Ein Traum, zwei Frauen und eine Saftpresse

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Von Christoph Rösner

Gestern, liebe Freundinnen und Freunde, hatte ich einen wunderschönen Traum. Ich kauerte ganz dicht neben der verschlossenen Tür des Oberbürgermeisterbüros, hinter der bekanntenmaßen alle zentralen Stellschrauben für eine gute Zukunft unserer Stadt gedreht werden.

Dass ich einem vertraulichen Vieraugengespräch lauschte, wurde mir schnell bewusst. Da war sie, die Respekt und Glaubwürdigkeit einflößende Stimme unserer geschätzten Oberbürgermeisterin Erika Müller-Meier-Schmidt, und zum anderen die unaufgeregte, zwischen Demut und Souveränität changierende Stimme der stellvertretenden Chefredakteurin unserer Lokalzeitung, Martina Schwarzke.

Mein Gedächtnisprotokoll soll hier die Konversation der beiden wiedergeben, damit Ihr selbst Euch ein Bild machen könnt, was diese zwei verantwortungsvollen Frauen im Sinne unserer Bevölkerung und einer funktionierenden demokratischen Ordnung umtreibt.

Erika M.- M.- S.: „Verehrte Frau Schwarzke, Sie wissen, wie sehr mir das Wohl unserer Stadt am Herzen liegt. Daher, und nur aus diesem Grund, möchte ich Sie bitten, als stellvertretende Redaktionsleiterin den Zukunftsprozess, den wir eingeleitet haben und der, wie mir scheint, bei der Bevölkerung breite Zustimmung erfährt, auch weiterhin positiv und selbstverständlich kritisch zu begleiten. Die meisten meiner Vorgänger waren blasierte, eitle Narren, für die Kritik Teufelswerk war …“

„Ja, meine auch“, warf Martina Schwarzke kurz ein.

„Und ich werde alles daran setzen“, fuhr Erika Müller-Meier-Schmidt fort, „meinen Weg so weit entfernt wie möglich von ihren ausgetretenen Pfaden fortzusetzen. Ich fühle mich einzig dem Wählerauftrag verpflichtet. Und ich werde immer die Frau bleiben, als die ich dieses Amt angetreten habe, und daher ist es unerlässlich für mich, persönliche Eitelkeiten hintanzustellen.

Kritik ist das Lebenselixier einer erfolgreichen Amtsführung. Mir geht es um Transparenz, um ein offenes Miteinander und die radikale Verbannung politischer Entscheidungen aus den Hinterzimmern. Dafür werde ich mich immer einsetzen. Daher wünsche ich, dass mir immer alles vorliegt, um richtige Entscheidungen für eine gute Zukunft unserer Stadt treffen zu können.

Martina Schwarzke: „Nichts anderes hätte ich von Ihnen erwartet, Frau Müller-Meier-Schmidt. Und ich, beziehungsweise wir in der Redaktion sind da ganz bei Ihnen. Es gibt da nur ein Problem: Auch uns in der Redaktion liegt immer alles vor, weil der Rat nicht dicht ist. Als Journalistin freue ich mich natürlich über jede Quelle, die mir Zusatzinformationen verschafft, aber im Hinblick auf demokratische Gepflogenheiten finde ich diese Form des Durchstechens und unreflektierten Weiterplapperns von höchster Stelle doch bedenklich.

Erika M.-M.-S.: „Ja, diese unsägliche Praxis ist mir bekannt, und ich weiß auch, dass ich – leider – ein Gutteil meiner Arbeit in die Entfilzung unseres Politikbetriebes zu investieren gezwungen bin, soll unsere Arbeit von Erfolg gekrönt sein. Ich will alles daran setzen, diese Lecks zu schließen. Wir wollen doch alle nicht in diese vergifteten Zeiten zurückfallen, da auch von ihren Vorgängern, verehrte Frau Schwarzke, mit Halbwissen, bewussten Fehlinformationen oder anderer wenig glaubwürdiger journalistischer Einmischung versucht wurde, die Politik massiv zu beeinflussen, böse Stimmung zu verbreiten und Bürger, die für den Erhalt unserer Kultur kämpften, aufs Widerlichste zu verunglimpfen. Ich denke, diese Zeiten haben wir hinter uns gelassen.

Martina Schwarzke: „Ja, das waren tatsächlich widerliche Zeiten. Wir haben lange und intensiv daran arbeiten müssen, unsere eigene journalistische Ehre wiederherzustellen und das Vertrauen unserer Leserschaft zurückzugewinnen. So viel zerschlagenes Porzellan lässt sich nicht mit weinigen Federstrichen wegräumen.

Erika M.-M.-S.: „Aber Sie haben sich dieser Aufgabe gestellt und waren erfolgreich. Heute beginnt unsere Stadt zaghaft zu blühen, unser Theater, unsere Kultur und auch Ihre Zeitung stellt niemand mehr in Frage, weil wir die Prioritäten neu geordnet haben.

Wir machen die Politik, Sie berichten darüber und kritisieren uns dafür. So funktioniert eine demokratisch verfasste Gesellschaft. Das rücksichtslose Durchforsten unserer Stadttöchter hat uns genügend finanzielle Freiräume beschert, dass mir heute die damalige Spardiskussion um das Theater geradezu lächerlich erscheint.

Martina Schwarzke: „Nur Freunde werden Sie mit dieser Aktion nicht gefunden haben …

Erika M.-M.-S.: „Ganz sicher nicht.“

In diesem Moment hörte ich sie herzlich lachen.

„Glauben Sie, ich wäre Oberbürgermeisterin geworden, um mir Freunde zu machen?“

Und ihr aufrichtiges, offenes Lachen drang durch alle Ritzen, alle Türen und verbreitete sich auf den Rathausfluren.

„Nein, liebe Frau Schwarzke, bevor ich dieses Amt antrat, hatte ich fünf Freunde, auf die ich stolz sein und auf die ich mich blind verlassen konnte. Diese Fünf gibt es immer noch, und keinen von ihnen habe ich – nach ihrer Aussage – bis heute enttäuscht. Hätte ich geglaubt, in diesem verfilzten Politikbetrieb Freunde finden oder so genannte Freunde behalten zu können, würde mich die Enttäuschung meine gesamte Amtszeit begleiten. Denn sie würde mich lähmen, und ich würde vermutlich alles unternehmen, sie in etwas für mich Positives zu verwandeln, indem ich mich auf jedem duseligen Stadtfest etwa in die Menge werfe und mich mit oder von Hinz und Kunz ablichten lasse. Nein, nein, meine Liebe, sollte es jemals soweit kommen, werde ich dieses Büro jemand anderem zur Verfügung stellen.

Kritik ist wichtig. Es gilt nur, sich solche Kritiker vom Hals zu schaffen, die sich selbst bei einer Saftpresse als Journalisten bewerben würden.“

Und wieder lachte sie ihr herzlich warmes Lachen.

„Ich denke, Sie wissen, wovon ich spreche, liebe Frau Schwarzke. Und nun muss ich unser anregendes Gespräch beenden. Wir sehen uns später bei Figaros Hochzeit …?“

Wie gesagt, liebe Freundinnen und Freunde, ich habe ein Traumgespräch protokolliert. Das Aufwachen war hart. Und es war widerlich. Da las ich von präzisierten Entscheidungskorridoren, von keineswegs schmeichelhafter Lobbyarbeit für den Kulturstandort Hagen, von kontraproduktiven Blockaden des Konsolidierungsprozesses und so weiter. Und mir wurde schlagartig bewusst, in welcher hilflosen, von verfilzten Männerfreundschaften, gruseligen Politallianzen und Saftpressejournalisten in die Bedeutungslosigkeit getriebenen Stadt so viele von uns (über-)leben müssen.

 

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