Mein Feind, der Baum

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BV Haspe will Fußgängerzone abholzen lassen

voerder-strLicht und Schatten auf der Voerder Straße in Haspe. Deutlich zu sehen: Nicht die Bäume verschatten den Straßenraum. Und überhaupt: Wen stört eigentlich Schatten im Sommer? Foto: DW

Seit mehr als drei Jahren versucht die Bezirksvertretung Haspe, den Baumbestand in der Fußgängerzone Voerder Straße zu beseitigen – bislang glücklicherweise ohne Erfolg. In den kommenden Wochen soll die leidige Angelegenheit wieder auf den Tisch.

Begonnen hatte der Feldzug gegen das städtische Grün im Jahre 2013. In der Sitzung der BV am 19. September schob Bezirkschef Dietmar Thieser das Thema erstmalig unter der Rubrik „Tagesordnungspunkte des Bezirksbürgermeister“ auf die Tagesordnung.

Begründung: „Um den Lichteinfall in der Hasper Fußgängerzone zu erhöhen und damit die Lichtverhältnisse insgesamt zu verbessern ist es leider unumgänglich einige Bäume in der Fußgängerzone zu fällen bzw. zu ersetzten. Auch die verbleibenden Bäume müssen erheblich gestutzt und die Krone verkleinert werden.“

Wie es um die „Lichtverhältnisse“ vor Ort in der Realität bestellt ist, lässt sich auf dem Foto oben sehr gut erkennen. Verschattet wird die Fläche von den Häusern auf der Westseite der Voerder Straße, nicht von den Bäumen.

Überhaupt: Was soll schlecht sein an beschatteten Flächen im Sommer? Bäume und Sträucher sorgen durch Schatten und Verdunstung dafür, dass sich Straßenräume und innerstädtische Plätze tagsüber nicht so stark aufheizen und nachts weniger Wärme an die Luft abgeben.

Aber so etwas interessiert die BV Haspe wenig und so beauftragt sie die Verwaltung einstimmig, die Kosten zu ermitteln und der Bezirksvertretung Haspe eine entsprechende visualisierte Gesamtplanung der Fußgängerzone bis zum 13.02.2014 vorzulegen.

Die präsentierte die Verwaltung auftragsgemäß in der BV-Sitzung im Februar 2014 in zwei Varianten. Die Herstellungskosten wurden mit 52.000 € für die Variante 1 bzw. 73.000 € für die Variante 2 ermittelt.

Und es gab einen wichtigen Hinweis: „Die Finanzierung der Maßnahme ist nicht gesichert.“ Dazu hätte es eine entsprechenden Kostenstelle im städtischen Haushalt geben müssen, beschlossen vom Rat der Stadt.

Diesen Punkt hatte Dietmar Thieser wohl nicht bedacht und so schlug er vor, den Tagesordnungspunkt um einen Monat zu verschieben. Auch das wurde einstimmig beschlossen. Das Protokoll vermerkt an dieser Stelle: „Ohne Diskussion“.

In der März-Sitzung der BV Haspe hat es das Thema „Baumfällung“ allerdings nicht auf die Tagesordnung geschafft, ebensowenig im Mai. Im Juni war man mit den Kommunalwahlen beschäftigt, u.a. mit der Wahl des Bezirksbürgermeisters. Erneut wurde Dietmar Thieser gewählt – natürlich einstimmig.

Auch die Juli-Sitzung verstrich und erst nach den Sommerferien fanden im September die Bäume der Voerder Straße wieder zurück auf die Tagesordnung. Erneut hatte die Verwaltung auf Veranlassung der BV ein umfangreiches Papier vorgelegt.

Kernsatz: „Die Planung zur Umgestaltung der Fußgängerzone in der Voerder Straße verfolgt das vorrangige Ziel, durch eine Reduzierung der Bäume die Belichtung des Straßenraumes deutlich zu verbessern.“ Zur Erinnerung: siehe Foto oben.

Vielleicht spielen im Hintergrund auch ganz andere Gründe für die mit Vehemenz betriebenen Abholzpläne eine Rolle: Es muss Platz geschaffen werden für eines der Lieblingsprojekte Dietmar Thiesers und seiner ihm treu ergebenen BV. Nämlich Platz für Esel.

So heißt es in der Verwaltungsvorlage: „Im Rahmen des Informationsgesprächs im Februar wurde seitens der Kommission zur Gestaltung der Fußgängerzone angeregt, den Esel als Objekt mit Bezug zur Ortsgeschichte z. B. als Skulptur einzuplanen und ergänzend zum Kirmesbauerbrunnen dafür einen angemessenen Platz zu finden.“

Und noch etwas ist auffällig. Von Anfang an spielt in dieser kruden Holzfällergeschichte eine ominöse „Kommission zur Gestaltung der Fußgängerzone“ mit; ein Gremium, das es gar nicht geben dürfte. Nach den Regeln der Gemeindeordnung sind Ausschüsse der Bezirksvertretungen nicht zulässig. Dabei dürfte es unerheblich sein, welchen Namen man dem Kind verpasst.

Die „Kommission“ hatte jedenfalls in der Zwischenzeit ihrer Phantasie freien Lauf gelassen, was den Kostenrahmen von ursprünglich 52.000 Euro mehr als verdreifachte. Die Verwaltung kommentierte trocken:

„Die Herstellungskosten für die Maßnahme zu Umgestaltung der Voerder Straße wurden mit 170.000 € ermittelt. Dabei sind die bilanziellen Auswirkungen nicht berücksichtigt. (…) Die Finanzierung der Maßnahme ist nicht gesichert, da im laufenden Haushalt 2014/2015 keine Mittel dafür eingeplant sind.“

Auch diese Kostensteigerung überraschte ungemein, und der Beschluss wurde – auf wessen Vorschlag wohl? Genau! – zurückgestellt. Wie in der BV üblich einstimmig und „ohne Diskussion“.

Ein Beschluss erfolgte dann am 4. Dezember 2014, allerdings abweichend vom Vorschlag der Verwaltung: „Der vorgestellten Planung wird in der vorliegenden Form nicht zugestimmt. Die Verwaltung wird gebeten ein überarbeitetes Konzept mit entsprechend differenzierter Kostenermittlung (…) vorzulegen. Dieses Konzept soll auch Vorschläge zur Realisierung und Finanzierung erhalten.“

Weitergehen sollte es am 19. März 2015, aber erst im Juni wurde die Sache auf die Tagesordnung genommen. Nach einer erneuten Vorstellung der Verwaltung hatten sich die Kosten auf 126.000 Euro vermindert. Stand nun: „Die Anzahl der Bäume wird reduziert und der Abstand der Bäume zueinander von 15 Metern auf 20 Meter erweitert.“

Wichtig: „Der Standort der Eselskulptur ist im Plan dargestellt.“ Aber: „Einzelheiten zur Gestaltung der Skulptur sind nicht Bestandteil der jetzigen Planung.“ Die wollten sich die „Experten“ der BV lieber selber vornehmen. Die grauenvollen Ergebnisse sind inzwischen zu besichtigen.

Auch hier: alles einstimmig. Motto frei nach Wilhelm II.: Ich kenne keine Parteien mehr, nur noch Esel.

Danach war erst einmal mehr als ein Jahr Ruhe im Bezirkskarton. Aber: Die Bäume standen ja immer noch. So mussten sich denn die munteren Holzhackerbuam etwas Neues einfallen lassen.

Und sie wurden fündig – so meinten sie jedenfalls. Sie entdeckten die alljährliche Winterfällaktion des städtischen Wirtschaftsbetriebs WBH. Der neue Vorschlag, diesmal formell eingebracht von der SPD-Fraktion, lautete: „Wir bitten die Verwaltung, die Bäume, die sich in der Hasper Fußgängerzone befinden, mit in die Liste der im Rahmen der Winterfällung zu fällenden Bäume aufzunehmen.“

Da half es auch nicht, dass der Vertreter der GRÜNEN in der Hasper BV darauf hinwies, dass die im Rahmen der Winterfällung zu beseitigenden Bäume aufgrund der Verkehrssicherungspflicht der Verwaltung gefällt werden. Das betrifft kranke und nicht mehr standsichere Gewächse, nicht aber Bäume, die nach Ansicht der Bezirksvertreter angeblich den Straßenraum verschatten sollen.

Aber auch dieser Hinweis verhallte im Hasper Nirwana. Folgender Beschluss erging: „Die Verwaltung wird gebeten zu prüfen und der Bezirksvertretung Haspe mitzuteilen wann die Bäume gefällt werden sollen und ob die Finanzierung gesichert ist. Die Prüfung soll zeitnah erfolgen damit die Fällung eventuell noch in dieser Winterperiode erfolgen kann.“

Im Abstimmungsergebnis wurde wie üblich Einstimmigkeit erzielt und – typisch Haspe – auch der einzige vermeintliche Bedenkenträger, der Grüne, war trotz seiner richtigerweise vorgetragenen Einwände mit dabei.

Da kann man sich nur noch an den Kopf fassen. Ein offensichtlicher Unfug, dazu noch ohne mehrfach vorgetragene Finanzierungschancen, wird fröhlich weiter vorangetrieben. Welchen Schluss darf der gemeine Hagener daraus ziehen?

Nachdem die Bezirksvertretung nun mehr als drei Jahre unerbittlich gegen die Bäume in der Voerder Straße gekämpft hat und – glücklicherweise! – bis heute ihr Ziel nicht erreicht hat, bleibt wirklich nur noch eine Frage übrig: Was – oder besser: Wer – ist hier eigentlich verschattet?

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