Kemal Seyhan – Syntax

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28. April bis 25. Juni 2017, Osthaus-Museum Hagen

Kemal Seyhan (Foto: Tayfun Belgin) ist einer der wichtigsten Maler in der türkischen Kunstszene. Bereits im Jahr 2010 präsentierte das Osthaus Museum Hagen Werke des Künstlers im Rahmen der Ausstellung „Huma Kabakci – Collection“. Seitdem war es ein Wunsch, eine Einzelausstellung mit dem Maler, Grafiker und Skulpteur einzurichten, der nun Realität wurde.

Kemal Seyhan bevorzugt seit jeher eine Bildwelt, in der die sichtbare Wirklichkeit ausgespart wird. Die Betrachter sind somit gezwungen, sich an eine Bildwirklichkeit anzunähern, für die es möglicherweise keine Begrifflichkeit oder sogar keine Sprache gibt. Diese Bilder verweisen auf sich und nicht auf eine außerbildliche Realität. Sie sind daher als autonome Einheiten zu erfahren, die durch Anschauung erfahrbar werden. Daher werden diese Werke – ob auf Papier oder auf Leinwand – als konkrete Malerei bezeichnet, und zwar im Sinne Theo van Doesburgs, der in einem Manifest von 1930 formulierte, dass nichts konkreter sei als eine Linie, eine Farbe, eine Fläche.

Eine wesentliche Definition erhalten Kemal Seyhans Arbeiten auf Papier durch die Tatsache, dass Farbe in ihnen sehr zurückhaltend eingesetzt wird. Es fehlen die Buntwerte, die eine Malerei als Farbmalerei ausmachen würde. Das Farbspektrum bezieht sich in aller Regel auf weiß, grau, schwarz, also auf sog. Nichtfarben. Gelegentlich finden sich auch Werke, die matte Rot- oder Orangeflächen zeigen. Ein Hinweis auf diese beschriebene Farbpalette mag sicherlich auch darin begründet sein, dass Kemal Seyhans grafische Anfänge im Holzschnitt liegen. Manche seiner Werke erinnern noch an diese reliefartigen Strukturen, die den hölzernen Druckstock prägen. Auch der Gebrauch von Graphit, das mit Leinöl gebunden wird, um diese Bilder hervorzubringen, erinnert hieran.

Die präsentierten Werke der Ausstellung zeigen sehr unterschiedliche Strukturen, nämlich von den nahezu ganzflächigen Formen bis hin zu linearen formalen Äußerungen. Es ist durchaus plausibel, wenn man diese Art der Bildgestaltung als Spiel mit den Formen bezeichnet. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der Maler und Graphiker sich einer Beliebigkeit aussetzt, im Gegenteil: Alle gezeigten Bilder haben eine Bildwirklichkeit, die für sich als prototypisch bezeichnet werden kann. Kein Werk entsteht aus einer Variation eines Vorgängerbildes, sondern alle Arbeiten sind auch in diesem Sinne autonom entstanden. Kemal Seyhan arbeitet nicht in Serie. Jedes Bild entsteht im Atelier in einem ihm eigenen Arbeits- und Denkprozess.

In der Gesamtheit der Bilder der Ausstellung wird man feststellen, dass es dem Maler um innere Prozesse geht, die durch die Erfahrung mit einer äußeren Welt zustande kommen. Diese sind sehr unterschiedlich geprägt, bedenkt man, dass sein Atelier in Wien in einer gänzlich anderen Umgebung verortet ist, als seine Istanbuler Werkstatt. Dort ist die Straße mit ihrer intensiven Lautstärke eine besondere Herausforderung, die dem Maler Kemal Seyhan einen Rückzug in die Wirklichkeit des Ateliers erleichtern mag. Ohne diese spezifischen Erfahrungen beider Großstädte entstehen solche Bilder nicht.

Kemal Seyhan: Untitled, 2004 – 2008, Öl auf Leinwand, 75 x 55 cm, Sammlung Huma Kabakcı, Istanbul/London, (c) Kemal Seyhan

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