Porzellan zerschlagen

by

Politik ist verantwortlich für Theater-Desaster

„Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“ ist der Titel eines Gassenhauers aus der Operette „Die Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán, die momentan am Theater Hagen gegeben wird. Ohne die designierte Intendantin Dominique Caron muss allerdings die Chose nach deren Rückzug doch irgendwie gehen.

Die einschlägigen Kreise laufen sich bereits warm, um die Schuldigen für diese Pleite auszumachen. Aller Erfahrung mit den hiesigen Verhältnissen nach werden es für die politischen Entscheider und ihre medialen Steigbügelhalter und/oder Vorgabengestalter die Kritiker und die Überbringer unangenehmer Botschaften sein.

Für OB Erik O. Schulz hat sich jedenfalls schon einmal „der Eindruck verfestigt, dass auch aus dem Theater heraus gegen die demokratisch getroffene Entscheidung zur Bestellung von Dominique Caron gearbeitet worden ist“. Damit sei seiner „festen Überzeugung nach auch dem Ansehen unseres Theaters ganz bewusst ein immenser Schaden zugefügt ­worden“.

Ja, dem Theater ist bewusst ein Schaden zugefügt worden. Verantwortlich dafür sind allerdings nicht das Theater selbst oder seine engagierten Mitarbeiter. Verantwortlich dafür ist die Mixtur aus Kürzungsideologen und schlichtweg Ahnungslosen aus dem politischen Raum. Und an deren Spitze steht der Oberbürgermeister, der sich nun aus dem Fenster lehnt, um die Verantwortung für die Caron-Pleite auf andere abzuwälzen.

Wer Kandidaten für die Intendanz der Hagener Bühne ablehnt, weil 400.000 Euro zum angestrebten Kürzungsziel nicht beigebracht werden können und stattdessen eine Bewerberin, die bereits in der Rundablage versenkt war, erneut präsentiert, muss sich fragen lassen, ob er noch auf dem richtigen Stuhl sitzt.

Die 400.000-Euro-Lücke wirkt umso lächerlicher vor dem Hintergrund, dass der Kämmerer dieser Tage mit der Botschaft hausieren geht, der kommunale Haushalt werde schon 2017 wieder einen Überschuss ausweisen. Für 2018 sollen es bereits 4,6 Millionen Euro sein – aber beim Theater müssen unbedingt 1,5 Millionen Euro weggekürzt werden.

Eine entscheidende Rolle in diesem Trauerspiel fällt dem Aufsichtsratsvorsitzenden Sven Söhnchen zu, der gleichzeitig Vorsitzender des Kultur- und Weiterbildungsausschusses ist. Söhnchen wird immerhin vorgehalten, die Mitglieder des Theater-Aufsichtsgremiums nicht vollständig informiert zu haben.

Die obligatorische Konsequenz wäre der Rücktritt von Söhnchen. Aber wann galten in Hagen je die üblichen Gepflogenheiten? Hier darf man bekanntlich auch Millionen ohne jede Folge für die Verantwortlichen verzocken.

Als nächsten Schritt müsste der Oberbürgermeister den Canossa-Gang zum amtierenden Intendanten Hilchenbach antreten mit der Bitte, das Theater noch ein Jahr weiterzuleiten. Dann wäre eine Chance gegeben, mit einer neuen Ausschreibung und einem sauberen, transparenten Verfahren eine qualifizierte Persönlichkeit für die Intendanz zu gewinnen.

Wohlgemerkt: eine Chance – keine Garantie. Dafür hat der Hagener Politikbetrieb schon zu viel Porzellan zerschlagen.

Advertisements

Eine Antwort to “Porzellan zerschlagen”

  1. hansimäuschen Says:

    Was hat ein Schulz ( lassen wir das durchsichtige “ Konstrukt “ Erik O. ausnahmsweise mal weg ) für ein Demokratieverständnis, wenn er demokratisch getroffene Entscheidungen ( wie ist / wäre (Rat) diese wohl zustande gekommen ? ) in Gegensatz zu Kritik bringt ?
    Wäre es nicht vielmehr besser gewesen, Belegschaft und Betriebsrat, wo man ja weiß, wer letztlich entscheidet – abgesehen von funktional agierenden und evtl. abhängigen/hörigen AR – Mitgliedern auch aus diesem Bereich – VORHER angemessen einzubeziehen oder wäre ein Zacken aus der kaum wahrnehmbaren Krone gebrochen ?
    Vielleicht kann auch mal Jemand darlegen, wie sich die durch die Kommission erarbeiteten Einsparungen incl. der Folgen nach bisherigem Stand tatsächlich zusammensetzen ?
    Auch Transparenz, sagt man gelegentlich, gehört zur Demokratie, sogar vor Entscheidungen …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: