Eine ganz persönliche Erinnerung an Jochen Marquardt

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Jochen Marquardt († 26. Mai 2016)

von Jürgen Klippert

Als ich gefragt wurde, ob ich nicht vielleicht einen Text schreiben wollte anlässlich des ersten Todestags von Jochen Marquardt, wurde mir mulmig: Es gibt soviel, was er getan hat, von dem ich allerhöchstens vom Hörensagen weiß. Und dann gibt es noch das Problem, dass ich wohl darauf achten müsste, dass Leserinnen und Leser, die Jochen kannten, nicht unangenehm berührt würden oder sich gar fremdschämen müssten, weil der Text unangemessen pathetisch, banal oder gar ehrfürchtig erscheint. Was also tun?

Ich habe mich dazu entschieden ein paar persönliche Erlebnisse niederzuschreiben, in denen mir Jochen und seine Art die Dinge des (politischen) Lebens zu verarbeiten weiterhelfen. Es gibt auch ein Jahr nach Jochens Tod häufig Momente im Leben, in denen ich mich frage, wie er wohl reagiert hätte mit seinem unerschütterlichen Willen die Welt ein Stück im Sinne der Mehrheit der Bevölkerung zu verbessern.

Ein Beispiel aus der Politik: Jens Berger kritisierte gestern auf den Nachdenkseiten völlig zu Recht Angela Merkels Aussagen zum Exportwahnsinn der deutschen Wirtschaft. Dabei stellt Berger nach einer schlüssigen Analyse die Frage, ob die Kanzlerin eigentlich selbst glaubt, was sie sagt. Berger gibt folgende Möglichkeiten vor: Sie handelt aus Dummheit, Opportunismus oder aufgrund von ideologischer Überzeugung.

Ich glaube, hier hätte Jochen Marquardt über unsere Kanzlerin einfach verschmitzt fallen gelassen, dass es nun einmal Leute gibt, die überhaupt nicht dumm, aber total doof sind. Dummheit oder Opportunismus als Erklärung für Merkels Verhalten scheiden somit aus, aber die von ihr vertretene Ideologie, die derart verheerende Wirkungen hat, muss einfach „doof“ sein, ganz einfach schon deshalb, weil man niemandem bösen Willen unterstellen sollte. Und das nicht, weil kein Anfangsverdacht auf „bösen Willen“ besteht, sondern weil nur so die konstruktive Auseinandersetzung mit solchen Menschen wie der Kanzlerin überhaupt möglich bleibt.

Jochen argumentierte einmal folgendermaßen: Geht man von den beiden Optionen „Dummheit oder Opportunismus“ als Erklärung für das Handeln von Mächtigen aus, so entsteht aus der wahrgenommenen faktischen eigenen Ohnmacht ggf. die Gefahr vermeintliche Lösungen für den offenkundig katastrophalen Zustand unserer Demokratie in untauglichen Methoden, z.B. wie zu Zeiten der RAF zu suchen. Und das würde niemandem nutzen. Danke für den Tipp, Jochen!

Und was war das für eine Landtagswahl, Jochen? Nach der Landtagswahl wurde ich gefragt, warum die Leute der FDP wieder auf den Leim gegangen sind? Ich bin zwar auch entsetzt darüber, dass die Partei, die allenfalls nachhaltige Politik für das oberste Prozent der Bevölkerung macht, von weiteren 11 % der Wählerinnen und Wähler das Vertrauen ausgesprochen bekam, aber auch hier gilt ein Spruch von Jochen Marquardt: „Die Dummheit ist kraft ihrer selbst nicht in der Lage sich zu erkennen“.

Diese Erkenntnis hilft übrigens auch sonst im täglichen Leben häufig dabei gelassen zu bleiben: Wenn bei drohendem Stau auf der Autobahn Menschen bei Anzeige von Tempo 60 km/h auf den variablen Signalanlagen richtig Gas geben, weil vor ihnen doch alles frei ist, und sie mit ihrem irrationalen Verhalten so den Stau selbst erst herstellen, dann lässt sich die Gelassenheit mit dem Spruch mit der Dummheit schnell wiederfinden. Danke auch dafür, Jochen…

Aber wenn nun dennoch einmal der Mut sinkt, weil die politischen Gegebenheiten unerträglich erscheinen? Auch da hilft die Erinnerung an Jochens Grundhaltung vielleicht weiter: Jahrelang sind wir gemeinsam zu den Wochenenden der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik gefahren, um mitzuerleben, wie die ganz großen linken Wirtschaftsfachleute wie Jörg Huffschmid, Karl Georg Zinn, Rudi Hickel oder Heinz-Josef Bontrup die vertrackte Lage der real existierenden kapitalistischen Volkswirtschaft analysierten und dann jedes Jahr im Jahresmemo Lösungen aufzeigten (das tun sie übrigens immer noch). Wenn wir dann auf der Rückfahrt lange darüber diskutierten, wie weit weg doch die eigentlich völlig plausiblen und durchführbaren Lösungswege vom Stand der herrschenden Politik entfernt waren, dann verzweifelte Jochen nie (ich dagegen schon eher). Vielmehr stellte er sich und mir einfach die Frage: „Und wie machen wir jetzt mit den gewonnen Erkenntnissen vor Ort weiter?“ Für ihn gab es kein Aufgeben, er forderte ein immer weiterzukämpfen, Leute von der richtigen Sache zu überzeugen. Ich werde es versuchen, Jochen!

Doch wie sieht es eigentlich derzeit konkret aus mit Jochens politischem Erbe? Es gibt Dinge, die wirklich weh tun: Jochen hatte es geschafft, dass die lokalen Medien seine für den DGB auf kommunale Ebene heruntergebrochenen volkswirtschaftlichen Erkenntnisse in Form von Pressemitteilungen regelmäßig veröffentlichten. Ich weiß nicht, wann die letzte politisch relevante Pressemitteilung des DGB in Hagens Lokalblatt erschienen ist.

Der von Jochen erfundene DGB-Neujahrsempfang ist immerhin (bisher) ein politisch wichtiges Ereignis geblieben. Hier gibt es tatsächlich noch die Möglichkeit, dass gewerkschaftliche Positionen geäußert und weithin gehört werden. Hoffentlich bleibt das so.

Der diesjährige Empfang im Rathaus anlässlich des Vorabends zum ersten Mai lässt allerdings Schlimmes erahnen: Jochens Nachfolger Stefan Marx hat sich offenbar bereits bei seiner Rathauspremiere von Erik O. Schulz den Schneid abkaufen lassen: Der Oberbürgermeister setzte die Agenda, ein großer Teil der Veranstaltung war nette Musik, aber der gewerkschaftliche Donnerschlag blieb auf der Strecke. Vielleicht war das bereits zuvor erkennbar gewesen?

Bei der Aussicht von Jochen Marquardt wieder einmal argumentativ entblößt zu werden hat der derzeitige Oberbürgermeister gerne gekniffen und seine Stellvertreter zur Veranstaltung geschickt. Von Stefan Marx, der offenbar eher Verwaltungs- statt Politikeifer an den Tag legt, war wohl bereits im Vorfeld keine Gegenwehr zu erwarten, so dass der OB persönlich anwesend war. Dementsprechend blutarm verlief die Veranstaltung, die so natürlich eine verschenkte Gelegenheit für den DGB war.

Hoffentlich kommt der „Geist von Jochen“ in dieser Hinsicht doch noch in den DGB Hagen zurück. Denn da fällt mir gerade leider nicht viel zu ein, was Jochen mir als Rat mit auf den Weg gegeben hätte. Schade.

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5 Antworten to “Eine ganz persönliche Erinnerung an Jochen Marquardt”

  1. degree37celsius Says:

    Posthume Spekulationen darüber, was Jochen Marquardt wohl zu Ereignissen nach seinem Tode zu sagen hätte, werden mit einer Kritik des Verfassers an Marquardts Nachfolger ergänzt. Diese übergriffige Anmaßung ist weder „pathetisch, banal oder gar ehrfürchtig“, sondern schamlos interessegeleitet. Hierbei soll die bornierte Haltung des Verfassers, Andersdenkende seien ideologisch verblendet und zu dumm dies zu erkennen, selbstrechtfertigend aus Äußerungen des Verstorbenen abgeleitet werden.

    • ws Says:

      Fakt ist jedenfalls, dass für den Hagener DGB immer noch Weihnachten ist.dgb.weihnachten Allein deshalb fehlt Jochen Marquardt schon sehr.

  2. Jever Fun Says:

    Die von Herrn Klippert beschriebenen Unterschiede sind spürbar und vorhanden.
    Man muss aber auch hinterfragen, ob die Fußstapfen von Jochen nicht zu groß sind.

  3. bo-sr Says:

    Öffentliches Erinnern an Jochen Marquardt ist gut, wichtig und gerechtfertigt und könnte viel häufiger stattfinden. Persönliche Gedanken und Trauer können dabei so bunt und vielfältig sein wie Jochen’s Netzwerk. Das ist ebenso wichtig und authentisch. Die Toleranz unter den Trauernden und Erinnernden sollte dabei vorausgesetzt werden…. Über Jochen’s Todestag hinaus sollte zudem zukünftig ein offizieller Weg für eine ehrwürdige Form der öffentlichen Erinnerung und Wertschätzung initiiert werden. Ideen dazu gibt es. Wichtig ist es doch auch, weiterhin deutlich zu machen, dass wir nicht Vergessen sondern Erinnern und dass Jochen Marquardt unendlich in unserer Mitte fehlt und uns weiter bewegt!

  4. hansimäuschen Says:

    Und dann kamen die Kinder von Bollerbü, alle hintereinander. Und sie legten sich alle nebeneinander auf die Matratzengruft.
    Und Keinen interessierte es.

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