, das die Studie als „Sinus-Gebietstyp 1“ (Wohnungsbezirke mit schwieriger Sozialstruktur und hohem Kreativmilieu-Anteil) einstuft, stellt Prof. Spars die Verfügbarkeit von Altbaubeständen in guten Lagen fest und empfiehlt eine bessere Vermarktung des Quartiers, die bessere Vermittlung von Räumen für Kreative, eine Markenbildung („Made in Hagen“) und individuelle Neubauprojekte (vom Abriss kompletter zusammenhängender Gründerzeit-Wohnblöcke ist jedenfalls nichts zu finden).

Vieles von dem, was in den Handlungsempfehlungen der Studie enthalten ist, ist in Wehringhausen bereits vor Erscheinen der Studie angestoßen worden (es gibt mittlerweile sogar einen offiziellen Wehringhausen-Codex, der in der ersten Septemberwochenende vorgestellt wird) oder wird derzeit ver- bzw. gestärkt (auch mithilfe des Förderprogramms Soziale Stadt Wehringhausen).

All dies geschieht im Übrigen nicht im luftleeren Raum: man denke nur an die bereits vorhandenen sozialen und kulturellen Akteure vor Ort im Stadtteil wie das Kulturzentrum Pelmke, das Programmkino Babylon, die Buchhandlung Quadrux, den Roten Stern Wehringhausen und natürlich die institutionalisierte Kinder- und Jugendarbeit von den Falken und den Kirchen.

Hinzu kommt ein enormes ehrenamtliches Engagement wie beim Erzählcafé, dem Grünen Stern Wehringhausen oder in den zahlreichen von Bewohnerinnen und Bewohnern getragenen Initiativen wie „Wir in Wehringhausen“ (Händlergemeinschaft) oder „Liebenswertes Wehringhausen“ (Initiative von Anwohnerinnen und Anwohnern, wohl allen bekannt durch die Fegeaktionen „Wehringhausen ist sauber schöner“).

Natürlich ist es wichtig, dass ein Programm wie „Soziale Stadt Wehringhause“, das mit dem Quartiersmanagement, einem gut funktionierenden Lenkungskreis aus den Akteuren vor Ort und gut besuchten Stadtteilkonferenzen nicht einfach so am Ende dieses Jahres ausläuft, um so etwas wie Nachhaltigkeit zu gewährleisten.

Die städtebaulichen Erneuerungsmaßnahmen und das Hof- und Fassadenprogramm haben und werden sicherlich bleibenden Eindruck hinterlassen (z.B. die Neugestaltungen des Wilhelmsplatzes und des Bodelschwinghplatzes oder auch die Neugestaltung der Lange Straße). Ein über Wehringhausen hinausstrahlender Erfolg ist sicherlich die durch die Mittel des sogenannten „Verfügungsfonds“ des Lenkungskreises ermöglichte Einrichtung eines Repaircafés (der „Wiederherstellbar“), das sich bereits im ersten Jahr etablieren konnte und einen festen Platz als „Marke“ im Stadtteil hat.

Die Frage für Wehringhausen ist: Was kommt nach Beendigung des Förderprogramms Soziale Stadt Wehringhausen? Der Stadtteil braucht unbestritten dringend die oben angesprochene nachhaltige Unterstützung, um zu gewährleisten, dass die künftige Entwicklung weder zu einer Verslumung noch zu einer Gentrifizierung führt.

Was Wehringhausen wohl ganz sicher nicht braucht, ist eine unabgestimmte Hauruck-Quartiersentwicklung einzelner Akteure mit der Abrissbirne.

Ein Projekt wie das angekündigte Abreißen eines gesamten gründerzeitlichen Wohnblocks mit parkähnlich ausgebautem Vorzeigeinnenhof wie jetzt von der Wohnungsgenossenschaft GWG angekündigt, ist auf jeden Fall im derzeitig erkennbaren Ablauf kontraproduktiv für Wehringhausen: Verkünden des Vorhabens (Abriss und Neubau eines Discounters und einer Kita), angeben fragwürdiger Begründungen (Wohnungen im Block seien nicht vermietbar und nicht wirtschaftlich zu betreiben) und sich dafür Applaus von offensichtlich Ahnungslosen (man lese den WP-Kommentar zum Thema) einholen?

Das lässt eher zweifelnde als überzeugte Wehringhauserinnen und Wehringhauser zurück. Das ganze Vorhaben dann aber auch noch als konform mit den Handlungsempfehlungen der Wohnungsmarktstudie zu begründen grenzt meiner Meinung nach an Unredlichkeit (vgl. die Anmerkungen in https://doppelwacholder.wordpress.com/2017/09/03/cdu-unterstuetzt-abrissplaene/).

So einfach geht es jedenfalls nicht: Die wirtschaftliche Entwicklung eines Stadtteils darf keinesfalls durch Alleingänge einzelner Akteure ad absurdum geführt werden.

Es muss jetzt dringend eine Form gefunden werden das Thema umfassend in Wehringhausen und in der Politik Hagens zu diskutieren. Selbst wenn es so wäre, dass der angekündigte Alleingang der GWG rechtlich möglich ist, wäre das ein verheerendes Zeichen für Wehringhausen und die künftige Stadtentwicklung in Hagen insgesamt.

* Der Autor ist Mitglied des Lenkungskreises Soziale Stadt Wehringhausen, Vorstandsmitglied des Mieterverein Hagen und gehört dem Koordinationskreis Grüne Linke Hagen an

Siehe dazu auch:

Abriss im großen Stil
In Hagen-Wehringhausen soll ganzer Wohnblock verschwinden

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