Ein neues Domizil für das Stadtarchiv

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„Stadtarchive sind oft unentdeckte Perlen, die in der Öffentlichkeit nicht die verdiente Beachtung finden. Dabei ist das Stadtarchiv Hagen eines der größten Kommunalarchive und mit 1,5 Millionen Fotos, 15.000 Geschichtsbänden und einem Fundus von 200 Jahren Pressegeschichte das Gedächtnis unserer Stadt“, betonte Hagens Oberbürgermeister Erik O. Schulz, als er am gestrigen Mittwoch gemeinsam mit Vertretern des Fachbereichs Kultur die Pläne für den Umzug des Hagener Stadtarchivs vorstellte. Am 3. Juli schließt dieses am bisherigen Standort in der Wippermann-Passage seine Pforten, um dann bereits im November am neuen Standort in Eilpe wieder zu eröffnen.

Archive gelten gemeinhin als verstaubte und langweilige Orte. Das Hagener Stadtarchiv konnte dieses Vorurteil in den vergangenen 20 Jahren an seinem Standort in der Wippermann Passage im Stadtteil Eilpe zumindest an der Volme zu den Akten legen. Heute präsentiert es sich als modernes Archiv, das Jahr für Jahr zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer nach Hagen lockt. Archivpädagogische Programme gehören ebenso zum Service des Archivs, wie auch die Nutzung elektronischer Medien und Verfahren zur Erschließung der aneinandergereiht viele Kilometer langen Akten- und Sammlungsbestände.

Der Betrieb eines Stadtarchivs ist eine hoheitliche Pflichtaufgabe der Stadt. Es sammelt und verwahrt das Schriftgut der Stadtverwaltung sowie Dokumente zur Stadtgeschichte. Das Hagener Archiv ist das Gedächtnis der Stadt und ihrer Region.

Mit Erreichen des Status einer Großstadt im Jahre 1928 wurde das Stadtarchiv als eigenes Amt eingerichtet; zum ersten Leiter wurde der Historiker Prof. Dr. Friedrich Schemann bestellt. Doch bereits zur Stadtgründung 1746 besaß Hagen ein Archiv, das dem Bürgermeister zugeordnet war und wichtige Unterlagen aufbewahrte.

Zu größeren Verlusten kam es zum Ende der Französischen Herrschaft im November 1813. Kosaken der russischen Armee lagerten in der Stadt und nutzen das teilweise aus dem Mittelalter stammende Schriftgut des Hagener Archivs als Pferdestreu. Einige Lücken in der Überlieferung zur Stadtentwicklung dürften rückblickend so erklärbar sein.

Im 19. und 20. Jahrhundert kam es durch Eingemeindungen, Übernahmen und Stiftungen zu einer deutlich Erweiterung der Bestände. Das als zentrale Einrichtung der jungen Großstadt Hagen angelegte Stadtarchiv übernahm 1929 auch die Bestände der damals eingemeindeten Stadt Haspe sowie von umliegenden Amtsbezirken und Gemeinden, etwa des Amts Enneper Straße sowie der Gemeinden Vorhalle und Boele.

Anders als in anderen Großstadtarchiven blieb das Hagener Stadtarchiv während des Zweiten Weltkriegs von Zerstörungen und Verlusten weitgehend verschont. Allerdings verbrannten beim ersten schweren Luftangriff auf die Stadt in der Nacht des 1. Oktober 1943 in den Amtsstuben und Ämtern tausende Akten der Stadtverwaltung. Dadurch ging dem Stadtarchiv ein Teil der Überlieferung zur nationalsozialistischen Zeit 1933-1943 verloren. 1975 kamen die Bestände des Stadtarchivs Hohenlimburg hinzu. In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erweiterten das Westfälische Literatur- und Musikarchiv sowie verschiedene Sammlungen zu speziellen Themen und herausragenden Personen den Bestand.

Heute zählt das Hagener Stadtarchiv mit seinen umfangreichen Beständen zu den größten Kommunalarchiven in Nordrhein-Westfalen. Allein das Bildarchiv enthält rund 1,5 Millionen Fotografien, die bis in die Anfangszeit der Fotografie zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichen. Mit über 15.000 Bänden enthält die Präsenzbibliothek stadt- und regionalgeschichtliche Literatur sowie Veröffentlichungen der Kommunal- und Staatsverwaltung aus zwei Jahrhunderten. Doch nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Bestände verschaffte dem Hagener Stadtarchiv einen auch überregional guten Ruf.

So wurden bereits mehrere historische Bücher aus der rund 1000 Exemplare umfassenden „Rara“-Sammlung als Leihgaben in internationalen Ausstellungen gezeigt. Der Bestand Hagener Bauakten enthält die Baugeschichte der Stadt seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Darunter auch viele Baupläne aus der Zeit des „Hagener Impulses“, aber auch von Gefangenenlagern im Zweiten Weltkrieg und den Wiederaufbau nach 1945.

In den meisten deutschen Großstädten sind vergleichbare Bestände den Bomben zum Opfer gefallen. Doch auch die hier beispielhaft zu nennenden Bestände zu den Familien und Handelshäusern Harkort und Post enthalten einzigartige Dokumente. Ein weiterer wichtiger zugehöriger Bestand des Stadtarchivs ist das Osthaus-Archiv, das Wirken und Leben des berühmten Hagener Mäzens enthält. Die Zeitungssammlung enthält über 200 Jahre Pressegeschichte in Hagen. Die Bestände des Erbgesundheitsgerichts und zum Einsatz von Zwangsarbeitern führen in besonders dunkle Kapitel der NS-Zeit.

Für das Hagener Stadtarchiv bedeutet das Jahr 2017 eine deutliche Zäsur. 1998 war es als Teil des Historischen Centrums aus Stadtmuseum und Stadtarchiv aus der Innenstadt in die Wippermann Passage nach Eilpe verlagert worden. Die Stadt hatte für die beiden Einrichtungen in der im Privatbesitz befindlichen Immobilie entsprechende Räumlichkeiten angemietet. Nach der Schließung des Stadtmuseum im November 2015 verlor das Stadtarchiv einen Teil seiner gemeinsam mit dem Museum genutzten Infrastruktur. Doch schon vorher machte die Unterbringung der Bestände in den Depoträumen vermehrt Probleme. Das Archiv platzte gewissermaßen aus allen Nähten, da in den vergangenen Jahren umfangreiche Bestände und Sammlungen der Stadtverwaltung übernommen werden mussten.

Angesichts dieser Schwierigkeiten und den hohen Betriebs- und Mietkosten setzten sich die Archivleitung und die Leitung des Fachbereichs Kultur sowie die städtische Immobilienwirtschaft und Finanzverwaltung zusammen. Gesucht wurden angemessene und geeignete Räumlichkeiten für das Stadtarchiv. Da an einem Archiv besondere Ansprüche gestellt werden müssen, wurde frühzeitig das LWL-Archivamt eingeschaltet, um ein Höchstmaß an fachlichen Voraussetzungen gewährleisten zu können. Der Wirtschaftsbetrieb Hagen (WBH) meldete freie Kapazitäten in dem turmartigen Gebäude an der Eilper Straße. Eine sorgfältige Überprüfung und Begehung der Räumlichkeiten ergab schließlich, dass dieses Gebäude zur Unterbringung des Stadtarchivs gut geeignet ist.

Zwischen der Stadt und ihrer Tochtergesellschaft herrschte schnell Einigkeit, zumal die Verlagerung des Stadtarchivs einen spürbaren Spareffekt erbringt. Das Stadtarchiv erhält vier Etagen in dem turmartigen Gebäude, das gegen Mitte der fünfziger Jahre unter anderem zur Unterbringung des Archivs der Elektromark errichtet wurde. Der repräsentative Bau wird somit zu einem „Archivturm“.

Während drei Etagen als Depot dienen, wird eine Etage zur Unterbringung der Büros, Serviceräume und des multifunktionalen Benutzersaals genutzt. Mit an Bord sind auch der Hagener Heimatbund und der Hagener Geschichtsverein, die ebenfalls die Räumlichkeiten und Infrastruktur nutzen können. Von den Fenstern des Benutzersaals haben die Archivbesucher einen herrlichen Blick über die Stadt, so dass hier eine echte Visitenkarte für Hagen entsteht.

Auch die Unterbringung der wertvollen Bestände richtet sich nach modernen Standards für Archive. So kommen neu eintreffende Archivalien erst einmal zur Untersuchung in einen eigenen Raum, um eine Kontaminierung der Depots zu verhindern. Die kostbaren Negative und Glasplatten des Fotobestands werden in einer Kühlkammer untergebracht, um sie vor Schäden und Zerfall zu bewahren. Zeitgemäß eingerichtete Schränke, Rollregalanlagen und Regalsysteme werden die umfangreichen Bestände sichern.

Eine zentrale Aufgabe der Archive werden zukünftig die Digitalisierung der Bestände sowie die „papierlose Verwaltung“ sein. Auch hier bietet der neue Standort des Stadtarchivs optimale Bedingungen. Die Nachbarn der Archivare sind demnächst die Informatiker des HABIT, die sich mit dem Rechenzentrum und ihrer Kompetenz ebenfalls auf dem Gelände der WBH eingerichtet haben. Hier dürften im Bereich der Digitalisierung schon aus der Nähe einige Synergieeffekte zu erwarten sein.

Die Vorbereitungen für den Umzug und für die archivgerechte Einrichtung der neuen Räumlichkeiten laufen bereits auf Hochtouren. Ab dem 3. Juli 2017 wird das Stadtarchiv am bisherigen Standort in der Wippermann Passage geschlossen. Im Oktober erfolgt der logistisch vorbereitete Umzug, bereits im November 2017 sollen Benutzer die Bestände des Stadtarchivs am neuen Standort wieder einsehen können. Zumindest für die nächsten dreißig Jahre wird sich wahrscheinlich nichts daran verändern, denn über diesen Zeitraum läuft der Vertrag zwischen der Stadt und dem WBH.

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