Die Satten verlassen das sinkende Schiff

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Gleich mehrere Millionen-Villen stehen in Hagen zum Verkauf an

„Luxuriöse Lebensoase mit zwei exklusiven Wohnhäusern und 7.200 qm Gartenlandschaft in Ruhelage!“ So wird aktuell ein Immobilienobjekt in Hohenlimburg-Henkhausen offeriert. Der erwartete Preis: 2,5 Millionen Euro.

Dafür wird dem potentiellen Käufer einiges versprochen:

Faszination für die Sinne! Das repräsentative Anwesen bietet Ihnen ein exklusives Lebensambiente mit zwei eigenständigen Wohnwelten und einer phänomenalen Gartenlandschaft. Auf dem 7.264 qm großen Traumgrundstück in sonniger Ruhelage „thronen“ ein modernes Architektenhaus und ein luxuriös gestaltetes Fachwerkhaus. Die beiden edlen Gebäudekomplexe sind mit einem schön angelegten Hofbereich harmonisch miteinander verbunden. Es stehen Ihnen mit beiden Häusern insgesamt ca. 690 qm Wohnfläche zum Wohlfühlen und Genießen zur Verfügung. Die eigene Parkanlage mit inspirierender Wasserlandschaft vollendet die luxuriöse Gesamtanmutung.

Und so geht die Maklerprosa weiter. Wer auf architektonische Qualität Wert legt, dürfte sich nach Betrachtung der zugehörigen Abbildungen bereits bedankend abwenden.

Von anderem Kaliber ist da schon eine Villa an der Stadtgartenallee in Wehringhausen. Als Kaufpreis sind für 392 qm Wohnfläche und 1.100 qm Grundstück 1.575.000 Euro angesetzt. Architekt des 1955 errichteten Gebäudes war immerhin Mies van der Rohe.

Die herausragende Immobilie in einer Toplage von Hagen besticht durch eine funktionale formenreduzierte Architektur, hochwertige Materialien und ein gut durchdachtes Wohnraumkonzept.

Auch eine Bulthaupt-Küche, Einbausysteme von Interlübke und ein „reaktivierbarer Personenaufzug“ sind im Angebot inbegriffen.

Und im Wehringhauser Betuchtenreservat sind noch zwei weitere Objekte im Angebot: Eine echte und eine angebliche Villa von Henry van de Velde.

Die echte ist das in den Jahren 1909/11 errichtete Wohnhaus der Fabrikantenfamilie Rudolf Springmann in der heutigen Christian-Rohlfs-Straße (damals: Koloniestraße). 560 qm Wohnfläche auf 1.725 qm Grund, zu erwerben für 1,2 Millionen Euro. Das Gebäude wurde in den Jahren 2009/10 denkmalgerecht saniert.

Die falsche van-de-Velde-Villa ist etwas weiter bergauf zu finden. Die wird als „Immobilie mit Geschichte“ beworben und für 1,5 Millionen Euro angeboten:

Diese von uns angebotene Immobilie wird Menschen, welche sich für eine außergewöhnliche und geschichtsträchtige Architektur begeistern können, interessieren. 1903 von dem Architekten Henry van de Velde gebaut, schaut das Haus auf eine wechselvolle Geschichte zurück. In den 1940 Jahren – aufgrund der disponierten Lage – von der Wehrmacht annektiert und später teilweise zerstört. Dann nach den Originalplänen im Jahr 1953 Wiederaufbau, und von den jetzigen Besitzern 2005 unter der Berücksichtigung der besonderen Stilelemente des Jugendstils behutsam kernsaniert.

Geschichten aus dem Märchenwald. Schon das Baujahr ist falsch: Begonnen wurde der Bau in den Jahren 1914/15, aber aufgrund des Ersten Weltkriegs nicht völlig fertiggestellt. Nach starken Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg wurde die Villa abgerissen und auf den Grundmauern wieder aufgebaut. Aber nicht, wie behauptet, nach den Originalplänen, sondern im Zeitgeist der 1950er Jahre. „Stilelemente des Jugendstils“ sucht man dort heute vergebens.

Die Realitäten geben die beiden nachfolgenden Dokumente wieder. Zunächst eine zeitgenössische Fotographie der für Theodor Springmann (übrigens ein Vetter von Karl Ernst Osthaus) von van de Velde gebauten Villa und danach ein filmischer Rundgang durch das aktuell zum Verkauf angebotene Millionen-Objekt.

Man beachte die überall im Haus platzierten Plüschtiere, die auf passende Art und Weise mit der sonstigen überwiegend aus Staubfängern bestehenden Einrichtung korrespondieren. Geld ist eben nicht unbedingt mit Kultur gleichzusetzten.

th-springmannVan-de-Velde-Villa von 1914 …

… und die Fälschung von heute, die mit dem Original ersichtlich nichts mehr zu tun hat.

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