Unser Dorf soll schöner werden

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Mit weniger Grundrechten und mehr Wohnblöcken

von Christoph Rösner

Auch der Dilettant hat zuweilen Einfälle,
die selbst den Anspruchsvollen zu verblüffen imstande sind.

Arthur Schnitzlers wunderbar satirisches Zitat fällt mir ein, wenn ich lese und höre, welche Blendgranaten derzeit in die Hagener Öffentlichkeit geschossen werden.

 „Wir müssen verdichteter bauen. Dazu braucht es mehr Wohnblöcke“, ist auch ein Zitat, doch stammt es nicht von einem in dieser Stadt noch unbekannten Satiriker, sondern vom Technischen Beigeordneten der Stadt, Thomas Grothe. Wir erinnern uns: das war jener Baudezernent, der in 2007 die Johanniskirche samt Vorplatz, einen der wenigen Eyecatcher mit historischer Bausubstanz in der Innenstadt, mit einer viergeschossigen, L-förmigen Bebauung verrammeln wollte.

Auf dem zweiten Baukongress der Firma Hofnagel und Bade hat er seine Ideen ungefiltert rausgehauen. Ob Grothe in dauerhafter Umnachtung inzwischen glaubt, Hagen nehme am Wettbewerb Unser Dorf soll schöner werden teil?

Wir wissen es nicht und hoffen inständig weiter, dass der Ideenhaubitze Grothe irgendwann doch noch die Munition ausgeht.

Und noch ein schönes Zitat, diesmal vom Großdichter Goethe, soll uns hier begleiten:

Die Dilettanten, wenn sie das möglichste getan haben, pflegen zu ihrer Entschuldigung zu sagen, die Arbeit sei noch nicht fertig. Freilich kann sie nie fertig werden, weil sie nie recht angefangen ward.

Womit wir bei Erik O. Schulz angelangt wären. Der sieht sich wohl zunehmend in die Enge getrieben von Kritikern seiner Amtsführung, von aufmüpfigen Generalmusikdirektoren, einer frechen Deutschen Orchestervereinigung (DOV) und einem ihm zu verleihenden Preis. Über den Musik-Gordi und seinen Nominierten habe ich mich in meiner letzten Glosse „Abstimmen!“ eingehend ausgelassen.

Aber der Reihe nach: der Geschäftsführer der DOV, Gerald Mertens, hat sich am 16. März in eindrucksvoller Weise über die Zustände in Hagen geäußert, die nur Unwissenden zu denken geben dürften.

„Als Bundesverband haben wir den Überblick über die Lage aller öffentlich geförderten Theater und Orchester in Deutschland“, schreibt er, „aber nirgendwo ist die Lage im Moment so verfahren wie in Hagen.“ Und weiter: „Viele Kommunen in Deutschland, die für ein Stadttheater verantwortlich sind, haben Haushaltsprobleme; nur wenige gehen damit derart unsensibel um“, um mit unverhohlenem Frust zu enden:

„Die Kommunikationskultur in Hagen scheint nicht nur zwischen Stadtspitze und Theater GmbH gestört zu sein. Auch die Dialogangebote der DOV, des Deutschen Bühnenvereins und anderer Verbände hat Oberbürgermeister Erik O. Schulz bislang unbeantwortet gelassen.“ […]

Na, wenigstens formuliert er noch eine Hoffnung auf zukünftige Dialogbereitschaft, der gute Herr Mertens. Mir droht sie inzwischen vollständig abhandenzukommen, seit öffentlich geworden ist, dass der Verwaltungschef mit dem unerschütterlichen Glauben an die eigene Unantastbarkeit GMD Florian Ludwig am Montag zu einem Vieraugengespräch zu sich ins Büro zitieren ließ, um mit ihm über unbotmäßige Facebook-Posts  – die er nur für Freunde zugänglich gemacht hatte! – in Sachen Musik-Gordi zu sprechen.

Wie konnte er auch nur aufrufen, für Schulz zu stimmen!

Man scheint sich in Hagen inzwischen kontinuierlich vom Artikel 5 des Deutschen Grundgesetzes zu verabschieden, um sich dafür vorzugsweise die offizielle türkische Auslegung des Menschenrechts Meinungsfreiheit zu eigen zu machen, unterstützt von den Lohnschreibern einer in die Bedeutungslosigkeit entschwundenen Restzeitung.

Macht alle nur weiter so, und entblößt Euch bis zur Kenntlichkeit!

Ob uns dieses Trauerspiel passt oder nicht: In der Stadt der Dilettanten sprudeln viele Quellen.

Wäre es Dilettantismus allein, könnte man Milde walten lassen. Und schon wieder eröffnet sich der Raum für ein punktgenaues Zitat, diesmal von Henrik Ibsen aus seinem dramatischen Gedicht Brand:

Dass du nicht kannst, sei dir vergeben, doch nimmermehr, dass du nicht willst.

Nichtwollen, gepaart mit Unfähigkeit, Trotz und Beratungsresistenz ist aber tatsächlich ein derart übles Gesöff, dass wir befürchten müssen, dass der Vollrausch samt Blackout sich hier zum Dauerzustand auswachsen wird. Und da hilft es auch nichts, dass eine andere Blendgranate – die Umwandlung der Max-Reger-Musikschule in eine reine Jugendmusikschule – als Rohrkrepierer in der Volme gelandet ist.

So Ihr noch klar denken könnt, nehmt Euch ein Beispiel an der alten Tante SPD – wahlweise auch der Hagener – Krippner und Konsorten lassen grüßen – ihr Schicksal sollte Euch zeigen, was passiert, wenn man die Belange der Bürger und Bedürftigen mit Füßen tritt.

Wer wohlwollende Gesprächsangebote in den Wind schlägt, wer gegen die Interessen der Bürgerschaft Politik macht, wer von Wohnblöcken faselt statt von Wohnumfeldverbesserung, wer leitende, die eigene Meinung äußernde Künstler zur Maßregelung herbeizitiert, und wer zudem noch so tut, als gehe ihn das alles nichts an, der wird über kurz oder lang als Fußnote den Orkus der Geschichte bevölkern.

Ich fürchte nur, das wird bis zur Kommunalwahl 2020 dauern. Viel zu viel Zeit, um noch mehr Schwachsinn zu fabrizieren, was aber auch wiederum nicht schlimm ist, weil mir sonst der Stoff ausgehen würde, und das ist das Letzte, was ich mir wünsche, und so verabschiede ich mich für heute mit einem Könner:

Ein Dilettant hat es geschrieben,
Und Dilettanten spielen’s auch.
Verzeiht, ihr Herrn, wenn ich verschwinde;
Mich dilettiert’s, den Vorhang aufzuziehn.

Goethe. Punkt.

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