„Die Türkei ist mein Land!“

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Dr. Utku Sayin sprach an der FernUni über die Lage in der Türkei

„Die Türkei ist nicht Erdoğans Land. Sie ist mein Land!“ Irgendwann, so ist Dr. Utku Sayin (Foto: FernUni) optimistisch, wird er wieder gefahrlos in seine Heimat zurückkehren können. Der Unterzeichner einer Petition gegen die Politik der türkischen Regierung im kurdischen Teil des Landes muss dort mit Repressalien rechnen.

Kurz vor dem Ende seiner dreimonatigen Arbeit als Gastwissenschaftler im Lehrgebiet Bildung und Differenz von Prof. Dr. Katharina Walgenbach vermittelte Sayin 40 Interessierten aus allen Bereichen der FernUniversität in Hagen einen Eindruck von der aktuellen Situation türkischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die nicht auf der Erdoğan-Linie liegen. Sein Vortrag hatte den Titel „Human Rights in the Academy. Zur aktuellen Situation von Hochschulangehörigen in der Türkei“.

Der Sonderpädagoge war bis zum 18. August 2016 Assistent Professor an der staatlichen Mustafa Kemal University (MKU). Als einer von 1.128 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hatte er zuvor die Petition „Wir werden nicht Teil des Verbrechens sein“ unterzeichnet. Nach neuen heftigen Beleidigungen Präsident Erdoğans gegen die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Petition stieg deren Zahl sogar auf 2.212.

Durch die Kampfhandlungen im kurdischen Gebiet starben in den Jahren 2015 und 2016 rund 2.000 Menschen, davon 800 Zivilisten. 6.500 Menschen wurden verletzt, 1,5 Millionen verloren ihre Heimat. Sayin zeigte hierzu Bilder von Panzern in Innenstädten und von Menschen, die auf grausamste Weise getötet wurden.

„Jagd“ auf Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Petition

Nach seinen Worten begann an allen türkischen Universitäten nun „eine Jagd“. Gegen 492 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seien disziplinarische Ermittlungsverfahren eingeleitet und 75 entlassen worden, 25 von sich aus ausgeschieden. Folge seien große Probleme in der Lehre. Auch gegen Sayin leitete das neue MKU-Rektorat eine Untersuchung ein: Sein Vertrag wurde nicht mehr erneuert.

Die MKU übergab Sayins Akte der staatlichen Ermittlungsbehörde. Den Petitionsunterstützern drohen auch von dort Maßnahmen. 306 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seien mit einem staatlichen Einstellungsverbot für die öffentlichen Dienste belegt, 50 in Untersuchungshaft genommen und vier inhaftiert worden, so der Referent. Auch ihm wurde bescheinigt, dauerhaft disqualifiziert für den öffentlichen Dienst zu sein. Ebenfalls Repressalien wie Zwangsversetzungen sind Promovierende in staatlichen Forschungsprogrammen ausgesetzt.

Viele Studierende könnten ihre Studien nicht aufnehmen oder fortsetzen, laufende Stipendien würden eingestellt, staatlich geförderte Auslandsaufenthalte beendet und Abschlussarbeiten unterbrochen, so Sayin. Es gäbe zwar keine amtlichen Zahlen, „aber wir wissen, dass 2.459 Studierende 2014 in Haft waren – diese Zahl hat sich drastisch erhöht. Ein zerbrochener roter Schirm oder das Mitführen des ‚Kommunistischen Manifests‘ können ausreichen.“

Würde Sayin heute zurückkehren, drohen ihm – wie anderen – Inhaftierung und zwangsweise Arbeitslosigkeit. Sein Name stehe auf einer Liste mit Personen, die per Dekret für Jobs im öffentlichen Dienst gesperrt sind. Private Arbeitgeber, die so geächtete einstellen, müssten selbst mit Repressalien rechnen. Wieder ausreisen aus der Türkei dürfte Sayin aber wohl auch nicht mehr. Aus Sorge, seinen Reisepass abgenommen zu bekommen, beteiligte er sich in Deutschland nicht am Referendum über eine Präsidialverfassung in der Türkei.

Weitere konkrete Gefahren sind die Sperrung seines Bankkontos und die Beschlagnahmung seines Vermögens. „Das wäre sein ‚sozialer Tod‘“, kommentierte Katharina Walgenbach. Das türkische Konsulat in Essen verweigerte dem türkischen Staatsbürger sogar die Unterstützung bei der Visa-Beantragung für seine Frau und seine beiden Kinder.

„Europa verschließt die Augen!“

Sayin hat jetzt begonnen, Deutsch zu lernen. Für die nächsten drei Monate ist er durch eine weitere Tätigkeit an der Universität Bielefeld sicher. Danach will er versuchen, eine Unterstützung der Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung zu bekommen, mit der Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland gefährdete Forschende für 24 Monate aufnehmen können (https://www.humboldt-foundation.de/web/philipp-schwartz-initiative.html). Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ihre Organisationen – unter ihnen die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) – haben sich vernetzt, um verfolgten türkischen Kolleginnen und Kollegen zu helfen: „Der Bedarf ist enorm gestiegen“, betont Katharina Walgenbach. Über Kolleginnen hatte sie im Herbst 2016 vom Schicksal Sayins erfahren und spontan ihre Hilfe angeboten.

Sayins ist überzeugt, dass über solche wertvollen Einzelinitiativen hinaus die europäischen Universitäten das zentrale staatliche Kontrollgremium türkischer Hochschulen YÖK dazu bewegen müssen, gesetzliche Vorschriften, akademische Rechte und wissenschaftliche Ethik zu respektieren: „Statt die Augen zu verschließen muss Europa mit den türkischen Wissenschaftlern solidarisch sein!“ Dennoch: „Ich bin traurig, aber auch zuversichtlich, dass ich von hier aus etwas bewegen kann!“

Utku Sayin hielt seinen Vortrag auf Türkisch. Übersetzt ins Deutsche wurde er von Nurten Karakaş, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hildesheim. Die – angesichts der Urlaubszeit erstaunlich vielen – Interessierten diskutierten mit Sayin ausführlich auf Englisch.

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