„Ein Buch zur rechten Zeit“

by

Historische Kommission für Westfalen des LWL vollendet Handbuch zur jüdischen Geschichte

ushjg_arnsberg_text_detmold.cdrHistorisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe.
Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg. Foto: LWL

Die Historische Kommission für Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat mit dem vierten Band das „Historische Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe“ fertig gestellt. Der abschließende Band behandelt die ehemaligen und heutigen jüdischen Gemeinden im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg.

Im Hagener Teil erfährt der Leser u.a., wie bereits im 18. Jahrhundert „fein“ zwischen „ordentlichen und außerordentlichen Schutzjuden“ unterschieden wurde. 1789 heißt es etwa über die Hagener Jüdin Prinz, Tochter des Jacob Abraham: „…hat einen fremden Juden geheyrathet und muß aus dem Lande geschafft werden“.

1801 klagte der Landrat des Kreises Wetter beim Hagener Magistrat über jüdische Händler aus Hagen, die in den Dörfern seines Bezirks verbotenerweise hausieren würden. Aber auch über jüdische Händler aus anderen Territorien wurde Klage geführt. So liefen Juden aus der benachbarten, bis 1808 souveränen Grafschaft Limburg „häufig in der Stadt und auf dem Lande umher“ und handelten „sehr zum Nachteil“ des örtlichen Glashandwerks mit Glaswaren. Der Magistrat reagierte unverzüglich mit polizeilichen Maßnahmen zur Vertreibung der Limburger Juden.

Alle „Integration“ und sogar Assimilation der jüdischen Hagener nützte am Ende bekanntlich wenig. 1905 zerkratzten angetrunkene Männer „der sogenannten besseren Stände“, wie das ‚Israelitische Familienblatt‘ schrieb, mehrere Schaufensterscheiben vorwiegend jüdische Geschäfte und ritzten das Wort ‚Jud‘ ein. Auch in den 1920er Jahren kam es zu antisemitischen Schmierereien und Verwüstungen, so etwa 1924 auf dem jüdischen Friedhof in Eilpe.

„Das ist ein Buch zur rechten Zeit. Denn es ist als ein Bekenntnis zu einer pluralistischen Gesellschaft“, sagte LWL-Direktor Matthias Löb bei der Buchvorstellung am Dienstag (15.11.) in Dortmund. „Das Werk fragt uns: Wie gehen wir mit Minderheiten und mit Andersartigkeit um? In Zeiten, in denen viele Flüchtlinge zu uns kommen und in der wir über die Inklusion von Menschen mit Behinderung nachdenken, ist das ganz aktuell.“

„Juden lebten über Jahrhunderte dort, wo sie geduldet wurden und wo ihnen eine wirtschaftliche Existenz zugestanden wurde. Wenn sie aus größeren Städten ausgeschlossen waren, dann lebten sie oft in benachbarten Dörfern“, fasst Herausgeber Prof. Frank Göttmann (Universität Paderborn) ein wichtiges Ergebnis zusammen.

Erst im 19. Jahrhundert wurden die Beschränkungen schrittweise aufgehoben, nun durften Juden überall wohnen und alle Berufe ergreifen. Viele kleine, ländliche Gemeinden lösten sich auf, die Juden zogen in die Großstädte.

„Solche Zusammenhänge sind im Handbuch sichtbar geworden, weil es sich nicht auf die Verfolgungen der NS-Zeit beschränkt“, so Göttmann. Zwar beschreibt das Buch auch diese Zeit eingehend, viel Raum nimmt aber auch die Darstellung der Gemeinden vom 16. bis 19. Jahrhundert sowie der Neuanfang nach 1945 ein.

Der Vergleich zeigt auch, wie weit die Integration und Assimilation der Juden in den einzelnen Orten 1933 vorangeschritten war. Trotz der zunehmenden antisemitischen Hetze rechter Parteien war die Integration in den meisten Städten gelungen. Christliche Pfarrer nahmen wie selbstverständlich an der Einweihung von Synagogen teil, jüdische Häuser waren zur Fronleichnamsprozession geschmückt, in einigen Dörfern konnten Juden sogar Schützenkönig werden.

All das brach nach 1933 in wenigen Jahren in sich zusammen und gipfelte in Verfolgungen von bis dahin unvorstellbarem Ausmaß. „Die Geschichte der Juden in Westfalen ist damit immer auch die Geschichte des Umgangs der Mehrheit mit der Minderheit“, betont Löb die gesellschaftliche Bedeutung des neuen Bandes. „Wie die Mehrheit sich zur Minderheit verhält, ob und wie sie diese integrieren kann, ist damals wie heute ein drängendes Problem.“

Wie leicht die sicher geglaubten Gewohnheiten im wechselseitigen Umgang nach 1933 in allen Orten Westfalens gekippt werden konnten, erschrecke bis heute. Dem Handbuch komme damit eine Aktualität zu, die zu Beginn des Projektes vor 15 Jahren nicht absehbar gewesen sei. „Wenn Teile unserer heutigen Gesellschaft die solidarischen Grundlagen des Zusammenlebens in Frage stellen, dann muss man an unsere ganz besonderen historischen Erfahrungen erinnern“, so Löb.

Besonders unappetitlich wird es, wenn – wie in Hagen – der Vorsteher einer Synogogen-Gemeinde auf dem Ticket der AfD in einen Ausschuss des Stadtrats einzieht. Eine wohl einmalige Schauergeschichte im Deutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts. Geladene Bürger dieser Stadt nehmen aus diesem Grunde inzwischen nicht mehr an Gedenkveranstaltungen zur Pogromnacht teil.

Ein führendes Mitglied einer der größeren Fraktionen im Stadtrat sagte dazu, es habe „an der anschließenden Veranstaltung gemeinsam mit der christlich-jüdischen Gesellschaft nicht teilgenommen. Die führenden Repräsentanten der Hagener Jüdischen Gemeinde, die dort regelmäßig zu Wort kommen, sind aktive Unterstützer der rechtsextremen AfD. Ich halte es für nicht hinnehmbar, dass sie einerseits mit Recht an die Massenmorde an den Juden erinnern und mahnen, aber andererseits für eine ausländerfeindliche Organisation tätig sind.“

Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe.
Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg

Hrsg. von Frank Göttmann
Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Neue Folge 12
Münster, Ardey-Verlag, 860 Seiten, Festeinband,
ISBN 978-3-87023-284-9, 79,00 Euro

Advertisements

Eine Antwort to “„Ein Buch zur rechten Zeit“”

  1. Umleitung: Polit-Theater Autobahn? SPD im Revier wählen? Maskulinismus an der Macht, Snowden, USB-Killer, soziale Schieflage bei der AfD und mehr … | zoom Says:

    […] „Ein Buch zur rechten Zeit“: Historische Kommission für Westfalen des LWL vollendet Handbuch zur jüdischen Geschichte … doppelwacholder […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: