„Verschonen Sie mich mit Ihrer Inkompetenz“

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Grußwort des Hagener Intendanten Norbert Hilchenbach beim Neujahrsempfang des Theaterfördervereins am 8. Januar

hilchenbachLieber Peter Born*,
sehr geehrter Herr Bürgermeister*,
verehrte Theaterfreunde,
liebe Kolleginnen und Kollegen

jetzt haben wir mit den musikalischen Beiträgen und den vorausgegangenen Reden bereits mehrere Höhepunkte des diesjährigen Neujahrsempfangs des Theaterfördervereins erlebt – und ich frage mich, womit ich jetzt noch Ihre Aufmerksamkeit erlangen soll. Ein Grußwort nahezu am Ende einer Veranstaltung mutet wie ein Schlusswort oder auch wie ein Abschied an.

Das Schlusswort aber steht selbstverständlich dem Vorsitzenden, also Ihnen Herr Born, zu, und an Abschied möchte ich – wenn überhaupt – erst in gut sechs Monaten denken – obwohl ich gerade im vergangenen Jahr immer wieder sowohl in wie auch außerhalb von Hagen gefragt worden bin, wie ich – wie wir alle hier im Theater – es angesichts der permanenten Diskussionen (nicht nur ums Geld) und der oft tendenziösen Informationspolitik denn noch länger aushalten könnten.

Ich habe dann manchmal geantwortet, dass ich mich das hin und wieder auch frage, aber auch immer hinzugefügt, dass ich meine Arbeit liebe, dass ich mich den Kolleginnen und Kollegen hier am Haus tief verbunden fühle und dass der Erfolg unserer kollektiven Arbeit sich natürlich auch immer wieder kraft- und nervenspendend auswirke.

Ja, unser Theater hat Erfolg: daran können auch die größten Anhänger des Postfaktischen nichts ändern. Erfolgreich sind wir künstlerisch – davon zeugt die weiterhin ungebrochen große Anerkennung der bundesweiten Fachwelt. Als erfolgreich können wir uns aber auch in der Gunst und im Zuspruch der Zuschauer betrachten: unser Theater gehört mit knapp 180000 Besuchern in der vergangenen Spielzeit weiterhin zu den sehr gut besuchten Bühnen des Bundeslandes und der Republik.

Die seit Jahren andauernde Diskussionen um die Finanzierung des Theaters, die das Publikum natürlich verunsichern können, ebenso wie die permanenten Sparauflagen, die unsere Besucher selbstverständlich auch an der Leistungsfähigkeit unseres Hauses zweifeln lassen müssen – sie führten (jedenfalls bisher) nicht zu von vielen befürchteten Zuschauereinbußen.

Gestern kam in der Lokalpresse ein eventueller Bewerbungskandidat für meine Nachfolge zu Wort, u.a. mit dem folgenden Satz: „In jedem Kulturbetrieb kann man sparen“. Dem pflichte ich voll und ganz bei – und da es an anderer Stelle gerne vergessen, verschwiegen oder gar verleugnet wird, soll es hier noch einmal explizit  genannt werden: das theaterhagen arbeitet extrem wirtschaftlich.

In den Jahren 2002 bis 2013 hat es ca. 2 Millionen Euro eingespart. Hinzukommen noch einmal 1,25 Millionen Euro, die wir laut Ratsbeschluss in den ersten drei Jahren der 2015 neu gegründeten GmbH einsparen sollen. Schon heute sind wir sicher, dass uns das bis zum Ende der laufenden Spielzeit gelingen wird, wir also bei einer Gesamteinsparsumme von ca. 3,25 Millionen Euro landen werden.

Doch damit nicht genug: wie es sich für eine seriöse Planung und Durchführung sämtlicher Aktivitäten innerhalb einer Theater-GmbH gehört, haben wir für notwendige Investitionen und unvorhergesehene Bedarfe auch Überschüsse bzw. Rücklagen in hoher sechsstelliger Höhe erwirtschaftet, die nun – zwar zweckentfremdet – als wesentlicher Grundstock für die bevorstehende weitere Einsparung von 1,5 Millionen Euro zur Verfügung stehen.

Das, was der eben erwähnte Intendanz-Bewerber als Gebot der Zukunft formuliert, nämlich – ich zitiere – „die Ärmel hochzukrempeln und wirtschaftlich kreativ zu arbeiten“ war und ist am theaterhagen schon immer Usus.

Wenn meine Kollegenschaft und ich dann – wie vor wenigen Tagen wieder einmal geschehen – in der hiesigen Presse lesen, dass sich das Theater nicht mehr längst überfälligen Sparmaßnahmen widersetzen könne, ja dann möchten wir den Urhebern und Verfassern solcher Fake-News den schönen Satz aus dem Film PRADA zurufen: „Verschonen Sie mich künftig mit den Einzelheiten Ihrer Inkompetenz“.

Mit nur einem Bruchteil dieser Inkompetenz wäre die immense Arbeit, die wir in den vergangenen Jahren geleistet haben und auch künftig zu leisten gewillt sein werden, nicht möglich gewesen. Denjenigen, die sich den enormen Forderungen und Belastungen in der Vergangenheit immer wieder gestellt haben und damit unserer Theater und unsere Stadt in einem guten Licht erscheinen ließen, danke ich an dieser Stelle sehr herzlich.

In diesen Dank beziehe ich ausdrücklich und aus vollem Herzen Peter Born, den Vorstand und alle Mitglieder des Theaterfördervereins mit ein. Die Verbundenheit, die Partnerschaft und die Unterstützung, die wir durch Sie erfahren, helfen uns allen sehr, Forderungen und Überforderungen, Belastungen und Überbelastungen zu überstehen. Sie sind aber auch ein schönes Zeichen dafür, dass Sie, lieber Peter Born, und alle Mitglieder des Theaterfördervereins das theaterhagen als das ihre betrachten und begleiten.

Sie alle haben mit dazu beigetragen, dass unser Theater auch im 106. Jahr seines Bestehens in Hagen und weit darüber hinaus – so manchen Anfeindungen zum Trotz – wieder für Furore gesorgt hat und seiner einzigartigen und exemplarischen Bedeutung für die Stadt und für die Region gerecht werden konnte.

Wie kann, wie soll, wie muss es weitergehen mit unserem Theater? – Und jetzt lassen wir die Frage der Finanzierung mal außen vor. Das theaterhagen ist – wie alle anderen Theater auch – Teil unserer Gesellschaft. Diese Gesellschaft macht zur Zeit einen gravierenden Werte- und Kulturwandel durch. Das Theater in Hagen war stets in Bewegung – schon immer hat es sich und andere bewegt. Das wird es auch in Zukunft tun müssen.

Angesichts bereits bestehender und schon heute absehbarer künftiger Probleme wird unser Geschäft mit Sicherheit nicht einfacher. Die Verteilungskämpfe, vor allem zwischen jung und alt, werden ebenso zunehmen wie die Veränderungen in der gesamten Arbeitswelt auch die Theater vor neue Aufgaben und Schwierigkeiten stellen werden.

In Europa und vornehmlich in unserem Land werden Menschen aus Krisengebieten weiterhin Zuflucht und Schutz suchen. Die mit dem Einen wie dem Anderen verbundenen politischen Herausforderungen werden größer und drängender. Die Gefahr wächst, dass wir die für ein friedliches und konstruktives Miteinander unverzichtbare Beherrschung von Maß und Mitte verlieren.

Diesen Verlust zu verhindern, ist auch Aufgabe der Kultur und damit des Theaters. Eine Aufgabe, der wir uns – wie schon so oft – mit aller Kraft stellen müssen, damit sich nicht diejenigen durchsetzen, die mit ihren Plumpheiten, Feindbildern, Lügen und einer alles Humane abwertenden Rhetorik unsere Gesellschaft zusehend verunsichern. Wir müssen unverzagt und unmissverständlich auch künftig und immer wieder deutlich machen, dass Humanität nicht ohne Kunst und Kunst nicht ohne Humanität denkbar und machbar sind.

In dieser Überzeugung haben wir das Theater immer als einen (Spiel-)Raum verstanden, der uns Orientierung, Halt und Haltung schenken kann. Theater nicht als weltabgewandter Schutzraum, sondern als Hort (also als Schatz und Zuflucht) von und für Emotionen und Sinnlichkeit, von und für Austausch und Aussprache, als Hort einer Gemeinsamkeit, die das Fremde und das Andere offenen Herzens mit einschließt.

Wenn es nach uns – und ich nehme einmal an, auch nach Ihnen, meine Damen und Herren – gehen soll, dann wird das auch so bleiben. Dann wird das theaterhagen  auch künftig mit Lust, Freude und Phantasie ebenso wie mit Können, Ausdauer und dem Willen zur Verstörung und Aufregung mitarbeiten an der inneren und äußeren Gestaltung unserer Stadt. Dieses Theater hat das Theater nicht neu erfunden. In ihm aber ist das Theater jung geblieben – und mit ihm viele Besucher, die ihr Theater nie aus Kopf und Herz verloren haben und ihren Sinnen damit Gutes taten und tun.

Das Theater und die Theaterleute – sie tragen Sinn und Unruhe stiftend seit mehr als hundert Jahren maßgeblich zur Identität Hagens und der gesamten Region bei. Das Theater eckt an – und umgarnt. Es stößt ab – und führt zusammen. Experimentell sollte es immer sein, Wagnis war und ist es – wie jede gute Theateraufführung – immer gewesen. Manchmal schmeckt es bitter, manchmal süß – nur fade sollte, darf und wird es nie sein.

Fade ist es mir in den vergangenen fast 10 Jahren mit dem Theaterförderverein, mit Ihnen, meine Damen und Herren, nie geworden. Sie sind mir ebenso wie meine Kolleginnen und Kollegen ans bekanntermaßen nicht ungebührlich gefühlige Herz gewachsen. Und wenn ich über sie alle sprechen sollte, dann könnte ich das mit den Worten von Professor Higgins tun, wenn er in MY FAIR LADY an Eliza denkt: „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht! Bin an ihr Singen so gewöhnt, das Tag und Nacht ertönt, ihr Gang, ihr Blick, ihr Leid, ihr Glück – das ist mir alles so vertraut, fast wie der Hut schon, den ich trag. Zuvor war ich ganz unabhängig, ja das weiß ich noch, sicher könnt‘ ich‘s, wenn ich wollte, wieder sein und doch…“

…soll das hier ja keine Abschiedsrede werden – und auch kein Schlusswort. Deshalb komme ich jetzt zum Schluss, danke Ihnen fürs Zuhören und wünsche Ihnen, uns und unserem Theater ein gutes Neues Jahr.

* Anm. DW: Dr. Peter Born ist Vorsitzender des Theaterfördervereins, der angesprochene Bürgermeister ist Horst Wisotzki (SPD)

3 Antworten to “„Verschonen Sie mich mit Ihrer Inkompetenz“”

  1. Wolfgang Poth Says:

    Lieber Herr Hilchenbach,

    Ihren Ausführungen möchte ich nur hinzufügen: Danke, danke, danke für Ihre Arbeit und die des gesamten Ensembles!

  2. Harald Helmut Wenk Says:

    Es ist der GELDFETISCHISMUS, durch die verbetriebswitschaftlichung als aktuelle vaiante, instutionell intefüttert, mit dem vernunft und intelellktuelle zu übertöpelt und versklavt wrden, wie alle andern auch.

    die auschaltung der vernunft und intellktuellen per christentum in regierungsparteien (namen, symbolisch) hier, spielt dabi eine hervrragende rolle.

    das andocken an diese dauerpartei der christen, einkassieren moraloberhoheit, der macht von grünen und spd, verust aller schwerfiguren im politkriegsgroßmestschach, zerstört die hoffnungen fast rettungsos.

  3. Umleitung: von der Elbphilharmonie über die Hate-Economy zur Beichte eines Abo-Nomaden | zoom Says:

    […] „Verschonen Sie mich mit Ihrer Inkompetenz“: Grußwort des Hagener Intendanten Norbert Hilchenbach beim Neujahrsempfang des Theaterfördervereins am 8. Januar … doppelwacholder […]

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