Was heißt da schon Provinz

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Wie ein Buch ein Image aufbauen kann – und es nicht zerstört

mahlzeitFotos aus dem Kapitel „Mahlzeit“ des Bandes „Was heißt da schon Provinz“. Vorher gab es Rezepte: „Wir haben eine Woche lang bei fünf Lüdenscheider Großbetrieben in die Kantinen-Kochtöpfe beziehungsweise Mikrowellen-Herde geguckt. Was dabei herausgekommen ist, möchten wir Ihnen hier kurz servieren. Guten Appetit“ (Für eine größere Darstellung aufs Foto klicken).

Die neuesten Medienprodukte aus dem Hause Schulz werden zu Recht von der Öffentlichkeit äußerst kritisch beäugt. Die von der Stadt Hagen herausgegebene angebliche „Liebeserklärung an die Volmestadt“ entpuppt sich bei näherer Betrachtung als simple Selbstbeweihräucherung vermeintlicher „Persönlichkeiten“, vermischt mit Werbung. Schon der erste Beitrag in dem 104-Seiten-Druckwerk nennt natürlich als Autorenschaft den Namen des Oberbürgermeisters.

Dabei lässt sich eine „Liebeserklärung“ auch ganz anders gestalten. Wirklich liebevoll und empathisch, aber genauso mit ironischer, sogar kritischer Distanz. Indem die Sache in den Vordergrund gestellt wird und nicht hinter dem Selbstbespiegelungsdrang vermeintlicher oder auch selbsternannter „Wichtiger“ zurücktreten muss. Die Verantwortlichen auf der OB-Etage hätten sich nur ein wenig schlau machen müssen.

Um ein positives Beispiel dafür zu entdecken, wie sich eine Stadt so darstellen lässt, dass auch bei Menschen ein Interesse geweckt wird, die die betreffende Kommune nicht kennen (und selbst bei denen, die in ihr leben), hätten die Rathausoberen gar nicht so weit in die Ferne schweifen müssen. Schon im 30 Bahnkilometer entfernten Lüdenscheid wären sie fündig geworden.

„Was heißt da schon Provinz. 12 Fotografen sehen Lüdenscheid“ ist der Titel eines bereits 1984 erschienenen Bandes, der allerdings bis heute Maßstäbe setzt. Herausgegeben wurde er von der weltweit tätigen Firma ERCO anlässlich des 50jährigen Firmenjubiläums.

Was sofort angenehm auffällt: Das Unternehmen spielt in dem Buch fast keine Rolle, die spielt der Sitz der Firma, die Provinzstadt Lüdenscheid. Anstelle eines Vorworts im Kaisergeburtstagssänger-Stil erhält der Leser eine Übersicht über die „148 Möglichkeiten, Lüdenscheid falsch zu schreiben“. Das kann sich ein Herausgeber erlauben, der über Souveränität und intellektuelles Format verfügt. Andere, ob Unternehmer oder Oberbürgermeister, müssen sich darauf beschränken, als allererstes ihre Nase ins Bild zu schieben.

Konzipiert wurde das Werk von Otl Aicher, einem der wichtigsten Gestalter der Bundesrepublik, Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung Ulm und Entwickler des Erscheinungsbilds der Olympischen Spiele München 1972. Auch die Fotografen gehörten der ersten Riege an, darunter Frieder Blickle, Walter Sack und Micheal Wolf.

Die Lüdenscheider Nachrichten berichteten 1984:

Ein Werk von begeisternder Qualität und hinreißender Schönheit – in derart hohen Tönen muß man schon schwelgen, wenn man das neue Buch „Was heißt da schon Provinz – Zwölf fotografen sehen Lüdenscheid“ durchgeblättert hat. Der großformatige, 245 Seiten starke Band, von Fachleuten seit längerem mit Spannung erwartet, stellt alles in den Schatten, was an Dokumentarischem jemals über die Stadt Lüdenscheid erschienen ist.

Urheber und Auftraggeber ist die Firma ERCO, die aus Anlaß ihres 50jährigen Bestehens keine herkömmliche „Jubiläumsbroschüre“ herausbringt, sonders das Umfeld ihres zur Weltspitze zählenden Wirkens liebevoll und gründlich dargestellt sehen wollte.

Solche Qualität schafft es auch in die überregionale Presse, wie ein Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus dem selben Jahr belegt:

Von ERCO selbst ist kaum die Rede. Aber die Umwelt, im umfassensten Sinne dieses Wortes, die ist der Held des Werks. Vom Wald um Lüdenscheid bis zur Architektur, der geschundenen oder liebevoll gehegten. Vom Silvesterball der feinen Bürger bis zur Hochzeit der freundlichen Türken. Keines der nahezu tausend Fotos ist banal.

Nicht der Umfang bestimmt den Vorbildcharakter dieses Buches, es ist die intelligent und nicht platt daherkommende Konzeption. Es ist ein Ansatz, der den Anlass der Herausgabe selbst zurücknimmt und dafür die Realität des Objekts mittels der Betrachtung aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln in den Fokus hebt. So etwas hätte man sich ebenfalls für Hagen gewünscht, umsetzbar wäre es sicher auch auf den jetzt erschienenen 104 Seiten gewesen.

Statt Sebstbewußtsein der Provinz gegenüber den Metropolen repräsentieren die Produkte aus der OB-Etage nur kleingeistigen Mief. Den Entscheidern im Rathaus fehlt ganz einfach das Format. Wieder einmal.

Eine Antwort to “Was heißt da schon Provinz”

  1. OW. Scholz Says:

    Stimmt Alles, und nur die Nase im Bild behagte mir nie. Immer ging es nur um die Frisur.

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